Was macht man eigentlich, wenn man zwei ACT gefahren hat? Logisch: Man fährt Nummer drei!
Auch wenn Detlef beim ACT Italien leider früh ausgefallen ist, haben wir uns schnell mit dem ACT Kroatien befasst. Der soll schwieriger sein als die ACT Pyrenäen und Italien, aber ok.
Da ich niemandem raten würde, sowas mit der schweren GS zu fahren, packe ich meine sieben Sachen und überführe notgedrungen meine Tenere 700 von Spanien nach Deutschland. Der Plan lautet, mich dort mit Detlef zu treffen und – zum ersten Mal in meiner Motorradkarriere – die Motorräder auf einem Anhänger bis hinter die Alpen zu fahren.
Es klappt eigentlich wie immer: Detlef sagt kurz vor dem Start berufsbedingt ab. Für mich ist das kein Problem. Ich habe mich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, alleine zu fahren, nach dem Motto: Besser alleine, als gar nicht.
Ein paar Gedanken und einige Änderungen stehen diesmal auf dem Plan: Ich will frische Mitas Enduro Trail plus aufziehen lassen. Leider sind die im September 2026 nicht lieferbar und so entscheide ich mich für meine bewährten Conti TKC70. Der ist weniger für Offroad geeignet als der Mitas. Da ich nun aber doch alleine fahre und auf eigener Achse Richtung Süden starte, wird die Tour einen grossen Strassenanteil besitzen.
Die Reifenwahl ist immer ein wichtiges Thema. Wie sehr es diesmal ein Thema ist, erfahre ich erst später.
Tag eins fällt wiederum der Anreise über die deutsche Autobahn zum Opfer. Es geht über Frankfurt, Ulm und Füssen nach Österreich. Hinter dem Fernpass finde ich zum Ferienende in Bayern das einzige bezahlbare Hotel in der Nähe des Ortes Obsteig, neben der B189.
Wettertechnisch habe ich noch Glück, denn die Sonne strahlt vom Himmel und es soll auch in den kommenden Tagen nicht regnen. Dafür erwische ich Ende September zwar klare, aber kalte Tage.
Bei der Abfahrt vom Tiroler Hotel geht es auf die erste Schotterpiste. Die ist – ich gebe es zu – aber von der Sorte, die näher an einer geteerten Strasse ist, als an einem Offroad-Teil des ACT Kroatien.
Nachdem Tag eins auf der A3 und A7 unspannend ist, fahre ich Tag zwei wieder auf der alten Brennerstrasse, die an der mautpflichtigen Autobahn entlang führt und für uns Motorradfahrer so viel besser geeignet ist, als die Lkw-Karawane auf den Betonstelzen darüber.
Wenn es gut läuft, möchte ich heute noch Slowenien durchqueren und in der Nähe von Pula übernachten. Das wäre fein, denn dann kann ich morgen früh direkt in den ACT einsteigen.
Das klappt auch ganz gut, obwohl meine Route über den Brenner, Bruneck in Südtirol und Triest ganz schön aufhält. In Bayern sind die Ferien zu Ende und eine ganze Karawane von Harley-Davidson kommt mir aus Richtung Faaker See entgegen.
Ich erreiche am späten Nachmittag den Ort Bale, nördlich von Pula. Da wird nun die „Villa Lav“ mein zuhause. Es gibt eine Bar, ein Restaurant und einen Pool und ist damit fast schon dekadent luxuriös für den morgigen Start in den Dreck.
Beim Abendessen auf der schönen Terrasse stelle ich fest, dass ich morgen mehr als 30 Kilometer an den südlichsten Punkt Istriens fahren muss, um den „offiziellen“ Startpunkt des ACT zu erreichen. Von dort führt der ACT Kroatien aber wieder zurück, in Richtung Norden, durch Pula, nach Bale. Ich überlege nur kurz und entscheide mich dazu, den ACT hier vor meinem Hotel zu starten und auf das Foto am „Kap Kamenjak“ zu verzichten. Die paar Meter – und vor allem die verkehrsreiche Ortsdurchfahrt von Pula – darf ich mir sicher sparen…
Am Morgen halte ich in Bale noch kurz am Supermarkt für das Aufstocken des Wasservorrats. Direkt nebenan kann ich zudem ein paar frische Euroscheine aus dem Automaten fischen. Dann geht es am Ortsrand direkt auf die Schotterpiste.
Der erste Teil des ACT in Kroatien ist es recht flach und die Kilometer lassen sich gut abfahren. Tag 1 und 2 des ACT Kroatien gelten als einfach. Ich bin ganz froh, denn so kann ich mich langsam wieder gewöhnen. Mein letzter ACT war der in Italien und der liegt ziemlich genau ein Jahr zurück.
Irgendwo in Küstennähe führt der Track an ein Holzgebäude und ich stehe vor zwei geschlossenen Schranken. Erstens bin ich erstaunt, weil man hier offensichtlich gar nicht lang darf. Zweitens, weil mir der Ort bekannt vorkommt. Ich stelle die Tenere ab und gehe in das Gebäude. Es ist die Rezeption des Campingplatzes „Mon Perin“ und in der Tat: Ich war hier vor fünf Jahren, als wir einen Pössl Kastenwagen als Campingfahrzeug gemietet haben. Nach einer Odysse vorbei an komplett ausgebuchten Plätzen, sind wir damals leicht gefrustet hier gestrandet.
Vorsichtig erkläre ich, dass ich den ACT Kroatien fahre und mein Navi sagt, ich solle über ihren Campingplatz fahren. Die Dame an der Anmeldung ist allerdings gut informiert und sagt, das wäre kein Problem. Ich soll nur an die Schranke fahren, sie öffnet diese und dann geht es auch schon nach knapp 200 Metern wieder rechts ab ins Gebüsch.
Das klappt also gut mit dem Track. Der Abzweig in die Botanik ist wiederum durch eine Schranke versperrt, die für Motorräder jedoch kein Hindernis darstellt. Du fährst einfach rechts über den Schotterhügel daran vorbei.
Es geht über etwas holprige Pisten vorbei an einer Müllhalde und lustigen Fahrzeugrelikten.
Dann erreiche ich den Limski-Kanal oder manchmal auch „Limski-Fjord“ genannt. Den kenne ich schon und mache nur ein paar Fotos, weil man das auf einem ACT aus „Beweisgründen“ eben so macht.
Zur Erklärung: Wenn du den jeweiligen offiziellen ACT-Finisher-Sticker haben willst, musst du deine Tour gegenüber dem ACT nachweisen. Dazu brauchst du immer mindestens ein Foto pro Tag, bevorzugt an Stellen, die man für diesen Tag auch wiedererkennt. Ich reiche immer zwei Fotos pro Tag ein und achte auf irgendwas markantes im Hintergrund.
Ob es heute das Foto vom Limski-Kanal wird, weiss ich jetzt noch nicht, aber ich brauche ja auch Fotos für den Reisebericht 🙂
Dazu muss ich noch eine Anmerkung loswerden. Ich bin – wie gesagt – alleine unterwegs und der ACT Kroatien gilt als schwieriger als der ACT Pyrenäen und auch schwieriger als der ACT Italien. Wenn ich mich hier irgendwo ablege, wäre es gut, wenn irgendwann am Tag Hilfe zu erwarten ist. Rein logistisch bedeutet das, ich sollte möglichst früh sein und eventuelle weitere Fahrer sollten hinter mir fahren und nicht vor mir. Ich denke, das ist taktisch nachvollziehbar?
Dass ich heute früh gestartet bin und ein paar Kilometer vor Kap Kamenjak gespart habe, unterstützt die vorgenannten Strategie hoffentlich.
Nach dem Abstecher am Limski geht es auch sofort wieder auf die Piste und ein langes Stück durch den Wald. Bis hierher ist alles aber gut zu fahren.
Es geht die Berge rauf und runter und seit ich mir die Route gestern genauer angesehen habe, weiss ich, dass ich den schönen Ort Motovun irgendwann passieren werde.
In Motovun war ich auf vorherigen Reisen aber schon so oft, dass ich diesmal nur vorbeifahre, kurz tanke und auf Sightseeing verzichte.
Hinter Motovun geht es durch Livade. Mir war nicht bekannt, dass dieser Ort das „Welt-Trüffel-Zentrum“ ist.
Mittlerweile herrscht Traumwetter, nachdem es am Morgen noch bewölkt war.
Es geht hier und da immer wieder mal auf Asphalt, dann zurück auf Schotter. Alles kein Problem und bis dato auch für Offroad-Anfänger gut geeignet.
Mein heutiges Aha-Erlebnis findet irgendwo im Nirgendwo statt. An einem kleinen Bauernhaus zweigt der Weg ab und führt vorbei an Weidewiesen auf einen wirklich kleinen Feldweg.
Was zuerst noch ganz lustig erscheint, wird aber durch immer dichteres Gebüsch versperrt. Es ist manchmal so dicht, dass ich mich an Tag 1 des ACT Italien erinnere, als wir unbeabsichtigt auf die falsche Route geführt wurden. Auf dem nächsten Bild muss ich halten, weil der Weg eigentlich geradeaus führt, der Track aber links ins Gebüsch zeigt.
Ergebnis: Links ins Gebüsch ist korrekt. Da ist auch ein Weg, du kannst ihn nur nicht (mehr) sehen…
Egal. Wenn man den Teil hinter sich hat und die Dornen des Buschwerks den Anzug nicht komplett ruiniert haben, ist es ganz witzig.
Der Track an Tag 1 führt weit in Richtung Norden, zurück bis an die slowenische Grenze und gemäss Routing auch ein Mal darüber. Da sowohl Kroatien, als auch Slowenien bekanntlich zur EU gehören, bin ich über das Schengen-Abkommen ganz froh.
Am frühen Nachmittag halte ich an einem Denkmal aus dem zweiten Weltkrieg. Ansonsten ist dieser Fahrtag bisher wirklich sehr gut für den Einstieg geeignet. Es gibt bis dahin keine wirklich bösen Überraschungen und läuft auch als Solo-Fahrer sehr gut.
Ich weiss aber auch, dass der Tag heute in Opatija endet. Die Webseite des ACT sagt, der Endpunkt des Tages ist in Rijeka, aber das ist nicht ganz korrekt. Er endet eher in Opatija.
Als ich auf dem Navi sehe, dass es nun kontinuierlich in Richtung Süden geht, merke ich, dass ich den grössten Teil der Etappe durch Istrien heute hinter mir habe. Noch bin ich guter Dinge, obwohl ich nun auf meinem dritten ACT weiss, dass es zum Ende gerne eine Überraschung gibt.
Dazu geht es nun in den Wald. Der Schotter ist über weite Strecken festgefahren oder die Piste besteht komplett aus felsigem Untergrund. Ein eher fester Belag ist mir auch lieber als loser Schotter, auf dem das Vorderrad gerne eine andere Richtung einschlagen möchte als ich.
Ich fahre durch dichten Baumbewuchs und vorbei an irgendwie surrealen Stellen.
Der ganze Track heute ist aber immer so, dass ich auch als einzelner Fahrer ohne Begleitung nie Sorge habe, hilflos stecken zu bleiben.
Ich bin jetzt nicht mehr weit von Opatija entfernt und immer noch im Wald unterwegs, als ich auf einmal den Track verloren habe. In meiner Fahrtrichtung gibt es keine blaue Linie mehr (Ich navigiere übrigens mit OSMAnd auf einem Android-Smartphone, was sehr gut auch ohne Mobilfunkabdeckung funktioniert!).
Nur, da war gerade noch eine Linie und ich war ganz sicher „on track“. Was habe ich verpasst?
Ich fahre also ein Stück zurück und bin mir sicher, dass da kein Abzweig war. (Ich bin mir eigentlich immer sicher. Und zwar genau so lange, bis ich meine Fehler finde…)
Der diesmalige Fehler ist ein steiles Bergauf-Stück mit losem Schotter, an dem ich vorbeigefahren bin, weil ich nicht glauben kann, dass ich da wirklich hoch soll.
Wie immer kann man auf einem Foto nicht einfangen, wie steil eine Passage wirklich ist.
Ich laufe das Stück zunächst zu Fuss ab und bin extrem skeptisch, ob ich hier raufkomme. Ausserdem weiss ich nicht, was mich dort oben im Gebüsch erwartet.
Von der oberen Perspektive kann man die Steigung nur unwesentlich besser einschätzen.
Ich drehe die Tenere nochmal um und versuche es mit etwas Schwung den Berg hinauf, aber dieses Stück ist – wie fast zu erwarten – für meine Reisekonfiguration nicht machbar. Die TKC70 sind super auf Asphalt und haben ganz guten Grip im Gelände, aber das hat Grenzen.
Hier wäre ich mit echten Stollenreifen schnell oben. Mit der vorhandenen 50/50-Bereifung stetzt mir aber die Physik Grenzen. Da hilft es auch nichts, wenn man heute offroad besser fährt, als vor ein paar Jahren.
Das Hinterrad dreht nach wenigen Metern nur noch durch und gräbt sich nicht einmal ein. Bevor ich schon am ersten Tag die Kupplung ruiniere, rutsche ich langsam rückwärts runter und muss einsehen, dass der Gott des ACT mir heute einen kleinen Dämpfer mitgibt.
Ich suche mir auf dem Display eine Alternativroute und fahre die letzten Meter runter nach Opatija. Am Ortseingang buche ich mir unter Zuhilfenahme eines bekannten Hotelportals eine Bleibe für die Nacht. Viel Zeit verbringe ich mit der Suche nach einem Dach über dem Kopf nicht, da ein Gewitter deutlich sichtbar herein zieht und ich unsicher bin, ob es mich gleich erwischt.
Es wird nun das Hotel Paris, das eine deutlich komfortablere Wahl ist, als ich eigentlich brauche. Sie haben ein Parkhaus, aber die Dame an der Rezeption meint, ich dürfe das Motorrad auch direkt vor dem Eingang abstellen. Die Rezeption hat diesen Platz rund um die Uhr im Blick und dafür müsse ich nichts bezahlen.
Ein italienischer GS-Fahrer hat den Rat bereits befolgt und da mache ich dann ebenfalls mit. Anhand des Gepäcks, der Reifenwahl und des Motorrads gehe ich aber davon aus, dass der Italiener nicht den ACT fährt.
Nach dem Einchecken erkunde ich die nähere Umgebung der Stadt. Opatija war schon vor langer Zeit das Seebad der wohlhabenderen Leute. Schon die „Donaumonarchie“ hat in diesem mondänen Ort geruht und dann soll es für mich gerade recht sein.
Die Kurzversion: Opatija ist ein wunderschöner Ort!
Am Abend erhalte ich eine Nachricht von „Elvis“. Elvis hat mich auf meiner Reise 2021 in der Nähe von Sarajevo in Bosnien im übelsten Gewitter meiner Motorradkarriere gerettet und ich habe immer schon vor, ihn und seine Familie zu besuchen, um mich zu bedanken. Wenn ich den ACT Kroatien beendet habe, möchte ich deshalb nach Sarajevo.
Als Elvis die Fotos in meinem Status sieht, schreibt er mich an und meint, falls ich in die Nähe von Sarajevo komme, soll ich unbedingt Bescheid geben. Ich schreibe ihm zurück, dass ich das tatsächlich schon geplant hatte. Aber im Moment kann ich noch nicht sicher sagen, wann genau das sein wird. Ich möchte mich auf den Tag daher noch nicht festlegen.
(Dass eine Zeitplanung gehörig durcheinander kommen kann, wird sich noch bestätigen…)
Ich will mir am Abend ein Restaurant suchen, stelle dann jedoch fest, dass mein Hotel ein wirklich gutes Angebot hat und mache es mir leicht.
Auf der Terrasse vor dem Haus gibt es leckeres Essen und ein wundervolles Glas Wein, während ich dasitze, die vorbeigehenden Menschen auf der Promenade beobachte und mir mal wieder klar wird, wie unfassbar schön das Leben sein kann. Wenn es einen Himmel gibt, darf ich gerade in ihm weilen.
Zu zweit kann man am Abend über den Tag sprechen. Das stimmt und das ist kurzweilig, aber alleine bist du vollkommen unabhängig. Du fährst „deinen Stiefel“ und brauchst dich nur um dich selbst kümmern. Das hat enorme Vorteile, solange du mit dir selbst klarkommst. Ich geniesse das total und an neun von zehn Tagen vermisse ich Gesellschaft nicht.
Verstehe mich nicht falsch: Ich fahre gerne mit Freunden, aber das war immer mit vielen Fragezeichen verbunden. Detlef zum Beispiel ist einer der besten Motorradfreunde die ich mir vorstellen kann. Mit ihm könnte ich quer durch Afrika fahren. Leider hat er immer noch nicht gelernt, wann man genug gearbeitet hat (Und er hat definitiv genug gearbeitet!). Deshalb sitzt er gerade am Schreibtisch und ich auf dem Motorrad. Das ist nüchtern betrachtet ziemlich überflüssig. (Ich meine das „am Schreibtisch sitzen“)
Egal, zurück zum Thema. Wir sind schliesslich auf dem ACT und nicht im Büro von Stromberg.
Zwischenzeitlich habe ich meine Sozialstudien an der Promenade von Opatija abgeschlossen, die Nacht überschlafen, mein Motorrad bepackt und Tag 2 des ACT Kroatien in mein Navigations-Zweit-Smartphone geladen. Bei strahlend blauem Himmel geht es durch Rijeka die Küste entlang, bis der Track in der Nähe der Krk-Brücke die D8 verlässt.
Hinter dem kleinen Ort „Križišće“ führt die Route an alten Bunkeranlagen vorbei, den Berg hinauf.
Aber oben ist Schluss. An einer Biegung stehen Sperrschilder, die ich nicht ignorieren kann, weil viele Menschen mit schweren Baumaschinen die Strasse erneuern. Es wird hart gearbeitet. So hart, dass ich keine Durchfahrtgenehmigung erhalte und umkehren muss.
Ich fahre in den Ort zurück und stelle die Tenere an der Seite ab, um mir eine Alternativstrecke zu suchen. Während ich das mache, kommt ein weiteres Motorrad den Berg hinauf. Anhand des Gesamtbildes aus Africa Twin, Stollenreifen, Softgepäck und Staubüberzug tippe ich zielsicher auf „ACT Member“.
Ich winke ihm zu und versuche mit Handgesten darauf hinzuweisen, dass er sich den Weg nach oben sparen kann. Der Kollege sieht es und hält bei mir an. Ich erfahre nun, dass das „Mario“ aus Deutschland ist. Natürlich ist er ebenfalls auf dem ACT unterwegs und wir stimmen überein, dass wir den Tag heute gut zusammen fahren können. Zuerst ermitteln wir gemeinsam eine alternative Route auf den Kamm des Berges.
Nur ein kleines Stück weiter, hinter Tribalj und dann Blaškovići soll es eine kleine Strasse geben, die hinauf führt, zurück auf den ACT. Wir stellen fest, dass es eine super Strecke ist, spektakulär und sogar schöner als das eher unspannende Stück vorhin, das an der Baustelle geendet hat.
Auf einem winzigen, engen single Track geht es an den steilen Felswänden den Berg hinauf und ich freue mich schon auf die sicherlich fantastischen Aussichten auf die Adria mit der vorgelagerten Inselwelt Kroatiens. Genau dafür ist dieser ACT bekannt.
Mario und ich halten nun öfter an, staunen über die Wunder der Natur und die unglaublichen Panoramen die man hier oben hat. Es ist einfach nur traumhaft.
Immer wieder stoppen wir, machen Fotos und staunen.
Bei den folgenden Offroad-Einlagen, die hinsichtlich ihres Anspruchs langsam den Schwierigkeitsgrad erhöhen, bin ich jetzt ganz froh, nicht alleine unterwegs zu sein. Weniger aus Sorge um einen Sturz, als aus Sorge um den Zustand meiner Reifen und Schläuche. Teile der Pisten sind hier oben so steinig, dass Räder und Fahrwerk erheblich einstecken müssen. Herausragende Felsstücke wechseln sich ab mit scharfen Kanten aus Karstgestein und dann wieder losem Schotter. Ich wundere mich schon, was Motorradreifen heute alles aushalten.
Ich bin auf dieser Tour auch erstmals mit Softgepäck unterwegs und habe nach den ersten beiden ACT gelernt, dass jedes Kilo weniger hilfreich ist. Das Gewichtsthema war mir schon bekannt, aber dass es so relevant ist wie auf dem ACT oder TET, konnte ich auf den Reisen bisher irgendwie ignorieren. Damit ist jetzt Schluss.
Weil meine bewusst klein gewählten Seitentaschen hinsichtlich des Platzangebots limitiert sind, habe ich wirklich nur das Nötigste mitgenommen. Die beiden vorhandenen Ersatzschläuche sind dieser Askese zum Opfer gefallen. Mario könnte nun schlimmstenfalls Hilfe organisieren.
Ich schätze, ohne die Alukoffer und das nicht wirklich notwendige Zeugs habe ich diesmal 20 Kilogramm weniger Gesamtgewicht. Das merkt man im Gelände sofort!
Wir bolzen heute also zusammen durchs Gelände und haben jede Menge Spass. Einmal fahren wir in einem bewaldeten Tal an eine Stelle mit Hinweisschild. Ich wundere mich über das Zeichen des Jakobswegs, den ich hier nicht vermutet hätte. Zuweilen habe ich den Eindruck, manchem Marketingstrategen ist jedes Mittel recht.
Es erübrigt sich zu erwähnen, dass uns in dieser kroatischen Einöde keine Pilger begegnen.
Einmal kommen wir auf einem Hochplateau an einem Windpark vorbei. Mir kommen fast die Tränen wenn ich sehe, wie unter dem Deckmantel des „Klimaschutzes“ die Natur unter Ignoranz jedweder Vernunft zerstört wird.
Das Windrad auf dem folgenden Foto ist übrigens bereits verschlissen und wird gerade „repariert“. Das war mal eine wunderschöne Landschaft, in etwa so, wie meine alte Heimat, das Münsterland. Wenn man da heute durchfährt, kommt man sich vor wie in einer Industriezone. Es ist einfach nur traurig.
Naja, ein paar Meter weiter fährt man wieder auf Schotter und kann sich nicht sattsehen, an unverbauter Natur und Landschaften, die wie gemalt daliegen.
Für ein Windrad pumpt man übrigens 1000 Kubikmeter Beton mit 100 Tonnen Armierungsstahl in den Waldboden. Darauf setzt man den Turm aus 300 Tonnen Stahl für den Drei-Blatt-Shredder aus Glas- und Kohlefaser. Alles fürs Klima, ja nee, is klar…
Dann führt der Track zeitweise weg von der wundervollen Küste. Kroatien hat noch reichlich Fläche im Hinterland die aussieht, wie vor hundert Jahren. Gottseidank gibt es auch noch naturbelassene Stellen, die nicht verschandelt sind.
Wir fahren dann viele endlos erscheinende Kilometer durch eine Gegend, in der es fast keine Menschen zu geben scheint. Langsam geht es immer weiter in die Höhe und wieder in den dichten Wald.
Diesmal sind wir nicht völlig alleine. Auf den engen Pisten im Wald kommen uns innerhalb von fünf Minuten nacheinander drei Fahrzeuge entgegen: Zwei Pkw und ein Lkw. Mit allen Dreien kommt es zu Beinahe-Kollisionen, weil sie fahren wie die Irren und wir immer bis an den Rand der Piste ausweichen müssen.
Hinter uns erscheint bald eine Gruppe Allradfahrzeuge. Ein Rudel Land Rover Defender und Toyota Hilux, sowohl mit deutschen als auch Schweizer Kennzeichen ist mit uns auf dieser tollen Bergpassage unterwegs. Sie sind alle gut gerüstet und haben Reservekanister, Dachzelte und Sandbleche dabei.
Ab und zu stoppen wir und bestaunen gemeinsam diese wunderschöne Bergwelt Kroatiens.
Das sehr lange Stück durch die Berge endet irgendwann und wir erreichen auf dem Bergkamm die letzten Meter dieses tollen Offroad-Teils. Mario und ich machen noch ein paar Faxen an einer der vielen schönen Aussichten.
Wir sehen neben dem Weg ein einfaches Holztor und rätseln, ob wir mit unseren bepackten Maschinen da durchkommen. Es passt bei uns beiden, aber wäre ich mit den Alukoffern unterwegs, hätte ich hier entweder die Blechkisten abgerissen oder das Tor flachgelegt.
Der Tag neigt sich dem Ende und wir kommen an den Zielpunkt des Tages. Der ACT endet hier heute. Tag 2 ist etwas anspruchsvoller als Tag 1 und wir benötigen für diese Etappe von 185 Kilometern achteinhalb Stunden. Es gibt zwei Stellen mit sehr groben Felsen und viel unangenehmen, losen Schotter. Tag 1 und Tag 2 sind mit Conti TKC70 weitestgehend gut fahrbar.
Mario fragt, wie wir weitermachen. Er will zelten und auf den Campingplatz in der Nähe fahren.
Ich habe gar kein Zelt dabei und will definitiv in ein Haus mit festem Dach, einem Blick auf das Meer und – wenn es gut läuft – einem Restaurant, das mir – wenn ich brav bin – ein Glas Bier oder einen Wein serviert.
Ausserdem beginnen morgen Tag 4 und 5 des ACT Kroatien. Diese beiden Tage gelten als sehr anspruchsvoll, was im ACT-Kontext schon etwas heissen soll.
Da ich eigentlich alleine unterwegs bin und auch keine Voll-Stollenreifen aufgezogen habe, will ich die etwas einfachere Variante fahren. Für beide Versionen gibt es auf dem ACT Kroatien an Tag 3 und 4 eine Alternative und du kannst dir aussuchen, wie schlimm es denn werden soll.
Dass Mario die Hardcore-Version wählt, ist seine Entscheidung. Ich will aber nicht umplanen und bin mir auch recht sicher, dass sich seine Routenwahl nicht mit meiner Risikoakzeptanz deckt.
Stattdessen fahre ich nun runter zur Küste und suche mir eine knappe Stunde weiter südlich eine kleine Pension. Mario baut sein Biwak auf dem Campingplatz und wir besprechen, dass wir mal schauen, wer in den nächsten Tagen Abends wo landet. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus und verabschieden uns fürs Erste. Spätestens an Tag 5, auf der Insel Hvar, müsste es uns wieder zusammenführen. Für den letzten Tag gibt es auch nur eine Route und keine Alternativen.
Ich fahre somit noch runter an die Küste, zur fantastischen D8 und etwa eine Stunde weiter in Richtung Süden. Damit habe ich gleichzeitig auch eine Stunde Vorsprung am kommenden Morgen, weil der Startpunkt für Tag 3 in der Nähe des Mali Alan liegt.
Lustigerweise stolpere ich wieder in die Pansion Croatia bei Starigrad Paklenica, die ich schon von meiner Kroatien-Tour 2020 kenne.
(Damals wollte ich nach Montenegro, kam ich wegen einer sogenannten „Pandemie“ nicht weiter als Kroatien)
Egal. Ich sitze abermals auf einer Terrasse bei tollem Essen und einem Glas Wein (Kann sein, dass es heute auch zwei sind…) und kann mein Glück nicht fassen.
Die Adria liegt seelenruhig da, die Sonne neigt sich langsam dem Horizont zu und es ist einfach nur traumhaft.
Nicht weniger schön ist der Morgen. Man bekommt das Frühstück gemacht und sieht beim Kaffee zu, wie ein kleines Boot langsam in den Wellen schwingt. Voll gut!
Ich gebe aber auch zu, dass ich Respekt davor habe, was der Tag heute bringen wird. Wieder solo und verwundbarer als gestern hoffe ich, dass mir meine Routenvariante eine Chance gibt, den Tag ohne Blessuren zu überstehen.
Um den Start noch irgendwie heraus zu zögern, rede ich mir ein, dass die Pflege von Technik und Material auch ganz wichtig sind und kümmere mich um die Kette und eine gründliche Inspektion aller der Teile, deren Funktion ich wenigstens vom Grundprinzip her kenne.
Nun gut, irgendwann muss ich los. Mein Routing zeigt eine sehr seltsame Strecke auf den Mali Alan an, aber ich beuge mich der Empfehlung, nicht ohne Zweifel, dass es bessere Routen ins Land von Winnetou gibt.
Bei der Auffahrt stoppt mich ein Schild. Demnach wäre hier Schluss. Da die Barriere allerdings nicht wirklich ein Showstopper ist, nehme ich an, das Verbot gilt nur für Busse und Lkw über 30 Tonnen. Ein Motorrad auf einer Mission wie dem ACT ist davon sicherlich ausgenommen.
Als ich kurz über meine Weiterfahrt grüble, stelle ich einen Riss im Nummernschild fest. Das ist das gleich Problem wie schon im letzten Jahr. Auf dem ACT Pyrenäen ging das los und in Italien haben die Offroad-Passagen dem Kennzeichen dann den Rest gegeben. Zwei Tage ACT Kroatien scheinen ihm abermals zuzusetzen.
Ich nehme mir vor, das im Auge zu behalten. Wahrscheinlich ist die Befestigung schuld. Ich muss mir da was überlegen, damit die Vibrationen im unteren Bereich abgemildert werden.
Die Auffahrt auf den Mali Alan kenne ich schon. Die hat sich gegenüber meinem ersten Besuch 2020 nicht wirklich verändert. Nur die Hinweisschilder auf die Minenfelder sind verschwunden.
Kroatien hat sich in diesem Jahr selbst als „minenfrei“ erklärt. Auch das wird in den kommenden Tagen noch ein Thema…
Dann komme ich an die Stelle, an der damals die Winnetou-Filme gedreht wurden und bin noch immer alleine. Am Morgen habe ich zwar etwas getrödelt, bin aber schon eine Stunde weiter als alle die, die auf dem Campingplatz am Ende von Tag 2 genächtigt haben. Ich nehme an, der Rest ist im Moment immer noch hinter mir.
Wenige Meter hinter dem Filmspot zweigt der ACT auf den harten Teil ab. Auch hier kann das Foto nicht ansatzweise wiedergeben, welch üble Piste sich von diesem Punkt an bietet.
Jeder der den ACT Kroatien gefahren ist weiss, was ich meine. Die Menge Anbauteile, die dieser Passage zum Opfer gefallen sind, dürfte sehr lang sein. Und auch die eine oder andere Kupplung hat diese Steigungen nicht überlebt.
Ich fahre aus reiner Neugier noch etwas weiter und treffe dann doch die ersten beiden Motorradfahrer. Es sind zwei ziemlich junge Burschen aus Litauen auf leichten CRF 300. Die beiden sind tatsächlich auf eigener Achse für den ACT hierher gefahren und haben ihre Reifen schon auf der Hinfahrt halb ruiniert.
Sie fragen, wie das nächste Stück wird und schliessen aus, dass sie das Steilstück fahren, obwohl sie es meiner Meinung nach mit ihren Maschinen schaffen müssten.
Im Gespräch erwähnen sie, dass sie zuhause in Litauen nur die flache Ebene gewohnt sind. Die beiden haben tatsächlich gehörigen Respekt vor den schroffen Bergen hier im südlichen Velebit-Gebirge.
Ausserdem hadern sie mit dem losen Schotter. Ich versuche sie mit ein paar Fahrtipps zu motivieren, aber sie sind schon jetzt, am Beginn des Tages bedient und wollen den möglichst einfachen Weg wieder runter von diesem Berg.
Für mich geht es nun weiter in Richtung Süden, zuerst hinab vom Mali Alan.
Richtig lustig ist es an der kleinen Kapelle, wo man den schönen Blick auf die Adria hat. Ich mache nochmal halt und geniesse die Aussicht, als sich eine Gruppe aus vier Niederländern auf aktuellen BMW GS Adventure den Berg hinauf macht.
Die GS sind jeweils zu zweit besetzt und voll bepackt. Das kann ich schon von oben sehen. In den Serpentinen eiern sie durch die Kurven, dass ich mich auf die kleine Mauer am Rand setze und mir das Schauspiel ansehen muss: Entertainment pur und ich liebe es!
Als der erste näher kommt, sehe ich einen abgekämpfter Holländer im Muscle-Shirt. Unglaublich. Seine Sozia hat sichtlich genug.
Unten erreiche ich die D27, die nun in Richtung Osten nach Gračac führt. Schon nach einem kurzen Stück Asphalt geht es links ab, zwischen niedrige Bäume hinauf.
Mein Navi zeigt dann eine Offroad-Sektion an, die am Fusse des nächsten Berges entlangführt. Ich gehe davon aus, dass es jetzt nicht ganz so schwierig wird, als ich an das nächste Steilstück komme. Das ist auch gar nicht lang, nur eben ziemlich steil und mit losen Schotter und Sand. Ich versuche drei Mal die Tenere da hochzubringen, aber es klappt einfach nicht. Nach einigen Metern dreht das Hinterrad auf dem losen Untergrund durch, keine Chance. Ich muss hier passen und mir eine andere Stelle suchen, um auf den Track zu kommen.
Etwas gefrustet nehme ich später Anlauf, einen gesperrten Tunnel zu durchfahren, hinter dem eine alte Asphaltstrasse auf den Berg führt. Die ziemlich kaputte Strecke endet aber oben im Nichts und ich mache wieder kehrt, um den Rest des ACT Kroatien Tag 3 zu fahren.
Rechts zweigt der Track auf eine winzige Strasse ab und führt ausnahmsweise mal runter.
Es geht entlang am beeindruckenden Krupa Canyon und dann weiter, vorbei am Krupa Kloster.
Am Krupa Kloster mache ich halt, weil es dort schattig ist und ein kleiner Fluss für Abkühlung sorgt. Die Strecke ist super.
Den Rest des Tages wechseln sich kleinste Strassen und Offroadpassagen ab. Ich bin ganz froh, dass ich die weniger harte Version von Tag 3 gewählt habe. Das, was ich heute unter die Räder bekomme reichen mir mit meiner Konfiguration völlig aus.
Etwas nachdenklich werde ich an einer Ruinensiedlung. Zuerst sehe ich nur eine Art Bauernhof. Die Gebäude sind alle kaputt und irgendwie habe ich den Eindruck, der Krieg Anfang der 90er Jahre ist der Grund dafür, dass hier alles so aussieht.
Wenige Meter weiter sehe ich, dass es nicht nur der völlig kaputte Bauernhof ist, sondern ein ganzer Ort zerschossen daliegt.
Im Ort halte ich an um zu fotografieren. Während ich mit der Kamera hantiere, läuft in einiger Entfernung ein sehr alter Mann langsam am Stock die alte Strasse entlang. Er nimmt keine Notiz von mir. Ich würde ihn gerne fragen, was hier passiert ist, aber ich fürchte, er wird kein Englisch sprechen.
Wahrscheinlich hätte er eine Menge zu erzählen und könnte die Geschichte des Ortes weitergeben. So mache ich mir Gedanken und bin gerade etwas bedrückt, angesichts der morbiden Umgebung.
Ich versuche, die Situation mit der Kamera einzufangen. Wahrscheinlich wäre das Licht am Abend besser, aber es ist erst früher Nachmittag.
Gerade als ich die Fotos am Ortsrand mache, höre ich Motorengeräusch. Es sind Steven und Iris, die auf einer KTM daherkommen. Sie haben sichtlich Spass, trotz der Umgebung und wir quatschen eine Weile. Erstaunt frage ich, ob sie den ACT wirklich zu zweit fahren, höre aber, dass sie mit „ACT“ gar nichts anfangen können. Sie wollen einfach über den Balkan reisen und idealerweise heute noch bis nach Mostar in Bosnien.
Dabei sind sie immer froh, wenn sie ein Stück Offroad fahren können. Vom „ACT“ oder gar „TET“ haben sie aber noch nie etwas gehört. Ich nehme meine Missionstätigkeit wahr und kläre Steven auf. Der ist gleich begeistert, während ich Iris anschaue, ob sie als Sozia wirklich offroad dabei sein will. Ihr Gesicht sagt: Ja, auf jeden Fall!
Na gut, sage ich. Dann fahrt doch ein Stück hinter mit her. Ich bin gerade auf dem ACT und das nächste Schotterstück dürfte nicht lange auf sich warten lassen.
Gesagt, getan. Wir fahren gemeinsam weiter, zuerst auf der Strasse, über eine kleine Brücke und schnell wieder ab, ins Gebüsch.
Ich bin erst etwa skeptisch. War das eine gute Idee, die beiden auf den ACT zu lotsen? Immer wieder gehe ich aus dem Stand hinunter, um mich im Rückspiegel zu vergewissern, ob sie noch hinter mir sind.
Nach wenigen Kilometern habe ich allerdings den Eindruck, dass die beiden diesen Teil in vollen Zügen geniessen. Sie kleben mir immer am Hinterrad und haben sichtlich Spass.
Der Wechsel aus Strasse und Piste macht richtig Laune. Gottseidank habe ich gerade keinen besonders harten Teil des ACT vor der Nase, um meinen Azubis die Vorteile des Konzepts näher zu bringen.
Am Nachmittag, nachdem wir ein weiteres Stück staubigen Schotter hinter uns gebracht haben, macht Steven den Vorschlag, wir sollten in Knin gemeinsam Pause machen. Die Idee ist gut, weil Knin der Endpunkt des ACT Tag 3 ist.
Wir finden irgendwo im Zentrum ein gutes Restaurant und albern rum. Steven hat viele Fragen zum ACT. Ich dagegen bin beeindruckt, dass eine KTM ein Paar aus Deutschland bis hierher bringt und die Reise noch weiter gehen soll.
Nicht, dass ich mir eine Motorradreise zu zweit nicht vorstellen könnte. Aber bisher habe ich sowas nur auf den BMW GS gemacht. Stevens KTM erscheint mir dafür eigentlich eine Nummer zu klein, zu leicht. Die beiden beweisen mir gerade, dass meine Annahme falsch ist.
Andererseits sehe ich mich bestätigt: Es spielt gar keine Rolle, auf welchem Material du unterwegs bist. Es gibt nichts, was es nicht gibt. „Geht nicht“ gibt es nur so lange, bis jemand das Gegenteil beweist. Ich finde das toll, unglaublich.
Wir verabschieden uns, weil die beiden ihren Plan mit der heutigen Übernachtung in Mostar verfolgen. Das sind noch mindestens drei Stunden und sie müssen sich ranhalten.
Tag 3 endet hier in Knin. Ich habe aber noch keine Lust, aufzuhören, denn eine oder zwei Stunden kann ich noch fahren und bin auch noch nicht müde.
Ich beschliesse, im Hinterland noch den ersten Teil von Tag 4 zu fahren und mir dann irgendwo einen Schlafplatz zu suchen.
Es geht dann durch das wirklich einsame Hinterland Kroatien. Man hat den Eindruck, hier ist wirklich gar nichts mehr. Ab und zu gibt es noch ein paar verlassene Bauruinen, ansonsten nur Einöde, die aber auch irgendwie ihren besonderen Charme hat.
Abseits liegen die häufig anzutreffenden Gedenkstätten aus dem Krieg, während ich unterhalb des dinarischen Gebirges entlangfahre. Die harte Version des ACT führt weiter oben am Hang entlang. Ich bin aber wirklich froh, dass ich die „normalen“ Offroadstrecken gewählt habe.
Der Nachmittag geht langsam in den Abend über und die Suche nach einer Herberge zeigt mir ein gutes Angebot in der Nähe von Sinj. Das liegt noch ein Stück vor mir. Wenn ich da hin will, müsste ich ab jetzt Strasse fahren und einen Teil des ACT auslassen.
Ich entscheide mich trotzdem für die Variante und nehme mir vor, dass ich morgen früh einfach ein Stück zurück fahre und danach wieder in den Tag 4 einsteige.
Als ich in Sinj ankomme, bin ich ganz froh. Ich brauche dringend Flüssigkeitsnachschub und muss tanken. Der späte Nachmittag war ziemlich heiss und die Sonne hat vom wolkenlosen Himmel gebrannt.
Mein Privatzimmer heute liegt mitten im Zentrum von Sinj, was auch die Suche nach einem Restaurant erheblich vereinfacht. Eine klitzekleine Durchfahrt in einer Häuserzeile führt mich in den Hof, wo ich die Tenere sicher parken kann.
Wir Motorradfahrer sind ja immer froh, wenn die Maschine trocken und sicher abgestellt ist, heute ist aber auch mein Zimmer toll. (Alle Zimmer auf der Reise waren bisher toll! Manchmal hat man Pech, bis heute blieb ich davon verschont…)
Und als ich sehe, dass die Restaurantmeile nur 50 Meter entfernt ist, macht das den Tag perfekt und die folgende Nacht beginnt wie so oft auf Reisen: Hinlegen und nach 60 Sekunden ist man tief eingeschlafen.
Ich mache mir heute früh einen Kaffee auf dem Zimmer und finde am Ortsausgang einen Bäcker. Dann geht es wieder zurück zu meinem Einstiegspunkt auf den ACT.
Es ist noch recht früh und nicht so warm, eher frisch an diesem Morgen. Die Sonne lacht durch die Bäume, kein Verkehr, keine Menschenseele. Die Vögel zwitschern. Kann ein Tag schöner starten?
Dieser Teil ist wirklich einsam und ein schmaler Sandweg führt durch den Wald. Ich habe keine Ahnung wo ich bin oder wie lange das Stück nun ist. Das ist aber egal, weil es einfach nur Spass macht.
(Anmerkung: Es müsste die Waldpassage nördlich von Sutina sein)
Dann komme ich an eine Lichtung und sehe vor mir einen grösseren Hügel. Das Navi zeigt mir klar an, dass es hier gleich bergauf geht. War der lose Sand bis hierher schon etwas unangenehm, ist der nun folgende Part wieder gekennzeichnet von sehr lockerem Schotter, durchzogen mit noch mehr losem Sand.
Ich bin aber schon ein gehöriges Stück unterwegs und will nicht umdrehen, trotz erheblicher Zweifel, ob der TKC70-Hinterreifen das hier schafft. Mario, mit dem ich Tag 2 gefahren bin war allerdings „beeindruckt, was die TKC70 mitmachen“. (Ich habe gescherzt, der Fahrer macht den Unterschied. Kleiner Spass…)
Ein paar Meter komme ich hoch und bin selbst überrascht, dass ich mich hier noch nicht auf die Seite gelegt habe. Meine Kräfte reichen heute früh aber nur bis zur Hälfte des Aufstiegs. An einer Linksauf-Kurve muss ich stoppen und mich sammeln. Ich weiss auch nicht, wie es hinter den Bäumen weitergeht und was mich da erwartet und gehe die nächsten Meter zu Fuss ab.
Exkurs: Ich wünsche mir eine Fotokamera, die in der Lage ist, Steilstücke und Schotter so wiederzugeben, wie sie in der Realität sind.
Hier stehe ich am Rand der Piste und denke mir „ach du schei…! In was hast du dich da wieder reingeritten?“
Ich kenne da jemanden, die argumentiert „Wieso musst du da lang? Es gibt doch Strassen!“
Ja, aber Männer müssen manchmal raus, ins Abenteuer, in den Dreck. So wegen früher, Gegend erkunden, Mammuts und Bären jagen. Du weisst schon…
(Ich weiss, meine Argumentation ist vollkommen sinnfrei, aber egal…)
Nach einer Verschnaufpause, einem Müsliriegel und mit frischer Konzentration starte ich den Motor und versuche es mit dem Rest des Stücks. Unter erheblichem Staubentwicklung und durchdrehendem Hinterrad schafft es die Tenere unfallfrei den Berg hoch.
Spätestens das ist der Moment, den ich brauche. Wenn du ein Stück geschafft hast, bei dem du Zweifel hattest, ist das viel schöner als wenn man nur irgendwo auf der Strasse lang fährt.
Da sitzt du auf dem Motorrad und deine Mundwinkel ziehen sich von einer Seite des Visiers bis zur anderen.
Oben auf dem Bergkamm, bei den Windrädern bin ich zuversichtlich, dass ich durch bin mit diesem Teil.
Die restliche Route geht in Ordnung. Insgesamt reicht mir diese Version von Tag 4, was den Schwierigkeitsgrad betrifft. Tag 4 ist auch härter als Tag 3, meine ich.
Dann fahre ich noch durch eine klitzekleine Ansammlung von drei Häusern. Hier gibt es einen schwarzen Hund, der Motorradfahrer nicht mag. Ich gebe Gas und bin froh, dass er mein Bein knapp verfehlt.
Als ich wieder Mobilfunkempfang habe, beschäftige ich mich mit den Fährzeiten. Tag 5 des ACT Kroatien verläuft auf der Insel Hvar. Du musst also von Split mit der Fähre auf die Insel. Das möchte ich heute noch machen, um dann morgen früh schon auf Hvar zu starten.
Ab Hrvace geht es nur noch auf Asphalt bis Split und es ist nicht mehr weit, weil ich einen Teil von Tag 4 gestern schon gefahren bin. Wenn ich gut durchkomme, kann ich schon die Fähre um 14:30 Uhr schaffen. Die fährt knapp zwei Stunden bis Stari Grad auf Hvar und ich bin dann gegen halb fünf dort.
Das Ticket buche ich online auf der Internetseite von Jadrolinija für 22,40 Euro (Mensch und Maschine).
Die Strecke vom letzten Offroad-Teil bis Split ist belanglos. Es geht über eine gut ausgebaute Strasse, die vor Split sogar zu einer Art Autobahn wird.
Unterwegs mache ich nur einmal halt, um eine schöne alte Dampflokomotive zu bestaunen.
Neben dem Relikt aus alten Zeiten steht eine Informationstafel. Es lohnt sich die zu studieren, denn man stellt mal wieder fest: Die Zeiten heute sind viel zu hektisch!
Die Zeit bis die Fähre ablegt, habe ich im Blick und noch etwas Reserve. Das passt ganz gut, denn immer wieder höre ich ein Geräusch von den Rädern. Es hört sich an, als ob bei jeder Radumdrehung irgendwas schleift. Nicht immer, aber oft und sehr unterschwellig. Vielleicht bin ich zu empfindlich, aber ich mache mir auch ein paar Gedanken zu den Radlagern.
Einige berichten, dass sie bei der Tenere 700 mit 60.000 Kilometern bereits auf den dritten Satz Radlager gewechselt haben. Ich bin nun bei knapp 50.000 Kilometern und habe immer noch den ersten Originalsatz. Auch wegen der vielen Offroad-Einlagen kann ich mir gut vorstellen, dass hier langsam Ersatz nötig ist.
In Split gibt es einen offiziellen Yamaha-Händler. Da will ich vorbeifahren und mal einen Mechaniker prüfen lassen, alleine wegen des guten Gewissens.
An der ersten Adresse prangt gross das Yamaha-Logo, aber hier haben sie keinen Service. Die Werkstatt sei nur etwa zwei Kilometer weiter in der Innenstadt. Da soll ich nochmal fragen.
Als ich an der Werkstatt ankomme, stehen drei Burschen in Arbeitskleidung mit Yamaha-Logo im Hof, an einem Scooter und diskutieren. Ein vierter lehnt an der Eingangstür und raucht.
Ich spreche ihn an, schildere ihm meinen Eindruck und frage, ob sich das mal jemand anschauen kann. Er dreht sich wortlos um und geht hinein, um ein grosses Buch zu studieren. Das ist offenbar das Werkstattbuch und hier sind die Termine notiert. Er blättert dann immer noch wortlos darin herum und sagt mir, sie hätten keine Zeit ein Radlager zu reparieren.
Auf meine Erwiderung, ich erwarte überhaupt keine Reparatur, sondern nur einen Check, ob das Geräusch vom Radlager kommt oder nicht, schüttelt er mit dem Kopf und wiederholt „Keine Zeit, alles voll“. Währenddessen quatschen seine drei Kollegen immer noch an dem Scooter.
Lass uns raten, welche Möglichkeiten in Frage kommen:
- Totales Desinteresse
- Motivationslosigkeit
- Arroganz
- Alle drei vorgenannten zusammen
Das ist so frustrierend wenn man sieht, dass manche Menschen einfach nicht wollen. Danke Yamaha Split, für nichts. Etwas frustriert fahre ich zum Hafen.
Split ist in meinen Augen keine besonders lohnenswerte Stadt. Der Verkehr ist enorm, besonders je näher man dem Hafengelände kommt.
Da ich das Ticket bereits elektronisch als QR-Code im Smartphone habe, suche ich mir einen schattigen Platz am Hafenbecken und warte auf das Boarding. Mir fällt jetzt der Krach auf, den eine Stadt hervorruft. In Andalusien wohne ich ziemlich einsam und ist herrlich ruhig. Du wirst am Morgen vom Zwitschern der Vögel geweckt und am Abend zirpen dich die Grillen in den Schlaf, sonst gibt es eigentlich keine Geräusche. Vielleicht kann ich mich deshalb nicht mehr an die Geräuschkulisse von Städten gewöhnen.
Dann schreibe ich eine Nachricht an Mario. Vielleicht fahren wir zusammen nach Hvar und fahren den letzten Tag gemeinsam?
Mario antwortet mit einem Foto und dem Text „Grüsse aus Split“ aber das Foto zeigt ihn oben im Gebirge im Geröll. Auf dem Foto liegt seine Africa Twin im Sand. Ich antworte „Das ist nicht Split :-)“, woraufhin er ein weiteres Foto schickt mit dem Text „Split von oben“.
Das kann ich nicht nachvollziehen und vermute, er spielt irgendwo mit einer Drohne rum. Das Rätsel löst sich erst später.
Ich denke nochmal an meine Radlager und entscheide, dass das Geräusch woanders seine Ursache hat. Manchmal ist es auch wieder deutlich leiser. Diese Tour und den Heimweg müssen die Lager noch schaffen, dann lasse ich sie tauschen.
Dann beginnt das Boarding. Zusammen mit drei slowenischen Harley-Fahrern stelle ich das Motorrad unten im Rumpf der Fähre ab.
Die Slowenen sind beeindruckend. Die Menge an Alkohol, die sie beim Warten in der prallen Sonne vernichtet haben, ist enorm. Entsprechend ausgelassen und laut machen sie ohne Not auf sich aufmerksam. Auch wenn sie es auf Hvar vielleicht nicht weit haben, hätte der Konsum noch Zeit bis zum Abend gehabt. Oder bin ich spiessig?
Die Fähre legt pünktlich ab und es geht auf die knapp zweistündige Überfahrt, vorbei an der schönen Insel Brac, die ich schon zwei Mal besuchen durfte.
Oben an Deck treffe ich wieder auf die Slowenen. Sie fragen, wo ich herkomme und ich antworte „Germany, but live in Spain“.
Der Boss der Gruppe (der vorhin am lautesten war…) fragt, wieso ich in Spanien lebe und ich begründe wahrheitsgemäß. Daraufhin meint er „Ahhh, but its the same shit everywhere“.
Ich erwidere „Yes, but in Spain its the warm shit!“. Die drei lachen.
Wir erreichen den Hafen von Stari Grad auf Hvar. (Hinweis: „Stari Grad“ ist in Kroatien ein Sammelbegriff wie „Neustadt“ in Deutschland, bedeutet allerdings „Altstadt“. Es gibt so viele Stari Grads in Kroatien, dass man meist dazuschreibt, welches Stari Grad man meint)
Mein Lieblingsportal empfiehlt mir nochmal ein Privatzimmer, fussläufig oberhalb des Hafens. Ich beziehe ein super Apartment mit netten Gastgebern und eigener Terrasse. Hier könnte ich es auch länger aushalten und fühle mich pudelwohl.
Dann laufe ich die wenigen Schritte runter zum Hafen und bin überwältig, weil es so schön ist. Mich erinnert das an die kleinen Hafendörfer auf Cres. Da gibt es ähnliche, die man alle auf Leinwand malen könnte.
Die Sonne geht langsam unter und die Stimmung am Hafen ist wundervoll. Viele Einheimische und Besucher flanieren am Kai entlang auf der Suche nach einem guten Restaurant. Davon gibt es gefühlt hunderte und die Entscheidung ist schon fast schwierig.
Ich nehme dann irgendeines in einer Seitenstrasse. Da sind noch ein paar Tische frei und ich habe meine Ruhe. Das Essen ist fantastisch und in der untergehenden Sonne schmeckt der Wein. Besser geht es fast nicht!
Was ist das für ein Traum, hier einen ACT zu fahren. Die ACT Pyrenäen und Italien habe ich schon genossen, aber landschaftlich legt Kroatien nochmal eine grosse Schippe drauf. Detlef weiss gar nicht, was er gerade verpasst und vielleicht ist das auch besser so…
Ich mache mich dann auf den kurzen Rückweg zum Apartment und bin mir sicher, dass ich hier nochmal herkomme. Dann aber definitiv nicht nur für eine Nacht.
Ich schlafe wie ein Stein und wache am Morgen wieder früh auf. Heute will ich bewusst nochmal bummeln, weil es über den letzten Tag auf Hvar ein paar fiese Geschichten gibt.
Angeblich gibt es auf der langgezogenen Insel viele Spinnen. Manche spinnen ihre riesigen Netze quer über die wenig befahrenen Wege. Wenn man da durchfährt, nimmt man hier und da eines der Tierchen mit und die können ganz fies zubeissen. Dass darunter auch Giftspinnen wie die europäische schwarze Witwe sind, ist belegt (wobei ich nicht weiss, ob gerade die auch so grosse Netze baut). Im Zweifel ist es mir aber egal, ob mich die giftige Witwe beisst oder eine Giftspinne, deren Name ich nicht kenne.
Daher nun meine sehr egoistischen und wenig kameradschaftlichen Gedanken zur taktischen Planung des letzten ACT-Tages:
Ich nehme nicht an, dass eine Spinne ein riesiges Netz in einer Stunde fertigstellt. Wenn also ein Offroad-Motorradfahrer stehend durch ein solches Netz fährt, ist das Kunstwerk danach dahin.
Was liegt also näher, nicht als erster Fahrer den ACT Tag 5 auf Hvar zu starten? Ausserdem ist mal wieder Inspektion angesagt. Das Radlager-Bremsen-Problem hatte ich schon angesprochen, aber auch Kette Ölstand und mal alles „sichtprüfen“ ist bestimmt eine gute Idee. Das kaputte Kennzeichen macht mir ebenfalls langsam Sorgen.
Das Radlager prüfe ich auf dem Hauptständer so gut ich kann. Es ist unauffällig, was mich teilweise beruhigt. Vielleicht kommen die Geräusche doch eher von der Bremse und dem ganzen Dreck.
Mit derlei Gedanken vertrödle ich die erste Stunde und mache mir noch einen Kaffee, den ich auf meiner wunderbaren Terrasse oberhalb Stari Grad (Hvar) geniesse.
Dann entscheide ich, das bestimmt die ersten Fahrer aufgebrochen sind und starte meinerseits die letzte Etappe. Heute habe ich mir zudem vorgenommen, die einzelnen Abschnitte etwas genauer zu beschreiben. Im Nachhinein hätte ich das schon an Tag eins beginnen sollen, aber besser spät als nie.
Du kommst also in den Genuss, die einzelnen Passagen von Tag 5 des ACT Kroatien ganz genau beschrieben zu bekommen, wenn du willst. (Wenn du nicht willst auch…)
Aber keine Sorge, ich mache es nicht länger als nötig. Die einzelnen Offroad-Passagen erhalten die Bezeichnungen T1, T2 und so weiter.
T1 führt zuerst durch einen Olivenhain, später mit einer sandigen Auffahrt. Die ist unangenehm zu fahren, vor allem mit den TKC70. Da kommst du nur mit Schwung hoch. Mit TKC80 dürfte das viel einfacher sein. Insgesamt ist T1 aber noch gut zu fahren.
T1 endet an einem kleinen Rastplatz mit Bank und einer Informationstafel.
Es folgt ein schönes Stück Strasse, zuerst in den Westteil von Hvar.
Dann beginnt T2:
Die Müllhalde für Klimaanlagen passiert man schon recht früh auf diesem Teil und ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll. Der ganze Schrott liegt mitten in der Natur und ich frage mich manchmal, welche Defekte in den Gehirnen einiger Menschen vorliegen?
T2 ist deutlich länger als T1, mit grobem Fels und teilweise sehr sandig und viel Schotter. Es sind aber keine wirklich steilen Passagen enthalten, weshalb ich auch mit meiner Bereifung gut durchkomme. T2 finde ich gut.
Dann ein „Disclaimer“: Das folgende Foto wäre Instagram-geeignet und vermittelt meine Tenere im Offroad-Einsatz. Aber die Maschine steht in Wirklichkeit auf Asphalt und ich bin nur einen schmalen Fussweg herabgelaufen um die Perspektive zu erzeugen.
Also: Alles fake auf dem Foto! Hinter der Maschine verläuft die südliche Küstenstrasse, irgendwo zwischen Hvar Stadt und Milna.
Nur, nicht alles ist geschummelt. Schon geht es wieder in den Staub, auf Abschnitt T3:
Meine Notizen zu T3:
Offroad bis vor den Ort Jelsa. Vorrangig auf dem Insel-Hauptkamm. Schotter, abwechselnd mit Betonresten, aus den an vielen Stellen böse die Armierung aus rostigem Stahl hervorschaut (Vorsicht!). Viel Weinanbau.
Dann steile Bergab-Passagen mit einigen Mountainbikern. (Ich fahre rechts ran, wenn mir eine Gruppe von denen entgegen kommt und lasse sie passieren. Wir teilen uns tolle Hobbys und sollten den anderen jeweils respektieren!)
Bei den Bildern bin ich mir nicht mehr ganz sicher, welche von T3 und welche von T4 sind. Egal. Wir nehmen die Notizen zu T4 auf:
T4 startet auf der Nordseite des Tunnels auf der Strasse Nummer 116. Da geht es rechts ab in den Wald. Über ein paar Kurven kommt man auf dem Insel-Hauptkamm. Es folgt ein sehr, sehr langes Offroad-Stück, das kein Ende nimmt. Man fragt sich, wie lang eine Insel sein kann.
T4 nimmt kein Ende und es geht immer geradeaus mit wenigen leichten Schlenkern. Keine Steigungen, keine Bergab-Stücke. Ich fahre schon über eine Stunde permanent im Stehen und das Oberschenkeltraining ist herausfordernd.
Später kommt man an eine Gabelung mit einem Schild „Maximal 10 Tonnen“. Ab da wird der Untergrund nochmal ruppiger, ist aber immer noch ganz gut zu fahren. Das Tempo auf T4 ist insgesamt höher, solange du stehend unterwegs bist. Es ist eher schwer, hier dauerhaft die Konzentration aufrecht zu erhalten.
Es folgt eine kurze Asphalteinlage bis vor Gdinj, dann geht es nochmal auf Schotter weiter.
T5: Ich fahre runter zum Meer, auf einer Art Wellblech-Schotter. Also der Belag, der diesen unangenehmen, vibrierenden Untergrund ausbildet. Es geht in einigen Serpentinen runter bis ganz an die steinige Küste.
Ab und zu gibt es kleine Asphaltstücke, aber gefühlt 95 Prozent sind Schotterpiste durch Wald und man fährt vorbei an mehreren einsamen Buchten.
Es folgt mein Aha-Erlebnis des heutigen Tages an einer Bar. Hier ist nichts los, weit und breit keine Gäste, niemand zu sehen. Ich stoppe trotzdem die Tenere am Rand der Piste, weil ich meinen Wasservorrat auffüllen möchte. Vielleicht haben sie sogar etwas „mit Geschmack“. Von mir aus gerne ein alkoholfreies Bier.
Ich gehe zur Terrasse und ein älterer Herr erscheint von der Seite, aus dem Nichts. Er ruft jemanden und eine ebenfalls ältere Frau kommt. Sie sagt, der „Chef“ kommt erst in einer Stunde, was mir relativ egal ist. Ich brauche ja keine Chefbedienung. An der Seite steht ein riesiger Kühlschrank mit einem verlockenden Angebot. Er beherbergt alles was ich möchte.
Nur, ich bekomme hier nichts. Die Auskunft lautet abermals: „Chef erst in einer Stunde“.
Na gut, dann nicht. Aber die 1,5 Liter PET-Wasserflaschen wird sie mir bestimmt gegen entsprechende Taler verkaufen? Das kann sie offenbar nicht alleine entscheiden. Sie holt sich ein Telefon und ruft „Chef“ an.
Nach einer Diskussion, die länger dauert, als ich für ein „Wasserflaschen-Vertriebs-Meeting“ veranschlagen würde, erhalte ich die Preisansage: 4 Euro. Vier Euro. VIER EURO! Für EINE einzelne 1,5-Liter-PET-Flasche Wasser, still, aus dem Supermarkt, zum mitnehmen. Sind die bescheuert?
Ok, vielleicht bin ich auch im falschen Film? Es geht mir gut, wirklich gut. Ich bin finanziell unabhängig. Aber vielleicht ist der Grund dafür, dass ich mich von Wegelagerern nicht ausnehmen lasse wie eine Weihnachtsgans. Dazu gehören die Minderleister der deutschen Politik und das Personal in dieser bemerkenswerten, abgelegenen Insel-Bar.
Ich beschwere mich nicht, ziehe mir jedoch wortlos meine Sachen an und steige aufs Moped. Unglaublich.
Der Track geht dann weiter, entlang am Wasser, wieder durch den Wald und hinauf, zurück auf den Kamm der Insel. Die Auffahrt im Osten ist asphaltiert.
Oben angekommen fahre ich direkt auf einen Supermarkt zu. Ich kann den praktisch gar nicht verpassen. Es ist ein sehr, sehr kleiner Kramladen und diese Art von Markt, wo man fast alles bekommt. Mir soll es recht sein.
Die Sonne brennt heute sehr und ich hätte wirklich gerne Nachschub an Flüssigkeit für meinen Trinkrucksack (ohne den ich gar nicht mehr fahren möchte).
Ich kaufe zwei Flaschen Wasser, je eineinhalb Liter, PET. Eins achtundsiebzig, für beide. Ich zahle cash, mit einem Zwei-Euro-Stück. Ich will kein Restgeld, danke. Geht doch!
Anhand der Vorkommnisse leicht irritiert mache ich Pause und überlege, ob ich das Problem bin oder der eine oder andere Fremde?
Egal. So ganz richtig im Kopf ist man ohnehin nicht, wenn man sich solche Touren auferlegt. Wahrscheinlich kommt eins zum anderen und man wird irgendwann „komisch“. Eventuell gehöre ich dazu. Wahrscheinlich gibts auch keine Therapien, ausser einfach weiter zu fahren und sich an der Freiheit zu erfreuen.
Während der kurzen Rast geht mein Blick nach hinten. Das Nummernschild hats hinter sich. Oben links hat sich der Riss durch die Vibrationen abseits der Strassen komplett durchgearbeitet. Oben rechts fehlt nur noch der letzte Zentimeter, dann fliegt das Blech im hohen Bogen in den Strassengraben.
Da ich noch weitere Pläne für diese Tour habe und ein paar Grenzübertritte dazugehören, fixe ich das kleine Problem besser mit Kabelbindern. Duct Tape und Kabelbinder gehören auf jede Tour. Das ist ein Naturgesetz. Morgen geht die Sonne im Osten auf und Kabelbinder und Duct Tape gehören ins Gepäck! Nochmal: Naturgesetz. Sowas diskutiert man auch nicht.
Das Ergebnis ist nicht schön, aber zweckmässig. Natürlich habe ich ein Messer dabei, um die Strapse abzuschneiden. Ich entscheide mich aber, dass die „dirty“ Variante gerade mehr nach Adventure aussieht…
Achso: Es folgt T6: Schotterstrecke, beginnend am Funkmast. Mir gefällt das Stück nicht, obwohl ich nicht sagen kann, wieso. Vielleicht, weil es heute so viel Offroad ist? Dieser Teil hat auf jeden Fall viel losen Schotter mit Steigungen. Alles, was der TKC70 nicht mag. Egal, es endet auf der Strasse, kurz vor dem vermeintlichen Ende.
Das Problem: Die Leute vom ACT treiben zum Schluss immer Unfug. Wenn du denkst, jetzt hast du es geschafft, zaubern sie aus irgendeinem Schrebergarten noch ein Tomatenbeet her, nur um zu zeigen, dass es neben der Strasse noch mehr Offroad-Alternativen gibt. Also: T7
T7 führt nochmal kurz vor Sucuraj runter zur Nordseite der Insel, ist aber wirklich nur sehr kurz und der typische Gag der ACT-Leute.
Dann erreiche ich endlich Sucuraj und fahre durch den kleinen Ort an der Ostseite von Hvar, zum Hafen und weiter bis ans äusserste Ende der Insel. Die Etappe heute habe ich ihn gut fünf Stunden geschafft.
Vor mir thront der Leuchtturm, den ich von Bildern kenne. Dies ist das offizielle Ende des ACT Kroatien. Ich stelle die Tenere ab und schaue mich um. Kein Mensch weit und breit. Ich bin völlig allein. Auch andere Motorradfahrer sind keine da. Den ganzen Tag lang habe ich niemanden auf dem Motorrad getroffen. Ich hätte erwartet, das ich hier den einen oder andern jubelnden Fahrer treffe, aber nichts ist. Nur Stille, der Leuchtturm und das Rauschen der Wellen der Adria.
Ich bin hier heute tatsächlich allein. Keine Kollegen auf dem ACT. Und: Keine Spinnen! Alle Sorgen unbegründet.
Ich gehe rechts runter ans Meer und schaue aufs Wasser. Was für ein Gefühl. Ich bin nicht in der Lage das zu beschreiben. Wie soll ich das in Worte fassen?
Fünf Tage, solo. Teils sehr anspruchsvolle Offroad-Pisten. Teilstücke, bei denen ich auf meinen Sturz gewettet hatte. Kein Unfall, kein Umfaller, keine Verletzungen. Dafür unendlich schöne Landschaften abseits aller Touristenrouten. Einsame Wälder, und unglaubliche Aussichten auf das blaue Meer und die Bergwelt Kroatiens. Ein Abschlusstag mit traumhafter Kulisse vom Morgen bis zum Nachmittag.
Niemand ist in der Lage, das mit Geld aufzuwiegen. Keine Minute, keine Stunde, keinen Meter davon möchte ich missen. Das Gefühl, wieder einen ACT absolviert zu haben, ist einfach toll.
Vielleicht geht es nur mir so, aber ich bin ein Fan des Konzepts. Nicht, weil es besonders herausfordernd ist (obwohl es das partiell ist…) sondern weil es so schön ist.
Ich sitze da und kann mein Glück nicht fassen.
Darf man sein Glück herausfordern und abermals ein Privatzimmer buchen? Ich bin so frei und buche mir ein Zimmer am westlichen Rand von Sucuraj, da wo die Strasse den Rechtsknick macht.
Das Haus ist abermals ein Volltreffer. Leider kann ich den Namen des überaus netten Vermieters weder verstehen, noch behalten. Er präsentiert mir wieder ein Apartment wie ich es mag: Einfach aber sauber und mit allem was man braucht.
Als ich am späten Nachmittag meine Klamotten sortiere und glückselig auf der Terrasse sitze, kommt er dazu und balanciert ein Tablett. Darauf sind getrocknete Feigen aus dem eigenen Garten und ein selbst gebrannter Schnaps.
Er beruhigt mich noch beim Eingiessen, dass es nicht so schlimm ist, wie es ausschaut. Er macht das Zeug selbst und legt Wert auf die milde Variante. Ich weiss nicht, was drin ist und schmecke das auch nicht heraus, aber der klare Brand geht vollkommen in Ordnung. Zudem finde ich es wirklich sehr nett, dass wir uns in seinem Garten unterhalten können. Er spricht etwas deutsch, aber noch besser englisch, weil er einige Jahre in den USA gearbeitet hat.
Wir sprechen lange über die Geschichte von Hvar, den Kroatienkrieg und die Lage heute. Wie so häufig versteht keiner von uns beiden, was in den kranken Hirnen der Politiker vorgeht.
Er meint, seit dem Kroatien im Januar 2023 den Euro bekommen hat, sei alles unfassbar teuer geworden, ausserdem kommen deutlich weniger Touristen. Tja, die Geister die ich rief…
Als es dämmert, mache ich mich auf den Weg zum Hafen. Da gibt es das Restaurant „Fortica“. Das wird vom ACT empfohlen und ich zweifle das nicht an.
Die Kurzversion: Die Empfehlung ist berechtigt.
Als ich mit meinem Tisch, dem sehr leckeren Essen und einem Getränk beschäftigt bin, fällt mir Mario ein. Wo ist der eigentlich geblieben und wieso habe ich nichts mehr von ihm gehört?
Da wir unsere Kontaktdaten ausgetauscht haben, klärt sich das Rätsel auf die unangenehme Art:
Mario hat sich auch an Tag 4 die ganz wilde Variante ausgesucht. Als ich gestern schon auf dem Weg zur Fähre war, ist er auf einem wirklich üblen Offroad-Stück in den Bergen nahe der bosnischen Grenze gestürzt. Dabei hat sich nicht nur sein Motorrad weh getan (Ölverlust), sondern auch er selbst und zwar so schlimm, dass eine Weiterfahrt nicht möglich war.
Da sass er dann bis Hilfe in Form zweier weiterer Motorradfahrer kam. Die beiden haben die Rettungskette organisiert, was jetzt kein blöder Spruch ist, um die Lage zu dramatisieren.
Das nächste Foto von Mario war „sein Helikopter“. Er wurde dann mit dem Rettungshubschrauber nach Split ins Krankenhaus geflogen. Das erklärt auch das Luftbild von gestern, das aus einer Höhe fotografiert wurde, die ich einer Drohne nicht ohne Weiteres zugetraut hatte.
Wenn du dich nun fragst, was eigentlich mit einem havarierten Motorrad passiert, das ohne seinen Fahrer abseits aller Wege in den Bergen zwischen Kroatien und Bosnien verunfallt ist:
Da kommt jemand mit einem Quad und Anhänger hinaufgefahren um die Trümmer zu bergen. Im Sommer liegen hier immer wieder havarierte Motorräder. Auf dem Anhänger steht übrigens auch eine BMW GS mit Kupplungsschaden.
Das alles passiert in einem Gebiet, das immer noch nicht vollständig von den Minen aus dem Krieg Anfang der neunziger Jahre geräumt ist.
Im Krankenhaus haben sie Mario dringend gebeten, seine Retter anzurufen. Sie sollen sich auf keinen Fall weiter bewegen und auf Hilfe warten. Die Idee ist gut, aber da oben gibt es keinen Handyempfang.
Jetzt frage ich mich nur: Ist es das wert?
Ich mag das Konzept des ACT und bin immer wieder begeistert, welch schöne Routen die Organisatoren scouten. Aber ich habe auch ein paar Kritikpunkte. Das, was Mario da oben abgefahren ist, hat mit Spass nichts mehr zu tun. Er hat sich dort das Schlüsselbein und drei Rippen gebrochen.
Wenn du so weit bist, dass Mensch und Material Schaden nehmen, ist in meinen Augen eine Grenze überschritten. Das muss natürlich jeder selbst entscheiden und es ist nur meine Meinung.
Letztes Jahr in Italien war das schon so, auch wenn der Grund dafür ein Routingfehler war, der nicht bei uns lag. Die Schwierigkeiten, in die wir da geraten sind, waren schon grenzwertig.
Was soll ich sagen? Mir gefällt meine Version besser. Ich bin den kompletten ACT Kroatien solo gefahren. Auch wenn ich an Tag 3 und 4 die weniger harten Versionen gewählt habe, ist es wahrscheinlich der Grund, wieso ich es so genossen habe.
Mir tut Mario leid und es wäre einfach schön gewesen, wenn wir gemeinsam den Leuchtturm von Sucuraj erreicht hätten. Es sollte wohl nicht sein.
Ich sitze nun da im Restaurant Fortica, bin einfach nur glücklich und schaue zufrieden auf das plätschernde Wasser vor mir im Hafenbecken. Schicksal.
Morgen geht es weiter, nach Bosnien…




























































































































































































































































