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Georgien 2019

Kaukasus Tour 2019

Prolog

Teil 1: Türkei

Teil 2: Georgien & Armenien (dieser Teil)

Teil 3: Azerbaijan

Teil 4: Russland & Ukraine

 

Wir fahren im Nordosten der Türkei, direkt an der Schwarzmeerküste, in die ehemalige russische Teilrepublik Georgien, die heute ein Kaukasusstaat mit nur gut dreieinhalb Millionen Einwohnern ist. Der Grenzübergang ist etwas anders als die anderen, die uns auf der bisherigen Route unter die Räder gekommen sind: Er liegt am Meer, aber das war es dann auch schon. Ich habe ein Problem mit Grenzen, genauer gesagt mit Grenzbeamten.

Mit Menschen, die auserwählt werden, an einer Landesgrenze ihren Dienst zu tun, passiert etwas: Ich denke, sie transformieren.

Was da genau passiert, kann ich nicht erklären, aber es muss eine Kombination aus psychischer und physischer Transformation sein. Aus dem kleinen Igor, der gestern noch fröhlich mit anderen Kindern Fussball gespielt hat, wird in einem mehrjährigen Umwandlungsprozess das Wesen von einem anderen Planten. Aus Ludmilla wird Olga und beide halten es am Ende des Transformationsprozesses für die höchste Stufe der Evolution, wenn sie als Beamte, ausgestattet mit Mütze und Uniform, Reisende schikanieren können.

Das ist hier am Übergang von der Türkei nach Georgien nicht anders und es macht auch keinen Unterschied, dass die Sonne scheint und wenige Meter neben uns das Schwarze Meer rauscht. Was gestern noch als Junge von nebenan mit Freunden herumtollte, ist heute die Reinkaranation von Josef Stalin (der tatsächlich Georgier war…)

Dabei habe ich nichts gegen die Türkei oder Georgien, im Gegenteil: Ich freue mich sehr auf den Kaukasusstaat, aber ich mag einfach keine Grenzen, weil sie einem die Zeit stehlen und die Beamten dort ihre Prozesse nicht im Griff haben, da sind (fast) alle Grenzen gleich (ausser in Deutschland, da gibt es gar keine Regeln mehr).

Theoretisch könnten wir den Übergang passieren, in dem wir unsere Pässe vorlegen, ausgestempelt werden und mitsamt unseren registrierten und de-registrierten Motorrädern das Land wieder verlassen. Das wäre dann aber ein Vorgang der nur uns Spass bereiten würde und zudem ohne sinnlose Zeitverschwendung vonstatten geht. Genau dafür gibt es in jedem Land ein paar Igors und Olgas (die hier jetzt natürlich türkische Namen haben…)

Wir stehen in der sengenden Sonne in einer langen Schlange und warten darauf, dass etwas passiert. Das ist in Motorradkleidung jetzt nicht so angenehm, denn bei 36 Grad im Schatten in der sengenden Sonne zu stehen, lässt uns ziemlich schwitzen. Also lassen wir die Motorräder zwischen den Fahrzeugen zurück und suchen etwas Milde im Schatten eines Grenzgebäudes.

Neben uns stehen zwei Motorräder mit spanischen Kennzeichen und wir treffen die Besatzungen in Form zweier Paare dann ebenfalls im Schatten. Die einen sind auf dem Weg nach Kirgisistan (und ich bin wirklich höllisch neidisch!), die anderen beiden haben eine ähnliche Route wie wir und besuchen Georgien. Während Paar Nummer eins ebenfalls auf einer bepackten luftgekühlten 1200er GS unterwegs ist, fährt Paar Nummer zwei ohne sichtbare Koffer oder Taschen auf einer 1290er KTM. Wie die beiden letzteren das machen, ist mit ein Rätsel und mein Spanisch ist noch nicht gut genug, um das Geheimnis zu lüften. Ich erfahre, dass sie in der Nähe von Malaga wohnen, also weniger als eine Stunde von mir entfernt, aber wo ihre Sachen sind, verstehe ich nicht. Er will mir allen Ernstes erklären, sie fahren von der Costa del Sol bis nach Georgien ohne Seitenkoffer oder Taschen. Nicht mal eine Gepäckrolle haben die mit, zu zweit, mit Frau, unfassbar! Und ich dachte immer schon, meine Frau wäre motorradkompatibel…

Wir verkürzen die Wartezeit dann mit netten Unterhaltungen und ich lerne neue Vokabeln. Soweit hat die Trödelei dann auch etwas Gutes. Gerade eben fahren wir dann von der türkischen Kontrolle weg, versuchen den Unsinn mit der Zeitverschwendung zu vergessen, da kommt auch schon der nächste Posten in Form der georgischen Grenze. Und wie es der Teufel so will: Immer wenn du dich gedanklich auf das nächste Ungemach eingestellt hast, kommt alles ganz anders.

Offenbar haben die Georgier es verpasst, ihre Grenzer in einem Gulag zu schleifen und zu transformieren. Irgendetwas stimmt hier nicht, denn ich fahre an den nächsten Glaskasten, lege Pass, Fahrzeugschein und Versicherungsformular vor, der Mensch darin schaut mich freundlich an, stempelt, gibt mir alles zurück und winkt mich mit einem Grinsen im Gesicht und dem netten Hinweis auf die Notwendigkeit einer georgischen Fahrzeugversicherung weiter.

Inklusive Einreihen in die georgische Schlange bin ich hier in fünf Minuten abgefertigt und stehe jetzt fassungslos im nächsten fremden Land. Die Pflichtversicherung hatte ich schon zuhause in Deutschland per Internet erledigt (Falls du das brauchst, die gibts hier). Wir müssen nur noch etwas Bargeld in einer der vielen Wechselstuben direkt an der Grenze tauschen und schon kann es weitergehen nach Batumi, unserem heutigen Tagesziel.

Durch Batumi zu fahren macht jedoch keinen Spass! Die Hauptstrasse ist völlig überfüllt und jeder Autofahrer fährt so, wie er gerade meint. Verkehrsregeln scheint es nicht zu geben. Man wählt die „Spur“ die Platz bietet und von der man sich ein schnelles (schnelles!!!) Fortkommen erhofft. Ob sich auf dieser Spur Motorräder befinden, spielt eine untergeordnete Rolle. Notfalls wird man einfach abgedrängt.

Wir sind etwas empfindlich und versuchen unser Glück auf einem grösseren (und hoffentlich sicheren) Bogen um Batumi. Dies führt uns am Stadtrand entlang, mit Industriegebieten und Baustellen. Wobei „Baustellen“ ein wohlwollender Begriff für kaputte Strassen ist und ich davon ausgehe, dass sie diese irgendwann mal reparieren. Vielleicht… irgendwann mal… eventuell…

Mag sein, dass die Innenstadt von Batumi sogar schön ist? Vielleicht haben sie die Seeseite gut gemacht, aber ich kann dazu nichts sagen. Wir haben es einfach nicht bis dahin geschafft und fahren frustriert weiter in Richtung Poti. Vielleicht haben wir dort mehr Glück?

Die Menge an Rummel, Müll und Schrott direkt neben der Strasse ist schon mal bedenklich, und unterschreitet selten sieben Gretas. Dagegen sind alte, verfallene Herrschaftshäuser aus der Sowjetzeit direkt romantisch.

Immerhin kann ich in Georgien – im Gegensatz zur Türkei – wieder Booking nach Hotels befragen. Das Suchergebnis für Poti selbst ist allerdings ernüchternd und ich denke, Georgien verlangt von uns etwas Flexibilität. Die gut bewerteten Häuser sind eher südlich von Poti im Wald und nahe am Schwarzen Meer zu finden. Nach einer etwas entspannteren Landstrassenfahrt bis Poti (jedenfalls im Vergleich zu dem Chaos in Batumi) erreichen wir dann die nächste Küstenstadt.

Auf Wunsch eines einzelnen Herrn muss ich mitten in Poti suchen und Alternativen am Ortsrand werden nicht akzeptiert: Da ist ja nichts los…“

Das in der Innenstadt von Poti heute der Bär steppt, denke ich nicht, aber im Sinne eines friedlichen Konsens will ich es versuchen. Also fahren wir mitten in den Ort und finden das erste Hotel, ich glaube es hatte irgendwas mit „Anker“ im Namen. Da nur mir von uns beiden die englische Sprache geläufig ist, muss ich das Haus checken. Die wirklich nicht unterernährte Dame unten am Empfang zeigt mir ein schäbiges Doppelzimmer im vierten Stock, den sie mangels Aufzug unter deutlicher Transpiration erklimmt. Es gibt nach ihrer Aussage auch kein Restaurant in der Nähe, keine Bar, keine Kneipe und auch im Hotel selbst gibt es nichts zu trinken und nichts zu essen. Meine Begeisterung hält sich daher in Grenzen.

Irgendwie müssen wir unsere Zimmerwahl optimieren. Mir fällt es schwer, ein Dutzend Pflichtpunkte bei der Hotelsuche in Vorderasien einzuhalten und gleichzeitig Personal zu finden, welches eine meiner Sprachen spricht.

Das Anforderungsprofil lautet: „Zentral gelegen, in der Stadt, schön, mit Restaurant, und Bar, und Bier, und Frühstück dabei, sauber bitte, aber nicht so teuer. Und frag nach, ob sie EC-Karte nehmen!“

Allerdings bin ich nach einem langen Tag, zeitraubendem Grenzübertritt und Affenhitze nicht mehr motiviert, ziellos durch eine Innenstadt zu fahren und Zimmer auf Etage vier ohne Aufzug zu begutachten. Ich boote meinen mobilen Hotspot mit georgischem Internetzugang und schlage vor, dass erstbeste Haus von Booking im Wald zu beziehen. So machen wir es dann auch.

Das „Erstbeste“ erweist sich als Plattenbau mit acht Stockwerken. Die Rezeption führt ein Inder (er spricht etwas Englisch mit starkem indischem Akzent) und er schlägt uns zwei Zimmer vor: Eines im dritten Stock, eines im vierten Stock, was mich etwas verwundert, denn draussen auf dem Hotelparkplatz steht nur ein einzelnes Auto. Gleichzeitig ist er sich nicht sicher, ob er die richtigen Schlüssel ausgesucht hat und mischt sein Wahl zwischen etwa sechs Exemplaren mehrmals wieder auf der Theke durch.

Während er über seinen Haufen Zimmerschlüssel rätselt, kommt auf einmal eine überraschend junge Asiatin dazu. Sie sass eben noch gelangweilt auf einer Couch an der Rezeption und spielte teilnahmslos mit ihrem Smartphone, entpuppt sich dann aber offenbar als Chefin. Zumindest steht sie scheinbar deutlich über dem Mittvierziger an der Rezeption und macht ihm sehr, sehr klare Ansagen auf Englisch. Das läuft etwa so ab:

Er: Dree-fortin?

Sie: No no, take three-fifteen!!

Er: Dree-fifdien not good, is – ähm – not reddi.

Sie: Hmm, Three-twenty then. Give Three-twenty!

Er: Dree-twendie no key, door glose.

Sie: Three-twenty is last room on third, so go and look for the key!!!

Ich wundere mich derweil immer noch, wieso wir in einem leeren Hotel Zimmer in unterschiedlichen Etagen erhalten und wieso auf einer Etage mit mindestens zwanzig Zimmern nur eins oder zwei beziehbar sind? So genau will ich es aber gar nicht wissen.

Die Zimmer, die wir erhalten erscheinen zunächst mal ganz ok, mit breiten Bodenfliesen und einem eher grosszügigen Bad. Oben im achten Stock soll es zudem ein Restaurant und eine Bar geben und wir vereinbaren, uns schnellstmöglich dort zu treffen. Restaurant und Bar sind im gleichen Raum und zwei georgische Damen gehobenen Alters sitzen in einer Ecke und schauen irgendeine Daily-Soap. Sie scheinen aber ganz glücklich mit der Aussicht einer Abwechslung, in Form von zwei männlichen Gästen (wenn auch ebenfalls nicht mehr ganz so jung…)

Wir ordern zwei Bier (in dem wir einfach auf die verlockend aussehenden Flaschen hinter der Glastür des Kühlschranks deuten) und erhalten auch umgehend herrlich kalte Exemplare. Das war vor ein paar Tagen in der Türkei durchaus noch eine Herausforderung. Dann verschwinden die beiden Damen in der Küche und beginnen damit, deutlich hörbar mit Metall zu hantieren. Das Artikulieren von Speisewünschen gelingt uns nicht, aber ich bin zuversichtlich, dass wir schon irgendetwas Essbares erhalten werden. Jedenfalls kann der Krach nur bedeuten, dass die beiden A: renovieren oder B: kochen!

Auf der Dachterrasse („Rooftop“ lass ich jetzt mal weg…) lassen wir dann bei weiteren kühlen, sehr erfrischenden Bierchen und einem tatsächlich ganz guten Abendessen den Tag ausklingen. Der Ärger mit der nervigen Hotelsucherei in Poti ist verflogen und ich bin ganz froh, nicht alleine zu fahren. Das man sich am Abend über den Tag austauschen kann ist definitiv die gute Seite, wenn man nicht alleine unterwegs ist.

Das Einzige, was ich heute noch arbeitstechnisch hinbekomme, ist die Karte auszubreiten und die Route für den nächsten Tag zu besprechen. Jörn hatte Mestia (das liegt in Svantien) geplant und wir diskutieren noch, ob wir die Strasse dann weiterfahren, was laut Karte eventuell überhaupt nicht möglich ist oder in Mestia umkehren und den Weg wieder zurückfahren, was mir eigentlich widerstrebt. Letztendlich packen wir Karten und Pläne dann ein und lassen es auf uns zukommen.

Es ist übrigens ein wirklich fantastisches Gefühl, eine Route zu fahren, von der du nicht einmal weisst ob sie existiert, ob sie befahrbar ist, ob die eingezeichnete Strasse überhaupt je gebaut wurde. Mir bedeutet es viel, am Morgen loszufahren und nicht zu wissen, was der Tag bringen wird und wo man am Abend landet. Genau das ist es, was diese Art zu reisen ausmacht!

Am Morgen wache ich ziemlich früh auf und mache mich nach einer schönen kalten Dusche auf in den achten Stock zum Frühstück. Die beiden alten Damen sind wieder da (vielleicht auch „immer noch“, ihrer Kleidung nach zu urteilen…) und fahren ein breites Buffet auf. Es gibt jedenfalls mehr als wir essen können (bzw. als ich essen will).

Dann will ich meine Sachen vom Zimmer zusammensuchen und aufs Motorrad packen. Als ich den Helm in die Hand nehme, läuft mir eine Ameise auf die Hand und ich schnippe das Tier auf den Boden. Dafür kommt aber gleich die Kollegin und krabbelt ebenfalls auf meine Hand. Ich lege den Helm aufs Bett und schaue sicherheitshalber mal hinein: Überall im Helm und hinter dem Schaumstoff krabbeln Ameisen herum, was für eine Sauerei! Okay, seit zwei Wochen fahren wir schon bei Bullenhitze durch die Gegend, aber warum beschlagnahmen die ausgerechnet meinen Helm? Und wie zum Teufel kommen die Biester überhaupt bis in den dritten Stock?

Ich zerlege erstmal alles und versuche eine grobe Reinigung, befürchte aber gleichzeitig, dass sich welche im Zwischenraum für die Sonnenblende einquartiert haben. Vorsichtshalber warne ich Jörn, damit er sich nicht wundert, wenn ich während der Fahrt wie ein Verrückter mit der Hand auf meinen Helm schlage.

Heute geht es in Richtung Nordosten, in die Svaneti-Region im Nordkaukasus. Über Sugdidi und Dschwari fahren wir durch eher flaches Gelände und wundern uns: Wo ist denn der Kaukasus hin?

Immerhin sollte es hier hohe Berge geben und der Elbrus ist sogar über 5.600 Meter hoch. Stattdessen umfahren wir auf zunächst flachen Dorfstrassen nur Unmengen an Kühen.

Die stehen da überall rum, und wenn kein Rindvieh den Verkehr behindert, sind es Pferde, Ziegen, Schafe oder Schlaglöcher. Die Strassen sind übrigens in einem wirklich schlechten Zustand (Durchschnitt 6 Kühnert, eine Einheit, die wir zuvor in der Türkei definiert hatten) und man freut sich schon, wenn es über mehrere Kilometer mal ohne Krater im Asphalt geht.

Was uns ebenfalls auffällt, sind die gelben Rohre am Strassenrand. Ganze Ortschaften sind mit den nicht sonderlich schönen, gelben Installationen „verziert“ und sie entpuppen sich als oberirdische Gasleitungen. Irgendwie hatten die Georgier keine Motivation, das Gestänge in der Erde zu verbuddeln. Schöner machen sie den Strassenrand aber nicht…

Ich hätte mir auch überlegt, ob ich das Gestänge unbedingt gelb streichen würde. Eine gedecktere Farbe wäre weniger auffällig. Verrückt, über was man sich so Gedanken macht…

Der Rest der Infrastruktur setzt den Zauber des Vortages fort. Wie soll ich es diplomatisch ausdrücken? Die Briten würden sagen: „There is always room for improvement!“ Die Fassaden sehen aus, als wäre Instandhaltung seit den frühen Siebzigern aus der Mode und ich fürchte, drinnen sieht es nicht besser aus.

Naja, ich habe zwar eine Werkzeugrolle im Gepäck, aber keine Zeit hier jetzt alles zu reparieren. Der Grossteil der Häuser würde bei Ebay den Zusatz „Für Bastler bestimmt kein Problem“ erhalten…

Als sich der Nebel später am Morgen verzieht, blicken wir doch noch auf Berge: Glück gehabt, der Kaukasus ist noch da! Was gerade als öde Dorfstrasse durch die Ebene führte, wird jetzt zu einer kurvigen Bergpassage, immerhin mit Asphalt, welcher den Namen auch verdient.

Und als wir dann die Gipfel des georgischen Nordwestens erreichen, beginnen auch endlich schöne Schluchten im wilden Gestein. Wir sind weg von der verbauten Küstenregion und wieder in verkehrsarmer, motorradfreundlicher Gegend.

Hier gefällt es uns und die wenigen Strassen und Brücken unterbrechen die ausgedehnte Natur, nicht umgekehrt.

An einer Stelle mit tollem Panorama treffen wir auf ein deutsches Vater-Sohn-Duo. Sie kommen (unüberhörbar) aus dem schönen Freiberg in Sachsen und freuen sich, dass endlich jemand Fotos von ihnen machen kann. Direkt nachdem ich die beiden ein paar Mal mit ihrem Smartphone ablichten musste, startet Sohnemann einen Monolog über meine viel zu schwere 1200er GS, gerade so, als wäre ich ein Fahranfänger der sich in einem schwachen Moment zum falschen Motorrad überreden liess.

„Oh, keine Ursache, die Fotos habe ich doch gern gemacht…“, denke ich noch. Statt einem kurzen „Danke“ ernte ich Belehrungen über meine Materialwahl.

Ich bin darüber kurz sprachlos und fühle mich inmitten eines Déjà-vu: War da nicht jemand auf meiner letztjährigen Tour in den französischen Seealpen?! Wieso will mich jeder bekehren auf ein anderes Motorrad umzusteigen? Dabei habe ich nicht um irgendwelche Empfehlungen gebeten. Er meint jedenfalls, mein Motorrad ist zu schwer für das, was jetzt kommt, sagts und steigt auf seine bepackte 1090 KTM Adventure…

Da geniesse ich lieber die Aussicht und den Weg in die Höhen des Svaneti Nationalparks. Wir wollen ja heute nach Mestia und, wenn alles klappt, noch weiter nach Ushguli, je nachdem ob die Strasse das hergibt (und ob es dort überhaupt eine Strasse gibt… und ob es mein Motorrad überhaupt schafft…)

Immerhin ist die Strecke zunächst noch 1200er-GS-kompatibel. Allerdings bin ich mir nicht bei jedem der Felsüberhänge sicher, ob unsere Helme einem Erdrutsch widerstehen würden?!

Wir geniessen jedenfalls die Auffahrt in den riesigen Nationalpark und halten immer wieder an wilden Flüssen, die Schmelzwasser aus den Bergen in Richtung Ebene transportieren.

Es ist überaus angenehm, den Städten und Orten der Schwarzmeerküste zu entfliehen und durch die Prärie zu fahren. Hier können wir uns auch endlich wieder in Ruhe an den Wegrand stellen, ausspannen und einfach nur in einen reissenden Fluss schauen.

Offensichtlich ist aber auch, dass die Strasse schlechter wird, je weiter man nach oben kommt und je mehr man sich von der Zivilisation der Küstenregion entfernt. Zudem ist es mittlerweile so menschenleer geworden, dass man immer wieder staunend in der Schönheit der Natur steht und den Augenblick geniesst.

Es sind jetzt noch 100 Kilometer bis Mestia und angesichts der Piste, die immer mehr von Asphalt in Schotter übergeht, mache ich mir Gedanken wie es weiter oben aussieht. Und von Mestia bis Ushguli sind es dann nochmal 50 Kilometer…

Die Strasse wird dann immer kleiner, führt einmal durch eine steile Schlucht, dann wieder über Schotterstücke, dann über einfache Brücken.

Es ist wohl ziemlich aufwändig, die Route in Richtung Mestia in Ordnung zu halten. Darauf deuten schon die vielen Baumaschinen hin, die am Strassenrand stehen und trotz ihres offensichtlichen Alters so gar nicht nach „ausgemustert“ aussehen.

Was diese Fahrzeuge übrigens an Russwolken ausstossen, würde Greta bestimmt hyperventilieren lassen. Angesichts des gesamtgeorgischen Fuhrparks  erscheint uns die bundesdeutsche Dieselhysterie geradezu grotesk.

Fahr mal mit dem Motorrad eine Bergaufpassage hinter so einem Ungetüm her: Dann glaubst du, der Pinatubo ist wieder ausgebrochen. Ich stelle mir vor, wir würden mit dem Fahrer das Thema Feinstaubbelastung besprechen. Vermutlich würde er uns professionelle ärztliche Hilfe empfehlen, oder einfach überfahren…

Naja, zurück zur Bergwelt, die später wieder ihrem Namen alle Ehre macht. Wir sind mittlerweile so hoch aufgestiegen, dass die schneebedeckten Gipfel die grössten Höhen des Nordkaukasus ankündigen, landschaftlich könnten das hier aber auch die Alpen sein.

Irgendwann kommen wir dann auch mal wieder an ein Strassenschild, das schon alleine durch die vielen Sticker am unteren Rand eines ganz klar signalisiert: Jungs fahren bis Mestia, Männer nach Ushguli!

In Mestia finden wir dann sogar eine Tankstelle am „Ortseingang“ und nutzen notwendigerweise die Gelegenheit um nachzufüllen. Jörn ist fast leer, ich habe dank des grossen Tanks noch etwas Reserve und könnte notfalls auch aushelfen.

Bei Mestia sehen wir auch die ersten Exemplare der berühmten Steintürme, für welche die Gegend des Nationalparks Svanetien so berühmt ist. Einige von ihnen sind 1000 Jahre alt und sie dienten früher gleichfalls als Wohngebäude und Verteidigungsanlage.

Es ist jetzt früher Nachmittag und in der Mitte des Dorfes gibt es einen Platz mit einem Restaurant und der Gelegenheit, mal etwas zu trinken, dass nicht nur nach klarem Wasser schmeckt.

Zudem müssen wir noch die weitere Route abstimmen, denn wir überlegen, ob man über Ushguli weiter bis nach Lentekhi fahren kann. Verlässliche Aussagen dazu konnte ich auch bei meiner Internetrecherche nicht finden. Wir wissen nur, dass es weiter durchs Hochgebirge gehen muss und es dann vielleicht eine Art Pfad geben könnte, aber selbst die Strecke nach Ushguli soll abenteuerlich sein.

Gerade als ich mein Motorrad vor einem kleinen Restaurant abstellen will, fährt direkt an mir ein Mädel mit einer weissen Royal-Enfield Himalayan vorbei. Ich wusste, dass „Noraly“ über Georgien fährt, aber das wir uns hier treffen, hatte ich nicht erwartet. Ich gebe kurz Jörn Bescheid, fahre hinterher und treffe sie dann auch wenige Meter weiter. Es ist aber gar nicht Noraly, sondern eine Britin aus London, etwa Anfang zwanzig, die völlig alleine auf einer dreimonatigen Tour bis zum Pamir ist. Mein ganzer Respekt ist ihr sicher! Sie fährt nur zufällig das gleiche Motorrad, hat Noraly aber vor ein paar Tagen getroffen. Wir unterhalten uns dann eine Weile, vor allem, da sie in der Gegenrichtung fährt und heute aus Lentekhi kommt, wirklich beeindruckend!

Sie berichtet mir, dass sie seit Sonnenaufgang unterwegs ist und jetzt ihre erste grosse Pause macht. Der Weg durch die Berge hier hoch wäre wirklich übelst, sie musste ihr Motorrad mehrmals wieder aus dem Matsch heben, was ihr dann nur gelungen ist, da irgendwann mal einen Italiener vorbeikam, der ihr mehrfach helfen musste. Jetzt ist sie ziemlich fertig und froh darüber, es ohne Schaden überstanden zu haben. Ausserdem zweifelt sie, ob wir es heute noch bis Lentekhi schaffen, sie selbst hat sieben Stunden für die Strecke gebraucht. Sieben! Stunden!

Nachdem ich ihr wirklich alles Gute wünsche, fahre ich sehr beeindruckt zurück zu Jörn und bespreche mit ihm den Plan für den Rest des Tages. Ich denke, wir sollten es zunächst bis Ushguli versuchen und einfach mal schauen, wie sich die Sache entwickelt. Denn bis hierher nach Mestia war meistens noch fahrbar. (Kunststück, es gab ja auch eine Art Strasse…)

So denn: Man kann ganz gut nach Mestia fahren, mit etwas Anstrengung und gutem Willen sogar bis Ushguli, das ist soweit auch korrekt. Das bedeutet aber nicht, dass es dann auch so weitergehen muss. (Spoiler: Tut es auch nicht!)

Direkt hinter Mestia ist dann Schluss mit der Strasse und es geht über eine Schotterpiste ins Nirgendwo, wobei die Schotterpiste sich mit Schlamm und Wasserfeldern abwechselt und der ganze Dreck sich über 50 Kilometer hinzieht.

Spannend wird es immer da, wo deutlich sichtbare Reste von Erdrutschen für Unbehagen sorgen und man durchs Geröll fahren muss, um Geröll zu umfahren.

Wie immer ist es etwas schwierig, den Zustand der Strecke mit Fotos passend wiederzugeben. Und es fällt uns nicht leicht, die Schönheit Svanetiens abseits der Piste zu würdigen, obwohl die Region es verdient hätte. Leider brauchen wir unsere Konzentration jedoch um nicht kopfüber im Dreck zu landen.

Die ganze Gegend wirkt seltsam verlassen. Viele Hausruinen zeugen von Zeiten, in denen die Menschen hier trotz aller Schwierigkeiten ein Zuhause hatten. Wenn man Medienberichten trauen kann, sollen es aber wieder mehr werden, da die Region sich bei Touristen zunehmender Beliebtheit erfreut.

Für uns ist es eher Abenteuer und wir sind immer froh, wenn wir ein Stück ohne Schäden an Mensch und Material hinter uns gebracht haben.

Beliebt ist auch Gegenverkehr in Form von Lastwagenungetümen aus russischer Produktion, vornehmlich an Stellen, an denen man wirklich keinen Gegenverkehr haben möchte.

Irgendwann kann ich dank Jörns kenntnisreichen Ausführungen dann sogar Kamaz-Lastwagen von SIL-LKW unterscheiden, was der Sache an sich keinen Abbruch tut: Wir flüchten vor allem, was uns frontal entgegenkommend den Angstschweiss auf die Stirn treibt, jedenfalls wenn es angesichts des schmalen Weges an den Berghängen überhaupt eine Fluchtmöglichkeit gibt.

Schweres Gerät zum Freiräumen der Piste steht hier übrigens überall rum und es sieht nicht so aus, als ob man das nur zum Spass bereithält.

Im Rückspiegel sehe ich Jörn derweil immer öfter im Kampf mit dem Untergrund. Die ganze Zeit schlingert er, mit seiner Maschine kämpfend, im nassen Schlamm von links nach rechts.

Wir stoppen an der nächsten Möglichkeit und ich rate ihm, nicht sitzen zu bleiben, stattdessen auf die Fussrasten zu steigen und den Blick nicht auf den Boden direkt vor ihm zu richten, sondern Punkte etwa 20 bis 50 Meter vor dem Motorrad zu fixieren, immer dem Weg entlang. Man hat dann einfach die bessere Kontrolle über die Maschine. Das will er aber nicht, auch nicht mit gutem Zureden. Und Motorrad fahren im Stehen sei überhaupt „viel zu anstrengend“. Na dann…

Hinzu kommt noch, dass seine Kette schlackert wie eine Fahne im Wind. In der Türkei hatte wir das schon thematisiert, aber Jörn meinte, das könne nicht sein, denn das Motorrad komme ja „frisch aus der Inspektion“. Meine Theorie, dass wir seit Deutschland über 4.000 Kilometer auf dem Tacho haben und Verschleiss nichts mit einer Inspektion im vergangenen Monat zu tun hat, zählt nicht. Ich bitte ihn einfach nur um die regelmässige Pflege des Materials, gerade weil seine Kette tendenziell wartungsintensiver ist als mein Kardan.

Aber abseits aller fahr- und materialtechnischen Probleme hat Svanetien hier echt was zu bieten. Jedenfalls wenn man vorhatte, der Zivilisation so weit es geht zu entfliehen. Und wenn du von der Zivilisation weg willst, bist du hier genau richtig.

Das die Verkehrswege hinter Mestia nur noch rudimentären Charakter bieten, haben wir gehört. Aber das es dann derart provisorisch daherkommt, ist für uns doch eine Überraschung. Ehrlich gesagt, so haben wir es uns eigentlich gewünscht: Ashpalttouren in den Dolomiten kann schliesslich jeder.

Ich freue mich abwechselnd über die Herausforderungen in Form von Schlammlöchern zwischen Wasserfurchen und Geröllhalden, dann wieder habe ich Sorge, dass wir mitsamt unseren schweren Maschinen gleich gemeinsam auf der Nase liegen.

Wir schaffen es trotzdem bis nach Ushguli und sind stolz. Zudem sehen wir noch mehr von den schönen alten Türmen, für die diese Gegend so berühmt ist. Ushguli ist eine der abgelegensten Bergregionen die man sich in Europa vorstellen kann. (Wobei man streiten kann, ob hier noch Europa oder schon Asien ist, je nach Definition)

Und ich bin ziemlich froh, dass auch Jörn es ohne Schaden bis hierher geschafft hat. Kein Gemecker, kein Fluchen, er fährt einfach weiter und nimmt die Situation so wahr, wie sie kommt. Das ist bestimmt nicht selbstverständlich und schon gar nicht, wenn man keine Erfahrung im schweren Gelände hat.

Dies ist normalerweise das Ende des Weges und viele sind schon froh, wenn sie es überhaupt bis hierher geschafft haben.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in meinem Leben einen noch einsameren und abgelegenen Ort besucht habe als Ushguli.

In Ushguli leben etwa 80 Familien und im Winter liegt für sechs Monate so viel Schnee, dass die Strecke nach Mestia nicht mehr passierbar ist.

In Ushguli stehen sehr viele der Wehrtürme aus dem Mittelalter und der Ort ist seit den Neunzigern Teil des UNESCO-Welterbes.

Hier, am Fusse des Schchara, dem mit 5200 Metern höchsten Berg Georgiens, fühlt man sich wirklich wie am Ende der Welt. Und wie in vielen Berichten beschrieben, versteckt sich der hohe Gipfel hinter Wolken.

Übernachtungstechnisch gibt Ushguli nicht viel her und das ist  sehr freundlich untertrieben. Wir haben somit nur zwei Möglichkeiten: Entweder zurück nach Mestia oder weiter nach Lentekhi. Die Lentekhi-Version würde uns theoretisch einen ganzen Fahrtag sparen. Theoretisch… möglicherweise…

Wir fahren dann noch ein paar Meter bis hinter Ushguli und schauen uns die Gegend an: Nichts! Gar nichts! Kein Mensch, kein Motorrad, kein Haus, keine Hütte, nichts! Nur sehr hohe, zugegeben wunderschöne Berge und ein Trampelpfad, gerade breit genug um es mit dem Motorrad zu probieren. Sollen wir diesen Weg wirklich fahren?

Mein Navi zeigt ein Ziel in siebzig Kilometern Entfernung. Siebzig Kilometer auf diesem Trampelpfad. Echt jetzt?

Jörn macht eine ausgedehnte Pause und überlegt. Zu meiner Verwunderung will er es versuchen. Ich akzeptiere, dass er im Gelände sitzend fahren will, glaube aber gleichzeitig, dass er sich damit keinen Gefallen tut. Umso beeindruckender ist seine Zuversicht, es zu probieren. Respekt!

Wir fahren also tatsächlich weg von Ushguli und weiter in Richtung Lentekhi und ich gebe ehrlich zu, dass auch ich meine Zweifel habe. Zuhause hatte ich versprochen, keine Risiken einzugehen und ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Versprechen gerade breche. Es ist nicht nur die haarsträubende Piste, es ist auch das Fehlen jeglicher menschlicher Struktur.

Einige Kilometer weiter, am Zagari-Pass schaue ich mich um und habe Sorge, ob wir uns hier vielleicht etwas zu weit aus dem Fenster lehnen?

So schön die Gegend hier auf zweieinhalbtausend Metern auch sein mag, einsamer geht es kaum und auf Hilfe brauchen wir wohl nicht hoffen. Was machen wir, wenn wir in Schwierigkeiten kommen?

Weniger Meter später fühle ich mich plötzlich ziemlich alleine. Kein Motorrad im Rückspiegel. Ich drehe um, fahre zurück (was hier oben eine echte Herausforderung ist) und finde Jörn neben seiner Maschine.

Immerhin ist ihm nichts passiert, aber seine Kette hat sich vom Ritzel verabschiedet und hängt nun neben dem Hinterrad. Wieso jetzt, wieso hier? Ich kann es nicht glauben, aber es nützt nichts: Werkzeug raus und reparieren, auf einem kaukasischen Bergpass hinter Ushguli in 2.600 Metern Höhe. Immerhin lerne ich den Antriebsstrang einer 800er GS kennen und bin froh, dass die Kette nicht gerissen ist. Für die Fixierung geben wir unser Bestes und versuchen dann die Weiterfahrt, die es in sich hat.

Einerseits fahren wir durch eine der einsamsten und schönsten Landschaften die ich je gesehen habe, andererseits sind wir auf einer brandgefährlichen Piste unterwegs und sollten besser nicht darauf hoffen, dass uns jemand rettet, wenn wir uns verletzen. Auf ein Mobilfunknetz musst du hier oben übrigens verzichten. (Insofern fühle mich mich wie auf deutschen Autobahnen…)

Es geht an steilen Abhängen vorbei und durch 180-Grad-Kehren. Dann in Schluchten und wieder hinauf über Schotter, nur um hinter einer hohen Kante wieder in ein dunkles, bewaldetes Tal zu stürzen. Von meinen bisher heissgeliebten Wasserdurchfahrten bekommen wir hier oben jedenfalls mehr als genug geboten.

In einem der Täler fahren wir wieder mal über kniehohe Wellen aus Schlamm, Geröll, Lehm und Wasser als Jörns 800er abermals Stress macht. Diesmal hat er den Eindruck, die Kette wäre zu stramm. Bevor uns das Ding auseinander reisst, packe ich lieber wieder das Werkzeug aus und versuche die Spannung korrekt zu justieren. Erfahrung habe ich damit nicht, es ist ja auch nicht meine Maschine und mit dem Spannen von Motorradketten hatte ich mich – Kardan sei dank – noch nicht so intensiv beschäftigt.

Dieses Spielchen wiederholt sich dann immer wieder: Entweder erscheint ihm die Spannung zu straff oder – wenige Meter später – wieder zu locker. Vorigen Monat, in Portugal habe ich die neue Tenere 700 bestellt und jetzt, hier in den Bergen von Nordgeorgien, bin ich am zweifeln, ob das so eine gute Entscheidung war. Ich verspreche mir selbst, ein ausführliches Studium der Kettenpflege nebst Justage sobald ich wieder daheim bin! So ein Theater will ich nicht auf einer zukünftigen Tour haben.

Zwischendurch machen wir dann immer öfter Pausen, denn auch körperlich schafft uns die Strecke. Das Jörn als überzeugter Nicht-Sportler überhaupt noch mithält, nehme ich staunend und mit ehrlichem Respekt zur Kenntnis!

Zwischendurch erhasche ich einen Blick auf die Ruinen von Koruldashi, was nicht wirklich ein Ort war. Es stehen nur noch die Grundmauern von sechs Gebäuden. Offenbar zogen es noch andere Menschen vor, hier nicht zu bleiben.

Bei einer der nächsten Kettenreparaturen höre ich dann fremde Motorgeräusche. Sollte sich tatsächlich noch jemand hierher verirren? Die Geräusche kommen näher, aus der gleichen Richtung aus der wir kamen. Ein paar Minuten später tauchen zwei leichte Hondas aus dem Gebüsch auf. Es sind Polen und sie fragen kurz, ob bei uns alles in Ordnung ist. Ich erkläre, wir hätten nur etwas Stress mit der Kette an der 800er, während sie dann erstaunt unsere beiden Maschinen begutachten: BMW 800 GS vollgepackt und, als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, dazu noch meine 1200er Adventure, beide mit Alukoffern.

Die beiden wechseln schnell ein paar Worte auf polnisch und machen sich dann in Windeseile aus dem Staub (Sorry, aus dem Schlamm!) Immerhin winkt einer der beiden noch kurz, während sie wieder unter den Bäumen verschwinden. Sie hatten wohl erhebliche Sorgen, uns alle 100 Meter aus dem Dreck ziehen zu müssen…

Diesmal versuche ich den Kettendurchhang nach Anleitung zu justieren. Lieber etwas länger arbeiten und einmal richtig, als ständige Neujustage. Zunächst scheint das zu klappen.

Mittlerweile lässt dann auch bei mir die Kondition nach. Wir sind jetzt seit etwa acht Stunden auf dem Motorrad unterwegs und diese Route verlangt uns alles ab. Ich kam bis jetzt in stehender Fahrt gut zurecht, habe aber vor allem Respekt in den Wasserfurchen, von denen es sehr lange und sehr viele gibt. Manchmal, wenn man den Weg erkennen kann und die Steine im Weg nicht die Grösse von Fussbällen haben, kann ich sogar in den zweiten Gang schalten. Aber nur um sofort wieder eine Felskante mit der Höhe einer Parkbank vor der Nase zu haben. Zu Fuss wäre ich schneller!

Von Ushguli bis nach Lentekhi sind es insgesamt 75 Kilometer und 55 davon sind auf schweren Reiseenduros, noch dazu voll bepackt, ein Alptraum. Aber es nützt nichts, wir müssen weiter, denn Umkehren ist keine Option mehr, zumal die Schatten der Bäume immer länger werden. Ich fürchte, in der Gegenrichtung kommen wir nicht mehr zurück nach Ushguli, denn zwischenzeitlich hat es auch angefangen zu regnen. Und dort, wo die Piste vorhin über Gräser und durchs Gebüsch führte, legen wir uns jetzt garantiert auf die Nase!

Mein einziger Hoffnungsschimmer ist die Aussicht auf ein ordentliches Gebäude mit festem Dach in Lentekhi am Abend, vorausgesetzt wir erreichen den Ort noch vor Sonnenuntergang und vorausgesetzt, das Haus existiert. Die Gewissheit darüber hatte ich schon vor ein paar Stunden aufgegeben, vor allem weil uns Jörns Kette heute viel Zeit kostet.

Aber irgendwann kommt immer das Gute zurück und so ist es dann auch heute: Als die Sonne schon untergeht, liegt hinter einem Bergvorsprung ein grosser Haufen Schotter und direkt daneben erkenne ich Asphalt.

Was für ein Glück. Man kann sich gar nicht vorstellen wie froh man über Asphalt sein kann. Richtiger Asphalt: Glatt, dunkel, eben, gerade. Keine Wasserfurchen, kein Schlamm, kein Geröll, dafür eine echte Strasse, Flüsse mit richtigen Brücken und die Chance, über den zweiten Gang hinaus hochzuschalten. Wahnsinn. Wir sind so glücklich, dass wir anhalten, jubeln und Fotos machen.

Zwanzig Kilometer weiter erreichen wir Lentekhi und ich finde auch recht schnell unsere Herberge, das „Hotel Svaneti“. Wir stellen die Motorräder ab und ich schaue vorsichtshalber erst mal, wie es drinnen so aussieht, in der Hoffnung, jetzt mal ein gescheites Haus zu erwischen.

Und so ist es dann auch: Das Hotel Svaneti ist genau das, was du an einem solchen Tag brauchst. Gott bin ich froh! Schon unten an der Rezeption weiss man, dass man sich hier sehr wohl fühlen wird.

Der Empfang ist nett, freundlich und die Damen sprechen sogar etwas englisch, das hilft enorm bei der Kommunikation.

Und zwei Zimmer sind auch noch frei. Ich zahle die 100 georgischen LEI für meines direkt bar, schon zur Sicherheit, damit ich hier heute garantiert nicht mehr weg muss. Das Haus ist top in Schuss, wunderschön renoviert, mit stilvoller Einrichtung, sauber, grosszügig. Es ist einfach nur fantastisch.

Zwischenzeitlich ist es acht Uhr am Abend und noch unten im Erdgeschoss ziehe ich meine Stiefel aus. Wir sehen wirklich aus wie die Schweine und haben eine Dusche dringend nötig, inklusive einer Komplettreinigung für unsere Motorradsachen. Die Damen an der Rezeption machen gleichzeitig nicht den Eindruck, sie würden sich über völlig verdreckte Motorradreisende am Ende der Welt und ihrer Kräfte wundern.

Ich brauche fast eine Stunde um mich und meine Sachen einigermassen in Ordnung zu bringen und treffe mich dann unten im Hotelrestaurant mit Jörn. Wir trinken ein mehr als verdientes Bier und bestellen in der offenen Küche direkt nebenan sehr gut duftende, und ebenso lecker schmeckende Dinge vom Grill.

Kurz nach uns spazieren die beiden Polen herein und sehen auch nicht viel besser aus. Nachdem sie das Staunen über unsere Anwesenheit überwunden haben, erzählen sie mir, dass es sich um eine grössere Gruppe handelt, die gemeinsam in Ushguli aufgebrochen war. Jetzt hoffen sie, dass der Rest es auch noch bis hierher schafft. Etwa zwei Stunden später trudelt dieser Rest dann tatsächlich ein und sammelt am Nebentisch die Schadensmeldungen.

Ich bin überglücklich, es ohne Unfall und Materialschaden geschafft zu haben. Unsere beiden Maschinen sind heil und es ist eigentlich unfassbar. Rückblickend rate ich davon ab, diese Route mit mehr als 200 Kilogramm Motorrad plus Reisegepäck zu machen. Klar, es geht, aber das hier war die Grenze dessen, was ich noch fahren kann. Ich bin wahrlich kein Profi, sondern nur Freizeitfahrer, aber ich habe ernsthaft, lange und viel geübt, habe unter professioneller Anleitung zwei Tage zum Training in Hechlingen absolviert und bin in Albanien auch die Theth-Runde gefahren, habe in den letzten vier Jahren etwa 80.000 Kilometer auf der GS gefahren, erlaube mir daher ein objektives Urteil: Wenn du nicht wirklich fit bist und dein Motorrad liebst, dann lass es. Dagegen ist die Theth-Runde ein Kindergeburtstag!

Andererseits: Die besten Zeiten sind die, in denen du merkst, dass das Meistern einer solchen Herausforderung dich wachsen lässt. Und je grösser die Aufgabe, desto mehr Endorphine verspürst du, wenn du es dann geschafft hast. Für mich ist das unbeschreiblich!

Heute Abend sitze ich zufrieden am Tisch im Hotelrestaurant, schaue bei einem Bierchen an die Natursteinwand und denke an die Anstrengungen des Tages, den Dreck, Steine, Nässe, Schlamm. Was für ein Irrsinn. Ich könnte ganz gemütlich bei 30 Grad am andalusischen Pool liegen und den Sonnenuntergang geniessen. Aber nein, stattdessen muss der Herr ja mit Anfang fünfzig seine Frau alleine lassen und seine Gesundheit auf kaukasischen Pfaden in der Wildnis des Nordkaukasus aufs Spiel setzen…

(Ja, genau das muss er, und es ist einfach unbeschreiblich. Und so sehr ich meine Frau vermisse, so intensiv erlebe ich jede Minute eines solchen Tages und ich bin wirklich dankbar für dieses unglaubliche Privileg!)

Eigentlich will ich jetzt nur schlafen, aber heute Abend muss ich mich noch um ein paar Kundenprobleme kümmern. Das überraschend gute Hotel-WLAN unterstützt mich bis weit nach Mitternacht und ich bekomme wenigstens die dringendsten Arbeiten erledigt. Während ich die letzten Emails absetze bin ich froh, dass die Empfänger nicht den Absendeort sehen, das ist so schwierig zu erklären…

Ich schlafe dann wie ein Stein und wir versprechen uns am nächsten Morgen beim Frühstück, keine weiteren Experimente in dieser Form zu machen. (Unglaublich, wie man sich täuschen kann!) Es reicht uns jetzt einfach und wir wollen ohne Schäden wieder in Deutschland ankommen, denn wir haben noch ein immenses Restprogramm vor uns und nicht einmal die Hälfte der gesamten Strecke geschafft.

Wir bepacken wieder unsere BMWs und wollen heute in den Süden von Georgien. Auf dem Hof vor dem Hotel stehen derweil die Maschinen der polnischen Gruppe und da ist auch nicht mehr jedes Teil dort, wo es eigentlich hingehört. Immerhin sind wir schon wieder auf unseren Motorrädern, während deren gesamte Mannschaft noch in den Betten liegt.

Von Lentekhi geht es am Morgen dann nach Alpana und das ist mal wieder eine wirklich schöne Strecke.

Sie führt uns an Flüssen entlang und durch weitere Schluchten, diesmal aber über richtige Strassen und auf topfebenem Asphalt.

Immer wieder fahren wir über Pässen, die sagenhafte Ausblicke bieten und in unserer deutschen Heimat wahrscheinlich jedem Motorradfahrer bekannt wären.

Hier gehören sie zu ganz selbstverständlichen Routen durch die Wildnis. Nur ab und zu sehen wir in der Ferne die eine oder andere Stadt, denn meistens geniessen wir die vielen Serpentinenstrecken ohne Verkehr.

Über seltsam daherkommende Schrotthaufen am Strassenrand wundern wir uns irgendwann genauso wenig, wie über Kühe, Pferde und Ziegen im Weg. Einmal sehen wir ein Auto, das wohl mit einem der vielen Felsblöcke auf der Strasse kollidiert ist. Die völlig ramponierte Felge liegt jetzt als Stütze unter dem Wagen, während es dem Fahrer die komplette vordere Aufhängung zerlegt hat. Es würde mich nicht wundern, wenn er uns in zwanzig Kilometern mit einer Antriebswelle unter dem Arm entgegenkommt…

Wir fahren vorbei an Wasserläufen und einem kleinen Stausee in südlicher Richtung.

Die Georgier haben in Sachen Verkehrsführung jedenfalls immer wieder kreative Ideen und diese müssen dann wenigstens als Fotomotiv herhalten.

In Alpana fahren wir eine wundervoll glatte Strasse zunächst weiter Richtung Tqibuli.

Aber dann entscheiden wir uns anders, drehen um und wollen die kürzere Strecke über Tvishi bis in die nächste grössere Stadt nach Kutaissi fahren. Der Grund dafür ist das heutige Tagesprogramm, welches noch recht lang ist. Ich schlage vor, wir kürzen ab und sparen heute etwas Zeit. Was für ein Fehler. Mein Fehler!

Ich habe vor der Tour alle relevanten Karten besorgt und dazu die von Reise-Know-how gewählt. Und genau die Karte „Caucasus“ zeigt mir hier eine gelbe Landstrasse. Blöderweise ist die Information falsch. Die Strasse endet kurz hinter Alpana und besteht dann nur noch aus Asphaltresten mit Schlaglöchern. Google Maps hätte uns gewarnt.

Mir ist das ziemlich unangenehm, denn diese fixe Idee beschert uns ohne Not die nächsten Schwierigkeiten. Aber was soll ich machen? Hier kann ich mich nur auf die Informationen in der Karte verlassen und die sind jetzt leider falsch.

Und was denkt man in solchen Momenten? Natürlich: Es kann sich nur um ein kleines Stückchen schlechter Strasse handeln. Gleich, direkt hinter der nächsten Kurve wird alles wieder gut und die Strasse ist zurück. Naja, oder hinter der zweiten Kurve. Oder eben hinter der Übernächsten?

Tatsächlich ist es zum Verzweifeln. Statt besser, wird es noch viel schlimmer!

Irgendwann liegen sogar Felsbrocken im Weg und ich hätte mich auch nicht gewundert, wenn wir am Ende in einer Sackgasse mit Steinbruch und Häftlingen in Ketten geendet wären. Immerhin durchfahren wir an einem Fluss dann ein Gebiet mit Holzhütten und ich sehe einen Mann, etwa Ende zwanzig.

Ich frage nach, wie lange dieses Desaster noch so weitergeht (Ich will ihn nicht beleidigen und versuche es mit etwas Diplomatie…) Seine Antwort treibt mir das Entsetzen ins Gesicht: Noch dreissig Kilometer!

Womit haben wir das verdient? Ich habe gestern alles aufgegessen, ehrlich! Ebenso Jörn, ich kann es bezeugen. Und auch alle Getränke haben wir bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken, daran kann es nicht liegen. Vielleicht sind die Strassen in Georgien einfach nur echt schlecht?! (Ja, sind sie!)

Wir stehen irgendwann fassungslos am Berghang neben grossen Steinen, die der Schwerkraft zum Opfer fielen. Die „Strasse“ unter uns soll eine Hauptroute sein, bei uns würde man „Bundesstrasse“ sagen, aber in Georgien kommen Bundesstrassen auch mal rustikal daher. Es wundert uns jetzt nicht, dass das letzte Auto, das wir gesehen haben mit schwerem Schaden am Strassenrand stand.

Erst Stunden später, kurz vor Kutaissi können wir dann wieder normal fahren und durchqueren auch die Stadt selbst, die uns immerhin noch eine schöne alte Kettenbrücke präsentiert, die ich allerdings nur während der Fahrt fotografiere.

Kutaissi ist die drittgrösste Stadt Georgiens, hat aber nur 150.000 Einwohner. Leider kann ich nichts kulturelles zur Stadt sagen, da wir versuchen, möglichst schnell an ihr vorbeizukommen. Ich weiss nur, dass die Georgier hier 2009 mitten in der Stadt ein russisches Denkmal gesprengt haben. Dabei wurde wohl etwas üppig mit Sprengstoff hantiert und die Explosion hat Steinbrocken so weit geschleudert, dass es zwei Tote gab. Heute steht an der Stelle des Denkmals ein Parlamentsgebäude und das soll ganz imposant sein.

Trotzdem sind wir ernüchtert und ich bin unsicher, welche Strategie ich für den Rest der Reise durch Georgien versuchen soll, ohne über Autobahnen zu fahren (Es gibt davon eigentlich nur eine von Kutaissi nach Tiflis) oder völlig frustriert in irgendeinem Schlammloch oder einer Felsschlucht zu enden.

Nachdem wir dann heute abermals durch den Dreck gerödelt sind, halten wir an einer Waschstrasse und haben tatsächlich nichts besseres zu tun, als unseren Maschinen ein Schaumbad zu gönnen. Verdient haben sie es allemal.

Für mich ist es wie eine Art Entschuldigung an die treue GS. Wenn sie schon mit mir über Stock und Stein muss, soll sie sich wenigstens mal wieder sauber fühlen. Wir ahnen hier noch nicht, dass wir uns die Mühe hätten sparen können…

Wir tanken dann noch am Stadtrand von Kutaissi (für umgerechnet 70 Cent pro Liter) und fahren dann weiter nach Bordschomi. Bis Bordschomi sind wir auf einer verkehrsreichen Landstrasse unterwegs und es ist schon wieder ziemlich heiss. Dann geht es kurvenreich durch die Berge und die vielen LKW lassen ein flüssiges Fortkommen nicht zu. Daher müssen wir immer wieder überholen und haben kaum Gelegenheit, uns mit der Landschaft zu befassen.

In Bordschomi wollen wir eigentlich der Strasse weiter folgen um nach Vardzia zu kommen. Vardzia ist als eintausend Jahre alte Felsenstadt UNESCO-Welterbe und ich wollte mir das unbedingt anschauen. Jörn kann aber mit „alten Steinen“ nichts anfangen und wir diskutieren die alternative Route über Bakuriani nach Ninotsminda. Kurzversion: Die Route durch die Berge gewinnt, weil sie schneller sein soll. Dabei kämpfe ich enttäuscht mit dem Auslassen des Tageshighlights „Vardzia“, gebe aber nach und schwinge mich im Sinne des Friedens wieder auf die Maschine.

Ich fotografiere noch ein paar sehenswerte Wohngebäude am Ortsausgang von Bordschomi (sieben Kühnert) und dann sind wir auch schon wieder auf einer kleinen, einfachen Bergstrasse unterwegs.

Diese schlängelt sich dann wunderschön bis Bakuriani, einem richtigen Wintersportort mit Skiliften und jeder Menge Hotels. Der georgische Wintersport ist wohl der Grund, warum die Strasse hierher ganz ordentlich asphaltiert ist. Blöd ist nur, dass es hinter Bakuriani keine Touristen mehr gibt. Und wo keine Touristen mehr sind, braucht man auch keine Strasse. Und wo der Georgier keine Strasse braucht, baut er auch keine. (Er baut manchmal auch keine dort, wo es nötig wäre, aber egal…)

Das führt uns nun zur nächsten Route, die wir um jeden Preis vermeiden wollten: Hinter Bakuriani ist nichts mehr. Es gibt wirklich gar nichts mehr! Wir fahren auf Schotter in den Wald und sehen nur eine Sand- und Steinpiste, die immer weiter hinauf in die Berge führt und in ihrem Verlauf auch immer schlimmer wird.

Während uns die Karte eine Landstrasse vorgaukelt, befinden wir uns mal wieder im Staub und Dreck. Und was gerade eben noch im zweiten Gang möglich war, erfordert eine immer langsamere Fahrt, je weiter es nach oben geht.

Es dauert dann nicht lange und ich befinde mich mal wieder im ersten Gang, während ich gleichzeitig in den Fussrasten stehe. Die Hoffnung, das es sich nur um ein kurzes Stück handelt und hinter der nächsten Kurve wieder der Asphalt beginnt, kann ich begraben. So weit das Auge reicht befinden wir uns auf einem Hochplateau, in der Weite einsamer Berge.

Es gibt einfach nur noch menschenleere Täler und Hochebenen und die gesamte Region liegt auf 2000 Höhenmetern oder noch darüber. Auch hier wieder: Nichts. Kein Haus, keine Menschen, keine anderen Fahrzeuge und bis zum Horizont kein Dorf, keine Siedlung. Lustigerweise ist sogar Google der Meinung, hier wäre eine Hauptstrasse.

Es ist zum Verzweifeln. Würde es sich um eine ordentliche Schotterpiste handeln, ich würde bestimmt nicht meckern. Aber das wir uns jetzt zum dritten Mal innerhalb weniger Tage im schweren Gelände verirren, ist wirklich hart. Und es geht mir nicht darum, dass wir das nicht fahren können, sondern darum, dass wir das unseren Maschinen zumuten, obwohl wir noch tausende von Kilometern vor uns haben.

Die materialschonende, vielleicht etwas längere Route über Vardzia wäre besser gewesen, aber rumheulen hilft jetzt nichts und wir müssen es nehmen wie es kommt, immer in der Hoffnung, dass die Piste nicht plötzlich komplett im Nirgendwo endet und wir die Nacht unter freiem Himmel auf über 2000 Metern verbringen müssen.

Der Weg führt dann zwar weiter, unsere Fahrt endet aber auf dem Tskhratskaro Pass, einem kahlen Bergrücken in 2.450 Metern Höhe. Und als ob ich es nicht geahnt hätte: Die Strecke ist abermals auf dangerousroads.org gelistet, wie ich später erfahre.

Während der Wind uns kalt um die Ohren pfeift stehen wir vor einer heruntergekommenen alten Steinhütte, direkt vor drei Männern mit Tarnanzug und automatischen Waffen. Ich kann nicht behaupten, dass mir die Situation hier gerade besonders angenehm erscheint.

Soweit ich das verstehe, wollen die Drei zunächst die Papiere und einer verschwindet dann mit unseren Pässen in der Steinruine. Währenddessen versuche ich eine Konversation aufzubauen, was dann auch in etwas freundlicherer Atmosphäre mündet. Ich darf sogar das Panorama fotografieren, jedenfalls solange ich nicht die Soldaten oder das Gebäude die Ruine ablichte.

Nach etwa einer halben Stunde stellen die drei dann fest, dass wir tatsächlich Touristen aus Germania sind („Germania goood!“) und lassen uns weiterziehen. Ich glaube, ich kann dabei ihre Gedanken lesen und die sind so in der Art: Diese dummen deutschen Motorradfahrer sind hier oben gestraft genug!

Später höre ich dann, dass man hier oben auch mal zur Routinekontrolle eingesperrt wird. Na super.

Gut ist, dass wir weiterfahren können. Schlecht ist, dass die Piste noch schlimmer wird. Gut ist, dass ich wenige Kilometer weiter ein paar Menschen, etwas oberhalb unseres Weges sehe und aus der Entfernung schon mal freundlich winke. Schlecht ist, dass da oben Zelte stehen und hier Zigeuner campieren. Was die hier machen kann ich beim besten Willen nicht erkennen und ich sehe auch keine Viehherde, die ihnen Verpflegung sichern würde (wobei eine Viehherde allerdings ein gewisses Mass an Arbeit bedeuten würde…)

Jedenfalls rennen dann zwei Jungendliche auf uns zu, greifen sich dicke Steine und beginnen damit, diese auf uns herunter zu schmeissen. Vor zwei Jahren, in Rumänien hat man mich gewarnt, ich solle mich von Zigeunern fernhalten: „Die machen nur Ärger“. Die Realität verdeutlicht mir jetzt gerade wieso.

Wir fahren dann schnell, (sorry: schnell geht ja gerade nicht…) weiter und suchen unser Heil in der Flucht, auch wenn ich die beiden am liebsten mal ein paar Kilometer am Seil hinter meiner GS herschleifen würde. (Spar dir die böse Email. Wenn du politisch korrekte Propaganda willst, schalte unseren öffentlich-rechtlichen Staatsfunk ein…)

Aber auch hier, im Nichts des Südkaukasus ist jede Tortur einmal zu Ende. Diesmal befindet sich das Ende bei „Ghado“, was nicht mehr als einer Ansammlung von ein paar Blechhütten entspricht. Wir haben abermals Stunden im Gelände zugebracht und ich küsse den Boden an der Stelle, an der wieder der Asphalt beginnt.

Das nächste erwähnenswerte Dorf ist dann Achalkalaki, unschwer zu lesen, es steht ja auf dem Ortsschild:

Jetzt sind es noch gut vierzig Kilometer bis nach Ninotsminda nahe der armenischen Grenze  und ich buche uns dank einem nahen Mobilfunkmast schon mal das „Hotel Triumph“, was mit guter Beschreibung lockt. (Eine Neun-Punkte-Bewertung in Südgeorgien, echt jetzt?) Aber: Viel Auswahl haben wir hier unten sowieso nicht.

In Ninotsminda kurven wir ein paar mal die Strasse auf und ab, weil wir das Hotel nicht finden können. An einer Ampel entdecke ich dann ein kleines Hinweisschild und wir erreichen das Hotel Triumph am Rande eines schäbigen Hinterhofs. Vorsichtig stellen wir unsere Motorräder ab und schauen uns entgeistert an. Das soll das Hotel sein? Oh wei!

Sehen wir es positiv: Wir werden uns hier nicht in endlosen Hotelfluren verlaufen oder müssen lange den Wellnessbereich suchen, die französische Speisekarte verlangt keine Übersetzung und die Tiefgarage kostet nicht 30 Euro pro Tag. Kann ich uns das irgendwie schönreden?

Ich gehe durch eine offene Tür in einen Raum mit nicht mehr als fünf Quadratmetern. Die Theke mit den drei Uhren an der Wand soll wohl eine Rezeption darstellen, aber niemand ist anwesend.

Draussen sind zwei weitere Türen und diese geben den Blick auf schäbige Betten frei. Diese Baracke ist ein echtes Drecksloch, kompletter Bruch (sieben Kühnert, acht Gretas!) und ich bin nicht gewillt, hier auch nur eine Nacht zu verbringen. Ich denke an die Buchung bei Booking und bin beeindruckt, was man mit Photoshop so alles hinkriegt.

Wir versuchen nochmal ein paar weitere Blocks in Ninotsminda zu durchfahren, aber auch das zweite Hotel „Sonya“ im Ort ist völlig heruntergekommen. Wir stehen also vor der nächsten Ruine und sind ratlos. Und als ob das jetzt nicht schon genug der Erniedrigung wäre, kommt eine Frau mit ihrem etwa fünf Jahre alten Sohn angelaufen und bewundert Jörns Maschine. Sie will ihn sogar auf die 800er setzen, dabei steht ein richtiges Motorrad direkt daneben. Doofe Stadt!

Die beiden dreckigen Ruinen waren so widerlich, dass ich mich noch bei dem Gedanken ertappe, ob wir nicht doch besser Freundschaft mit den Rotzbengeln aus dem Zeltlager in den Bergen schliessen, aber ich will dann doch noch nicht aufgeben.

Unsere einzige Chance ist jetzt umzukehren und zurück nach Akhalkalaki zu fahren. Dort soll es noch ein weiteres Hotel mit dem Namen „Art Seg“ geben und ich meine, es ist einen Versuch wert. Kurz denke ich sowas wie „schlimmer kann es nicht werden“, aber nach unseren bisherigen Erfahrungen bin ich mir selbst da nicht mehr sicher.

Wie das „Hotel Triumph“ und ebenso das „Sonya“ in Ninotsminda an solche Bewertungen bei Booking gekommen sind, ist mir ein Rätsel. Ich storniere die Buchung im Triumph, wir machen uns aus dem buchstäblichen Staub und fahren die etwa 20 Kilometer zurück nach Akhalkalaki. Dann fängt es auch noch an zu regnen und wir checken pitschnass im „Hotel Art-Seg“ ein. Das Art-Seg ist immerhin das, was man mit gutem Gewissen als Hotel bezeichnen kann. An den Rummel und Schrott im Hof kann ich mich gewöhnen, das gehört in Georgien zur Kultur und hat einen ganz eigenen Charme.

In Südgeorgien, unweit der Grenze nach Armenien bin ich bestimmt nicht pingelig, aber ein einigermassen sauberes Zimmer in einem Gebäude mit festen Wänden und einem geschlossenen Dach darf es schon sein. Das Art-Seg ist jedenfalls genau das, an was wir dachten und der ältere, drahtige Herr im Haus zeigt uns dann auch freundlich die gescheiten Zimmer mit Bad.

Auf dem Weg durchs Haus komme ich an einer Vitrine vorbei in der diverse Flaschen Single Malt stehen. Ich kann auf Anhieb Balvenie, Glenmorangie, Macallan und Cragganmore erkennen. Das reicht: Einchecken! Wer so viel Kultur besitzt, führt auch ein gutes Hotel.

Einzig die Bezahlung möchte er in bar und wir müssen dann nochmal los, um im Regen einen Geldautomaten zu finden. Auf dem Rückweg kommen wir am kleinen Park vor dem Hotel vorbei und sehen eine Gruppe Männer vor einem Kiosk sitzen. Es sind wirklich finstere Gestalten, aber als wir im Kiosk nach etwas zu trinken schauen wollen, finden wir uns in nullkommanichts am Gartentisch wieder, mitten in dieser illustren Runde von etwa acht Kerlen unter deutlichem Alkoholeinfluss. Mir sieht das eher wie eine Mafiabande aus, aber der Chef der Runde „Sergej“ spricht etwas englisch und fragt dann, in welchem Hotel wir übernachten. Mich überkommt kurzzeitig die Sorge, sie planen einen nächtlichen Raubzug, aber ich zeige trotzdem vorsichtig auf das Art-Seg gegenüber.

Sergej erzählt mir, dass der „old Man“ dort sein Vater sei und ihm das Hotel gehört. (Mit „ihm“ meint er sich selbst, nicht seinen Vater…) Der „old Man“ würde das alles nicht mehr so richtig hinbekommen, aber wir hätten eine gute Wahl getroffen. (Wenn der „old Man“ das „nicht mehr hinbekommt“, wieso sitzt Sohnemann dann mit den Kumpels im Park und besäuft sich?)

Jedenfalls besteht die ganze Truppe nach eigener Aussage wohl aus Armeniern und mir gelingt es leider nicht herauszufinden, wieso sie in Georgien leben, statt ein paar Kilometer weiter südlich in Armenien. Sergej versucht es mir zu erklären, aber seine Ausführungen sind zu fortgeschrittener Stunde nur noch schwer verständlich und ich kann keinen Zusammenhang mehr in seinen armenisch-englischen Halbsätzen verstehen. So bleibt mir die finale Erkenntnis leider verwehrt.

Wir erhalten jedenfalls noch eine Restaurantempfehlung für den Abend und nehmen den Tipp dann tatsächlich gerne wahr. Das Restaurant liegt direkt an der Hauptstrasse im Ort, in demselben Gebäude wie die Spielhalle. Die ist offensichtlich ganz gut besucht und ich wäre ohne den Tipp niemals auf die Idee gekommen, hier etwas zu essen zu bestellen. Von aussen ist jedenfalls kein Restaurant zu erkennen, trotzdem gehen wir hinein.

Innen dröhnt Modern Talking ohrenbetäubend in Endlosschleife aus riesigen Boxen und es ist einer der Momente, in denen ich mir wünschte, wir hätten in den letzten 30 Jahren niveauvolleres Kulturgut exportiert. Meine Zurückhaltung verfliegt zunächst, als sich die wirklich nette Bedienung um uns kümmert und ebenso ausführlich, wie freundlich und bemüht die Karte mit allen Speisen auf englisch erklärt. Von der Karte auf georgisch und russisch übersetzt sie also auf englisch, ich von englisch auf deutsch für Jörn. Hoffentlich bekommt er gleich nicht die Eingeweide vom Ziegenbock…

Jörn ist jedoch so begeistert, dass er das Mädel direkt heiraten will. Er hat nur noch Augen für sie und hätte in der Tat auch Ziegenbock bestellt. Während er sich gar nicht mehr einkriegt, ziehe ich seine Erfolgsaussichten in Zweifel, da der Altersunterschied offenbar erheblich ist. Aber ok, manchmal muss das nichts bedeuten, wenn es echte Liebe ist, oder man füreinander bestimmt ist, oder seelenverwandt, oder der Pfeil Amors beide Herzen charmant synchron erwischt, oder die Segelyacht vor Porto Cervo liegt. Da ihm letzteres jedoch versagt blieb, denke ich, es bleibt nur die Option mit dem Charme. Die Kurzversion: Es klappt nicht!

(@Jörn: Sorry, aber der Abend war echt unterhaltsam. Und trotzdem ich dir den Erfolg ehrlich gegönnt hätte, bin ich ein gemeiner, schadenfreudiger Dreckskerl und muss jetzt immer noch schmunzeln…)

Am Morgen bin ich vor Jörn auf den Beinen und Sergejs Vater bittet mich in die Küche zum Kaffee. Ich hatte zunächst eine Art Frühstücksraum gesucht, aber er fängt mich im Erdgeschoss ab und leitet mich direkt in seine grosse Küche an den zentralen Kochblock. Das Essen im Stehen erscheint mir zunächst etwas skurril, aber die Atmosphäre ist wirklich nett und er kümmert sich um alles und jede Kleinigkeit, vorsorgt mich mit allen erdenklichen lokalen Spezialitäten und zwingt mich auf eine freundliche Art dazu, nichts unprobiert zu lassen.

Meine Frage nach „Sergej“ beantwortet er laut lachend mit zwei deutlichen Gesten: Eine bedeutet „trinken“, die andere „schlafen“. Ein Held der Arbeit ist Sergej jedenfalls nicht und ich versuche mir vorzustellen, wie ihm der alte Herr die Ohren langzieht, wenn er erfährt, wie der Sohn über seinen Vater redet.

Jörn ist heute mal etwas später auf den Beinen und wir fahren dann mit unseren Mopeds aus dem Innenhof auf die Strasse, nachdem uns der „alte Herr“ das Tor geöffnet hat und noch freundlich verabschiedet. Von Sergej ist derweil immer noch weit und breit nichts zu sehen.

Die Strasse nach Ninotsminda kennen wir noch vom Vortag und ich weiss mittlerweile, wo sich die übelsten Schlaglöcher auf der Strecke in Richtung armenischer Grenze befinden.

Je weiter es jetzt in Richtung Süden geht, umso ärmlicher erscheint uns die Gegend. Gottseidank haben wir gut gefrühstückt, sonst kämen wir noch in die Verlegenheit, hier Kebab essen zu müssen.

Hinter Ninotsminda, ist dann wieder ganz Feierabend mit Asphalt und in der Ebene ist mir das manchmal sogar recht. Wenn die Strasse eine flache Schotterpiste ist, kommt man eigentlich ganz gut voran, es ist nur blöd für den zweiten Mann, der die ganze Zeit im Staub und Dreck des ersten fahren muss.

Da Jörn ohne Karte und mit einem Garmin-Navi aus der Zeit der ersten Mondlandung unterwegs ist, reicht es leider nicht zum Scout. Sein Navi findet seit Istanbul nicht mal mehr die richtigen Städte, daher route ich uns mit einem BMW Navigator V und OpenStreetmaps durch die Diaspora. Das er die Route ursprünglich geplant hatte, hilft nicht: Heute morgen schluckt er mal wieder Staub.

Wir fahren eine der vier Hauptverbindungstrassen zwischen den beiden Ländern Georgien und Armenien, obwohl es nicht danach aussieht.

Und so weit und eben die Landschaft auch daherkommt: Das Navi erinnert uns daran, dass wir uns hier immer noch auf 2100 Höhenmetern befinden. Jaja, das ist jetzt der Südkaukasus und auch der hat es ganz schön in sich!

Und während unter uns das Geröll knirscht, reichen abseits der Piste die grünen Ebenen bis zum Horizont. Es ist eine Weite, die man in Mitteleuropa so gut wie gar nicht mehr zu sehen bekommt. Ortschaften gibt es praktisch genauso wenig wie weiteren Verkehr. Nur ab und zu muss auch ich Dreck schlucken, wenn ein mit Steinen beladener Kamaz-LKW entgegenkommt und uns ein einer Wolke aus Dieselruss und Steinmehl verhüllt.

Die Schotterpiste erscheint endlos, führt uns aber zielsicher in Richtung Armenien.

Bemerkenswert finde ich, dass es sogar zweispurige Schotterpisten gibt: Bundesschotterautobahnen sozusagen, wenn auch mit überschaubarem Verkehrsaufkommen. Ich vermute, die südgeorgische Rushhour haben wir knapp verpasst.

Aufgrund der Strassenverhältnisse kommen wir aber trotzdem nicht schnell voran. Gut nur, dass heute morgen noch Regenwetter vorherrscht und sich die Staubentwicklung deshalb in gerade noch erträglichen Grenzen hält.

Apropos Grenzen: Die Grenze können wir dann irgendwann in Form eines Pyramidendachs am Horizont erkennen und ich mache noch ein Foto aus der Ferne, bevor man mir Aufnahmen der Anlage übel nimmt. Aus Gründen der eigenen Sicherheit versuche ich, Fotos an Grenzen immer zu vermeiden, auch wenn mir das sehr schwer fällt, denn oft sind es ja die Orte, mit den unglaublichsten Reisegeschichten. So dann auch hier.

Die Ausreise aus Georgien vollzieht sich in etwa so wie die erste Einreise: Passkontrolle, Stempel, fertig, tschüss. Diesbezüglich sind die Georgier wirklich tiefenentspannt. Ganz anders ist es aber am armenischen Posten, etwa einen Kilometer weiter.

Wir stehen unter einem Blechdach und müssen die Motorräder an der Seite parken. Nach der üblichen Prozedur mit Reisepass und Stempelei geht es um die Einfuhr unserer Fahrzeuge.

Armenien (Nationalitätskennzeichen AM) steht meines Wissens auf keiner grünen Karte und sie wollen diese hier auch gar nicht erst sehen. Eine ebenso junge, wie strenge, wie attraktive, wie arrogante Grenzbeamtin bittet befiehlt uns zu einem wirklich fiesen, fetten Mann mit dreckigem Hemd hinter einer Glasscheibe in einem Schuppen nebenan, um den Papierkram für die Einfuhr zu erledigen.

Wir füllen seltsame Formulare aus, von denen wir weder Inhalt noch Sinn und Zweck vollständig erfassen. Ich fürchte, das Erlernen armenischer oder georgischer Schriftzeichen bleibt mir in diesem Leben verwehrt. Immerhin kann ich die Pflichtangabe von Hersteller, Modell, Hubraum, Baujahr, Kennzeichen, VIN (Fahrgestellnummer) und Wert in US-Dollar entziffern. Nach dem Ausfüllen müssen wir dann offensichtlich eine Einfuhrgebühr in Höhe von 5000 Peseten (Korrekt: Armenische Dram) bezahlen, was umgerechnet ungefähr zehn Euro entspricht.

Hinzu kommt noch eine „Insurance“, also Versicherung für die Einreise mit dem Kraftfahrzeug. Die Grenzbeamtin von vorhin warnt eindringlich davor, in Armenien ohne Versicherung erwischt zu werden. Und erwischt werden wir dann wahrscheinlich bei der Ausreise, sagt sie. Ich vermute, die Provision vom Dicken hinter der Glasscheibe macht einen relevanten Teil ihres Gehalts aus. (Während wir draussen mal wieder warten müssen, läuft vor meinem geistigen Auge läuft eine Szene ab, in der die beiden sich am Abend gegenseitig auspeitschen. Ach, ja, tut mir auch leid…)

Da wir natürlich noch keine Peseten (Dram!) besitzen (woher auch…) möchte ich mit Kreditkarte bezahlen, was hier aber nicht geht. Ok, dann eben in Euro, was der fette Sack hinter dem Panzerglas (Hindernis, damit ich mich nicht an ihm rächen kann) ganz doof findet, denn das macht ihm Arbeit und er muss mehrmals umrechnen. (Klar, ist ja auch nicht trivial, Wechselkurse umzurechnen…) Irgendwann wirft er mir dann unwirsch ein Bündel Peseten (Dram!!!) unter der Glasscheibe entgegen und behält einen Teil als Einfuhrgebühr für sich.

Das Ganze könnte man auch freundlich und gesittet machen, aber dann würden wir vielleicht vergessen, dass es sich hier um eine Landesgrenze handelt. Die ganze Prozedur mit Kontrolle, Stempelzeugs, Papierkram, Bezahlung und Durchsuchung des kompletten Gepäcks (auf Peitschen?) dauert und wir verschwenden mal wieder zwei Stunden, nur für eine Fahrzeugeinfuhr.

Zwischenbemerkung:

Ich denke, es liegt an mir: Ich hasse es, wenn man mich warten lässt und kann damit nicht umgehen. „Geduld“ ist mir völlig fremd. Jegliche Therapieversuche sind schon fehlgeschlagen und ich fürchte, das werde ich in meinem Leben auch nicht mehr lernen. Daher fahre ich schon mit einem schlechten Gefühl an Landesgrenzen und bin negativ eingestellt. Der Fehler liegt ausschliesslich bei mir und gar nicht bei den überaus freundlichen Menschen in Uniform, die auch nur ihren Job machen, hat man mir gesagt. Ich bitte darum, mir negative Berichte über Grenzerfahrungen zu verzeihen.

Die ganze Sache aber auch eine gute Seite: Als wir zu Beginn unter das Dach fuhren, zog ein heftiges Gewitter über uns und wir standen im Trockenen, während der Regen unter deutlichem Lärm auf das Blechdach rauschte. Und kurz bevor wir fertig gestempelt waren, hörte das Naturschauspiel dann wieder auf. Insofern ist alles ok und nur mein erstes Foto aus Armenien zeugt noch von Pfützen auf der Strasse.

Ich bin jedenfalls zunächst ganz froh und neugierig auf ein weiteres Land unserer Reise. Ein paar Kilometer hinter einer Landesgrenze machen wir immer einen Stopp und atmen erstmal durch. Das heisst, ich atme durch, fotografiere und schaue mir die Gegend an. Jörn braucht nach dem Passieren einer Grenze immer zwei Zigaretten und ich kann ihn irgendwie verstehen, vor einigen Jahren hätte ich ihn dabei getoppt.

Zunächst geht es aber weiter durch eine menschenleere Gegend auf dem Weg in Richtung Süden.

Was die Georgier nicht hinbekommen (Strassenbau) klappt im bettelarmen Armenien scheinbar besser. Wir fahren zunächst durch die zwar einsame, dafür aber wirklich schöne Landschaft und kommen dann in Gjumri an.

Was soll ich nun sagen? Oh! Mein! Gott! Wie sieht das denn hier aus?

Das die armenischen Strassen bisher in Ordnung sind, ist ja schön, aber dafür sehen die Gebäude aus, wie aus dem vorletzten Jahrhundert. Und ich meine nicht den Architekturstil, sondern den Pflegezustand.

In den kleinen Orten, die wir bisher durchfahren haben, schichten sie tatsächlich noch Kuhmist auf, um ihn zu trocknen und dann im Winter als Brennmaterial zu verwenden. Das es sowas im Jahr 2019 überhaupt noch gibt, hätte ich nicht gedacht.

In der Türkei hatte wir ja neue Einheiten definiert: 0-10 Gretas für den Verschmutzungsgrad der Umwelt und 0-10 Kühnert für den Zerstörungsgrad der Infrastruktur. In Armenien liegen die Strassen bei nur etwa ein bis zwei Kühnert, die Gebäude aber mal schnell bei sieben bis neun Kühnert! Gjumri (mindestens acht Kühnert!) empfängt uns jedenfalls mit wirklich kaputten Häusern und ich traue mich nicht so richtig, das Elend auch noch zu fotografieren.

Das ändert sich dann erst wieder an einer der grösseren Tankstellen auf der Strecke.

Was bei uns wie einer der verlassenen „Lost Places“ daherkommt, ist in Armenien ein logistischer Hot-Spot! Hier tobt das Leben wie auf einer bundesdeutschen Autobahnraststätte, wie man unschwer erkennen kann.

Jörn will etwas essen und ich begleite ihn in das verrostete Blechgebäude. Innen steht eine einsame Dame, etwa in unserem Alter hinter einer Glasvitrine mit Dingen, die mich entfernt an Brot erinnern. Sie selbst trägt ein „spannendes“ Oberteil und Leggins mit Leopardenmuster (die Leggins sitzen, ähem, auch knapp…). Ich drehe um und begnüge mich schmunzelnd mit Mineralwasser an meiner Maschine. Man will ja nicht stören und vielleicht klappts ja heute? Jörn findet das nicht lustig.

Hinter Gjumri fahren wir weiter auf der Landstrasse, die eigentlich ganz ok ist und in Richtung Jerewan führt, also direkt in die Hauptstadt von Armenien. Einer meiner Bekannten in Deutschland ist „Benni“, hat armenische Wurzeln und ist ein wirklich netter, guter Mensch, den ich sehr schätze. Er und seine Familie führen eine Pizzeria und es ist unser Lieblingsrestaurant im Ort. Seit vielen Jahren ist es Tradition, dass meine Frau und ich mit unseren beiden Töchtern zu allen sinnvollen (und sinnfreien) Gelegenheiten dorthin zum Essen gehen. Das ging schon in deren Kindheit los und war so bei jedem Zeugnis und jedem weiteren denkbaren Anlass. Jedenfalls will ich Benni unbedingt ein Foto aus Jerewan schicken, wir müssen da also hin, Grossstadt hin oder her!

Die Landstrasse nach Jerewan ist ganz ok und wird nur sporadisch von Baustellen mit Schotter unterbrochen. Immerhin kann man auf dem Schotter aber gescheit fahren. Gleichzeitig bauen sie eine neue Autobahn von Gjumri nach Jerewan. Es scheint also zumindest, als gehe es ein bisschen voran in Armenien.

Bedenken habe ich nochmal etwa 30 Kilometer vor Jerewan, als wir rechts vor uns in der Ferne die Silhouette des Atomkraftwerks Mezamor sehe. Es macht schon augenscheinlich keinen besonders guten Eindruck und nicht wenige Medien, einschliesslich National Geographic, behaupten, dies wäre eines der gefährlichsten Kernkraftwerke weltweit. Jörn arbeitet im ehemaligen AKW Greifswald (bzw. Lubmin). Das in den Neunzigern stillgelegte Kraftwerk war vom gleichen Typ wie dieses hier in Armenien. Man entschied sich direkt nach der Wende, es doch besser abzuschalten. Das man Mezamor mitten in eine seismisch aktive Zone gebaut hat, macht die Sache übrigens nicht besser. Mangels fossiler Energieträger (im Gegensatz zum Nachbarn Aserbaidschan) hat Armenien aber keine Wahl und will lieber noch ein stärkeres Atomkraftwerk bauen.

Die Sonne hat den Himmel zwischenzeitlich zurückerobert und die Temperaturen klettern wieder in Richtung vierzig Grad im Schatten als wir Jerewan erreichen. Wir wollen auf jeden Fall mitten in die Stadt, denn wann kommt man schon mal nach „Eriwan“?

Die Älteren können sich wahrscheinlich an die Radio-Eriwan-Witze erinnern: Eine Satire über den (fiktiven) Radiosender Eriwan, der ganz im Sinne sozialistisch-kommunistischer Propaganda ziemlich dummes (wenn auch lustiges) Zeug verbreitet hat, also in etwa so, wie ARD und ZDF heute.

Klar, dass man die City von Jerewan einmal besucht haben muss. Wir fahren direkt hinein und das klappt sogar erstaunlich gut. Während der Verkehr in Istanbul und Batumi kollabiert, gibt es hier gar nicht so schlimme Staus wie befürchtet. Zudem ist Jerewan mindestens im Zentrum eine schöne Stadt. Es gibt einen grossen zentralen, parkähnlichen Platz mit Springbrunnen und vielen Regierungsgebäuden drumherum. Wir stellen unsere Motorräder am Downtown-Park ab und ich kann gar nicht so schnell die Kamera greifen, wie Jörn sich in voller Montur unter die Wasserfontänen begibt.

Die ganze Stimmung finde ich gut. Es ist schwer zu erklären, aber hier in der Hauptstadt Armenies erkenne ich überhaupt keine Hektik. Das ist ganz anders als in unseren europäischen Metropolen.

Aber es ist wirklich brüllend heiss und ich kann jeden verstehen, der sich hier irgendwie Erfrischung verschaffen will. Ich glaube auch nicht, dass uns irgendwer in unseren Motorradsachen beneidet.

Zwischen den vielen Kindern in Badesachen wirkt Jörn jedenfalls „leicht deplaziert“, aber ich beneide ihn fast für seine Erfrischung, während ich befürchte, das armenische Parkwasser und meine Kameraelektronik sind keine gute Kombination.

Auch der Rest der Bevölkerung Jerewans versucht sich in dem Wasserpark zu erfrischen. Es ist Mittag, wirklich brutal warm und ich habe nicht mal mehr Lust aufs Motorrad zu steigen. Wir umrunden dann den ganzen Platz und lassen Jerewan auf uns wirken. Mir gefällt die Stadt und ich kann nicht mal mit Gewissheit sagen wieso. Das Stadtzentrum kommt aber gepflegt daher und die Menschen machen einen überaus entspannten Eindruck.

An einer Fussgängerampel der Beirut-Street überquere ich eine der Hauptstrassen und will zurück zu der Stelle, wo wir die Motorräder abgestellt haben. Jörn ist schon dort, ich habe gebummelt und wollte noch Leute anschauen und Fotos machen. Gerade als ich die Strasse passiert habe, ertönt hochtouriger Motorenlärm. Eine Gruppe Motorradfahrer begleitet ein Brautpaar in ihrem Hochzeitsauto.

Statt zu hupen, nutzen sie lieber den Motor und haben einen Heidenspass dabei. Und der Spass wird auch nicht kleiner als sie mich mit der Kamera entdecken, im Gegenteil: Sie posieren jetzt erst recht, extra für die Kamera und sind sichtlich stolz. Klasse!

Zurück an den Motorrädern sind weitere Armenier dabei, unsere BMWs zu bewundern, inklusive der nächsten Generation. Logisch, dass ich so viel Begeisterung unterstützen muss, um den Nachschub an Liebhabern von Verbrennungsmotoren zu sichern. Ich greife mir den erstbesten Knirps und zwinge ihn auf mein Motorrad: Rache für Ninotsminda!

Wir verlassen das Zentrum von Jerewan und fahren noch an schönen Gebäuden vorbei (die ebenfalls nicht kaputt sind…). Einer der Plätze, die wir befahren heisst sogar „Charles Aznavour Platz“, zu Ehren des wahrscheinlich berühmtesten Armeniers.

(Randnotiz: Es gibt noch mehr Personen mit zumindest armenischen Wurzeln, z.B. Andre Agassi, Cher, Garri Kasparow, Alain Prost)

So gut mir Jerewan aber auch gefällt, abseits der Hauptstadt ist das Meiste Bruch, selten unter sechs Kühnert. Unsere nächste Etappe führt uns wieder in den Norden des Landes und wir fahren in Richtung Sewansee.

Der See stellt das grösste Gewässer Armeniens dar und an seinem Nordostufer steigen schon wieder die Berge in Richtung Aserbaidschan auf.

Wir sind heute mal nicht so lange unterwegs und quartieren uns abseits der Stadt Sewan (sieben Kühnert!) in einem kleinen Hotel ein.

Heute Abend bin ich ziemlich geschafft und froh darüber, mal nicht 10 Stunden auf dem Motorrad zu sitzen. Wir sind jetzt schon eine Zeit lang unterwegs und ich merke, wie mir die langen Motorradtage langsam die Kräfte und die Motivation rauben. Mein Neid ist mit allen, die monatelang unterwegs sein können und die Gelegenheit haben, auf der Tour mal ein paar Tage zu pausieren. (Und glaubt mir: Ich verschlinge alle eure Webseiten!)

Das von uns gewählte Haus bietet sowohl ein Restaurant als auch eine Bar und verfügt über ganz gute Bewertungen. Empfangen werden wir vom sehr grossen und sehr kräftigen Inhaber selbst. Er weist unseren Motorrädern sichere Plätze im Innenhof zu und wir sollen uns erstmal setzen. Dieser Aufforderung kommen wir gerne nach, zumal er in Windeseile zwei kühle Bier auf den Tisch stellt.

Wir erfahren, dass er zwei Jahre lang als Soldat in der Nähe von Dresden gedient hat, daher spricht er auch noch ein klein wenig Deutsch. Für die beiden sehr ordentlichen Zimmer mit Frühstück will er zusammen umgerechnet knapp fünfzig Euro haben, was hier eher teuer ist, dazu gerne bar.

Wir sind knapp an Peseten (Armenische Dram, verflucht!) und fragen, ob er eine Fünfzig-Euro-Note akzeptiert. Sein Problem: Er kann nicht rausgeben! Wir sehen da kein echtes Problem, denn das Wechselgeld würden wir auch als Trinkgeld verbuchen, das passt ihm aber überhaupt nicht und er besteht darauf, uns den Wechselbetrag in Bier auszuzahlen. Nach etwa 1,2 Sekunden Bedenkzeit sind wir einverstanden…

Während wir auf der Terrasse des Hauses unser zweites kühles Bier trinken, gehen in seinem Büro nebenan Männer ein und aus. Das läuft in etwa so, dass ein Auto vorfährt, zwei Männer aussteigen, an uns vorbei ins Büro gehen und dann mit dem Chef rumkaspern. Es gibt dabei immer etwas zu trinken und zu essen und nach etwa 15 bis 30 Minuten gehen sie wieder, während der nächste Wagen hält und die Prozedur von vorne beginnt. Ich vermute zunächst, er macht seine Buchhaltung und hat vielleicht eine Betriebsprüfung des örtlichen Finanzamts im Haus, entscheide dann aber, dass ich es auch gar nicht so genau wissen will, wissen muss und wahrscheinlich auch nicht wissen soll!

Am Abend erhalten wir dann noch ein wirklich tolles Essen im hauseigenen Restaurant mit Salaten und frischem Fisch. Armenien gefällt mir! Schade, dass das Land so arm und kaputt ist, die Menschen hier haben sicherlich besseres verdient.

Der Morgen verwöhnt uns mit einem Frühstück, welches dem Abendessen in nichts nachsteht. Als wir wieder auf der Strasse sind, fahren wir als erstes an einer Militärkolonne mit Panzern und Kanonen vorbei. Wir werden dran erinnert, dass der Konflikt mit Aserbaidschan keinesfalls erledigt ist und die Grenze zum feindlichen Nachbarland in Sichtweite liegt.

Für uns geht es jetzt in die Tavush-Region, die mit einer fantastischen Bergwelt glänzen kann. Einzig ein wirklich finsterer Tunnel macht mir heute morgen Sorgen.

Das Ding ist etwa drei Kilometer lang, stockdunkel und im Licht meiner Scheinwerfer kann ich vor allem sehr viel Staub und Rauch sehen, nur wenig dagegen die Strasse. Ich denke, wenn es hier drin Schlaglöcher gibt, fahre ich blind rein, vorausgesetzt wir ersticken nicht vorher an den gestauten Abgasen. Das sind echt acht Gretas hier drin und ich gebe zu, dass ich wahre Angst verspürt habe.

Diese Todesröhre (acht Kühnert!) überleben wir, aber im bundesdeutschen ADAC-Tunneltest wäre das Ding wohl durchgefallen, mit Pauken und Trompeten! Dahinter präsentiert sich dann jedoch eine Bergwelt, die sich sehen lassen kann. Das ist genau das, was ich von Armenien erwartet hatte: Tolle Kurven durch noch bessere Berge und Täler: Hier wird uns all das präsentiert und es ist einfach toll, unbeschreiblich.

Wir fahren die M4 in Richtung Ijevan und es sieht hier sehr nach Urlaubsregion aus. Es gibt Hotels und immer wieder Parkmöglichkeiten neben der Strasse um sich dann auf eigenen Beinen ins Gebirge aufzumachen.

Am Vorabend hatten wir uns beim Chef des Hotels erkundigt, ob wir diese Strasse überhaupt fahren dürfen oder ob sie für Touristen gesperrt ist. Ausserdem meinte er, dass wir den östlichen Grenzübergang bei Haghtanak nehmen können und nicht erst die 100 Kilometer Umweg an den westlicheren Übergang bei Akhkerpi fahren brauchen. Das sind alles Informationen, die in dieser Region wichtig sind, es ist eben alles anders als in Mitteleuropa.

Die Strasse hier heisst übrigens auch „Asian Highway 81“ und klingt schon mal ganz gut…

Je weiter wir in Richtung Norden fahren, desto näher kommen wir an die Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan. Das erkenne ich nicht nur an der Karte, das sieht man auch unverblümt an der zunehmenden Militärpräsenz. So ganz wohl ist mir dabei nicht, denn ich sehe, dass wir zeitweise nur wenige Meter neben der Grenze entlangfahren.

Hier in den Bergen ist das nicht immer klar ersichtlich und genau das bereitet mir ein seltsames Gefühl. Zwischen Armenien und Aserbaidschan gibt es keinen einzigen offiziellen Grenzübergang. Wenn wir in den nächsten Tagen nach Aserbaidschan wollen, müssen wir zunächst wieder nach Georgien einreisen, dann wieder aus Georgien ausreisen und dann erst darf man nach Aserbaidschan.

Kern des Konflikts zwischen den beiden Ländern ist jedoch die Region Bergkarabach bzw. „Republik Arzach“. Die liegt weiter südlich und wir haben heute keine Ambitionen, uns dorthin zu begeben.

Zunächst vertreibe ich aber negative Gedanken und wir erfreuen uns an den nächsten fantastischen Landschaften.

Wir staunen über Weite, Berge und Panorama. Die Tavush-Region im Nordosten Armeniens hat es ganz schön in sich und es ist eine Mischung aus sehr heissen, kaum bewohnten Tälern und sehr armen kleinen Städten.

Hier, wo die Grenze unmittelbar neben der Strasse verläuft, stehen zerschossene Ruinen immer in Sichtweite und erinnern an den Konflikt, der seit seinem bewaffneten Ausbruch zu Beginn der neunziger Jahre nie beendet wurde. Zudem sehen wir in den grösseren Ortschaft der Region immer wieder Militäranlagen die aussehen, als ob Mensch und Material jederzeit für einen offen ausgetragenen Konflikt bereit sind.

Schade, ich würde den Menschen und dem Land Ruhe wünschen, die Konzentration auf sich selbst und ein Leben ohne die Entbehrungen die es hier offensichtlich gibt.

Oft fällt es deshalb schwer, sich auf das wunderschöne Land zu konzentrieren, aber wenn man sich darauf einlässt, ist es unglaublich und beeindruckend.

Am liebsten würde ich in die Berge abbiegen, gerne natürlich mit einer leichten Maschine und ohne Gepäck. Und dann einfach nur auf einer Höhe stehen und die Weite in der Umgebung geniessen, das wär was!

Bemerkenswert sind in dieser Region aber auch die Fahrzeuge, die sich nur mit Mühe die Steigungen hochquälen und dabei regelmässig acht Gretas rausblasen. Ehrlich, wenn man sich anschaut was hier unten auf den Strassen unterwegs ist und am Tag den Himmel mit Abgasen verdunkelt, erscheinen deutsche Euro-6-Fahrzeuge klinisch steril.

Einmal halte ich am Strassenrand hinter einem uralten und ziemlich kaputten LKW um das schwere Fahrzeug zu bewundern. Jörn parkt neben mir und ich laufe nach vorne, um das Ding zu fotografieren. Der Laster ist ziemlich fertig, ein Teil der Motorhaube fehlt und die rechte Frontscheibe hat zwei Löcher wie von Einschüssen.

Da die Fahrertür offen hängt, bitte ich Jörn um ein Foto und wundere mich dann nur, weil auf dem Boden des Fahrerhauses noch Ersatzteile liegen. Unmittelbar danach bemerke ich auf der strassenabgewandten Seite den Fahrer, der gerade unter dem Fahrzeug liegt und mit der Reparatur beschäftigt ist. Unfassbar: Für uns sah es aus wie Kernschrott, hier ist das uralte Teil noch im Einsatz!

In einem Dorf entdecken wir eine kleine Tankstelle und befüllen nochmal unsere Motorräder. Zuerst lasse ich meinen Tank für umgerechnet 66 Cent pro Liter Super befüllen, danach schaue ich in einem klitzekleinen Laden neben der Tankstelle nach kühlen Getränken und werde auch fündig.

Ich wähle die Flaschen so, dass ich möglichst den Rest meiner armenischen Dram (Peset… äh nee, jetzt wars richtig…) los werde.

Unterwegs haben wir gehört, dass man tunlichst erst nach Aserbaidschan und danach dann Armenien besuchen sollte. An der türkisch-georgischen Grenze hat uns der Spanier mit der KTM (der mit Frau und „mit ohne Gepäck“…) gewarnt: Die Grenzer würden uns mit armenischem Stempel einen halben Tag lang schmoren lassen und alles durchsuchen. Von stundenlanger Warterei war die Rede, ja sogar von Gefängnis. Die Aserbaidschaner fänden einen armenischen Stempel im Pass jedenfalls gar nicht lustig und wir würden uns mit der Reihenfolge AZ-AM viel Ärger und Zeit ersparen.

Unser Reiseplan gibt das aber nicht her und wir haben entschieden, es trotzdem in der ursprünglich geplanten Reihenfolge zu probieren. Die Schauergeschichten sind teilweise so extrem, dass ich sogar die Speicherkarten meiner Kameras austausche, um an der Grenze keinen Ärger mit Fotos aus Armenien zu provozieren. Je weiter wir heute dieser Grenze kommen, umso mulmiger wird mir.

So fahren wir dann an einem kleinen Übergang, nahe der armenischen Ortschaft Haghtanak, wieder nach Georgien. Die Ausreise aus Armenien geht diesmal schnell und unkompliziert und nur das auschecken der Motorräder dauert etwas, danach geht es dann auch schon zum georgischen Posten. Die Georgier waren ja schon bei der ersten Einreise gechillt und auch bei der Ausreise gab es keine Probleme. Jetzt bin ich gespannt was uns hier erwartet.

Du wirst es dir vielleicht denken können: Sie erledigen die Ausreiseprozedur mit der gewohnten Routine und ohne irgendwelche Verzögerungen. Wobei, das stimmt so nicht ganz, da einer der Beamten Langeweile hat und mich nach unserer Route fragt. Er spricht ganz gut englisch und wir unterhalten uns über unsere Reise, was ihm eine willkommene Abwechslung beschert.

An nächsten kleinen Häuschen gebe ich Reisepass, Fahrzeugschein und Führerschein ab und höre wenige Sekunden später auch schon ein wohlbekanntes Klack-Klack, welches einen weiteren Stempel in meinem Reisepass ankündigt. Der Beamte reicht mir alles raus und das wars dann auch schon wieder. Wir passieren den Übergang Armenien-Georgien in Rekordzeit. Geht doch!

Auf georgischem Boden halten wir dann an einem Cafe und trinken unter der sengenden Mittagssonne einen Chai. Haben wir an alles gedacht? Sind die Papiere in Ordnung? Sind die Speicherkarten der Kameras gesichert und ist alles am richtigen Platz?

Wir fahren über Akhali dann in Richtung Aserbaidschan zum „Red Bridge“-Übergang.

Was bleibt jetzt von Armenien?

Böse gesagt: Kompletter Bruch. Armenien übertrumpft Georgien diesbezüglich noch um Längen! Aber die Menschen sind anders. Unabhängig von maroder Infrastruktur haben ich die Armenier als freundlich kennengelernt. Sie winken, grüssen und staunen angesichts zweier Motorradfahrer auf grossen Maschinen, die das Land als Touristen besuchen. Viele Menschen sitzen einfach nur am Strassenrand und schauen. Es erscheint mir als ihre Hauptaufgabe, vielleicht mangels Arbeit. Aber ich kann nichts negatives sagen, im Gegenteil: Abseits der gewöhnungsbedürftigen Umgebung in den Städten (ok, abgesehen von Jerewan) besitzt Armenien unglaublich schöne Landschaften, vor allem in den Bergen.

Aber jetzt kommen die Grenzanlagen von Aserbaidschan und ich bitte Jörn noch ein Foto zu machen, bevor ich Konzentration und Aufmerksamkeit hochfahre. Buchten die uns jetzt ein? Schaffen wir es bis nach Baku ans kaspische Meer?

Aber das ist dann der nächste Teil der Geschichte…

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11 Kommentare

  1. Sturmi 01/01/2020

    Vielen Dank fürs mitnehmen.
    Aber!!: Es ist schlecht für meinen Schlaf, wenn du so kurzweilig schreibst, das ich erst um 3 Uhr ins Bett komm.
    In der Hoffnung, das mir noch oft der Schlaf geraubt wird.
    Gruß Sturmi

  2. Gerhard 30/12/2019

    Planen auch erst in Richtung 2021-2022

  3. Gerhard 30/12/2019

    Wird bei uns auch eher in Richtung 2021-2022

  4. ebee 30/12/2019 — Autor der Seiten

    Altai?! Sehr, sehr interessant und das steht ganz oben auf meiner Liste. Aber nicht für 2020, das Jahr ist schon verplant. 2021 aber…

  5. Gerhard 30/12/2019

    Hallo, Elmar! Sehr interessant beschreibst du deine Reisen! Um so spannender, weil wir auch diesjahr dort waren )))
    https://www.youtube.com/watch?time_continue=7&v=7Q8bjM8GXGQ&feature=emb_logo
    Wer weiss, vielleicht kreuzen sich unsere Wege. Planen eine Reise nach Altai Gebirge. 🙂
    Guten Rutsch! Und weiter so!!!

  6. Carsten Weber 27/12/2019

    schöner Bericht, bin gespannt auf Aserbaidschan

    zu den Gasleitungen noch, ich glaube das ist international geregelt, dass Gasleitungen gelb gestrichen sein müssen.

    Guten Rutsch

  7. ebee 25/12/2019 — Autor der Seiten

    Ah, sehr gut, danke. Wieder etwas dazugelernt! Mit dieser Information macht das Vorgehen natürlich Sinn.

  8. Uwe 25/12/2019

    Zitat: „Was uns ebenfalls auffällt, sind die gelben Rohre am Strassenrand. Ganze Ortschaften sind mit den nicht sonderlich schönen, gelben Installationen „verziert“ und sie entpuppen sich als oberirdische Gasleitungen. Irgendwie hatten die Georgier keine Motivation, das Gestänge in der Erde zu verbuddeln.“

    Dass in Georgien und Armenien die Gasleitungen oberirdisch verlegt sind, ist keine Motivations-, sondern eine Sicherheitsfrage. Die Region ist seismisch aktiv, weswegen in der Erde verlegte Leitungen viel leichter brechen können und Leckagen schwerer zu finden sind.

  9. Jell Josef 23/12/2019

    ein super Bericht, freue mich schon auf den nächsten Teil.

  10. Michael 22/12/2019

    Wie immer: ein großartiger Bericht! 1000 Dank für die Mühe, die du dir machst, damit andere/ich deine Erlebnisse nacherleben können.

    Schöne Feiertage – ich bin gespannt auf die Fortsetzung

  11. Thomas B 22/12/2019

    Toller Reisebericht – vor allem mit ehrlichen Worten – ganz nach meinem Geschmack 😉

    Sehr schöne und eindrucksvolle Fotos. Ich bin schon mächtig gespannt auf den nächsten Teil.

    in diesem Sinne: Schöne Festtage. 🙂

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