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Griechenland 2021

Eigentlich will ich gar nicht nach Griechenland… Aber eigentlich ist es auch die Reise, die ich schon 2020 machen wollte. Dieses Jahr wird es nun hoffentlich klappen.

Nachdem ich Albanien, Montenegro und in einer weiteren Reise auch Rumänien 2017 schon einmal besuchen durfte, hatte ich Gefallen am Balkan gefunden. Ich mag die ganze Region und finde den Balkan als Reiseziel toll und es gibt noch jede Menge Ecken dort, die ich unbedingt besuchen will. Ausserdem fehlt mir noch Mazedonien, sorry: „Nordmazedonien“, auf meiner Länderliste. Das Land will ich dieses Jahr ebenfalls bereisen.

Die Tour beginnt mit einer Frage von Carola, als sie in unserer Garage die fertig bepackte Tenere 700 sieht: „Willst du mit der kleinen Maschine fahren?“

„Kleine Maschine? Das ist doch ein grosses Motorrad!“ antworte ich, nicht ohne gewisse Zweifel, die natürlich unberechtigt sind. Aber das Wetter im deutschen Sommer 2021 ist gerade nicht sehr einladend und der Wetterschutz meiner vertrauten BMW GS ist besser, dem muss ich zustimmen. Ich packe dann tatsächlich um und entscheide mich 30 Minuten vor der Abfahrt für die BMW.

Der bessere Windschutz der BMW ist übrigens einer der wenigen echten Punkte für meine Entscheidung, wobei die Tenere den durchaus erheblichen Gewichtsvorteil hat. Aber ja: Beide Maschinen stehen reisefertig in der Garage, ein kurzentschlossener Wechsel ist also keine Herausforderung und in fünf Minuten erledigt.

Zeitlich gibt es nur einen Fixpunkt in Form der Minoan-Fähre, die mich ursprünglich von Venedig nach Igoumenitsa in Nordgriechenland bringen sollte. Das Ticket hatte ich schon im Dezember 2019 gebucht, damals noch ohne Zweifel, dass ich die Fahrt im Sommer 2020 durchführen würde. Nach zwei Planänderungen im Vorjahr, wo es dann „nur“ nach Kroatien ging, sollte es jetzt soweit sein.

Einen Tag vor meiner Abfahrt habe ich die Route nochmal gecheckt und dabei festgestellt, dass die griechische Fährgesellschaft Minoan die Abfahrt vorverlegt hatte, von 17:30 auf 16:00 Uhr. Ein paar Monate zuvor wurde ich bereits, ohne dass ich es hätte ändern können, vom Abfahrtshafen Venedig auf Ancona und vom Ankunftshafen Igoumentisa auf Patras umgebucht. Ganz so, als ob es keine Rolle spielen würde, von wo man wohin reisen möchte…

Nicht dass ich jetzt kleinlich sein möchte, aber kurzfristig mal eben Abfahrtsort, Ankunftsort und Reisezeiten umzuschmeissen, kann bei mir für erhöhten Puls sorgen. Ähnliche Erfahrung mit der griechischen Fährgesellschaft hatte ich ja schon 2017 gemacht, insofern hält sich meine Überraschung jetzt gerade in Grenzen. Also gut, ich bin flexibel und habe vor, das Beste daraus zu machen!

Es ist Mitte Juni in Deutschland und ich habe noch nie so viel Papier vorbereitet und mitgeschleppt. Einreiseanmeldungen für Italien und Griechenland inkl. „Passenger Locator Form“ (PLF. Merken! Das kommt im Bericht noch häufiger vor), Urlaubsanschriften (notgedrungen „gefaked“), Reiserouten, Schiffsnamen mit Kabinennummern, Impfnachweise, etc. Man fühlt sich wie auf einer Interkontinentalreise, obwohl man nur in Europa unterwegs ist und mich nervt das ganze Theater. (Ah, sorry, schon wieder einen Aufreger rausgehauen…)

Meine Abfahrt schaffe ich am Morgen um 8:45 Uhr und es ist düster bewölkt bei 17 Grad. Das ist nicht unbedingt das erwartete Sommerwetter. Drei Mal werde ich heute auf dem Weg Richtung Süden pitschnass und wie so häufig wähle ich die Methode „Augen zu und durch“, also Kilometerfressen auf deutschen Autobahnen, um möglichst schnell in Richtung Alpen zu gelangen. Mein Wunsch-Tagesziel ist die Grenze nach Österreich und ich erreiche inmitten eines weiteren abendlichen Regengusses Reutte an der wohlbekannten B179, kurz hinter der Grenze.

Das Motorrad stelle ich auf dem Parkplatz eines kleinen Hotels (Kröll) ab, dass ich mir gerade am Ortsrand ausgesucht habe. Es ist ein etwas älteres Haus, aber vollkommen ok und mit sehr freundlichen Gastgebern.

Wie immer auf Reisen buche ich nichts vor. Ich weiss meistens nicht wo ich am Abend sein werde und suche mir dann je nach Situation eine Übernachtung. Damit hatte noch nie echte Probleme. Eine Brücke musste jedenfalls bisher nicht als Unterkunft herhalten, in Europa schon mal gar nicht.

Meine Reiseansprüche sind meistens überschaubar: Ich möchte ein sauberes ordentliches Haus, ohne Schnickschnack, idealerweise mit der Möglichkeit etwas zu essen und vor allem mit einem Frühstückskaffee, dann bin ich vollkommen happy. Mir sind die einfachen, günstigen Häuser meistens gerade recht. Daher passt es heute hier auch hervorragend.

Mir ist allerdings richtig kalt nach dem langen Regentag auf der Autobahn und nach einer heissen Dusche verkrieche ich mich schon früh am Abend unter die Decke.

Der nächste Morgen sieht genau so aus wie der gestrige Tag: Ein wolkenverhangener Himmel begrüsst mich. Na denn, auf nach Italien, vielleicht ist es dort besser?

Beim Auschecken halte ich einen Schnack mit der netten, dem Akzent nach zu urteilen osteuropäischen Chefin und beschwere mich mit einem Grinsen über das sommerliche Regenwetter in Reutte. Sie antwortet ebenfalls mit einem Grinsen im Gesicht, während sie auf die Kirche auf der anderen Strassenseite deutet: „Da drüben ist zuständiges Office, musst du dort anfragen!“

Wir kommen aufs Motorradfahren und dann erzählt sie mir von ihrer Panamericana Tour 2019, gemeinsam mit ihrem Mann, ebenfalls auf einer GS 1200 Adventure. Unglaublich! Die Panamericana steht weit oben auf meiner Wunschliste und ich muss natürlich alles ganz genau wissen, inklusive der Reiseroute, Dauer und allen Infos zur Verschiffung der Maschine. So könnte man direkt einen ganzen Vormittag verbummeln ohne aufs Motorrad zu steigen, aber ich muss morgen leider meine Fähre in Ancona erreichen. Blöd jetzt, die ganzen Infos – vor allem aus Südamerika – waren sehr spannend.

Auf jeden Fall bin ich begeistert, wie schnell man mal wieder gleichgesinnte Menschen trifft, wenn man sich die Zeit nimmt. Ich nehme mir vor, auf dieser Reise besonders aufmerksam zu bleiben, was sich im weiteren Verlauf noch erheblich auszahlen wird.

Der Regen begleitet mich auf dem Fernpass über Lermoos, Nassereith und Telfs.

Ich fahre die B179 immer ganz gerne, da ich mir dann auch die Autobahnmaut sparen kann. Und die Landstrassen sind ohnehin schöner, in den Bergen allemal.

Da ich die alte Brennerstrasse, also die neben der Autobahn, schon im vergangenen Jahr kennenlernen durfte, möchte ich es heute wieder probieren. In Innsbruck biege ich wieder Richtung Süden ab und mache mich zum Aufstieg.

Der alte Brennerpass präsentiert sich bei 10 Grad und Dauerregen und es ist – vorsichtig ausgedrückt – bisher nicht der schönste Tag meiner Motorradkarriere.

Das blöde ist einfach der Abfahrttermin der Fähre, den ich jetzt so kurzfristig nicht einfach umbuchen kann. Das ist der Grund, warum ich mich auf Reisen ungerne auf sowas festlege, aber diesmal ging es nicht anders. Klar, du kannst zum Südbalkan auf eigener Achse fahren, aber dann dauert das noch länger. Und ein Tag auf See hat ja auch irgendwas… Schön ist das sehr wohl!

Also weiter. Ich komme dann oben an der alten Brenner-Grenzstation an und erreiche Südtirol. Und als ob sich jemand heute früh im „Office“ einen Spass mit mir machen wollte, hört es auf zu regnen und ich kann den ersten Fetzen blauen Himmel erkennen. Der Regen endet wirklich schlagartig mit meinem Grenzübertritt nach Italien.

Gleichzeitig wird es deutlich wärmer, vor allem je weiter und niedriger ich komme. Bis Verona will ich jetzt doch ein paar Kilometer italienische Autobahn abreissen, aber zwischen Sterzing und Bozen soll es einen langen Stau geben. Statt nun auf der Autobahn im Verkehr zu stecken, entscheide ich kurzerhand, eine kleine Nebenstrecke zu nehmen und meine Wahl fällt auf die SS508. Als ich abbiege habe ich absolut keine Ahnung, dass ich nun zufällig über die tolle Strecke zum Penserjoch fahren werde.

Aber ok, das ist jetzt wohl die verdiente Entschädigung für den Regen heute früh und gestern?!

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das nun verdient war und lege oben auf der Höhe meine heutige Mittagspause ein.

So toll wie es hinauf ging, geht es auch wieder hinunter. Nur ab und zu überholen mich weitere Motorradfahrer mit einer Fahrweise, die ich irgendwo zwischen schnell, sauschnell und geistesgestört einordne. Aber auch gut, jeder wie er mag und seinem Schutzengel vertraut. Ich habe ja noch etwas Strecke vor mir und würde gerne unbeschädigt wieder zuhause ankommen, fahre meine recht üppig bepackte GS also nicht langsam aber doch eher im defensiven Reisemodus durch die Kehren.

Dann geht es bei deutlich über 30 Grad (Temperatur, nicht Querlage) einmal durch Bozen und nun aber wirklich zum Kilometer machen auf die Autobahn, die ich bei Verona dann schon wieder verlasse, um über kleine Strassen am Nachmittag Ferrara zu erreichen.

Das ist nicht der spannendste Abschnitt der Reise, aber ich kann das Motorrad hier einfach „laufen lassen“.

Heute habe ich ein gutes Tagespensum und da jetzt wenigstens in Italien endlich Sommer ist, entscheide ich mich kurzerhand für den erstbesten Agritourismo, dessen Werbeschild ich irgendwo in der Pampa am Strassenrand erblicke.

Es ist wieder nichts besonderes, aber das Moped steht gut, es ist ruhig und am Morgen bekomme ich ein Frühstück mit richtigem Kaffee. Manche sagen ja, der Kaffee wird immer schlechter, je weiter man sich in Europa in Richtung Norden bewegt. Wenn ich an den Kaffee auf deutschen Autobahnstationen denke, muss das stimmen. Das abgestandene schwarzbraune Zeug dort liegt meist irgendwo zwischen Spülwasser und Insektenvernichtungsmitteln.

Aber hier ist alles fein und als Stopover mehr als ausreichend. Später entdecke ich dann sogar noch den Pool, den sie im Garten versteckt haben. Was will man mehr?

Heute geht´s ab zur Fähre nach Ancona. Ich habe mir fest vorgenommen, ab jetzt nur noch Landstrasse zu fahren. Auf dem Weg möchte ich mir die Küste ansehen, die gerade hier in der deutschen Nachkriegszeit die Sehnsüchte des aufblühenden deutschen Tourismus erfüllt hat. Vor allem die Orte Ravenna und Rimini klingen im meinen Ohren und ich bin schon gespannt.

Die ersten Zweifel kommen mir aber schon auf dem Weg nach Ravenna und ich befürchte, das mit der Autobahnvermeidung war eine krasse Fehlentscheidung. Die italienischen Motorradfahrer überholen mich rudelweise und waghalsig in Boxershorts, T-Shirt und Flip-Flops. Ich rede mir ein, sie hätten sowohl Heim- als auch  Sprachvorteil und können dem behandelnden Arzt später besser als ich erklären, wo es besonders weh tut…

Währenddessen brennt die Sonne bei über 30 Grad und ich benötige fünf Stunden für 200 Kilometer. Man hat das Gefühl, man kommt überhaupt nicht voran und immer wieder ziehen sich die Ort wie an einer endlosen Perlenkette.

Meine Motivation beginnt gerade zu sinken und ich halte leicht frustriert an einer Tankstelle für eine mehr als nötige Trinkpause. Dabei nutze ich das Tankstellendach mal ganz frech als Sonnenschutz, da hier gerade sowieso niemand ausser mir anhält oder tanken will.

An der Zapfsäule sitzt – etwas gelangweilt – der einzige Bedienstete der Einrichtung und grinst mich an. Er schaut erst auf mich, dann auf das Kennzeichen und zuckt dann entschuldigend mit den Achseln. Ich deute es als „Scusi, kein deutsch“, will aber noch nicht so schnell aufgeben, schliesslich hatte ich mir mehr Aufmerksamkeit und Zeit vorgenommen.

Ich weiss, dass Spanisch und Italienisch sehr viele Gemeinsamkeiten haben und in Andalusien tun sich die Italiener immer sehr leicht mit der spanischen Konversation, was mich neidisch macht. Also ist es vielleicht einen Versuch wert und ich erzähle ihm mein Vorhaben, die Fähre in Ancona nach Griechenland zu nehmen auf spanisch. Bingo, das klappt. Wir quatschen, allerdings mehr schlecht als recht in einem Mix aus Spanisch und Italienisch und er erzählt mir, sein Job hier wäre sehr, sehr langweilig. Jedenfalls würde er lieber Motorrad fahren als in der Einsamkeit eine verkehrsarme Tankstelle zu bewachen.

Der Typ ist echt nett, aber meine Bereitschaft mit ihm zu tauschen  ist dann doch nicht gross genug und ich fahre weiter. Ravenna und Rimini erlebe ich leider als enttäuschend. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Oder ich war einfach nicht an den schönen Stellen? Aber alles was ich sehe, ist eher Industriekultur als Strandambiente.

Bei Pesaro will ich dann doch ein erstes Mal direkt ans Meer und stelle mich auf einen kleinen Parkplatz, ausserhalb des Ortes.

Auch hier ist mein Eindruck ernüchternd. Zwischen mir und der Adria liegen diverse Barrieren in Form eines Gitterzauns und einer stark befahrenen Eisenbahnlinie. Ich fühle mich wie im Zoo, bin aber unsicher auf welcher Seite…

Relativ schnell steige ich daher wieder aufs Motorrad und mache mich lieber auf den Weg nach Ancona, vielleicht habe ich dort mehr Glück.

Blöderweise geht es weiter wie vorher und die Orte hören nicht auf. Ich registriere Kreisverkehr, Ampel, Ortschaft, Kreisverkehr, Ampel… und dann alles nochmal und nochmal. Irgendwo, deutlich hinter Pesaro, habe ich mal ein Stück freie Strasse und für 500 Meter 100km/h auf dem Tacho, das war echt geil!

Dann geht es durch Fano. Da war ich schon mal, damals 2007, im Urlaub mit Freunden in den Marken. Wir hatten ein tolles altes Bauernhaus im Hinterland in den Bergen und machten einen Ausflug ans Meer, hierher nach nach Fano. Ich kann mich noch so gut erinnern, weil die Frau des befreundeten Pärchens Tage später unbedingt nochmal nach Fano wollte und ihrem Mann damit ewig in den Ohren lag. Das war von unserem Ferienhaus eine mehrstündige Autofahrt dorthin und alles nur, weil sie da eine Handtasche gesehen hatte, die gab es „sonst niiiiiergendwooo“! Der arme Kerl ist dann echt nochmal mit ihr hin.

Achso, ja, sorry, Reisebericht: Mehr kann ich dann zu Fano gerade nicht beisteuern.

Ich habe noch etwa 60 Kilometer bis nach Ancona und zeitlich müsste es jetzt gut passen. Wahrscheinlich habe ich noch genug „Luft“ bis zur Fähre. Daher suche ich mir einen Supermarkt und decke mich mit den wichtigsten Lebensmitteln für die Überfahrt ein. Meine Wahl fällt auf einen Lidl am Stadtrand von Ancona und ich stelle mein Motorrad in dem einzigen halben Quadratmeter ab, der auf dem dunkel asphaltierten Parkplatz einen Hauch Schatten vorhält.

Als ich absteige, steht neben mir ein Pärchen mit ihrem deutschen Auto und Kennzeichen aus Bochum. Sie wollen auch zum Hafen, allerdings mit Reiseziel Korfu. Er erzählt mir sichtlich stolz, dass er nun zum 31. Mal nach Korfu fährt. Ich muss etwas irritiert schauen und frage wieso, worauf er etwas verunsichert antwortet: „Ist schön da.“

Hmm, ok. Mein Fehler. Ich zweifle nicht daran, dass es da schön ist, aber einunddreissig Mal? Echt? Dabei hatte ich mir vorgenommen offener zu sein und auf die Menschen zuzugehen, ihre Neigungen zu respektieren. (Morgen klappt das bestimmt wieder besser!)

Den Hafen in Ancona erreiche ich Punkt 14:00 Uhr. Erstmal geht es zum Ticketschalter, an dem ich mein elektronisches Ticket wieder gegen das „echte“ Ticket für die Auffahrt auf die Fähre tauschen muss. Auf dem grossen Parkplatz am Hafen geht es zu wie auf einem Volksfest. Der Checkin ist mit etwa 300 anderen Reisenden belagert und besteht aus einer sehr grosse Halle, mit einem Riesentrubel. Es gibt so an die 20-30 Schalter und überall scheint es ewig zu dauern und jede Menge Leute schreien durcheinander. Direkt neben mir brüllt ein griechischer LKW-Fahrer seinen Unmut gegen die Plexiglasscheibe des Counters und sorgt für die passende Stimmung, genau das richtige für mich! Mit der Aussicht, mich in einer Schlange anzustellen und dort zu warten, kann ich nicht umgehen, sorry, echt. Das ist einer meiner vielen Fehler, ich kann sowas nicht, für sowas wurde ich nie konditioniert.

Aber ich will heute brav sein und mich nicht ärgern. Vielleicht geht es auch anders, obwohl es scheinbar überall in dieser Halle lange dauert. Ich denke mir: Also, ich habe ja schon eine Buchungsbestätigung, hier in meiner Hand und halte die einfach mal hoch. Das erblickt eine nette Dame an einem der mit diesen Gurtbändern abgesperrten Schalter und winkt mich zu sich.

Wow, denke ich, wie schön. (Die Situation, nicht die Dame! Wobei: Äh, die Dame war ja nicht hässlich oder so. Nicht dass jetzt wieder der nächste Shitstorm von Feminist*_Innen über mich hereinbricht. War nicht so gemeint… Tut mir wieder leid, echt wahr!)

Zurück zur Situation: Sie (die, die nicht hässlich war) freut sich über meinen kompletten Satz Papiere, inklusive PLF für Griechenland, Fahrzeugpapiere und Ausweisdokumente. Sie (die nette Frau…) atmet sichtbar durch in der Form „Endlich mal alles sortiert und vollständig“. So vorbereitet bin ich dann in 60 Sekunden wieder vom Schalter weg, ungelogen! Es macht wirklich einen Unterschied, ob man sich vorher schon online gekümmert hat. Bei sowas bin ich normalerweise pingelig und hab gerne alles fertig. Ich kann mich nur an eine Situation in Aserbaidschan erinnern, da hab ich echt mal ein fehlendes Kreuz auf meiner grünen Versicherungskarte übersehen und musste eine vermeidbare extra Versicherung abschliessen. Das war mir wirklich unangenehm.

So, ich bin aus dem ungemütlichen Gewusel wieder raus und auf dem „sonnenverwöhnten“ Parkplatz an meinem Motorrad. Die Hafenanlage  ist etwas unübersichtlich, aber ich folge einfach stur den kleinen Schildern, auch wenn mir die Verkehrsführung zunächst unsinnig erscheint, da in die vermeintliche falsche Richtung weisend.

Aber alles passt und schwupps, stehe ich vor der Minoan-Fähre, habe sogar noch etwas Zeit, die Hafenanlage zu „geniessen“.

Hafenanlagen habe ich in der Vergangenheit allerdings nicht unbedingt als Wellnesstempel kennengelernt, also ist meine Erwartungshaltung auch hier in Ancona eher realistisch.

Ich vertreibe mir die Zeit mit der Beobachtung der Mitreisenden, den Einparkkünsten von Wohnwagengespannen, den nachfolgenden Kontrollverlusten der Lenkenden (yeah, fast schon korrekt „gegendert“) und allerhand Gedanken zur bevorstehenden Überfahrt. So ein ruhiger Tag auf See hat was. Da kann man sich super auf sein Ziel vorbereiten, relaxen und über allerhand Unsinn nachdenken.

Bis dahin fotografiere ich in der Gegend rum und checke nochmal meine Emails, was auf der Überfahrt so nicht funktionieren wird, ohne für extra absurde Kosten das Mobilnetz an Bord zu nutzen.

Am Himmel sieht es allerdings gerade etwas gewittrig aus und ich hoffe, ich kann die Fähre befahren, bevor es heute nochmal nass wird. Das hat mir in den vergangenen Tagen gereicht und die Regenjacke habe ich bereits in die Tiefen meines Alukoffers verbannt.

Aber alles passt und die Prozedur läuft sogar erstaunlich gesittet ab, da bin ich ebenfalls anderes gewohnt. Die Fähre befahre ich mit nur fünf weiteren italienischen Motorrädern, die alle zu einer Gruppe gehören, die jetzt zehn Tage Griechenland bereisen will. Sie wollen allerdings weiter in den Süden, in Richtung Athen und wir wünschen uns jeweils eine gute Reise.

Ich hatte mir eine Solo-Innenkabine gebucht und die ist auch ganz ordentlich, auch da habe ich schon Schlimmeres gesehen. 

Die Doppelkabine habe ich für mich alleine und das ganze Paket, inkl. Motorrad, war sogar bezahlbar. (Nein, so ist das nicht gemeint, das Moped musst du mitbringen, das geben sie dir nicht auf der Fähre dazu…)

Wenn du bei Minoan früh buchst und vielleicht sogar noch deine ADAC-Mitgliedsnummer angibst, bekommst du meistens wirklich gute Rabatte. (Fähre Ancona-Patras; Fährticket; Motorradtransport; Einzelkabine zusammen 279,- EUR)

Ich schmeisse aber nur kurz meine ganzen Sachen in die Kabine und mache mich dann mit der Kamera auf den Weg zur Schiffserkundung. Bis zum Ablegen finde ich das immer eine ganz schöne Beschäftigung. Man hat alles fertig bezogen und kann sich in Ruhe in die Hände der Besatzung geben.

So aus der Perspektive einer Fähre ist Ancona sogar nett anzusehen.

Und die Minoan-Fähre legt heute pünktlich ab. Auch das war bei meiner ersten Tour mit dieser Gesellschaft deutlich anders und ich konnte mir eine Nacht am Fusina-Terminal um die Ohren hauen. (Wer das Fusina-Terminal auf dem Festland vor Venedig kennt, weiss was das bedeutet…)

Hier und heute ist aber alles prima und ich sehe noch die Steilküste südlich von Ancona vorbeiziehen.

Irgendwann bricht dann die Nacht hinein und es wird merklich ruhiger auf dem Schiff. An der Bar auf dem Oberdeck gönne ich mir ein Bier für 4,50 Euro, aber so ist das halt, wenn jemand ein temporäres Monopol hat.

Eigentlich bin ich kein Biertrinker, aber an heissen Tagen ist sowas schon mal ganz erfrischend. Dann kommt der Abend und ich laufe nochmal rund ums Oberdeck.

In meiner Kabine wartet ja noch der edle Tropfen aus dem Lidl in Ancona und ich ziehe mich in meine Gemächer zurück. Erst als ich schon einen Schluck getrunken habe, registriere ich das Etikett und den Markennamen. Na das passt ja gerade…

Während ich noch überlege, ob diese Weinsorte mir nun einen Positivstatus einhandelt und dadurch die Einreise nach Griechenland auf dem Spiel steht, schaue ich so auf die Kabinentür.

Ich meine, jetzt mal im Ernst: Das kann man doch auch ordentlich machen, oder? Wenn mir jemand sagt, ich soll die Hinweisschilder an die Tür kleben, dann macht man das doch gerade. Echt, schau dir das Elend doch mal an:

Noch während ich mir kopfschüttelnd den Typen vorstelle, der die Aufkleber dorthin geschlampt hat, schweift mein Blick nach links, neben die Tür zum Bad. Da hat – und hoffentlich wars der gleiche Kerl – jemand das Thermostat an die Wand geschraubt, verkehrt herum!

Was soll ich sagen? Es gibt mehrere Möglichkeiten: a) Wir Deutschen sind so bescheuert, weil uns sowas auffällt, oder b) Ich bin einfach schon zu entspannt, dass es mir überhaupt auffällt, oder c) Ich halte jetzt einfach meinen Schnabel und hau mich in die Koje, ohne mir den Kopf über so einen Sch… zu zerbrechen. Gute Nacht.

Beim Aufstehen kreuzen wir bereits vor Korfu.

Ich erwische einen Kaffee an der Bar für weitere vier Euro und kann meinen morgendlichen Koffeinbedarf befriedigen. Dabei ist es schon jetzt, um 8 Uhr in der Früh, mollig warm, trotz der offenen See und dem Wind! Jacke, Pullover und alles was mehr als ein T-Shirt darstellt, kann man erstmal in den Taschen lassen.

Über den Mittag fahren wir zwischen den griechischen Inseln hindurch und ich stehe an der Reling und schaue auf diese wunderschöne Landschaft. Griechenland hatte ich überhaupt nicht auf meiner Reiseroute und bin hier eher bedingt durch die geänderte Fährverbindung gelandet. Vielleicht habe ich das Land zu unrecht nur als Durchgangsstation gewählt?

Die Fähre kommt um 14:30 Uhr, sogar etwas zu früh in Patras an. Minoan schaffte es in diesem Jahr tatsächlich, mich zu überraschen, und zwar im positiven Sinn. Während der Einfahrt in den Hafen haben wir bereits 35 Grad Celsius und strahlend blauen Himmel.

Ich fahre von der Fähre ab und die Griechen kontrollieren zunächst die Papiere und wollen tatsächlich den Impfnachweis sehen. Es wird das einzige und auch letzte Mal auf dieser Reise sein, dass jemand sich dafür interessiert. Direkt vor mir stehen zwei Polen auf ihren  Motorrädern. Die beiden hatte ich bei der Auffahrt auf die Fähre gar nicht gesehen. Sie haben aber offenbar nichts vorbereitet, kein PLF, kein Impfnachweis, keine Papiere und versuchen mit den Hafenbeamten zu diskutieren.

Da ich direkt dahinter stehe, bekomme ich den englischen Wortwechsel ganz gut mit, verliere aber gerade deshalb schon nach kurzer Zeit mal wieder die Geduld. Ich strecke den QR-Code des PLF und Impfstatus auf meinem Smartphone in die Höhe und werde dann an den beiden Diskutanten vorbeigewunken, geht doch… 

Patras als Stadt interessiert mich nicht so sehr, ich möchte lieber gleich in Richtung Norden, habe aber vor, dazu die Küstenstrasse zu nehmen, was ich mir ganz schön vorstelle.

Dazu muss ich die recht beeindruckende Rio-Andirrio-Brücke passieren, die den Golf von Patras überspannt. Die Griechen verlangen dafür 1,90 Euro Strassengebühr, was mich kurz irritiert, da ich nicht mit Barzahlung in Münzform gerechnet hatte, ich werde aber in den Tiefen des Tankrucksacks fündig.

Danach fahre ich noch weiter ein kurzes Stück Autobahn und werde auch schon in die nächste Mautstation gelockt, wo sie 2,05 EUR von mir haben wollen. Zwei-Euro-Fünf? Seid ihr bescheuert? Dann nimmt man zwei Euro oder zwei-fuffzig, aber doch nicht so einen krummen Betrag! Das alleine ist schon ein Grund die Autobahn schnellstmöglich wieder zu verlassen. Die Griechen werden eventuell genau so denken wie ich, denn die Autobahn ist praktisch leer.

Egal, Landstrassen sind sowieso schöner und man kann die Gegend geniessen. Mein Ziel heute ist die Gegend um Mytikas, was mich schon in Patras leicht verzweifeln liess, da mir das Navi eine Strecke 120 Kilometer Richtung Süden vorgaukeln wollte, ich mir aber relativ sicher war, dass ich nach Norden will. Mytikas gibts in Griechenland vier bis fünf Mal, also aufpassen.

Ich fahre schliesslich die Strasse in Richtung Astakos und bin jetzt etwas zuversichtlicher, meine Wunschroute gefunden zu haben. Navis sind echt praktisch, aber man sollte den Dingern wirklich nicht blind vertrauen…

Bei Astakos fahre ich dann wieder die Küstenstrasse direkt am Meer und bin abermals begeistert. Wow, das ist wirklich schön hier. Griechenland ist richtig klasse, vielleicht sollte ich hier doch länger bleiben?!

Ich muss so oft anhalten und das Meer ansehen, dass mein Kilometerschnitt erheblich sinkt. Die Strecke wird direkt in meine Traumroutenliste aufgenommen und das, obwohl ich hier nur umständehalber unterwegs bin.

Da der Nachmittag schon weiter fortgeschritten ist und ich mir um diese Zeit immer eine Bleibe suche, mache ich mir die Sache einfach und fahre direkt in den Ort Mytikas, bis hinunter an die Häuserreihe am Wasser, dort sollte sich eigentlich etwas finden lassen.

Der Ort macht auf mich allerdings einen komplett entvölkerten Eindruck. Offenbar sind hier keine Touristen unterwegs und selbst Einheimische kann ich kaum finden.

Das MK Glaros ist dann das ersten Haus, was mir nach Hotel und Restaurant aussieht und ich denke, es lohnt sich hier mal vorstellig zu werden. Wenn man aber so zwischen den Häusern umherschleicht, überkommt einen im Sommer 2021 ein seltsames Gefühl. Alles wirkt wie in der Vor- oder Nachsaison. Ich mag wirklich die Ruhe, aber ausgestorben muss es dann auch nicht unbedingt sein.

Empfangen werde ich vom Chef des Hauses, der mir den Eindruck macht, er hätte nur auf mich gewartet. Weitere Gäste: Fehlanzeige.

Ich werde also überaus freundlich empfangen, soll mein Motorrad unter einem Strohdach, direkt neben seinem Auto abstellen und bekomme ein Zimmer im zweiten Stock mit fantastischem Blick auf die Bucht und das Meer.

„Essen?“ Klar, das gibts unten am Wasser und ich möge nur sagen was ich haben will.

„Nur eine Nacht? Das kann nicht sein!“ Er hätte jede Menge Ausflugtipps und würde mich mit seinem Boot zu den vorgelagerten Inseln fahren, wo es Unmengen an schönen Badebuchten gibt. Angeln könne man da auch, und Wasserski fahren, und wandern, oder Baden, oder wasauchimmerichwill.

In mir kommt langsam die Gewissheit hoch, dass ich hier genau richtig bin. Ich habe vielleicht eine etwas seltsame Vorliebe für einfache Häuser, aber dieses hier ist mir gerade recht. Ich fühle mich pudelwohl und überlege tatsächlich, den Aufenthalt nicht nur als Zwischenstopp auf dem Weg nach Albanien zu wählen.

Das MK Glaros ist echt ein Volltreffer. Die supernetten Gastgeber sprechen perfekt englisch. Später kommt noch seine (deutlich jüngere) Frau hinzu und die beiden erzählen mir, ihre Kinder leben in Kanada, wo sie regelmässig zu Besuch sind, daher auch das für Griechen erfreulich flüssige Englisch.

Ich schmeisse dann nur kurz meine Sachen ins Zimmer und mache mich schnellstmöglich wieder auf den Weg nach unten, um in dem urgemütlichen Restaurant ein wohlverdientes Feierabendbier zu trinken und – da bin ich mir recht sicher – sie werden mich nicht hungrig schlafen gehen lassen.

Die beiden kommen dann nochmal zu mir an den Tisch und wir sprechen über die Situation, die besonders für das Gastgewerbe überhaupt nicht vorteilhaft ist. Ob die beiden nun verantwortlich sind für die Misere wage ich zu bezweifeln, aber man redet überall gegen Wände und ich kann selbst nicht mehr machen, als trotzdem zu reisen und meinen bescheidenen Teil zu versuchen.

Normalerweise thematisiere ich nicht mein abendliches Essen, aber hier fotografiere ich dann doch den „griechischen Salat“, der mir hier tatsächlich nativ „griechisch“ erscheint. Der Vollständigkeit halber: Ich gönne mir danach sogar noch frisches, gegrilltes Hühnchen und es ist alles sowas von lecker… Hier muss ich nochmal hin!

Am Abend sitze ich stundenlang am Wasser und geniesse die Ruhe und das Meer.

Wer hier rummeckert hat echt einen an der Waffel und sein Leben nicht im Griff.

Der Morgen beginnt so, wie der gestrige Abend aufgehört hat. Ich gönne mir ein wundervoll gezaubertes Frühstück an meinem Stammtisch von gestern Abend und schaue dem einzigen sichtbaren Einheimischen beim Fischen zu.

Mytikas wirkt auf mich jetzt, am Morgen, noch immer genauso verschlafen wie gestern, was aber durchaus seinen Reiz hat.

Beim frühen Packen des Motorrads schaue ich aufs Meer und denke mir, das ist hier echt ein schönes Fleckchen Erde. Trotzdem will ich weiter, nicht ohne den festen Plan, Griechenland später nochmal zu bereisen.

Oben im Ort finde ich eine Tankstelle und versorge mich zunächst mit einem randvollen Tank und drei Litern Wasser. Es ist schon wieder so warm, dass ich lieber mit ausreichend Flüssigkeitsreserve losfahre.

Die traumhafte Küstenstrasse macht den Abschied schwer und ich hoffe irgendwie, dass es gleich hässlich wird.

Naja, es war einen Versuch wert, funktioniert aber nicht. Die Strecke ist traumhaft und dazu noch vollkommen einsam. In der nächsten Stunde könnte ich die anderen Fahrzeuge an einer Hand abzählen.

Einmal fahre ich durch einen verschlafenen Ort mit einer Taverne im Zentrum. Dort sitzen viele alte Männer und schauen sich tiefenentspannt bei einem Kaffee den überschaubaren Verkehr in Form eines deutschen Reisemotorrads an. Die Szene hat etwas meditives und ich muss schmunzeln unter meinem Helm.

Ich bin diesmal insgesamt langsamer unterwegs als früher, fahre eher 80 oder 90km/h und nicht mehr so zielorientiert. Warum es dieses Jahr deutlich gemütlicher vorangeht, kann ich nicht sagen, aber als es mir auffällt komme ich gut damit klar. Der Zeitplan ist auch entspannter als in den Vorjahren. Ich habe kein festes Rückkehrdatum und kann einigermassen flexibel unterwegs sein, das ist ein echter Vorteil.

Südlich von Preveza komme ich am ehemaligen Militärflugplatz vorbei, der heute nur noch am Rande von seiner damaligen Nutzung zeugt.

Die Strasse führt auf der engen Nehrung am ambrakischen Golf direkt an der Landebahn vorbei. Fotografieren ist hier laut Beschilderung streng verboten, aber ich gehe bei der heutigen zivilen Nutzung mal davon aus, dass sie nur vergessen haben die Schilder zu entfernen?

Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass das Fotografieren von Lufthansa- und Easyjet-Maschinen mich vor ein Militärgericht bringt.

Direkt hinter dem Flugplatz führt die Strasse durch einen etwa 500 Meter langen Tunnel unter dem Meer nach Preveza und sie verlangen mal wieder Maut: 70 Cent sind fällig und so langsam geht mein Vorrat an Euromünzen zu Neige. Falls du mal nach Griechenland fährst, nimm Münzgeld mit!

Die Küstenstrasse muss ich nun leider verlassen, denn mein nächster Navigationspunkt ist die Stadt Ioannina auf dem Weg in Richtung albanische Grenze.

Irgendwie besteht noch die Hoffnung, dass es jetzt im Hinterland langweilig wird und mein Wunsch albanischen Boden zu erreichen die griechische Bergwelt übertrumpft, meine Zuversicht schwindet jedoch mit jedem weiteren Kilometer.

Am Strassenrand stehen übrigens überall diese kleinen religiösen Häuschen herum. So in etwa alle einhundert Meter findet sich eine bemalte Säule mit einem Türchen und Kerzen darin. Ich schaffe es bis zum Verlassen des Landes nicht, das Geheimnis dahinter zu lüften.

Die Route führt mich auf kleinen und kleinsten Wegen durch die Berge und es wird einfach nicht hässlich. Die folgenden Bilder sind daher nur exemplarisch für die Gegend, in der ich mich gerade herumtreibe:

Da ich zwischenzeitlich der Meinung bin, mehr von diesem schönen Land sehen zu müssen, werfe ich den ursprünglichen Plan über den Haufen und fahre nicht auf dem schnellsten Weg nach Albanien. Ich fahre zunächst in Richtung Norden, dann eher Nordosten und entscheide mich für die Epirus-Region, die sich an der griechisch-albanischen Grenze erstreckt. Gut, wenn man flexibel reagieren kann.

Weiter geht es nun in die entlegenen Gegenden nördlich von Ioannina, die noch ein paar Highlights versprechen. Das hatte ich am späten Abend in Mytikas auf der Terrasse am Meer bei meiner Web-Recherche herausgefunden.

Unterwegs auf einer der unzähligen kleinen Strassen entdecke ich ein Hinweisschild auf ein Militärmuseum. Da mein Zeitplan nun eh schon hinüber ist, biege ich kurzerhand ab und stelle das Motorrad vor dem antik anmutenden Gemäuer ab.

Hier kann man mal kurz halt machen, eine Pause einlegen und vielleicht etwas interessantes sehen, denke ich. Aber da habe ich die Rechnung schon wieder ohne die Griechen gemacht.

Ich gehe durch das offene Tor in den Innenraum der Anlage, bis dato noch felsenfest davon überzeugt, hier wiederum alleine das Gelände zu erkunden, als ich plötzlich hinter mir Bewegung verspüre.

Als ich mich umdrehe schaue ich in die Augen von vier Soldaten in Tarnuniform. Etwas erschrocken habe ich Sorge, mich hier vielleicht unberechtigt aufzuhalten, aber eigentlich bin ich mir keiner Schuld bewusst. Da stand kein Verbotsschild, ja sogar das Hinweisschild an der Strasse oben, für mich also eher Werbung für diesen Ort. Als ich genauer hinsehe erhalte ich jedoch den Eindruck, die Männer gegenüber wären mindestens genauso erschrocken wie ich.

Ich erkenne einen Offizier und drei Mannschaftsgrade, von denen einer Englisch spricht und mich fragt, von wo ich komme. Ich gebe mich daher als deutscher Reisender zu erkennen und hoffe auf Gnade und Barmherzigkeit.

Der Soldat spricht mit seinem Vorgesetzten und erklärt mir, das wäre hier in der Tat ein Militärmuseum, aber normalerweise würde hier keine Touristen herkommen. Überhaupt würde hier niemand herkommen, obwohl der Posten ausdrücklich dazu gedacht wäre, fremden Reisenden die Militärgeschichte Nordgriechenlands näherzubringen. Mir schwant langsam, worauf das hier hinausläuft…

Die recht klare Ansage lautet: Ich werde hier nun eine persönliche und offizielle Führung bekommen, dürfe aber nicht die Soldaten fotografieren. Gebäude, Aussenanlagen und Ausstellung wären in Ordnung, aber nicht die Soldaten. Sir, yes, Sir, geht klar!

Die Truppe vereinnahmt mich also ungefragt und eine militärische Intervention meinerseits erscheint mir angesichts der Zahlenüberlegenheit meiner Gegner nicht erfolgversprechend.

(So ungefähr muss sich übrigens eine Geiselnahme anfühlen…)

Also: Thema des Museums sei der erste Balkankrieg zwischen den Griechen und den Türken, (Die Griechen gegen die Türken, wer hätte das gedacht…) wobei die Länder nördlich Griechenlands, also das heutige Albanien und Mazedonien (Sorry: NORD-Mazedonien! Dazu kommen wir später noch…)  damals fest in osmanischer Hand waren.

Hier im Norden hat es daher ebenso häufig wie heftig gerummst und wieso, weshalb, wer und wie lange, werde ich nun genauestens erfahren, ob ich will oder nicht!

Hier kommen – wie schon erwähnt – normalerweise keine Besucher vorbei und wenn heute schon mal Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen (zumindest für die Besatzung des Postens hier), und sich jemand mit seinem Motorrad auf diesen Holzweg hat leiten lassen, ja dann stehen nun eineinhalb Stunden Führung auf dem Programm. Und zwar vom Stützpunktleiter höchstpersönlich, immer begleitet von dem Mannschaftssoldaten, der mir jeden Satz seines Vorgesetzten übersetzt. Gut, dass mein Zeitplan schon vorher für die Tonne war.

Die Situation ist derart skurril…

(Entschuldigung, ich habe „skurril“ gesagt. Dafür habe ich nach meinem Rumänien-Bericht schon mal heftigst einstecken müssen, weil ich jemanden als „skurril“ bezeichnet habe und das „diskriminierend“ sei. Ich hatte das Wort gar nicht abwertend gemeint, aber das sei egal, man würde bei mir „rassistische Tendenzen“ erkennen. Na dann…)

… dass ich mich in der nächsten Stunde ständig zwischen Fluchtreflex und ehrfürchtiger Demut bewege, angesichts der Mühe, die sich die Jungs hier geben um für mein Entertainment zu sorgen.

Also: Die Situation ist wie gesagt völlig skurril und ich muss mehrmals während der Vorstellung mein Lachen unterdrücken, vor allem wenn der Offizier mit einem Zeigestock vor den Relief-Landkarten an der Wand steht und mir die Frontverläufe während der Jahreszeiten zu Beginn des letzten Jahrhunderts erklärt.

Mehr als einmal denke ich, ein bisschen Bumbum gucken hätte mir auch gereicht, aber gut.

Es gibt in dem Gebäude mehrere Räume und jeden muss ich besuchen und in jedem gibt es eine Videovorführung von DVD, wobei sie jedes mal gefühlte fünf Minuten benötigen, um die Sprache von griechisch auf englisch umzustellen.

Irgendwann bin ich aber durch und habe nur die letzte Sorge, gleich im letzten Raum noch einen Test zu schreiben und abgefragt zu werden, ob ich auch alles verstanden und behalten habe. Du ersparst es mir jetzt, die Details einzelner Schlachten wiederzugeben, ok?

Ich mache ausserhalb des Gemäuers noch ein paar Fotos und mich dann wieder auf den Weg. Die Leute hier waren echt freundlich und nett, aber ehrlich: Zwanzig Minuten Keyfacts hätten mir gereicht.

So habe ich nun reichlich Zeit vergeu… benötigt und kann mich langsam darum kümmern, die Nacht nicht in einer Kaserne oder unter einer Brücke zu verbringen.

Auf gehts in die Epirus-Region beziehungsweise in den Vikos-Aoos-Nationalpark, ein UNESCO-Geopark und landschaftlich vielversprechend. Bei dem was ich hier bisher erleben durfte, mache ich mir keine Sorgen, angesichts der hellenischen Vorschusslorbeeren. Das wird schon…

Ich verlasse die gut ausgebaute Landstrasse nördlich von Ioannina und dann geht es auch schon wieder hinauf in die Berge.

Oben komme ich an einem recht grossen Denkmal vorbei. Es stellt eine Frau mit reichlich Gepäck auf dem Rücken dar und ich kann es zunächst nicht so richtig deuten.

Ich laufe um die Statue herum, schaue mir die Aussicht an und vernehme dann neben mir ein offenbar griechisches Paar in deutscher Unterhaltung. Beide sind gebürtig hier aus der Region, leben schon lange in Deutschland und sind nun zum Heimatbesuch und Sommerurlaub.

Sie hat nach eigener Aussage gerade die böse, todbringende Krankheit von der alle reden und ist bestens gelaunt. Er ist seinerseits TÜV-Kfz-Prüfer beim (zensiert) und damit sind wir ja irgendwie fast Kollegen, wenn auch bei einem anderen TÜV und ich für einen ganz anderen Bereich, aber als Gesprächsthema reicht es allemal.

Auf meine Frage, mit welchem Hintergrund dieses Denkmal hier steht, müssen sie auch erstmal die Hinweistafel an der Statue studieren, sind dazu aufgrund ihrer Herkunft aber wenigstens in der Lage, im Gegensatz zu mir. Die griechische Schrift macht mir schon die ganzen Tage zu schaffen und ich fürchte, damit werde ich nicht so recht warm.

Achso: Das Denkmal symbolisiert die Frauen, die angesichts der anrückenden italienischen Truppen 1940 ihre eigenen Soldaten mit den wichtigsten Dingen versorgt haben. Ohne ihre Hilfe hätten die Griechen es nicht geschafft, die Italiener nach Albanien zurückzudrängen. Wenigstens waren mal nicht wir Deutschen der unmittelbare Anlass für ein trauriges Denkmal.

Wo war ich? Achja – auf dem Weg in die Berge. Aber nicht ohne ein konkretes Ziel: Die Vikos-Schlucht habe ich per Zufall gestern Abend im Internet entdeckt und für besuchenswert befunden.

Meine Route führt nun weiter nach oben in Richtung des winzigen Bergdorfes Monodendri. Von dort soll es eine Strasse zum höchsten Punkt am Rande der Schlucht geben und ich habe definitiv vor herauszufinden, ob das stimmt.

Monondendri bietet durchaus ansprechende Infrastruktur, jedenfalls soweit man das von einem derart abgelegenen Ort erwarten darf.

Mir schwant gleichzeitig, dass die Vikos-Schlucht nicht nur irgendeine x-beliebige Rinne im nordgriechischen Gebirge ist. Zunächst bestaune ich aber noch die bemerkenswerten Fahrzeuge am Strassenrand. Der TÜV-Prüfer von heute Morgen hätte hier bestimmt seine helle Freude.

Auf dem Weg zum Oxia-Viewpoint fahre ich durch einen schönen Steingarten und das erinnert mich irgendwie an El Torcal in Andalusien.

Die Strasse endet dann als Sackgasse weit oben im Nichts an einem kleinen Parkplatz, wo mal wieder überhaupt nichts los ist.

Am Rande des Platzes steht ein Schild und weist mich auf einen 100 Meter Fussweg. Waaas? Ich kann nicht mit dem Motorrad bis an den Rand der Schlucht fahren? Och Mensch…

Der Fussweg, so ganz ohne Verbrennungsmotor, erweist sich weniger schlimm als befürchtet und es geht direkt an den wahrscheinlich besten Ort um diese spektakuläre Schlucht zu besuchen.

Auf dem Weg dorthin sollte man allerdings vorsichtig sein. Das Warnschild steht dort nicht nur zum Spass und wer Höhenangst hat, sollte sich vielleicht ein anderes Ausflugsziel suchen.

Die Vikos-Schlucht ist angeblich die tiefste Schlucht der Welt und hier oben geht es 1.000 Meter herab, man hätte also durchaus noch Zeit, eingehend über einen eventuellen Fehltritt nachzudenken, bevor man unten aufschlägt.

Belohnt wird man aber mit einer wirklich tollen Aussicht in einen atemberaubenden Canyon. Da hat sich die lange Anfahrt (und 100 Meter Fussweg!) auf jeden Fall ausgezahlt. Sollte es dich also jemals in den griechischen Norden verschlagen: Fahre die Vikos Schlucht und dort den „Oxia“ Punkt an, du wirst es nicht bereuen!

Das war schon mal grosses Kino, aber ich will noch weiter. Es soll hier in der Gegend eine Art natürlichen Swimming-Pool geben, die „Papingo Rock Pools“. Dazu muss ich allerdings wieder zurück, in Richtung Westen, dann nördlich, um die Schlucht zu umfahren und weiter nordöstlich wieder hoch in die Berge.

Die Landschaft ist super und ich kann immer noch nicht glauben, was ich hier verpasst hätte. Ab und zu halte ich an besonders schönen Stellen oder Denkmälern.

Meistens geht es hier aber quer durch die Natur, Wälder, Täler und Serpentinen. Immer noch ist alles nahezu menschenleer und man hat die kleinen Strassen für sich.

Ich benötige für die Strecke von vierzig Kilometern etwa eineinhalb Stunden, bedingt aber auch durch meine vielen Stopps. Die Pools sind nicht so einfach zu finden, da man an den Hauptstrassen am Rande des Geoparks praktisch keine Schilder aufgestellt hat, da muss man schon selbst recherchieren. Immerhin gibt es hier und dort mal eine Hinweistafel, dass man jetzt wieder in den Geopark einfährt.

Die Rock-Pools liegen an einer kleinen Bergstrasse hinauf zum Ort Papigo. (Warum der Ort „Papigo“ und die Pools „Papingo“ heissen kann ich nicht nachvollziehen…) Dort musst du dann aufmerksam sein, sonst fährst du an denen vorbei.

Das Motorrad kann man an der Bergstrasse abstellen und dann in eine kleine Schlucht hochlaufen. Je nach Hubraumkategorie kann man auch etwas weiter hochfahren, sollte dann aber über richtig geländetaugliches Material verfügen. In meiner Gesamtgewichtsklasse lasse ich die dreihundert Kilogramm mitsamt Alukoffern lieber unten stehen.

Es sind nur wenige Meter bis zu den ersten Pools und da hat sich die Natur etwas feines einfallen lassen. Ein Bergbach hat sich hier in die Felsformationen gegraben und immer wieder für natürliche Schwimmbecken gesorgt, die ständig mit frischem Wasser gespeist werden.

Die Pools reihen sich beim Aufstieg aneinander und ich habe auch nach einer längeren Klettertour das Ende nicht gesehen. Es sind also nicht nur zwei kleine Planschbecken, sondern eine wirklich sehenswerte Anlage.

Ein paar Griechen nutzen die Gelegenheit für ein erfrischendes Bad bei den etwa 32 Grad Lufttemperatur die wir hier gerade haben. Das Wasser ist kristallklar und überraschend warm, jedenfalls wärmer als ich es in den Bergen erwartet hatte.

Wir haben es schon wieder spät am Nachmittag und ich denke, hier ist der richtige Ort, um sich eine anständige Unterkunft zu suchen. Die Strasse führt noch etwas weiter und ich hatte bei der Anfahrt oben ein paar Häuser gesehen, vielleicht werde ich also direkt fündig? Die Kulisse für den Abend sieht vielversprechend aus.

Die Weiterfahrt hätte ich mir fast sparen können, denn schon wenige Meter weiter sehe ich ein Gebäude aus alten Steinen mit Tischen vor der Tür und einem Hinweisschild.

Gegenüber geht ein kleiner Weg ab und ich denke, da wird das Motorrad gut im Schatten unter den Bäumen stehen. Also stelle ich ab und laufe die paar Meter zurück zur Unterkunft.

Das ich mein Motorrad am örtlichen Friedhof stehen lasse, ist hoffentlich kein böses Omen.

Der Ort – oder besser die Ansammlung der wenigen Häuser – wirkt wie aus einer anderen Zeit. Es erscheint mir eher wie ein grosses Freilichtmuseum welches darstellt, wie die Menschen hier vor hundert Jahren gelebt haben. Rein von der Landschaft und den alten Gemäuern erinnert es mich an die Svaneti-Region in Georgien, vielleicht aber insgesamt besser in Schuss.

Meine Unterkunft hat fast alle Zimmer frei und ich suche deshalb auch gar nicht erst weiter. Das sieht hier mindestens so gut aus wie in Mytikas und ein Restaurant für den Abend gibt es auch, also was will man mehr? Dazu die unglaublichen Steilwände des Geoparks direkt vor dem Zimmer, ich hätte es schlechter treffen können.

Da der Ort recht klein ist, streife ich nochmal umher und schaue mir diesen wirklich schönen Fleck an. Es gibt etwas oberhalb meiner Unterkunft eine uralte Kirche mit einem nicht weniger alten Baum. Das muss der Dorfplatz sein und ich bin schon wieder hin und weg.

Das ist wirklich romantisch hier und es geht zurück zur Unterkunft. Da haben sie eine schöne Terrasse mit einer kleinen Pergola und ich denke, es ist mal wieder der richtige Platz für ein Bierchen und die Gewissheit, heute alles richtig gemacht zu haben.

Auf der anderen Seite des Hauses oberhalb, stehen kleine Tische für das Abendessen. Ich bestelle mir wieder einen Salat mit Hähnchen, da die sowas hier sicherlich frisch daherzaubern und werde mit genau dem belohnt, was meiner Idealvorstellung entspricht.

Beim Essen kann ich dann bewundern, wie die Abendsonne die Steilwände in das richtige Licht setzt. Manchmal muss man die Natur einfach machen lassen und abwarten. Ich denke gerade der Trick ist, die Zeit und Ruhe zu haben, den richtigen Moment und den richtigen Ort nicht zu verpassen. Sowas passiert im Alltag leider recht schnell.

Irgendwann ist es dann aber dunkel und ich möchte ins Bett, denn morgen habe ich eine ziemlich lange Strecke vor mir. Albanien ruft, jetzt aber wirklich und ich will früh raus, zumal es dann noch nicht so heiss ist.

Mein Zimmer ist übrigens, wie soll ich es ausdrücken, durchaus „akzeptabel?!“

Die Abfahrt frühmorgens muss ich ohne Frühstück vollziehen, denn das gibt es hier erst ab 9 Uhr. Deshalb hatte ich gestern Abend schon bezahlt und die Wirtsleute haben mich dann ganz lieb mit einem Lunchpaket versorgt, mit dem auch eine ganze Familie über den Tag gekommen wäre.

Auf gehts also bei noch sehr angenehmen 20 Grad. An einem Brunnen steht ein alter Grieche mit einer Mistgabel auf der Schulter und schaut mich an, als ich mit dem Motorrad an ihm vorbeifahre. Wir grüssen uns beide an diesem wunderschönen Morgen und grinsen. Mann, ist das gut hier.

Zunächst muss ich mal vom Berg runter und fahre die einzige Strasse in Richtung Konitsa, die mir nach wenigen Kilometern zuerst ein Serpentinenparadies bietet und direkt danach, unten im Tal, eine Flusslandschaft wie aus dem Bilderbuch.

Das fängt ja schon wieder gut an heute. Kaum bin ich losgefahren, muss ich schon wieder stoppen und fotografieren.

Das Wasser ist so klar, ich würde es wahrscheinlich sogar trinken können. Man kann selbst an den tiefsten Stellen einzelne Kieselsteine erkennen.

Ungefähr 15 Kilometer westlich von Konitsa gibt es einen kleinen Grenzübergang nach Albanien, da will ich nun hin.

Nicht weit von der Grenzen entfernt erblicke ich hinter einer Kurve meine erste griechische Landschildkröte, welche die Strasse gerade zur Hälfte überquert hat und angesichts des drohenden Unheils in Form eines deutsches Motorrads alle Extremitäten unter ihrem Panzer versteckt hat.

Ich glaube, wenn du in Griechenland bist, musst du irgendwann eine Schildkröte retten, das ist so ein Naturgesetz, da kann man sich auch nicht gegen wehren. Das wäre so, wie wenn du in Griechenland keinen Ouzo trinkst oder Feta isst.

Ich stelle mein Motorrad also am Strassenrand ab und rette das brave Tier, wie es sich gehört. Natürlich habe ich mir angeschaut, in welche Richtung sie will und dann auf der richtigen Seite abgelegt. Da bin ich nun zufrieden und habe meine erste gute Tat an diesem Tag bereits am frühen Morgen vollbracht: Check!

Wenige Meter weiter steht dann ein Schild an der Strasse und weist auf eine Quelle hin. Ich denke mir, wenn die da schon ein Schild hinstellen, muss ich stoppen und mir das anschauen, zumal ich 30 Meter ohne Motorkraft gerade noch verkrafte.

Aber gut, das zugewachsene Loch in der Erde präsentiert sich mir weit weniger spektakulär als es die Tafel oben an der Strasse erwarten liess. Mehr als einen etwa drei Meter breiten Tümpel mit aufquellendem Wasser gibt es hier nicht. Vielleicht hatten die Griechen auch gerade noch Schilder übrig?

Immerhin fahre ich jetzt zur letzten kleinen Siedlung vor der albanischen Grenze. Das hier ist „Bourazani“ und in diesem verschlafenen Nest ist wirklich gar nicht los, der Ort wirkt wie ausgestorben.

Es gibt eine alte eiserne Brücke, über die man immer noch fahren kann und befestigte Grenzposten aus Beton, die mich eher an Bunker erinnern.

Der eigentliche Grenzübergang soll dann noch einen Kilometer am Fluss entlang liegen und ich bin schon gespannt und fahre die wiederum vollkommen einsame Strasse am Waldrand entlang.

Noch eine letzte Schafherde und ich komme an den Übergang, den ich mal wieder nicht fotografiert habe: Vor mir kein Fahrzeug, hinter mir kein Fahrzeug, dafür eine gewisse Vorahnung, dass hier irgendwas nicht stimmt.

Ich stelle das Motorrad unter dem Wellblechdach ab und es dauert eine gute Minute bis überhaupt jemand aus der Baracke hervorkommt und dabei einen eher überraschten Gesichtsausdruck an den Tag legt.

Der griechische Grenzer spricht ganz gut englisch und ist auch recht freundlich und hilfsbereit. Er erklärt mir, dass die Grenze nach Albanien geschlossen sei und weder ich, noch sonstwer hier jetzt passieren kann. Auf meine Frage, wie es mit den anderen Übergängen aussieht sagt er, dass seines Wissens alle Übergänge zwischen Griechenland und Albanien geschlossen wären, also auch der eine bei Kakavija und der mir schon bekannte, nördlich von Igoumentisa. Und na klar, alles wegen… du kannst es dir denken…

Jetzt habe ich gerade ein kleines Problem!

Meine gesamte Reiseplanung betrifft den Balkan, speziell Nordmazedonien, Kosovo, Albanien, Bosnien. Das wäre jetzt schon recht blöd, wenn ich die Grenzen nicht passieren kann.

Ich frage ihn daher, wie es mit der Grenze im Norden, nach Nordmazedonien aussieht und er antwortet, seines Wissens wäre die offen, zumindest der Übergang nach Bitola, aber sicher sei er sich nicht.

Nunja, meine geplante Route über den Nationalpark Hotova-Dangell und Elbasan, sowie Tirana nach Shkodra kann ich knicken, jedenfalls wenn ich mich regelkonform verhalte. (Was nicht unbedingt eine meiner Stärken ist…) Aber ich will sowieso Nordmazedonien besuchen und plane daher um, fahre also zuerst dorthin und dann über den Kosovo nach Albanien. Dass der Kosovo die Grenze nach Albanien dichtmacht, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, da ich bei meiner letzten Reise nach Albanien erfahren habe, wie eng die beiden Staaten verbandelt sind. Zumindest dort müsste ich also klarkommen.

Ich steige wieder aufs Motorrad, drehe um und gebe zunächst die griechische Stadt „Konitsa“ als Ziel ein. Dann will ich weiter in die Berge und den griechischen Norden und dort mal schauen, ob es vielleicht eine andere Möglichkeit gibt.

Landschaftlich bin ich nun sowieso schon Griechenland-Fan und die superschöne Strecke führt dann via Konitsa am Sarantaporos-Fluss entlang.

Für den Rest des Tages werde ich dem Grenzbeamten noch mehrfach danken, denn ohne die Verweigerung meines Übertritts hätte ich die feinen Offroad-Strecken hier wohl nie kennengelernt.

Der Sarantaporos mag im Winter ja reichlich Wasser führen, jetzt im Sommer besteht das Flussbett vorrangig aus hellen Kieselsteinen und einer sehr breiten Ebene mit fantastischen Aussichten.

Da, wo man möchte kann man den schmalen Fluss queren, der jetzt im Sommer eher an einen Bach erinnert und ich bin ziemlich happy über die unerwartete Abwechslung in meiner Routenführung.

Es gibt hier auf langen Kilometern keine weiteren Ortschaften und die Strecke führt abwechselnd über Asphalt, verlassene Baustellen, Schotterpisten und Brücken.

Und überhaupt erkläre ich den heutigen Tag hiermit offiziell zum Brückentag! Hier gibts Metallbrücken, Bretterbrücken, kaputte Brücken, alte Steinbrücken, haarsträubende Behelfsbrücken und provisorische Eisenplattenbrücken. Und das alles immer in den Tälern zwischen links und rechts aufragenden Bergen, die sich bis auf Höhen von zweieinhalbtausend Metern erstrecken.

Ich bin mal wieder im Reiseenduro-Motorradhimmel und dazu noch, ohne dies überhaupt geplant zu haben. Ganz, ganz fein ist das!

Da meine Routenplanung jetzt ohnehin für die Tonne ist, gebe ich lediglich die nordgriechischen Orte Nestorio und Kastoria ein und lasse mich überraschen, was mir mein Navi vorschlägt, das scheint ja gerade ganz hervorragend zu klappen.

An einer Bergstrasse fahre ich am Hinweisschild auf die Region Makedonien vorbei. Die Griechen hatten sich lange gegen die Bezeichnung „Mazedonien“ für die ehemalige jugoslawische Teilrepublik gewehrt, da sie der Meinung waren, Mazedonien wäre eben griechisch. Erst spät hat man sich dann auf den Kompromiss geeinigt, den im Norden an Griechenland grenzenden Staat „Nordmazedonien“ zu nennen.

Mir ist das gerade eher egal und ich registriere die wechselnde Landschaft. Hier oben wird es jetzt deutlich grüner als unten in den Flusstälern. Einsam ist es aber immer noch und nur etwa alle halbe Stunde begegne ich einem anderen Fahrzeug.

Einmal fahre ich durch ein richtig schönes grünes Tal, wo es unten wieder mal eine Flussdurchfahrt gibt. Das ist auch so eine Macke, da kann ich nicht widerstehen und ich weiss nicht wieso: Flüsse muss ich am liebsten durchqueren, selbst wenn es ein paar Meter weiter eine Brücke geben würde.

Direkt hinter dem Fluss – na gut, hier ist es eventuell eher ein Bach – stehen die Reste eines alten Gemäuers. Eigentlich wollte ich mein nächstes Versteck in Nordmazedonien oder dem Kosovo platzieren, aber nun hier, in Nordgriechenland, so weit abseits und so schön gelegen, soll es wohl sein.

Ich habe schon diverse Verstecke mit kleinen Geschenken eingerichtet und möchte noch einige davon mindestens über Europa verteilen. Mal sehen, welche Motorrad-Schnitzeljagd sich daraus ergibt.

Hier ist nun jedenfalls das nächste Versteck platziert und du musst dich in die Ruine begeben. Innen, direkt über der „Eingangstür“ gibt es eine kleine Nische in den Steinen. Dort habe ich wieder etwas platziert.

Du kannst das mitnehmen, solltest dann aber irgendetwas anderes hinterlassen, damit jeder Besucher eine kleine Überraschung vorfindet. Oder du machst einfach ein Foto davon und schickst es mir per Email. Ich möchte dann auf meiner Webseite alle Orte aufführen und – sofern einverstanden – alle Reisenden, die einen oder sogar mehrere der Orte besucht haben verewigen.

Jetzt geht es aber weiter in Richtung Nestorio, über einen Bergpass. Es ist immer noch recht einsam hier und ich komme wegen der meist schlechten Strecke nicht so schnell voran wie sonst.

Oben auf der Höhe erreiche ich zu meiner Verwunderung sogar ein Skigebiet. Das wäre das Letzte, was ich in Griechenland erwartet hätte, aber ok, wie sagt man so schön: „Reisen bildet“.

Es gibt einen richtigen Skihang mit Piste und Lift, zumindest Reste von Behausungen und – auch das sprengt meine Erwartungen – die Grundkonstruktion einer Skibar.

Mir fällt die Vorstellung einer Apres-Ski-Party hier oben eher schwer, aber die Pistenraupe unter dem Stahlskelett untermauert noch eher meine Vermutung.

Einige Kilometer weiter haben sie dann die Strasse gesperrt, offenbar nicht erst seit gestern. Ich kann aber nicht erkennen, wieso ich hier nicht weiter darf und solche Schilder wirken auf mich eher kontraproduktiv. Wenn ich da nicht lang darf, weckt das mein Interesse und jetzt bin ich erst recht neugierig, was mich wohl erwarten mag.

Aber ausser einer vollkommen zerstörten Asphaltdecke, wildem Bewuchs der ehemaligen Strasse und weiteren zerschossenen Warntafeln auf den folgenden Kilometern finde ich keinen Grund, mit der GS eine andere Route zu nehmen. Die Strasse war – mindestens für eine Reiseenduro – befahrbar.

Je näher ich nach Kastoria komme, desto flacher wird es nun. Einerseits habe ich mein Tagesziel, die Grenze zu Nordmazedonien bald erreicht, andererseits beginne ich zu überlegen was ich mache, wenn ich auch hier oben nicht passieren darf. Dann müsste ich mir wirklich eine Alternative ausdenken um zurückzufahren. Vielleicht nochmal die Buchung einer Fähre nach Italien oder aber weiter östlich bis Bulgarien, nur so weit ist es noch nicht.

In Kastoria halte ich an einer Tankstelle und versorge mich wieder mit Wasser. Der Sprit müsste noch vielleicht bis Bitola reichen und ich vermute, er ist in Nordmazedonien billiger als hier in Griechenland.

Der Tankwart spricht sogar deutsch und wir unterhalten uns eine Weile. Er weiss auch, dass die Grenze offen ist und damit bin ich schon mal eine kleine Sorge los. Es ist jetzt später Nachmittag und wirklich richtig heiss, sodass ich draussen etwas abseits am Vordach der Tankstelle eine kleine Stelle mit Schatten finde, an der ich eine Pause einlege. Das sehen zwei junge Griechen, die in einem Smart vorbeifahren. Sie halten an, sehen das Kennzeichen und fragen ebenfalls auf deutsch ob ich Hilfe benötige, was ich verneinen kann.

Es ist jedoch ein weiterer Beweis dafür, wie freundlich und zuvorkommend die meisten Menschen sind. Der grösste Teil von ihnen ist hilfsbereit und ich mache mir schon lange keine Sorgen mehr darüber, alleine unterwegs zu sein.

Ich glaube, ich habe es schon mal erwähnt: Als einzelner Motorradreisender stellst du für niemanden eine Gefahr dar. Im Gegenteil, dir fehlt der Metallpanzer um dich herum und du bist damit sogar verletzlicher als im Auto. Die Wahrscheinlichkeit eines Hilfsangebots ist sehr viel grösser als die Gefahr fremder Begehrlichkeiten. Jedenfalls ist das bisher meine überwiegende Erfahrung.

Ich befinde mich nun ein paar Kilometer vor dem Grenzort Niki und komme an einem ehemaligen Posten vorbei, der jetzt verlassen ist.

Es gibt noch ein Hinweisschild das ich nicht lesen kann und einen staubigen Schotterweg, aber ich denke, ich sollte lieber den offiziellen Übergang wählen.

Also fahre ich weiter nach Niki und versuche es dort auf die brave Art.

Niki ist ein wirklich kleines Nest und genau so, wie man sich Grenzorte in den meisten Gegenden in der Welt vorstellt. Es ist häufig etwas trostlos und nicht selten „reparaturbedürftig“.

Am Ortsausgang kann ich bereits das Zollgebäude erkennen und jetzt werde ich mich wirklich von Griechenland verabschieden.

Ursprünglich bin ich hier nur gelandet, weil zuerst Minoan mir die Fähre nach Igoumenitsa umgebucht hat, dann weil gerade die Grenze nach Albanien geschlossen ist. Jetzt bin ich überaus dankbar für die „Umstände“, denn ich habe mich aus allerlei Gründen wirklich sauwohl gefühlt. Niemals wäre ich sonst auf die Idee gekommen, Griechenland im Nordwesten entlang der albanischen Grenze zu durchfahren. Von der Vikos-Aoos-Region hatte ich noch nie gehört, dabei ist es da echt beeindruckend. Und die Küstenstrassen nordwestlich von Patras waren mindestens genau so ein Traum wie die vielen schönen vorgelagerten Inseln. Das Essen entspricht ohnehin meiner typischen Nahrungsauswahl: Viel Salat, immer frisch und mit herzhaftem Ziegen- oder Schafskäse aufgepeppt. Und achso, Wein und Bier gibts auch, ohne dass man sich über Nachschubprobleme Gedanken machen müsste.

Mann, das war ein idealer Auftakt und ich bin schon gespannt wie es weitergeht, mit dem nächsten Teil: Nordmazedonien!

(Bericht folgt…)

Die grobe Route in Griechenland:

 

 

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4 Kommentare

  1. Adamla Uwe 21/11/2021

    Freue mich auf die Fortsetzung

  2. Sturmi 22/11/2021

    Danke für den kurzweiligen Reisebericht. Das mit den freundlichen und hilfsbereiten Griechen kann ich jederzeit unterschreiben.
    Gruß Sturmi

  3. apfelrudi 23/11/2021

    Danke sehr, wie gewohnt, ein wunderbarer Bericht

  4. Norman 30/11/2021

    Sind dieses Jahr vom Grenzübergang Kakavija (AL/GR) nach Igoumenitsa und können das nur bestätigen! Wir werden das auch ausweiten….

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