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Frankreich 2022

Nachdem Carola und ich vor zwei Tagen von unserer Griechenland-Tour zurückgekehrt sind, steht nun wieder der harte Alltag auf dem Programm. Und „Harter Alltag“ bedeutet: Umpacken, Helm auf und ab an die Arbeit.

„Arbeit“ in diesem Fall ist die (temporäre) Überführung der Yamaha Tenere 700 nach Andalusien. Na gut, vielleicht ist die Arbeit auch nicht so hart, vielleicht überwiegt der Freizeitfaktor und ich checke am Abend auch mal Emails…

Und verbinden werde ich die „Arbeit“ mit der Wahl einer angemessenen Route, nämlich via Vogesen, West-Westalpen, Ardeche, Pyrenäen, Picos de Europa, Douro, Extremadura.

Diesmal greife ich auf den bewährten Marco Polo Atlas zurück. Da ich mich in der Mitte Frankreichs nicht ganz so gut auskenne, verlasse ich mich auf die in den Karten grün markierten Strecken. Das sollte eine einigermassen schöne Route bedeuten. Meine sonst verwendeten Karten von Reise-KnowHow sind dabei, aber für die kleinen Strassen ist der Marco Polo besser kartiert.

Mit auf die Reise gehen ausserdem ein paar Dinge, die in Spanien bleiben werden. Die bewährten Forma Adventure Stiefel kommen dort zum Beispiel häufiger zum Einsatz als auf bundesdeutschen Strassen.

Ansonsten ist meine Reisekonfiguration so wie immer, mit einer Ausnahme: Ich werde bis in die Pyrenäen durch Georg begleitet. Georg kenne ich nun etwa 20 Jahre. Er ist Architekt und leidenschaftlicher Motorrad-Tourenfahrer. Immer onroad zwar, dafür aber unkompliziert und reiseerfahren.

Von meinem Startpunkt im westlichen Münsterland sind es nur etwa 50 Minuten bis nach Bottrop, wo ich mich mit ihm treffen werde. Von dort fahren wir dann gemeinsam in Richtung Süden. Georg wird mich dann bis in die Pyrenäen begleiten und von dort wieder zurück Richtung Deutschland fahren, ich reise über Nordspanien und die portugiesische Grenze weiter nach Andalusien.

Wir fahren nur bis hinter Köln auf der Autobahn und haben dann vor, diese für den Rest der Strecke zu meiden. Das ist auch alles eher unspannend, bis auf die Durchquerung des Ahrtals. Welche Verwüstungen die Wassermassen hier im letzten Jahr hinterlassen hatten, schockiert mich dann doch. Es ist jedenfalls etwas ganz anderes, ob man das in den Nachrichten erfährt oder real vor Ort sieht. In Ahrweiler fahren wir über eine Behelfsbrücke, welche die Ahr überquert und bis heute, ein Jahr später, Ersatz darstellt für das Bauwerk, das von den Wassermassen komplett weggespült wurde. Ich spare mir weitere Kommentare zum Wiederaufbauprogramm. Vermutlich liegen die Priorität:Innen heute woanders…

Irgendwo in der Südeifel ist die Strasse wegen Bauarbeiten gesperrt. Da steht also eine Absperrung, welche die Weiterfahrt vollständig unmöglich machen soll. Umleitung: Fehlanzeige. Die nächste Ortsdurchfahrt wäre abgeriegelt und ich mache das, was man mit einer Reiseenduro in solchen Fällen normalerweise macht: Weiterfahren.

Es geht dann auf einer Schotterpiste in ein winziges Tal hinunter und am Ortseingang wechselt der Untergrund von Schotter zu staubtrockenem Tiefsand. Als ich bei der Durchfahrt mit der voll bepackten Tenere ins Schlingern komme, fällt mir wieder ein, dass ich diesmal ja gar nicht alleine unterwegs bin. Wo ist eigentlich Georg?

Georg fährt kein richtiges Motorrad, also keine Enduro, sondern eine Yamaha FJR, einen Sporttourer (Kleiner Spass…) Naja, und eine FJR wurde nicht wirklich für Sandpisten entworfen…

Seine Ausdrucksweise, nachdem auch er die Baustelle gemeistert hat, möchte ich jetzt nicht wiedergeben. Begeisterung klingt anders. Als die Kommunikation später wieder hergestellt ist, fragt Georg jedenfalls, ob das nun schon die „Pyrenäenprüfung“ war. Und für den Rest unserer Tour wäre es für ihn in Ordnung, wenn wir auf der Strasse bleiben würden…

Eifel und Hunsrück liegen hinter uns und wir erreichen die Grenze zu Frankreich, irgendwo im Saarland.

Wo unsere erste Übernachtung stattfindet, haben wir nicht festgelegt, aber es soll möglichst nicht in Deutschland sein. Unsere Wahl fällt auf den Ort Lembach, knapp hinter der Grenze. Hier finden wir das Hotel „Au Heimbach“ und es macht einen guten, gemütlichen Eindruck.

Das Haus ist top. Hier würde ich wieder einkehren. Es gibt ein richtig gutes Restaurant, aufmerksamen Service und sehr gute Zimmer. „Au Heimbach“: Merken!

Am nächsten Morgen steuern wir den ersten Supermarkt an. Dort möchte ich meinen Wasservorrat auffüllen und stehe erstaunt vor dem Regal. Das Foto geht direkt heim zu Carola, die ebenfalls erstaunt war, dass man ein Mineralwasser nach ihr benannt hat…

Die Strecke heute führt durch die Nord-Vogesen in Richtung Colmar und Belfort.

Zwischendurch erkenne ich Abschnitte unserer Vogesen-Tour 2017 wieder. Verflucht: Das ist fünf Jahre her und es ist unglaublich, wie schnell die Zeit verfliegt.

Die Sonne strahlt und am Col du Ballon kreisen die Paraglider am blauen Himmel. Was für eine wundervolle Gegend zum Motorrad fahren!

Ich erinnere mich noch an die vielen Soldatenfriedhöfe, die ich beim ersten Mal schon beeindruckend fand. Ich muss wieder anhalten und Fotos machen.

Unsere Fahrt durch die Vogesen verläuft wieder als Genusstour. Ich fand diese Gegend schon vor fünf Jahren toll und heute macht es nicht weniger Spass.

An den südlichen Ausläufern kann man in der Ferne auch schon die Alpen erkennen.

Eigentlich suchen wir dann eine Unterkunft in Belfort, werden aber erst später, in Montbeliard fündig. Wir buchen von unterwegs für 90 Euro pro Zimmer. Normalerweise schaue ich mir ein Hotel erst an, aber wegen der angespannten Zimmersituation, jetzt zur Hochsaison, gehen wir auf Nummer sicher.

Das Hotel liegt mitten in der City und wir parken die Motorräder in der kleinen Strasse vor dem Haus auf Kopfsteinpflaster. Ein Schild verweist auf einen Parkplatz im Innenhof und ich schaue schon mal nach, ob wir dort abstellen können.

Beim Checkin höre ich von dem jungen Franzose an der Rezeption, dass im Innenhof kein Platz ist, obwohl ich denke, unsere zwei Mopeds müssten dort locker noch unterkommen. Erst nach weiterer Intervention und meiner Zusicherung, wir würden unsere Motorräder schon ordentlich abstellen, ohne jemanden zu behindern, erhalten wir die Freigabe für die Hofeinfahrt. Ich bin währenddessen leicht irritiert, zumal der Rezeptionist nicht einmal aufgestanden ist, um die Parkplatzsituation dort anzuschauen, naja… Der Junge scheint nicht erfreut, dass Hotelgäste seine innere Ruhe stören.

Wir stellen wie versprochen ab und natürlich behindern wir niemanden und nehmen auch keinem einen Parkplatz weg.

Das Zimmer ist soweit in Ordnung und wir gehen ein paar Schritte durch die Stadt, bis wir eine kleine Pizzeria in der Strasse finden.

Als wir später zurückkommen, muss ich noch etwas arbeiten und versuche verzweifelt eine Mobilfunkverbindung herzustellen, aber keine Chance, irgendwie ist unsere Ortswahl heute suboptimal. Notgedrungen versuche ich es mit der schlechtesten aller Lösungen: Hotel-WLAN. Es gibt zwar ein Signal, aber praktisch null Datendurchsatz, da muss die Arbeit wohl einen Tag warten…

Der nächste Tag soll uns im Idealfall bis in die Gegend um Grenoble führen. Unsere Route führt nordwestlich der Schweizer Grenze entlang und von der Landschaft ist Frankreich richtig schön, da kann man nicht meckern. So richtig warm bin ich mit dem Land aber noch nicht geworden, ohne genau sagen zu können, woran das liegt.

Dabei bietet Frankreich eigentlich alles was man braucht: Schöne kleine Strassen, malerische Mittelgebirge und schattige Wälder, perfekt für eine Motorradtour.

In einem der Wälder verspüre ich erheblichen Drang für ein paar Kilometer Offroad. Leider ist Georg mit seiner FJR nicht gewillt, meine Vorliebe für Strecken abseits des Asphalts zu teilen. Ich beginne zu realisieren, dass zwei so unterschiedliche Motorräder gut harmonieren, aber nur solange man „kompatibel“ auf festem Untergrund fährt.

Ich kann mit der Tenere zwar Schotter und Asphalt fahren, Georg aber nur Asphalt. Seine Maschine ist aus mehreren Gründen einfach nicht für eine Tour abseits der Strasse geeignet. Im Verlauf der Fahrt in Richtung Pyrenäen werden wir das noch öfter feststellen. Das ist soweit in Ordnung, aber ich hatte diese Einschränkung vorher als nicht so relevant bewertet.

Dann müssen wir zum ersten Mal in Frankreich unsere Tanks nachfüllen. Und was ich dabei gar nicht mag, sind Automatentankstellen! Wenn ich an einen Automaten gerate, endet das üblicherweise in einem Desaster. Das betrifft nicht nur Tank- und Geldautomaten, sondern auch Geräte für Fahrkarten und Parktickets. Stress habe ich immer bei Automaten mit einer Kombination aus Elektronik und Mechanik: Meistens tricksen sie mich in Zusammenarbeit aus. Alles was rein elektronisch funktioniert, klappt gut.

Ich glaube, selbst wenn so ein Ding mir nur Kaugummis auswerfen sollte, würde es bei mir streiken. Erklären kann ich das Phänomen nicht, aber es ist existent. Zuletzt hat ein spanischer Bankautomat meine Kreditkarte einbehalten, ohne dass es einen nachvollziehbaren Grund dafür gäbe.

Insofern bin ich gar nicht begeistert von diesem einen einsamen Tankautomaten, irgendwo zwischen Genf und Grenoble. Da es gerade aber keine menschlich besetzte Tankstelle gibt, muss ich es wohl oder übel mit dem Ding versuchen. Entgegen meiner Befürchtung klappt der Vorgang, wenn auch erst nach mehreren Versuchen und Tastenkombinationen der ausschliesslich auf französisch funktionierenden Säule.

Dafür verlangt dieses unverschämte Ding mehr als 23 Euro für 11 Liter Sprit. Ich finde das Jahr 2022 doof!

Wir sind froh als die Tanks voll sind und wir uns wieder auf die Gegend konzentrieren können. Natur können die in Frankreich, das muss man neidlos anerkennen…

Wir fahren über Saint-Hippolyte und Pontarlier und bei Saint-Claude stellen wir fest, dass wir schon reichlich Zeit verbummelt haben. Also verlassen wir die ganz kleinen Strassen und wechseln auf eine schnellere Route Richtung Grenoble.

Den genauen Verlauf kann ich nicht mehr rekonstruieren. Georg routet uns durch Frankreich, ich hatte mich stattdessen eher auf die Abschnitte in den Pyrenäen und Nordspanien gekümmert. Aber manchmal bin ich auch ganz froh, einfach nur hinterherfahren zu können.

Eine kleine Pause machen wir an der Skisprungschanze bei Chaux-Neuve, oberhalb des Genfer Sees.

Das Gelände ist zwar mit Barrieren und einer Schranke abgesperrt, aber die Lücke ist gross genug für ein Motorrad, selbst mit Koffern. Insofern ignoriere ich das Einfahrverbot, denn ausser uns ist sowieso niemand weit und breit zu sehen. Und wir sind brav und machen keinen Unsinn (jedenfalls nicht mehr, als unbedingt nötig!)

Noch ein Foto vor der Schanzenanlage, dann geht es weiter…

Auch im weiteren Verlauf der Tour heute bin ich geografisch raus, geniesse die Nebenstrassen aber ausgiebig.

Die Temperaturen steigen im Tagesverlauf weiterhin auf deutlich über 35 Grad, weshalb ich für eine Pause einen schattigen Platz unter grossen Bäumen wähle, den ich im Vorbeifahren fast übersehen hätte.

Wir legen beide keinen grossen Wert auf ein feudales Mittagsmenü und kommen mit einem Snack aus dem Motorradkoffer gut klar. Bei meinen bisherigen Touren durch Frankreich durfte ich die Preise der lokalen Restaurants kennenlernen. Also, was soll man da sagen: Es geht Georg und mir finanziell wirklich gut, aber für französische Speisekarten bin ich definitiv zu geizig!

Einmal sehe ich auf der Landstrasse zwei weitere Motorräder hinter uns. Die Maschinen verfolgen uns über Kilometer und ich mache mich in Gedanken lustig, denn es scheint, als ob das Duo sowohl beim Motorrad, als auch bei der Kleidung, zusammen eingekauft hat. Es gibt ja so Leute, die müssen zwingend im Partnerlook fahren und manchmal sieht das seltsam aus. Mir erscheint es im Rückspiegel gerade wieder so.

Das Rätsel löst sich dann aber an einem Ortseingang, als wir überholt werden und der Grund für die Einheitskleidung offensichtlich wird. Gut, dass wir nicht versucht haben, denen wegzufahren…

Am späten Nachmittag zieht am Horizont ein Gewitter auf und es wird Zeit, dass wir uns eine Bleibe suchen. Wir finden eine passende in Pont-en-Royans, etwas südwestlich von Grenoble. Der Ort liegt am Rande der Berge des Vercors an einer Stelle, an der ein Fluss sich durch eine enge Schlucht gegraben hat.

Müsste ich mir einen solchen Ort malen, er würde genau so aussehen!

Pont-en-Royans wurde vom Wasser geprägt und deshalb gibt es hier auch das Wassermuseum, welches wir uns aber schenken. Wir sind schon froh, trocken angekommen zu sein.

Unser Haus trägt den wenig einprägsamen Namen „Hôtel et Restaurant du Musée de l’eau“, aber der passt.

Wir stellen unsere Motorräder im Innenhof des Hotels ab, während ich mich am herumstehenden automobilen Altmetall erfreue. Sowas hat wirklich Stil!

Manchmal überlege ich mir, einen solchen Oldtimer zu suchen, möglichst sportlich orientiert, eventuell mit Rennstreckeneignung. Ja, das wärs. Leider ist der Zeitbedarf für so ein edles Stück enorm. In Spanien fehlt mir die Möglichkeit zum Unterstellen, Deutschland möchte ich einem solchen Juwel nicht mehr antun… Wie schade…

Nach einem tiefen Seufzer zockel ich los und checke uns ein. An der Rezeption sitzt eine charmante Dame und ich halte es der Situation für angemessen, uns auf Französisch anzumelden. Das dürfte in Bezug auf meine Grammatik zwar wirklich unterirdisch sein, aber einen Versuch ist es wert. Zur Freude honoriert die Dame meine Bemühungen und wir bekommen zwei Zimmer mit Aussicht und eine Reservierung für einen Tisch mit Schirm auf der Terrasse. Das ist insofern vorteilhaft, da das aufgezogene Unwetter genau in dem Moment runterkommt, als alle Gäste zum Essen wollen und die Plätze im Innenraum längst besetzt sind.

Der nächste Tag verspricht Motorradromantik. Wir fahren von Pont-en-Royans südlich ab, in die Höhen des Vercors und das Spektakel geht auch direkt hinter dem Ortsausgang los. Anfangs ist es im Schatten noch nass von dem Unwetter vom Vorabend, aber die Sonne sorgt heute schnell für feinstes Tourenwetter.

Wir fahren also die lokalen Pässe ab und schlängeln uns durch die Schluchten und vorbei an steilen Felswänden. Ich bin schon begeistert, Georg war hier bereits mehrfach unterwegs und verspricht weitere Steigerungen.

Wir müssen mal wieder tanken, diesmal immerhin mit Menschen an einer Kasse. Daher nehme ich auch die Wartezeit in Kauf, da Einheimische und die mittlerweile obligatorischen Wohnmobilfahrer vor uns an der Reihe sind.

Dann geht es zum Col der Carri, der sozusagen das Aufwärmprogramm für die nun folgenden Pässe darstellt.

Das ist so: Du fährst da in den französischen Bergen umher und überlegst, ob die (also die Franzosen) das verdient haben? Die engen Strassen, direkt an den Felsen wirken, als wären sie extra für motorisierte Reisende aufgebaut. Ich meine, schau dir das an, das kann fast nicht natürlichen Ursprungs sein, oder?

Auch hier ist es wieder wie gestern, als wir in Pont-en-Royans ankamen: Müsstest du es malen, es wäre so wie auf den Bildern. Nicht umsonst ist der Vecors das grösste Naturschutzgebiet Frankreichs. Und wir mittendrin, zwischen Col de la Mechanic, Col de Rousette, Col de la Machine und wie sie alle heissen.

Dabei sind es nicht nur die Pässe selbst. Du hast von den Höhen auch ganz wundervolle Aussichten in die Ferne und spektakuläre Hinabsichten in die steilen Schluchten: Ganz grosses Kino hier oben!

Also: Vercors, Frankreich, südwestlich von Grenoble. Merken und hinfahren!

In der Nähe des Örtchens „Die“ verlassen wir den Vercors und fahren an Lavendelfelden (Oder irgendwas, dass riecht wie Duschgel) vorbei. Das ist geruchstechnisch etwa so, wie wenn du mit dem Motorrad morgens unter die Brause steigst. Da hat man die ganze Zeit den Eindruck, man wird frisch gebadet.

Dann gilt es unsere Vorräte aufzufüllen und wir halten an einem Supermarkt. Mir war die Kette “ La Vie Claire“ bis dato unbekannt, deshalb stapfe ich da auch völlig unbedarft rein und wundere mich, dass ich mit dem Grossteil der Marken hier überhaupt nichts anfangen kann. Ich meine, ich kann zwar die einzelnen Produkte zuordnen, aber mir kommt so gut wie keine bekannte Marke unter die Finger. Dabei sieht alles jedoch ziemlich lecker und frisch aus.

„La Vie Claire“ ist eine Kette mit Fokus auf Bioprodukte. Ich greife deshalb die Sachen, die mir gefallen und werde in den kommenden Tagen besonders gesunde Plätzchen zum Mittag essen! (Sie schmecken wie andere Plätzchen auch, aber das Gewissen ist beruhigt.)

Dann durchqueren wir die Ebene bei Montelimar, um uns in Richtung Cevennen zu begeben. Auf dem Weg dorthin wartet ein weiteres Highlight in Form der „Ardeche“.

Der Nationalpark „Réserve Naturelle Nationale des Gorges de l’Ardéche“ ist zwar längst nicht so gross wie der Vercors, dafür aber mindestens ebenso schön. (Nur beim Namen hätte es vielleicht auch eine kürzere Bezeichnung getan…)

Naja, der namensgebende Fluss schlängelt sich jedenfalls optisch ansprechend durch tiefe Einschnitte in der Landschaft.

Netterweise haben die Franzosen die Ardeche immer direkt an der Landstrasse langgeführt, extra für Motorradreisende mit Kamera, damit man schöne Fotos machen kann.

Die Strasse führt östlich der Ardeche oben an der Kante entlang und immer wieder gibt es Parkbuchten. Dort nimmt man einen kurzen Fussweg und kann das unglaubliche Panorama bestaunen.

Eigentlich müssten wir heute weiter nach Südwesten, aber wir planen kurzerhand um und durchfahren den Nationalpark in Richtung Nordwesten. Egal, wir haben nichts gebucht und werden schon eine Übernachtung finden.

Einzig eine weitere Gewitterfront am Horizont macht etwas Sorgen. Wir ignorieren die aber zunächst, denn dieses Spektakel ist einfach zu gut, um jetzt Strecke in Richtung Süden zu machen.

Du steht dann dort oben an der Kante und denkst: Ja, das habe ich schon mal gesehen, auf Fotos. Die Ardeche dann jetzt so direkt vor der Nase zu haben, ist aber etwas ganz anderes. Das ist einer der Gründe, warum ich nur jedem raten kann, selbst loszufahren. Die Bilder sind gut, aber die Wirklichkeit ist schlicht atemberaubend.

Eine der bekanntesten Stellen der Ardeche liegt etwas südlich von Vallon-Pont-d’Arc. Hier hat sich der Fluss unter einem Bergabschnitt durchgegraben und den berühmten Bogen hinterlassen. Das Teil ist 60 Meter lang und über 50 Meter hoch, also schon sehenswert.

Ich bin jedenfalls begeistert und durch die tolle Landschaft abgelenkt. Die Quittung erhalte ich ein paar Wochen später, als mir vom französischen Staat eine Geschwindigkeitsüberschreitung von halsbrecherischen 5 Kilometer pro Stunde vorgeworfen wird,  wohlgemerkt ausserhalb einer Ortschaft!

Mein unverzeihlicher Verstoss wird mit 50 Euro geahndet und ich muss die Liste der Negativpunkte für das Land nachträglich erweitern. Mir fällt das schwer, denn Frankreich ist wirklich wunderschön, aber es gibt reichlich Punkte, die mich stören. Dummerweise liegt Frankreich geostrategisch ungünstig, genau zwischen Deutschland und Spanien… Wir hatten ja mehrfach versucht das zu änd

Wir kommen am späten Nachmittag an den Rand der Cevennen und zu diesem Zeitpunkt hatte ich von meinem Verstoss noch keine Ahnung. Dafür zieht schon wieder ein Gewitter am Horizont auf und wir suchen uns besser mal die Unterkunft für den heutigen Tag. Ausserdem hat das Thermometer die Marke von 38 Grad geknackt, da darf man den Abend rechtzeitig mit einem kühlen Getränk einleiten.

Während die bedrohlich dunklen Wolken an unserer Route vorbeiziehen (Extrem ungewöhnlich, normalerweise erwischen sie mich!) erreichen wir den Ort „Saint-Jean-du-Gard“. Direkt vor den Toren liegt am Fluss die schöne „Auberge du Peras“. Das Haus gefällt uns, also stellen wir die Motorräder für heute ab und schauen mal, was die Gastronomie hier zu bieten hat.

Ausser uns ist niemand da und ich stehe zuerst etwas verloren an einer uralten Holztheke im Vorraum. Dann kommt aber irgendwann der Wirt der Herberge aus den Tiefen der alten Gewölbe hervor und weist uns zwei Zimmer zu.

Wir schaffen es gerade noch, unsere Sachen abzuwerfen und fallen dann unten im Hof, an einem schattigen Tisch, in die Holzsessel unter der Veranda. Es scheint, wir sind nicht die ersten müden Motorradfahrer in der Karriere des Hausherrn, denn er bringt ohne grosse Diskussionen fortwährend frisches, kühles Bier und Snacks. Ich vermute, er will unbedingt auf die Pro-Seite meiner Frankreich-Liste!

Am Abend werden wir dann von der Tochter des Gastwirts mit einem wirklich guten Essen versorgt. Überflüssig ist zudem die Erwähnung, dass dann im Wechsel das Essen mit einem entsprechenden Wein begleitet wird. Über die Gesamtrechnung am nächsten Morgen bereiten wir allerdings den Mantel des Schweigens…

Mitten durch die Cevennen wird es auch heute gehen und diesmal wähle ich eine besondere Route durch die Berge. Ich habe ja so ein Talent, meine Mitfahrer ins Verderben zu führen und auch heute klappt das ganz vorzüglich. Am gestrigen Abend hatte ich mal das Feintuning der kommenden Route übernommen und mittels Papierkarte und Google Maps eine besonders kleine Strecke durchs Gebüsch ausgewählt.

Nicht, dass ich mich hier besonders auskennen würde. Ich dachte nur, wenn wir den kleinsten verfügbaren Weg auf Google Maps nehmen, wird das bestimmt gut. Naja, immerhin *klein* war er, der Weg…

Wir benötigen Stunden für die Fahrt durch die Wälder und zwischendurch frage ich mich, ob es hier überhaupt noch Ortschaften gibt.

Dabei bringe ich Georg mit seiner wenig handlichen Maschine immer dann an die Grenzen, wenn ich die Orientierung verliere und doch  wenden muss. Ich erwähnte es zu Beginn: Wir haben kein Intercom dabei, daher bleiben mir seine (wohl berechtigten) Flüche erspart, wenn er seinen Eisenhaufen auf zweieinhalb Metern Asphalt in die Gegenrichtung rangieren muss.

Irgendwann erreichen wir ein Tal mit Bebauung und nach Überfahren einer alten Steinbrücke wechsle ich vorsichtshalber auf eine richtige Strasse, bevor Georg mich aus Rache in den Fluss schubst.

Heute kann ich die Route zumindest in groben Zügen wiedergeben: Le Vigan, Madieres, Lodeve und Lunas. Dann weiter nach St Pons de Thomieres und über Carcassonne nach Limoux.

Wir bleiben weiterhin auf kleinen und kleinsten Strassen zwischen Cevennen und Languedoc.

Einmal kommen wir auf einer seit vielen Kilometern menschenleeren Strecke durch ein trockenes Flusstal. Es ist nicht ganz so steil wie das der Ardeche, aber trotzdem beeindruckend schön.

Vor allem ist es sehr abwechslungsreich, zu keiner Zeit wird es langweilig. Wenn es gerade eben noch trocken und eher karg war, ist es im nächsten Moment in den hügeligen Wäldern wieder grün.

Jedenfalls, so stellt man sich Frankreich vor: Auch die Häuser sind wie aus dem letzten Jahrhundert und alles hat einen deutlich antiken Touch. Ich mag sowas, es gefällt mir besser als neu-moderner Schickimicki.

Ab und zu machen wir halt, an den Stellen, die eine schöne Aussicht versprechen um…

…gleich darauf, hinter der nächsten Ecke, belohnt zu werden.

Dann erreichen wir die Region Languedoc, das letzte französische Mittelgebirge, bevor es langsam in Richtung Pyrenäen geht.

Einer der Orte kommt mir seltsam bekannt vor. Wir fahren durch die alten Gassen und an eine Brücke über den Fluss.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich hier schon mal war. Und richtig, 2018, auf der Rückfahrt aus Andalusien, bin ich genau durch diesen Ort gefahren, nur in der entgegengesetzten Richtung.

Frankreich: Ortschaften wie gemalt und eine Ruhe, wie ich sie sonst nur aus den Dörfern im Hinterland der andalusischen Küste kenne.

Weiter geht es, immer über kleinste Strassen, vorbei an Carcassonne und Limoux.

Am Nachmittag erreichen wir Thézan-des-Corbières, etwa 20 Kilometer südwestlich von Narbonne. Wir sind hier so weit ab vom Schuss, dass nur Booking.com uns vor einem Platz unter einer Brücke rettet. Übernachten wollen wir in einem kleinen B&B, welches wir erst nach mehrmaligem Durchfahren des Ortes überhaupt finden.

Empfangen werden wir von „Olli“, einem Deutschen, der sich hier vor einigen Jahren niedergelassen hat. Wie man auf die Idee kommt, sich mitten in der französischen Pampa, hier in den Niederungen der Aude niederzulassen, kann ich nicht nachvollziehen. Vorhin, im Languedoc, am Meer oder etwas weiter in den Pyrenäen könnte ich verstehen. Aber hier? Na gut.

Grosser Pluspunkt: Er liegt mit seinem versteckten B&B auf unserer Route, denn ich möchte die Pyrenäen von der Mittelmeerküste aus in Richtung Pamplona durchqueren.

Als wir ankommen, erhalten wir zwei schön hergerichtete Zimmer in dem alten Gemäuer. Olli hat es wirklich mit viel Geschmack und Liebe zum alten Detail restauriert. Nur zu Essen werden wir hier nichts bekommen. Olli sagt, es gebe zwar eine Pizzeria im Ort, aber dort zu essen würde er uns nicht empfehlen. Wir hören besser auf ihn.

Nach einer kurzen Beratung entscheiden Georg und ich, dass wir in den nächsten Supermarkt fahren. Der befindet sich etwa sieben Kilometer entfernt in „Saint-Laurent-de-la-Cabrerisse“ (Wieso sind die Ortsnamen eigentlich immer so lang? Das kann sich doch niemand merken)

Egal, wir fahren da also hin und cruisen so über die abendliche Landstrasse Südfrankreichs, als mir eine Wespe in die Lücke zwischen Kragen und Hals fliegt und sich oben, innen in der Jacke verfängt. Das Biest sticht natürlich wieder sofort zu und es ist nun mindestens das dritte Mal, dass mir das passiert. Was mache ich falsch?

Mit sprichwörtlich dickem Hals fahren wir den Supermarkt an und ich kaufe aus Wut eine Flasche Vin frustré (Hmpf, jedenfalls habe ich ihn so genannt…) und etwas Salat und Brot. Das müsste heute für ein Dinner im Garten unseres Gästehauses reichen.

Eigentlich hat das Haus auch einen Swimmingpool, aber der ist derart dreckig, dass ich von einem Bad absehe. Olli erzählt uns dann, seine Tochter hätte das letzte Wochenende für eine ausgedehnte Party genutzt, da die Eltern mal ein paar Tage weggefahren sind. Die ganze Sache ist dann wohl reichlich eskaliert und er hätte es noch immer nicht geschafft, alle Schäden zu beseitigen. Der verdreckte Pool ist eines dieser Überbleibsel.

Überhaupt werden wir den Abend von Olli unterhalten und ich habe den Eindruck, er ist ganz froh, mal wieder Landsleute beherbergen zu dürfen.

Am Morgen macht Olli uns ein schönes Frühstück, dann geht es durch das Weinanbaugebiet Corbieres weiter in Richtung Küste.

Den Duft des Mittelmeeres erreichen wir bei Banyuls-sur-Mer. Hier will ich unbedingt die D914 fahren, denn mir wurde gesagt, diese Küstenstrasse zwischen dem französischen Banyuls und dem katalonischen El Port auf spanischer Seite, wäre eine der schönsten Routen in Europa.

(Spoiler: Wenn ich den erwische, der mir diesen Unsinn erzählt hat! Der muss zur Strafe vier Mal durch Wuppertal, alternativ zwei Runden Kölner Ring zur Rush-hour mit anschliessender Durchquerung der Domstadt!)

Hmm, na gut, so schlimm war die Strecke dann doch nicht. Aber ein Mal ungarische Autobahn, von Györ bis Szeged, das wäre eine passende Bestrafung!

Zu Beginn denke ich noch, ok, da hängen Wolken am Himmel. Vielleicht ist es gleich, auf der spanischen Seite, mit mediterraner Sonne gaaanz toll.

Aber irgendwie kommen wir mit der angeblichen Traumroute nicht klar. Einzige Erklärung für die Ernüchterung: Der Tippgeber fährt üblicherweise die deutsche Nordseeküste entlang und verschüttet Glückshormone beim Anblick einer Deichkrone. Ja, dann ist diese Strecke eine Erwähnung wert. Ansonsten kann man sich den Abschnitt hier schenken. Ich meine, fahr mal die Jadranska Magistrale, dann weiss man, was eine schöne Küstenstrasse ist!

Einzig der alte Grenzübergang zwischen Frankreich und Spanien geht noch als morbider „Lost-Place“ durch.

Ansonsten bitte ich Georg um Vergebung für den überflüssigen Schlenker und wir fahren in Richtung Figueres, um in die Pyrenäen zu gelangen. Dann doch lieber ab in die Berge!

Auf dem Weg dorthin halten wir an einem spanischen Supermarkt. Das deutlich angenehmere Preisniveau spürt man sofort.

Wir kreuzen zurück Richtung Nordwesten und überqueren abermals (kurzzeitig und letztmalig) die Grenze nach Frankreich, weil wir auf die Pyrenäenroute zurück wollen. Der Himmel wird immer dunkler und unmittelbar nach Grenzübertritt erwischt es uns heute: Ein Gewitter, selbstverständlich oben in den Bergen. Ich schaffe es gerade noch, meine am liebsten gehasste Regenpelle überzuwerfen.

In der Region Ripolles ist es wenigstens von oben wieder trocken und wir überqueren den ersten Pass.

Die Pause ist nötig, denn das Regenwetter, hier in der Höhe, hat meine Motorrad-Wohlfühltemperatur deutlich unterschritten.

Ich bin jetzt etwas frustriert, denn nachdem wir Frankreich mit gemischten Gefühlen verlassen hatten, erschien mir mein vertrautes Spanien als gelobtes Land. Aber ja, streng genommen sind wir auch noch gar nicht in Spanien, denn hier ist Katalonien. Und erzähl mal einem Katalanen, er sei Spanier…

Unten in Andalusien fahre ich ganzjährig Motorrad, hier oben im Norden ist das klimatisch aber eine andere Geschichte. Das Land ist riesig, deutlich grösser als Deutschland und von hier, bis zu uns in den Süden, sind es noch über 1.000 Kilometer.

Da uns heute durch diverse Wetterkapriolen schon am frühen Nachmittag die Motivation verlässt, entscheiden wir uns für ein Hotel in den Bergen, nahe Toses, etwas unterhalb der N260. Der kleine Gasthof „Ca la Maria“ liegt ziemlich einsam am Hang im Ort „Fornells de la Muntanya“ mit nur sechs alten Bauernhöfen.

Vor dem Haus steht ein Pavillon und wir schaffen es heute nicht einmal, die Sachen ins Zimmer zu bringen. Die Rufe der Bar sind zu verlockend.

Die nächste Stunde vergeht in entspannter Atmosphäre am Tisch, während die Tenere davor steht und wartet, abgeladen zu werden. Ich schaue zu ihr rüber und denke: Tut mir leid, es ist gerade zu gemütlich, während wir uns ein weiteres Feierabendbier gönnen.

Später bekommen wir eine ziemlich grosszügige Hütte zugeteilt und unsere Motorräder finden Platz auf dem schmalen Weg, direkt vor der Tür.

Ich komme beim Abladen ins Gespräch mit den Nachbarn, einem Männerduo aus der Nähe von Barcelona, die hier Urlaub machen.  Zuerst habe ich Schwierigkeiten, denn der eine spricht Catalan, was sich vom mir bekannten Spanisch deutlich unterscheidet. Beide fahren Motorrad und mein Gesprächspartner ist sehr interessiert an den Erfahrungen mit der Tenere. Ich kann ihn nur bestärken, denn für das Geld ist die Tenere fast konkurrenzlos gut!

Am Abend kehren wir im Restaurant des Hauses ein, wo die spanische Wirtsfrau in der Küche herrliche Leckereien zaubert. Riesenvorteil im Vergleich zu Frankreich: Ich kann mir das Essen leisten, ohne die Privatinsolvenz zu riskieren.

Am nächsten Morgen lacht wieder die Sonne und es sieht heute wahrlich nicht nach Regen aus, wenngleich wir hier oben bei frischen 12 Grad Celsius abfahren. Gleich am ersten Pass warten Kühe, die aussehen, also wollten sie fragen: „Wieso stört ihr unsere Ruhe hier mit euren Mopeds?“

Ich bin wieder gewillt, kleinste Strassen auszuprobieren und übernehme das Routing für den frühen Morgen. Die Kurzversion: Georg übernimmt dann das Routing für den Rest des Morgens.

Als wir wieder zurückgefunden haben auf das, was Georg als „Strasse“ bezeichnet, queren wir ein paar Skigebiete, von denen es in den Pyrenäen noch mehr gibt, als man vermuten würde. Andorra hat jede Menge Skipisten, aber auch hier scheint es im Winter hoch herzugehen.

Den Tag verbringen wir ganz locker in den Bergen, zwischen unzähligen Pässen und Gipfeln. Ich verstehe Georg, jedenfalls in Bezug auf seine Liebe zu den Pyrenäen. Dieses Gebirge erfahre ich als ganz anders, verglichen zu den Westalpen oder dem, was ich aus Andalusien kenne. In Andalusien habe ich zwar auch einen Zweitausender direkt hinter dem Haus, aber es ist natürlich nicht so üppig grün wie hier oben.

Die Strassen hier sind meistens viel flüssiger zu fahren. Die Kurven sind langgezogen und weit, nicht so eng wie in den Dolomiten und auch weiter als auf der wunderschönen Route des Grandes Alps. Für Georgs Konfiguration auf seiner FJR ist das hier der Himmel. Ich vermisse den Schotter und auf eine meiner heiss geliebten Flussdurchfahrten musste ich bisher auch verzichten.

Aber ganz klar: Es gibt nichts zu meckern. Die Pyrenäen sind richtig toll!

Einmal kommen wir in einem Tal an einem Fluss vorbei. Unten am Wasser vernehme ich Rufe und lautes, erfreutes Geschrei. Ich fahre also mal runter und stille meine Neugier.

Hier unten ist richtig was los. Jede Menge Kinder und Jugendliche sind sportlich aktiv, mit dem Kanu und beim Rafting. Ich finde das klasse! Weit und breit ist kein Smartphone zu sehen und alle sind gemeinsam in der Natur unterwegs.

Für mich sieht es nach Schulklassen oder einer grossen Feriengruppe aus, so genau kann ich das nicht erkennen. Ich bin aber ziemlich begeistert, denn da keimt Hoffnung auf. Beispielsweise bin ich felsenfest davon überzeugt, dass ein Tag hier gemeinsam im Schlauchboot, als Team, für die Entwicklung von Kindern wertvoller ist, als Monate vor einem Bildschirm. (Ok, so gesehen habe ich selbst einen Bildschirmjob, aber du weisst schon, was ich meine…)

Jedenfalls meine ich den Geist und die Freude förmlich spüren zu können. Halt mich für sentimental, aber ich fahre später mit einem breiten Grinsen wieder hoch zur Strasse.

Wir kommen dann in die Region der zentralen Pyrenäen und das merkt man auch an der Höhe. Die Route heute führt über La Seu d’Urgell und Sort.

Der nächste Pass ist der Bonaigua, der auch bei den Radfahrern recht bekannt ist.

Streckentechnisch zieht das hier mit den Westalpen gleich. Ich muss jedenfalls mehrfach anhalten und Fotos machen. Dieser Abschnitt ist richtig gut!

Das Schild an der Passhöhe hat so viele Aufkleber, dass man den Namen kaum noch erkennen kann. Dabei fällt mir ein, dass ich ursprünglich eigene Ontrip-Aufkleber anfertigen lassen wollte. Andererseits: Der Sinn ist überschaubar. Ich denke, ich lasse es. Letztendlich ist es nur Müll und davon gibt es schon genug.

Wesentlich mehr Sinn macht es, die Gegend zu geniessen und nichts zu hinterlassen, auch keine Aufkleber. 2000 habe ich meinen Tauchschein gemacht und gelernt: Fasse nichts an, nimm nichts mit, lasse nichts zurück! Das war ein wirklich schlauer Rat. Ich wünschte, viele andere Menschen würden den auch befolgen. Wenn man sich heute anschaut, was auch in Deutschland am Strassenrand rumliegt, von den Autobahnkreuzen ganz zu schweigen… Da fragt man sich wirklich, was mit den Leuten nicht stimmt.

Aber: Hier sieht es weitestgehend gut aus… Vom Verkehr ganz zu schweigen. Über weite Strecken fährt man alleine oder mit sehr wenigen Fahrzeugen.

Ok, von ein paar Bausünden in den Touristen-Hotspots mal wieder abgesehen. Der Skiort Vielha ist so ein Hotspot. Einziger Vorteil: Infrastruktur in Form von Supermärkten und Tankstellen. Ansonsten sind die Betonklötze eher Fremdkörper in der Landschaft.

Gott sei Dank bestehen die Pyrenäen über weite Teile aus Natur und weniger aus Beton. Direkt südlich von Vielha gibt es zwar Beton, aber sie haben ihn unten im Berg, in Form einer Betonröhre verbaut. Den fünf Kilometer langen Tunnel müssen wir auf dem Weg über Les Bordes nach Ainsa durchfahren.

Mittlerweile haben wir die Grenze nach Aragonien überfahren und Katalonien verlassen. Die Berge werden noch höher, die Schluchten tiefer und die Strassen enger.

Ich würde hier wirklich gerne mal abseits schottern, aber mit Rücksicht auf eine begleitende Yamaha FJR verschiebe ich den Plan auf den nächsten Durchlauf. Ich denke, die Route Andalusien-Münsterland wird noch häufiger auf meiner Agenda stehen…

Heute mache ich sogar mal weniger Fotos und konzentriere mich aufs Fahren und auch meine „Tournotizen“ fallen deutlich kürzer aus. Ich hoffe, du verzeihst…

Am Abend kehren wir in Escarrilla ein. Direkt an der Durchgangsstrasse liegt das Hotel Sarao. Diesmal haben wir die Kategorie „Eineinhalb Sterne Jugendherberge“ erwischt, allerdings in der renovierungsbedürftigen Version. Mangels Platz sind die Zimmer mit Schiebetüren ausgestattet und der Raum um das Bett erinnert eher an ein Zugabteil, vor allem hinsichtlich der Grösse. Wenn Georg jetzt „Tuut-tuut“ ruft, warte ich auf den Schaffner.

(Warum ich bei der Hotelwahl unbedingt zwei Euro sparen wollte, kann ich nicht mehr rekonstruieren, im Nachhinein war das blanker Unsinn)

Naja, zum Schlafen reicht es und gegenüber, auf der anderen Strassenseite, gibt es ein gemütliches Restaurant, in dem wir heute unseren letzten gemeinsamen Abend ausklingen lassen. Georg wird morgen früh wie geplant in Richtung Deutschland zurückfahren, ich mache mich auf den Weg durch das letzte Drittel der Pyrenäen und weiter nach Nordspanien.

Morgen geht es weiter. Solo. Pluspunkt: Ich kann meinen ganzen Egoismus ausleben. Minuspunkt: Am Abend wird es langweiliger.

Die Gedanken schweifen schon um die nächstens Spots auf meiner Liste: Bardenas Reales, Picos de Europa, Extremadura.

Aber das ist der nächste Teil…

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13 Kommentare

  1. Anonymous 20/01/2023

    Wie immer spannend und kurzweilig

  2. Adamla Uwe 20/01/2023

    Lieber Elmar, wie immer, sehr lesenswert und viele Strecken und Gebiete kenne ich aus eigener „Befahrung“ und teile deine Einschätzung zur Strecke und den Landschaften sehr schön beschrieben – was mich noch reizen würde zu lesen, wären ein paar Sätze zur T7 im Vergleich zur GSA und die entsprechenden Eigenschaften nach deiner Erfahrung vielen Dank

  3. ebee 20/01/2023 — Autor der Seiten

    Lieber Uwe, den von dir gewünschten Vergleich gibt es bereits hier:
    Vergleich: Yamaha Tenere 700 vs. BMW 1200 GS Adventure

  4. Joe 20/01/2023

    Servus Elmar
    Super geschrieben, liebe vor allemm deinen Humor.
    Freue mich auf die Fortsetzung

    Beste Grüße
    Joe

  5. Bernd 20/01/2023

    Hallo Elmar,
    wie immer ist es ein Hochgenuss, Deine Reiseberichte zu lesen. Zumal Georg davon am vergangenen Wochenende etwas erzählt hat.
    PS: Sehr schönes Foto von Dir auf der Sprungschanze…
    VG
    Bernd

  6. Ulf 21/01/2023

    Spannend und sehr unterhaltsam! Danke für‘s Mitnehmen!

  7. Reinhard 21/01/2023

    Super Bericht wie immer. Klasse Bilder und knackige Texte, perfekt. Den Video Wahnsinn vieler Anderer benötigt es nicht! Aber lasse uns bis zum Nächsten Bericht nicht wieder so lange warten 😉

  8. ebee 21/01/2023 — Autor der Seiten

    Na, das sag mal meinen Kunden…

  9. Michael 21/01/2023

    Hallo Elmar,
    Gleich zu Anfang des Textes fragte ich mich, warum du die T7 nochmal überführen willst, du hast sie doch bei unserer gemeinsamen Ausfahrt genutzt…
    Oh man…ich bin zeitlich etwas durcheinander .

    Wie wirklich jedes Mal: ein toller Text, mit tollen Bildern und einem sehr guten Humor und den ‚richtigen‘ Spitzen an der einen oder anderen Stelle.

    Freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung.

    Beste Grüße
    Michael

  10. Georg Gaydoul 21/01/2023

    Hallo Elmar,
    sehr schöner Bericht mit tollen Fotos und Kommentaren, großes Kompliment.
    Bei zwei Dingen bin ich aber nicht mit dir einer Meinung (gut, du hast da sicherlich mehr Erfahrung):
    Frankreich ist für mich als Motorradfahrer in Europa aufgrund seiner enormen Vielfalt eines oder das beste Reiseland überhaupt. Ich habe da meistens gute Erfahrungen gemacht (obwohl ich kein französisch spreche) .
    Die alte Küstenstraße von Banyuls nach Cardaques bin ich schon drei mal gefahren, das war immer ein fahrerisches Highligt !!!
    Mach weiter so und viele Grüße
    Georg

  11. Markus (Ampertiger) 21/01/2023

    Hey Elmar, wenn du nochmal durch die Pyrenäen fährst, darfst du mich und meine T7 gerne mitnehmen. Ich habe eh Nachholbedarf i.S. Motorradfahren.
    Ein toller Bericht mit wirklich schönen Bildern und launigem Text.
    Liebe Grüße an Carola auch von Doro

  12. ebee 21/01/2023 — Autor der Seiten

    Markus, mit dir immer wieder gerne! 🙂

  13. Regina (Biker-Gina) 22/01/2023

    Hallo Elmar,

    vielen Dank für deinen kurzweiligen Bericht und fürs virtuelle Mitnehmen nach Frankreich und Spanien.
    Ich freue mich schon auf den nächsten Teil!
    Liebe Grüße Regina

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