OnTrip Motorrad Reiseblog

Motorrad | Reise | Blog

Marokko 2018

Begeisterung hat meine Idee mit der Reise nach Marokko bei meiner Frau nicht ausgelöst. Dabei liegt der Wunsch das nordafrikanische Land zu bereisen eigentlich auf der Hand: Von Andalusien sind es mit dem Motorrad nur etwa zwei Stunden bis nach Gibraltar und dort, im Hafen von Algeciras, legen stündlich die Fähren nach Ceuta ab, der afrikanische Kontinent liegt also praktisch vor unserer Haustür.

Nachdem ich erst vor wenigen Wochen über die Pyrenäen, Andorra und Cevennen zurück nach Deutschland gefahren bin, hatte ich diesmal den Flieger nach Spanien gewählt. Vorab verbringt unsere Jüngste noch ein paar Tage mit mir in Andalusien.

Wir haben jedenfalls noch eine Menge Spass, drehen ein paar Runden mit dem Motorrad und verbringen die Abende auf der Terrasse.

Hatte Carola meine Albanienreise im vergangenen Jahr noch toleriert, verlangt sie nun, dass ich wenigstens nicht alleine fahre. Denn dazu wäre ihr das Land zu gefährlich. Mir fällt es dabei schwer, Gegenargumente zu finden, denn ich habe keine eigenen Erfahrungen und kann mich auch nur auf das verlassen, was ich vorher in Erfahrungsberichten anderer Leute gelesen habe.

Da aus meinem Bekanntenkreis niemand bereit war mitzukommen (keine Zeit/zu weit/zu heiss/zu lang/zu schwierig/zu gefährlich/usw.) stellte Carola die Bedingung, andere potenzielle Mitfahrer zu suchen. Also platzierte ich Anfang Mai brav die entsprechende Anfrage in einem bekannten Internetforum und erhielt dann auch prompt Antworten:

„Da hast du Dir die heißeste Jahreszeit in der Region ausgesucht“(Tatsächlich? Das es in Marokko im Sommer warm ist, hätte ich gar nicht gedacht…)

„Bist du sicher…..im August? Viel Vergnügen“ (Kommentare die ich liebe. So hilfreich…)

„Einfach fahren und schwitzen, aber du wirst keinen finden“ (Derselbe Typ dessen Hauptaufgabe es ist, das Forum mit nutzlosen Sprüchen vollzutexten)

„Ich wünsche Dir viel Spaß in einem schönen Land.Ich hatte im April schon 30-33 Grad……viel trinken-nicht vergessen.“ (Wenigstens ein sinnvoller Beitrag, passenderweise von einer Reisenden, die nicht nur rumschwätzt, sondern wirklich selbst unterwegs ist)

Naja, ich hätte mir das auch denken können. Wenn es dann ernst wird, ist der Anteil derer, die dann wirklich mitmachen meistens sehr überschaubar. Aber ich habe es wenigstens versucht.

Also fahre ich – unter dem Protest meiner Frau – eben wieder alleine, nicht ohne das Versprechen, mich regelmässig zu melden und Statusinformationen zu liefern.

Dabei gebe ich zu: Die Bequemlichkeit von Haus und Pool zu verlassen, um mutterseelenallein nach Afrika zu fahren, macht mir die Entscheidung nicht leichter. Wenigstens schicke ich vorher noch ein Foto nach Hause, dessen Szene ich immer schon mal aufbauen wollte:

So fahre ich eines Morgens im Juli los, um über Malaga den Hafen in Algeciras zu erreichen, was in zwei Stunden machbar sei sollte. Generell ist Marokko ganz gut auf verschiedenen Wegen erreichbar: Von Genua aus kann man in etwa 48 Stunden mit einer Autofähre nach Tanger Med fahren (Tanger Med ist ein neuerer Hafen, etwa 35 Kilometer östlich von Tanger). Vom spanischen Almeria und Motril kann man nach Melilla (Spanische Exklave im Nordosten von Marokko und logistisch nicht so günstig). Und vom spanischen Algeciras (direkt westlich neben Gibraltar) kann man nach Ceuta (ebenfalls eine spanische Exklave).

Das Ticket erstehe ich am Hafen in Algeciras (One Way mit Motorrad ca. 60 Euro) und es spielt eigentlich keine Rolle, mit welcher der drei Fährgesellschaften (FRS, Balearia, Transmediterranea) man hier übersetzt. Man nimmt einfach die, deren Schiff als nächstes ablegt. Das Terminal ist sowieso für alle gleich.

Ich reihe mich in die kurze Schlange der wartenden Fahrzeuge ein, stelle das Motorrad ab und laufe etwas umher. Vor mir steht ein belgischer VW-Sharan. Der Fahrer überlegt es sich aber irgendwann wohl anders und will aus der Schlange herausfahren. Und was macht der Trottel? Er legt den Rückwärtsgang ein und ich sehe mit Schreck seine weissen Lichter. Mein Motorrad hat er gekonnt übersehen und ich schreie wie ein Irrer „Stopp, stopp“. Seine hintere Stossstange kommt exakt und auf den Millimeter genau an meinem Vorderrad zu stehen, während das Motorrad nur leicht wackelt und er erschrocken und blöd aus der Wäsche schaut. Oh mann, dass man immer für andere mitdenken muss..

Die Überfahrt dauert dann etwa eine Stunde und bietet immerhin noch Ausblicke auf den Hafen von Algeciras, den Fels von Gibraltar, Schiffe im Seenebel und schliesslich die Kulisse von Ceuta.

Mit mir sind auch noch andere Overlander an Board wie es scheint und die Ausrüstung lässt vermuten, dass sie noch einiges vor haben.

Ceuta haben sich die Spanier übrigens gesichert, um die Kontrolle über die Strasse von Gibraltar zu haben. Das finden die Marokkaner aber doof, deshalb erheben sie regelmässig Ansprüche auf die Stadt, nur beissen sie damit bei den Spaniern auf Granit. Gleiches gilt ja für Gibraltar, was sich die Briten eben von den Spaniern gemopst haben. Verwirrende Spielchen.

Ceuta (Gesprochen Sseita) ist auch ab und zu in den Medien, vor allem wenn wieder Massen von Migranten in die EU wollen, was sie auf dem afrikanischen Kontinent bei Ceuta auch regelmässig schaffen. Daher ist Ceuta von einer hohen Mauer umgeben und die Grenze wird gut bewacht. Es gibt einen einzigen Übergang nach Marokko, ganz im Südosten der Stadt an der Küste.

Klar, dass hier entsprechender Trubel herrschen mag, dachte ich mir. Was ich dann aber bei der Anfahrt an den Grenzübergang zu sehen bekam, übertraf meine Erwartungen (Befürchtungen) deutlich.

Zunächst haben die Spanier die Zufahrt zur Grenze und das Geländer grossräumig abgesperrt und ich erhalte von einer Polizistin keine nachvollziehbare Antwort, wieso das so ist. Sie sagt mir dann ich könne einen anderen Weg nehmen, der über einen Hügel führt.

Vorteil: Ich komme nach 10 Minuten doch zur Grenze. Nachteil: Ich sehe die Massen von Menschen, die den Übergang auf beiden Seiten belagern und der grösste Teil von ihnen macht auf mich keinen besonders vertrauensvollen Eindruck. Es fällt mir schwer, meine Gedanken beim Anblick dieser Grenze von hier oben wiederzugeben. Aber jetzt habe ich mir das eingebrockt, nun muss ich da auch durch.

Also fahre ich den Hügel westlich der Grenzanlage hinunter und vorsichtig an das Ende der Schlange, was ziemlich blöd ist. Denn ich habe noch nicht richtig gestoppt, da werde ich auch schon von einer Horde Banditen umlagert. Während zwei von ihnen sofort damit anfangen, am Heck des Motorrads rumzufingern, quatscht mich von links ein düsterer Kerl auf Französisch an, unterdessen zwei weitere neben ihm finster dreinblicken. Und von rechts kommt ein Älterer, der mir ein weisses Formular, etwa im Format DIN A6 auf den Tankrucksack legt, mit der Aufforderung, das auszufüllen.

Na toll, sowas kann ich gar nicht haben. Ich nehme den Helm ab und versuche zunächst mal, die Banditen vom Heck loszuwerden, was mir nicht so richtig gelingt. Den Quatschkopf links versuche ich zu ignorieren, weil ich nicht weiss was er von mir will. Den Alten rechts wähle ich schliesslich als meinen Ansprechpartner, weil er von allen am wenigsten nach Verbrecher aussieht. (Er ist mir ebenfalls suspekt, aber ich habe keine Wahl…)

Ich brauche jetzt schnell eine Strategie, sonst ist die Hälfte meines Equipments weg, bevor ich marokkanischen Boden betreten kann. Also mache ich dem Alten folgendes Angebot: Er bekommt einen Fünf-Euro-Schein, wenn er mir die anderen vom Leib hält und mir sagt, was das Formular soll. Das klappt auch zunächst ganz gut und er verscheucht erstmal die Lumpen am Heck.

Dann soll ich den weissen Zettel ausfüllen, weil dies das Einreiseformular sei. Ich kenne das so ähnlich aus Ägypten, also erscheint es mir logisch, dies auch in Marokko zu benötigen. (Das ist auch so, aber man bekommt den „echten“ Einreisezettel vom „richtigen“ Grenzbeamten an einem der kleinen Häuschen, die man mit dem Fahrzeug sowieso passieren muss)

Egal – sein Papierchen funktioniert wohl auch. Leider hat mein Bezahlvorgang mit dem Fünfer noch weiteres herumlungerndes Pack angelockt. Sie stehen daher ebenfalls in Nullkommanichts am Moped tatschen alles an und beginnen nun auch noch damit, auf mich einzureden, während der Alte plötzlich weiteren „Backschisch“ einfordert, um mich angeblich bevorzugt in „Five Minutes“ durch die Grenzabfertigung zu bekommen.

Jetzt reichts! Ich ignoriere Anstand und Erziehung, beschimpfe das ganze Gesindel aufs Übelste, stopfe den Papierkram in den Tankrucksack, starte den Motor und fahre einfach an der Schlange vorbei bis nach vorne an die Kontrolle. Dort stehen nämlich bewaffnete spanische Grenzer, die nicht so aussehen, als würden sie diese Schmeissfliegen willkommen heissen. Sie winken mich dann auch eher gelangweilt weiter und ich stehe nun direkt unter den Dächern des Übergangs, einigermassen sicher vor den Banditen am Ende der Schlange.

Was für ein Chaos. Es ist heiss, ich bin genervt, die Menschenmassen sind mir zu viel und die ganzen Verbrecher drumherum stimmen mich missmutig. Nachdem ich den Visumstempel für Marokko im Reisepass habe (Personalausweis reicht nicht), geht es weiter an das nächste Häuschen.

Dort muss ich das Motorrad deklarieren, inkl. Hersteller, Kennzeichen, Fahrgestellnummer, Papiere, grüner Versicherungskarte. Das habe ich erwartet und alles fein säuberlich in Klarsichthüllen bereit liegen. Zudem sind die marokkanischen Grenzbeamten erfreulich hilfsbereit beim Ausfüllen der Papiere, auf denen alles nur auf Arabisch und Französisch steht.

Diesmal erhalte ich ein Formular mit drei Durchschlägen, von denen ich Nummer zwei und drei (weiss und grün) wieder mitbekomme. Dann bin ich schliesslich offiziell in Marokko und auf dieser Seite der Grenze sieht es nicht besser aus. Einziger Vorteil: Ich muss nicht in einer Schlange warten, sondern kann mit Motorunterstützung die Flucht ergreifen, fahre also zunächst mal weg von dieser wirklich unschönen „europäischen Aussengrenze“ in Richtung Tetouan.

Als erstes erwische ich dann die Autobahn und sehe nach wenigen Metern auch schon ein Hinweisschild „Maut“. Blöd, denn natürlich gibt es eine parallel führende Strasse nach Tetouan, die kostenfrei ist. Aber gut, denke ich, denn die werden ja wohl auch meine Kreditkarte akzeptieren?! Oder?

Nein! Tun sie nicht. Nicht nur meine nicht, sondern gar keine. Nur bar, nicht Euro, nur Dirham. Jetzt stehe ich wie ein Depp ohne passendes Bargeld am Mauthäuschen und die Dame hinter der Glasscheibe weiss nicht, was wir nun machen sollen, zumal mir umdrehen auf einer Autobahn eher kontraproduktiv erscheint.

Hinter mir steht auch schon ein weisser Golf, der ebenfalls über die Autobahn will. Die Mautdame redet dann auf arabisch mit der Dame im Auto hinter mir und ich verstehe natürlich kein Wort. Dann wendet sie sich wieder zu mir und erklärt auf gebrochenem Englisch, die Dame hinter mir würde meine Mautgebühr bezahlen. Dann geht auch schon die Schranke hoch und ich kann losfahren. Äh, wie jetzt?! Ich bin so perplex, dass ich nicht weiss was ich sagen soll. Ich biete an, ihr das in Euros zurückzugeben, aber das wird von beiden Frauen energisch abgelehnt.

Alles was mir einfällt ist, rechts ranzufahren, abzusteigen, den Helm abzunehmen und mich bei der vorbeifahrenden Dame mit einer Verbeugung zu bedanken.

Was mich stört ist, dass man an der Grenze vorher diesen überaus schlechten ersten Eindruck erhält, während man bei der nächsten Begegnung vom genauen Gegenteil überrascht wird. Ein kontrastreiches Land!

Ich kurve dann zunächst mal die Küste entlang in Richtung Südosten.

Tetouan ist dann die erste grössere Stadt und ich finde einen Geldautomaten. Hier versorge ich mich mit marokkanischen Dirham. Genau für solche Zwecke hatte ich mir mal ein DKB-Konto zugelegt. Damit kann ich auch im Ausland ohne Gebühren Bargeld am Automaten ziehen.  Das klappt einwandfrei und mittlerweile nutze ich das DKB-Konto schon als Hauptkonto, zumal es komplett kostenlos ist und ich auch für die Visa-Karte nichts extra zahlen muss.

Nach dem ganzen Einreise- und Gebührentheater komme ich dann wieder etwas zu Ruhe und kann die ersten Fotos von Marokko einfangen.

Mein erster geplanter Stop ist Chefchaouen, die Stadt mit den berühmten, blau gestrichenen Häusern.

Ehemals durfte sie von Fremden nicht betreten werden, heute ist die Stadt eine Touristenattraktion. Ich schaue mir den Ort an und mache natürlich auch Fotos.

Später finde ich dann über den Dächern von Chefchaouen ein Restaurant mit Ausblick.

Aber der Funke will bei mir nicht so recht überspringen. Es sind mir zu viele Menschen, zu viele Touristen (ja ich weiss, ich bin selbst einer…) zu viel Kommerz, Nerverei, Souveniershops, dazu ein Hotel, das auch nur eines von vielen ist.

Irgendwie war das vorhersehbar. Dieses ewige „Come into my shop!“, „Hello my friend!“, „Aleman?“, „Cheap, cheap“, geht mir mittlerweile heftigst auf den Zwirn. Dabei bin ich sowas schon aus Ägypten und Tunesien gewohnt.

Ein Highlight für mich ist immerhin das wirklich vielversprechende Schild an der Zimmertür:

Ich habe den ganzen Abend gewartet, echt! Aber vergeblich…

Ich spare mir jetzt weitere Erläuterungen zu Chefauoen. Insgesamt ist es ist hier ganz nett und ich mache dann auch brav Fotos von blauen Häusern.

Und die vielen Menschen ebenfalls nicht. Grosse Städte sind nicht so meins.

Da fahre ich lieber auf unbekannte Strassen ins Rif-Gebirge, denn davon verspreche ich mir mehr.

Über Strassen mit abwechselndem Belag von Schotter, Asphalt und manchmal einem Mix von beidem, schraube ich mich durch die Berge. Das gefällt mir schon viel besser. Dumm nur, dass ich keine Marokko-Karten auf meinem Navi habe. Die hätte ich mir vorher zwar auf die Speicherkarte laden können, aber ich war einfach zu bequem und wollte mal wieder einfach nur mit Papierkarten klar kommen.

Meine Wahl sind mittlerweile die Exemplare von Reise Know-How, denn die sind strapazierfähig und wasserfest und damit für Motorradfahrer besser geeignet als die Marco Polo, die ich früher immer so gern hatte.

So bin ich oft nicht ganz sicher, ob ich noch auf der richtigen Route bin oder wo ich mich überhaupt befinde. Das Rif-Gebirge präsentiert sich dabei erfreulich grün. So hätte ich das gar nicht erwartet und ich freue mich über die vielen Berge und Kurven.

Irgendwann komme ich an ein Ortsschild, auf dem der Ortsname –  ich glaube es war „Moqrisset“ – von zwei Gewehren flankiert dargestellt ist. Müsste mir dies zu denken geben? Wenige Meter weiter fahre ich durch den Ort und die Strasse ist staubig. Links und rechts laufen Männer in Kaftanen und schauen mich eher finster an.

Hab ich mich falsch verhalten? Ich vermeide einen Stopp und sehe besser zu, den Ort schnell wieder zu verlassen in der Hoffnung, jetzt nicht auch noch eine Strasse zu erwischen die ins Nichts führt. Das hier oben Drogen angebaut werden, hatte ich schon vorher gelesen, aber ich wollte den Menschen hier wirklich nichts böses…

Ein Vorteil ist, dass die Strassenschilder – sofern es überhaupt welche gibt – sowohl in arabischer, als auch in für mich lesbarer, lateinischer Schrift vorhanden sind. So kann ich irgendwann zumindest den nächsten nennenswerten Ort „Zoumi“ ausmachen. Und von dort erreiche ich dann über weitere schöne Bergstrassen wieder die N13.

Danach geht es in Richtung Meknes, denn ich möchte unbedingt ins Atlasgebirge. Dort, wo das Rif-Gebirge ausläuft, beginnen endlose Getreidefelder. Hier muss die Kornkammer Marokkos sein, denn ich fahre gefühlt endlos über die meist gerade Strasse, während links und rechts alles nur aus bereits abgeernteten Feldern besteht.

Meknes ist die nächste grössere Stadt und ich nutze die Gelegenheit zum Tanken. Tankstellen sind zumindest im Norden überall ausreichend vorhanden. Einziges Problem ist, dass manche nur Bargeld akzeptieren und man immer erst fragen muss, ob man auch mit Kreditkarte zahlen darf. Nicht alle akzeptieren Kartenzahlung.

Weiter gehts nach Azrou und dann wird auch die Landschaft wieder deutlich spannender. Hinter Azrou fahre ich in die erstaunlich grünen Berge, von denen ich nicht weiss ob sie noch Rif oder schon Atlas sind. Hier gibt es einen sehr grossen Zedernwald in dem ich sogar auch die ersten Affen am Strassenrand sehe. Der „Col du Zad“ führt dann hoch bis auf 2200 Meter.

Nicht so schön sind die Ortschaften in dieser Gegend. Meistens sind diese ziemlich dreckig und ich wundere mich über den Rummel, der überall rumliegt. Es macht auch nicht den Anschein, dass die Menschen hier grossen Wert auf gepflegte Strassen oder schöne Häuser legen.

Meistens handelt es sich tatsächlich um Lehmhütten, von denen man als Mitteleuropäer im Jahr 2018 nicht glauben kann, dass darin tatsächlich Menschen hausen, aber es ist so.

Was in den Ortschaften die Lehmbauten sind, sind in der Landschaft die Zelte, sie erscheinen mir hier passend.

Aber häufig wieder grosse Kontraste: Teils sind die Menschen freundlich, teils schauen sie überaus finster. Und ich kann mir nicht erklären ob es an mir oder meinem Verhalten liegt. Eigentlich fahre ich ja nur immer irgendwo lang und versuche dabei, überaus vorsichtig zu sein. Sehe ich Menschen an der Strasse laufen, fahre ich langsam. Sehe ich Esel oder Ziegen – also alle 14 Meter – reduziere ich die Geschwindigkeit ebenfalls deutlich. Ich halte mich echt zurück und halte auch niemandem ungefragt meine Kamera ins Gesicht.

Vielleicht muss ich mich auch erst an Marokko gewöhnen?!

Die Kinder – in der Regel Jungs – schauen entweder erstaunt dem Motorrad hinterher oder winken freundlich. Mädchen sieht man deutlich seltener und – es mag Einbildung sein – sie schauen nie fröhlich. Ihr Stellenwert in einem vom Islam geprägten Land ist immer noch nicht der Gleiche wie bei uns, dabei ist Marokko für afrikanische Verhältnisse ein modernes Land.

Bei Zeida erreiche ich eine Wüstenebene mit 35 Grad. Jetzt wird es tatsächlich langsam kuschelig und ich bin immer froh, solange ich fahre und der Wind etwas Kühlung verschafft. Die Gegend ist wieder ziemlich eben und die Strassen führen über Kilometer schnurstracks geradeaus.

Mein Ziel heute ist der Ort Midelt und dort das „Riad Villa Midelt“. Ich hatte mir das Haus per Booking rausgesucht und am Nachmittag gebucht. Rein schon aus Jobgründen hatte ich mir im Vorfeld übrigens einen mobilen Hotspot zugelegt, den ich in Marokko auch gleich auf Herz und Nieren testen konnte. Deshalb hatte ich fast permanent WLAN und Zugriff auf Web und Kommunikation, eine tolle Sache und dazu brauchte ich nicht mal eine marokkanische SIM-Karte kaufen. Die nötigen Länderpacks kann man einfach online zubuchen. Auf dieser Reise fand ich das ziemlich praktisch, ja fast schon unwirklich komfortabel.

Das“Riad Villa Midelt“ wusste somit jedenfalls von meiner Anreise und als ich am Ortsrand von Midelt das Haus gefunden habe, (Es ist sehr gut ausgeschildert!) öffnet auch schon ein junger Marokkaner das Tor und ich kann direkt in den Hof einfahren ohne auch nur eine Sekunde anhalten zu müssen. Ich frage mich, ob der auf mich gewartet hat? Egal, er begrüsst mich freudestrahlend und will mir auch gleich meine Tasche und den Helm abnehmen.

Während er dann meine BMW inspiziert, mache ich gleiches mit seinem „Feuerstuhl“!

Ruckzuck weist er mir den Weg auf mein Zimmer im ersten Stock, nur um mich gleich danach wieder nach unten in den schönen grossen Aufenthaltsraum zu bitten, da hier bereits der obligatorische Minztee bereit steht.

Ich bin ziemlich begeistert und frage vorsichtig, ob es am Abend denn etwa zu essen geben würde. Klar – hier wird auf Wunsch gekocht und ich muss nur sagen, wann ich denn bitte im Garten mein Dinner einnehmen möchte.

In dem Garten übrigens, in dessen hinteren Teil ein Pool auf mich wartet… Herrgott, wo bin ich gelandet?

Zum Essen werde ich dann auf Englisch gefragt, was ich trinken möchte.

Er: „We have water, red wine and beer…“

Ich: „You’ve got beer???!!!“

Das Riad Villa Midelt schaffte es insgesamt vollkommen zu Recht auf die Liste meiner „Fantastischen Unterkünfte“ und das Frühstück am nächsten Tag machte die Abreise für mich dann auch nicht leichter.

Midelt beschert mir am Morgen dann noch angenehme 25 Grad und ich fahre in Richtung Errachidia. Heute Morgen bin ich so gut wie alleine unterwegs. Lange Strassen, riesige Täler, ausgedehnte Ebenen und im Hintergrund die Berge des Atlasgebirges.

Interessant finde ich die überall stehenden Steintürmchen mit Flaschen darauf. Irgendwer hatte wohl die Idee, den Reisenden auf diese Weise unterwegs Getränke zu präsentieren. Etwa 17.211 andere machen das seitdem genau so. Das Zeug steht immer wieder am Strassenrand und bei meinem nächsten Besuch wage ich das mal zu probieren, wobei die Flüssigkeit darin sicherlich 88 Grad Celsius haben mag…

Aber die Gegend hier ist toll und es ist ein herrliches Gefühl! Ich kann die Maschine laufen lassen und bin happy mit mir, dem Moped, dem Land und der Sonne.

Hier spüre ich absolute Freiheit und Entspannung. Hotspot und Email können mich heute kreuzweise, denn ich geniesse jeden Moment.

Ursprünglich hatte ich noch „Erg Chebbi“ auf dem Plan, aber die Wettervorhersage hat für Merzouga 44 Grad gemeldet – das ist mir dann doch eine Nummer zu viel. Ich begebe mich nicht mit Ansage in Gefahr und 44 Grad sind definitiv eine gesundheitliche Gefahr! Daher möchte ich lieber einem anderen Touristen-Hotspot die Chance geben: Der Thodra-Schlucht.

Ja, ich lasse die Dades-Schlucht bewusst aus. Einerseits soll die Thodra schöner sein, andererseits schiesst jeder das gleiche Foto von den Serpentinen der Dades-Schlucht. Wieso sollte ich mich da einreihen? Da versuche ich lieber eine Strecke die niemand fährt und die vielleicht mal Überraschungen bereithält. Und ich weiss ehrlich nicht ob die Strasse, die ich heute fahren möchte, überhaupt existiert.

Zunächst geht es die N13 nach Süden. Bei Er-Rich will ich dann abbiegen in Richtung Westen und dann über die Orte Agoudim, Amellagou und Assoul bis nach Ait Hani, wo es – theoretisch – in die Thodra-Schlucht abgeht. Mal sehen.

Die Höhenaufstiege heute bescheren schon mal passende Panoramen:

In Tamagourt muss ich kurz anhalten und die Strasse checken, denn eigentlich müsste hier ein Abzweig sein. Während ich die Piste links von mir mit erheblichen Zweifeln als den Abzweig identifiziere und rechts schnell ein Foto vom örtlichen „Postamt“ schiesse, kommt aus irgendeinem Busch ein kleiner Junge angestapft.

Keine Ahnung wo die immer herkommen. Manchmal steht man im Nichts der marokkanischen Wüste und fühlt sich vollkommen einsam, während plötzlich fünf Meter weiter jemand im Strassengraben hockt und auf Steine aufpasst.

Der Kleine scheint jedenfalls hocherfreut über die Abwechslung und ist diesmal weniger vom Motorrad angetan, als von meiner Sonnenbrille. Während wir etwas rumalbern kommt dann auch noch seine Schwester hinzu und die beiden geniessen offenbar das Entertainment-Programm, das ihnen der seltsame Touri beschert.

Nach ein paar Minuten Rumalberei starte ich dann wieder den Motor und suche den dringend nötigen Fahrtwind.

Es dauert dann aber nicht sehr lange und mich überkommen Sorgen. Ich fahre eine gefühlte Ewigkeit durch endlose Täler ohne bewohnte Häuser und Menschen.

Kein Fahrzeug kommt mir entgegen und ich denke zwischendurch, wenn es mich hier hinschmeisst, kreisen in Kürze bestimmt die Geier.

Aber westlich von Amellago bekomme ich dann die Belohnung. Eine richtig tolle Schlucht präsentiert sich mir, noch dazu vollkommen menschenleer, mit alten, verlassenen Lehmburgen, Wasserlauf, Flussdurchfahrt, Canyon und allem was das Herz begehrt. Ein Traum!

Wieso fährt hier denn niemand lang? Die Gegend ist so klasse, hier könnte man sofort einen Film drehen!

Das ist Marokko, so wie ich es mir vorgestellt hatte. Super Gegend, Schluchten, Landschaft, leere Strassen, fremdes Terrain: Fantastisch!

Assoul ist dann wieder so ein Problem. Ich finde die richtige Strasse nicht, da der Ort eine einzige Baustelle ist und hier offenbar niemand Französisch spricht.

Überall liegt Baumaterial, aber die Arbeit wird zum grossen Teil per Hand erledigt. Ich fahre einfach mal nach Gefühl in meine auserwählte Himmelsrichtung und das funktioniert dann sogar.

Den Ort Ait-Hani kann ich dann wieder identifizieren, zumal es hier auch eine nachvollziehbare Beschilderung gibt.

Es geht für mich nun weiter in Richtung Süden, durch eine ziemlich heisse und verlassene Ebene.

Nach längerer Fahrt komme ich dann wieder in tiefere Täler mit mehr Grün.

Dort erreiche ich dann die Thodra-Schlucht, den touristischen Hotspot, aus nördlicher Richtung kommend kurz vor Tinghir.

Ich erkenne diesen dann auch ziemlich einfach anhand der Ziegenherde, die unter Einsatz von jeder Menge Fotokameras (einschliesslich meiner) durch die Schlucht getrieben wird.

Aber die nächsten Kilometer bieten alles, was mir zuwider ist. Jede Menge Menschen, nervtötende Händler, Souvenirbuden, Verkehr. Das muss doch nicht sein. Da verblassen Ausblick und Felswände.

Zudem habe ich mal wieder meinen Tank fast leer gefahren und auf den langen Etappen heute durchs Geröll war auch – wie zu erwarten – nicht mit Spritnachschub zu rechnen. Das sind Tage an denen ich froh bin, dass die Adventure-Variante der GS über 30 Liter mitführen kann. Was mir jetzt bleibt ist, die komplette Schlucht zu durchfahren um in Tinghir hoffentlich Benzin zu finden.

Als ich dort ankomme, liegt die Temperatur bereits bei 38 Grad und ich finde Gott sei dank nach einigem hin- und herfahren eine Tankstelle. Nachdem das Fass vor meinem Bauch wieder randvoll ist mache ich etwas, das ich eigentlich wann immer möglich vermeide: Eine Strecke zwei Mal fahren.

Jedenfalls möchte ich nicht auch noch die Dades-Schlucht durchfahren und wähle daher lieber das kleinere Übel „Thodra Double“ in Richtung Norden. Denn hier wartet noch ein vermeintliches Highlight in Form des Aufstiegs in Richtung Imilchil. Zumindest meine Papierkarte hat mir das so versprochen und das ist dann auch wieder ein schöner Beweis, dass man auf die gute alte Landkarte nicht verzichten sollte.

Vorher komme ich sogar an Kamelen vorbei, die selbstredend sofort als Fotomotiv herhalten müssen.

Ich hätte erwartet, dass jemand die Dinger hier geplant abgestellt hat und für das Motiv Bakschisch sehen will, aber es ist wider erwarten niemand da.

Dabei beschert der Tag heute eine echt unangenehme Hitze und die Luft ist zum schneiden.

Nachdem die Thodra-Schlucht zum zweiten Mal hinter mir liegt, liegt der mittlere Atlas vor mir und der hat es in sich! Irgendwann registriere ich auf dem Navi – welches zwar nicht weiss WO ich bin, dafür aber WIE HOCH, dass die Höhenmeter immer weiter zunehmen.

Bei sagenhaften 2.700 Metern überquere ich dann schliesslich den „Tizi Tirherhouzine“ und es ist einfach nur fantastisch.

Weit und breit kein Mensch, nur ab und zu ein Beduine bzw. Berber.

Einmal erwischt mich ein berittenes Päärchen während ich die Landschaft fotografiere. Diesmal darf ich die beiden dann sogar ablichten, was ich sonst meistens vermeide, denn irgendwie denke ich, dass es unhöflich ist, in den Ortschaften einfach mal den Reisezoom in die Gesichter der Menschen zu richten.

Auf der Nordseite des „Tizi Tirherhouzine“ geht es dann schliesslich wieder etwas hinunter, während ich am Horizont mehrere am Strassenrand stehende Fahrzeuge ausmache.

Ich komme dann näher und denke mir, das sind doch keine üblichen Uralt-Mercedes oder abgewrackte Peugeots. Das, was ich da beim Näherkommen erkenne, sieht mir viel eher nach Sportwagen aus. Sonnenstich? Fata-Morgana?

Ich stoppe tatsächlich vollkommen ungläubig direkt neben einer Porsche-Flotte und bin dermassen überrascht, dass ich vorsichtshalber mal auf Französisch nachfrage, ob die Truppe aus Deutschland kommt, was mir sogleich unter breitem Grinsen bejaht wird. Wir unterhalten uns dann eine ganze Weile und ich erfahre, dass sie einfach mal etwas anderes probieren wollten, um in Ruhe die Technik für die nächste Dekade erproben zu können. Und wer fährt der Truppe dann direkt vor die Nase? Ein Deutscher mit Kamera, noch dazu auf einer Strasse, auf der sonst niemand unterwegs ist.

Von aussen darf ich die Autos dann fotografieren, ich soll aber versprechen, keine weiteren Details kund zu tun, was ich auch zusichere. Bezüglich ihrer Ausstattung, der Testanordnung, der Örtlichkeit und ihrem Beharren darauf, nicht zusammen mit mir wieder loszufahren habe ich ja so eine Vermutung zum Zweck der Aktion, aber lassen wir das.

Wir kommen dann von Einem zum Anderen und als wir bei einem viel zu selten bewegten Cayman S Sport sind, erhalte ich den dringenden Rat, das Auto auf jeden Fall zu behalten. Und was soll ich sagen, diese Jungs müssen es ja wissen.

Ich realisiere irgendwann, dass ich den ganzen Tag gefahren bin, ohne mich über ein Tagesziel und schon gar nicht um eine Schlafgelegenheit gekümmert zu haben. Noch vor zwei Jahren wäre das für mich unvorstellbar gewesen, heute bin ich mit mehr Reiseerfahrung deutlich entspannter. Da der Abend in grossen Schritten naht, halte ich die Augen nach einer passenden Bleibe offen aber hier, im mittleren Atlas, hilft mir heute keine Booking-App.

Endlich finde ich dann Agoudal und damit etwas, was man wenigstens als Ort bezeichnen kann und ich benötige jetzt dringend eine Möglichkeit zur Übernachtung, denn auch dieser Tag war lang.

Nun ist Agoudal auf 2.300 Metern aber nicht gerade die Metropole Marokkos. Da kommt mir das verrostete Blechschild mit dem Hinweis auf eine Herberge gerade recht. Heute darf ich mal nicht pingelig sein und schraube meine Ansprüche deutlich herunter. Wenn es hier fliessendes Wasser und etwas Privatsphäre gibt, bin ich schon zufrieden und immerhin ist das Haus aus Steinen und etwas Beton errichtet!

Und was von aussen eher nach Steinruine aussieht, entpuppt sich innen als durchaus brauchbar.

Afoud, der Herr des Hauses überrascht mich derweil mit recht gutem Englisch und zaubert zudem auch noch ein tolles Abendessen in Form einer unfassbar leckeren Tajine. Das hatte ich gar nicht erwartet. Kochen kann man hier also auch.

Da hier sonst aber wirklich überhaupt nichts los ist (Touristen sind schon mal gar nicht da…) erfahre ich von ihm beim entspannten Plausch am Abend, dass dieser Winter zwei Meter Schnee gebracht hat. Agoudal war komplett von der Aussenwelt abgeschnitten und der König hat sogar Hubschrauber geschickt, sonst wäre die Lage für die Bewohner mangels Verpflegung brenzlig geworden.

Normalerweise liegen in Agoudal 10 bis 30 Zentimeter Schnee, aber zwei Meter hat es hier seit 60 Jahren nicht mehr gegeben, wie die Alten im Ort erzählen. Sein Haus liegt übrigens auf 2.350 Metern Höhe und das ist ja schon mal eine Ansage!

Seine Söhne bekommen dann noch ein paar kleine Geschenke zum Abschied, während sie interessiert zusehen, wie ich meine sieben Sachen auf und am Motorrad verstaue. Bereits am Abend vorher hatten sich sechs junge Marokkaner interessiert um die GS gruppiert und ausdauernd diskutiert. Leider konnte ich wegen der Sprachbarriere aber nicht viel zur Unterhaltung beisteuern.

Ich fülle dann noch meine Flaschen mit frischem Wasser für den Tag auf und mache mich dann auf den Weg durch die weiten und menschenarmen Berge.

Agoudal und die folgenden Orte bestehen fast ausschliesslich aus Lehmhütten und ich sehe teils bittere Armut. Immerhin fliesst in dem Hochtal ein Fluss und wenige Meter links und rechts von ihm ist viel Grün. Hier versorgt sich die Bevölkerung notgedrungen selbst.

Ich fahre heute jedenfalls durch die Hochtäler des Atlas und sehe unzählige Esel, die grosse Transportkörbe aufgeschnallt bekommen haben. Definitiv ist der Esel hier immer noch das Transportmittel Nummer Eins!

Der Tag beginnt hier oben übrigens mit 18 Grad und ich kann gar nicht sagen wie froh ich bin, so früh wie möglich auf der Strasse zu sein um diese Frische zu geniessen. Der Himmel ist heute morgen auch nicht so zugezogen wie gestern.

An einer Kurve steht dann plötzlich ein Auto im Nirgendwo und ich halte an um nachzusehen. Der Fahrer kümmert sich gerade um einen anderen Autofahrer, der die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hat, in einer Kurve von der Piste abkam, den Abhang abgerutscht ist und sich dann überschlagen hat.

Das Auto sieht nach Totalschaden aus, aber dem Fahrer ist nichts passiert und die beiden kommen glücklicherweise alleine klar. Mangels arabischer Sprachkenntnisse sind meine Möglichkeiten auch hier beschränkt. Wahrscheinlich ziehen sie die völlig demolierte Karre irgendwie wieder nach oben und richten das Trümmerteil in einer der unglaublich provisorisch aussehenden Werkstätten, die es hier in jedem Ort gibt.

Was ich ebenfalls immer wieder sehe sind Frauen und Mädchen, die ihre Wäsche in den Flüssen waschen. Und die sind selbst nicht gerade sauber, denn Kläranlagen gibt es hier natürlich ebenfalls nicht. Meine Güte, und wir leben im Jahr 2018…

Die Ortschaften in dieser Gegend sind meistens sehr klein und man sieht nur selten Menschen in ihnen.

Aufpassen muss man übrigens vor allem an den Pistenübergängen der Wadis, Bäche und Flüsse.

Meist liegt hier jede Menge Schotter und das macht das Erkennen der Schlaglöcher echt schwierig. Man ist also wirklich gut beraten, diese Stellen langsam zu passieren.

Weiter geht es über Imilchil, aber am Ortsausgang ist für mich zunächst Schluss. Eine grosse Baustelle stellt hier das Ende der Strasse dar, das hatte ich nicht erwartet. Ausgerechnet hier, nördlich von Imilchil passt das jetzt gar nicht, denn es gibt keine Alternativroute.

Ich müsste hunderte von Kilometern fahren, um westlich in Richtung Marrakesch oder östlich zurück über Midelt den Atlas zu überqueren. Immerhin arbeiten an der Baustelle Männer und einer von ihnen, kommt zu mir rüber, als er mich ratlos mit meiner Karte hantieren sieht.

Er trägt einen gelben Helm und eine Brille, daher gehe ich mal davon aus, dass es der Chef der Truppe ist. Er stellt sich dann als Ingenieur vor und erklärt mir, hier gehe es nicht weiter und es käme ein Pass, der gesperrt wäre. Die Baustelle ist auch nicht nur hier, sondern die nächsten 60 Kilometer. Sechzig Kilometer! Deshalb ist die Route nicht befahrbar. Was für ein Mist!

Aber hey, ich bin alleine bis hierher gekommen. Ich habe keinen Zeitdruck, ausnahmsweise noch ausreichend Sprit im Tank, genug Wasser und nicht mehr Respekt vor der Strecke als unbedingt nötig. Und so will ich es wenigstens versuchen: Ich erkläre ihm also einfach mal, das das hier eine BMW GS ist. Und die kann alles! (Ich versuche das überzeugend rüber zu bringen und hoffe, er merkt mir nicht an, das ich das der GS zwar zutraue, bei mir selbst aber durchaus Zweifel habe) Jedenfalls diskutieren wir eine Weile und ich verspreche ihm, falls ich Probleme bekomme, kehre ich um.

Er überlegt dann kurz und winkt mich tatsächlich durch!

Oha: Da stehe ich nun mit meinem Talent und alles, was mir nach den ersten Kilometern Schotterpiste einfällt ist der olle Goethe: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los…“

Ich komme kaum voran und würde mir an einigen Stücken nichts sehnlicher wünschen, als eine anständige Schotterpiste. Diese würde dann zumindest weniger sturzgefährlich daherkommen als der ständige Wechsel von Gräben, Aufschüttungen und Furchen.

Aber sehen wir das mal positiv: Hier kann ich nun machen was ich will, fahren wie ich will, schottern was das Herz begehrt und jederzeit anhalten und fotografieren. Was mir das Atlasgebirge zwischen Imilchil und Tizi N’Isly dann präsentiert, gehört jedenfalls zu den spektakulärsten Landschaften die ich bisher überhaupt gesehen habe.

Was für ein Glück! Ich hatte schon daran gedacht aufzugeben, dann jedoch etwas hartnäckig diskutiert. Und als Lohn erhalte ich eine Bergpiste ganz für mich allein.

Thodra? Dades? Ja gut, fahr da hin wenn es sein muss. Aber wenn du deine GS artgerecht bewegen möchtest und auf endgeile Landschaften stehst, noch dazu deine Ruhe haben willst: Fahr mal „Ilmichil – El Ksiba“, wenigstens so lange bis das in irgendwelchen Hochglanzprospekten auftaucht oder Jeremy Clarkson die Route entdeckt.

Für mich ist das allenfalls noch mit Theth in Nordalbanien vergleichbar, das war auch so eine Hammerstrecke.

Alles Folgende spielt sich dann komplett über 2.000 Höhenmetern ab und die Dreitausender ragen links und rechts der Piste empor. Die Luft ist klar, die Sonne scheint und ich habe Sichtweiten von bestimmt 50 Kilometer und mehr.

An den besonders schönen Stellen versuche ich wenigstens, die Landschaft abzulichten und montiere zwischendurch sogar mein 12mm Weitwinkelobjektiv. Vielleicht kann ich damit diese spektakuläre Bergwelt einfangen?

Ich brauche heute aber einige Stunden für die Etappe, denn einerseits will ich als Soloreisender wegen der schwierigen Piste nie schneller als 40 km/h fahren, andererseits halte ich wegen der tollen Aussichten so oft an.

Panorama und Bergwelt lassen mich heute jedenfalls jegliche Sorgen über Stürze oder Pannen vergessen und ich habe einfach einen genialen Tag, ohne irgendwo mal auf einen Menschen zu treffen. Absolute Ruhe, wundervolle Aussichten, eine echte Männerstrecke und perfektes Motorrad-Sommerwetter. Geil!

Die Bilder, die ich heute mache, können dabei nicht annähernd diese beeindruckend weitläufige Gebirgswelt wiedergeben. Mich überwältigt sowas!

Am Ende komme ich dann noch zum Pass „Tizi N’Isly“, der sogar hier und dort mal in Berichten erwähnt wird. Die Kurzversion: 1.700 Höhenmeter, 34 Grad Celsius, Asphaltstrasse = Kindergeburtstag!

Da waren die 60 Kilometer einsamste Bergwelt zuvor jedenfalls eine vollkommen andere Nummer. Ich habe zudem einen Heidenrespekt vor meinem Motorrad, das diese Tortur ohne Schaden mitgemacht hat. Den Reifendruck habe ich übrigens wieder auf deutlich unter zwei Bar reduziert und meine heiss geliebten Conti TKC 70 haben dann den Rest erledigt.

An dieser Stelle abermals meine virtuelle Verneigung vor Continental. Und nein, ich bekomme keine Provision und keinen Reifensatz geschenkt. Die Dinger sind einfach meine erste Wahl auf der GS, da lasse ich – zumindest mit meinem Fahrprofil – alles Andere links liegen!

Wer auf Asphalt durch die Alpen prescht, wird reine Strassenreifen bevorzugen, aber wer die GS in GS-Land fährt, dem rate ich dringend dazu, den TKC70 auszuprobieren. Mir kommt nichts anderes mehr auf die Speichenfelgen! So, Werbeblock Ende, aber das musste ich mal loswerden.

Das Programm hat mich allerdings reichlich Energie gekostet und ich muss kurz vor El Ksiba Getränke nachkaufen, bevor ich den Tag beende. Dazu halte ich in einer Bergabpassage im Wald an einer kleinen Hütte an und erstehe immerhin zwei Flaschen Cola Zero und zwei Flaschen Wasser.

Während ich dann meine Getränke in den Alukoffern verstaue, spricht mich auf einmal jemand vorsichtig von hinten auf Deutsch an. Das direkt hinter meiner GS ein Wuppertaler Audi Q5 geparkt war, hatte ich gar nicht bemerkt.

Er erstaunt: „Wo sind die Anderen?“. Ich: „Welche Anderen?“

Wir unterhalten uns dann und er erzählt mir, er sei zwar in Deutschland geboren, fahre aber jeden Sommer zu seinen Grosseltern und seiner Familie in die Berge Marokkos. Heute wollte er sich von seinem Cousin mal neue Ecken zeigen lassen und traf dann zufällig auf mich. Er arbeitet in Deutschland bei der Post und war ziemlich erstaunt, hier oben im Nichts einen Motorradfahrer zu finden, noch dazu mit deutschem Kennzeichen. Und das es Menschen gibt, die sowas auch noch alleine machen, noch dazu im Hochsommer, das hätte er nicht gedacht.

Er fragt mich dann wo ich hin will und ich antworte mit „El Ksiba“, was er mit „Kommst du da denn nicht her?“ quittiert. Ich erwidere, dass ich über Agoudal komme und jetzt ist er völlig fassungslos und sagt nur noch „Da war ich noch nie, wie kommt man da denn überhaupt hin?“ Die Strecke war also doch nicht so ganz ohne, ich gebe mir selbst jetzt mal einen innerlichen Schulterklopfer und fühle mich grossartig.

Wir sprechen dann über das Bild Marokkos bei uns in Deutschland und er selbst würde es ungefähr in eine Reihe mit Albanien und dem Kosovo stellen, was sich die jeweils Immigrierten häufig aber auch hart erarbeitet haben. Einige unserer neuen Mitbürger aus den Mahgreb-Staaten bereichern uns ja mit durchaus kreativen Einkommensmethoden und invasiver Sozialkompetenz.

Er sagt mir dann, er fühle sich in Marokko manchmal sicherer als in Deutschland, wurde aber auf der Hinreise in Valencia an einer Tankstelle beraubt. Ich frage ihn: „Von Spaniern?“, woraufhin er dann wie selbstverständlich antwortet: „Nein, natürlich nicht…“

Wir müssen lachen und quatschen dann bestimmt noch eine Stunde unter Bäumen, während neben uns der Bergfluss plätschert und Grillduft unseren Nasen schmeichelt.

Weiter geht es nach El Ksiba. Ich muss durch den Ort um auf die N8 in Richtung Norden zu kommen, erwische aber bei der Ortseinfahrt die falsche Strasse und fahre direkt auf den riesigen Wochenmarkt. Na toll, tausende von Menschen auf einem Gelände in der Grösse mehrerer Fussballfelder, ein riesen Trubel und Stop-and-Go-Verkehr bei 38 Grad und ich komme kaum vorwärts. Überall sind Menschen, Karren, Ziegen, Esel, Fahrzeuge und alles rauscht quer durcheinander, ohne dass ich eine Logik oder Ordnung darin erkennen kann.

An einer passenden Stelle, halte ich kurz an und befrage Google Maps nach der richtigen Strategie. Natürlich bin ich vollkommen falsch und muss einen Teil wieder zurückfahren. Einerseits würde ich dieses charmante Chaos liebend gerne fotografieren, andererseits traue ich mich nicht. Zu viele Menschen, zu wenig Kontrolle über meine Situation.

Einmal sehe ich einen Ford Pritschenwagen, also so eine Art Pick-Up auf PKW-Basis. Auf der Ladefläche sind in einem Käfig etwa ein Dutzend Ziegen geladen, während eine Etage darüber in einer haarsträubenden Konstruktion nochmal die gleiche Anzahl menschlicher Passagiere befördert wird. Haarsträubend! Das ganze Gefährt sieht aus, als würde es in der nächsten Kurven dem viel zu hohen Schwerpunkt zum Opfer fallen.

Überhaupt sind es immer wieder surreale Fotomotive, die sich mir in Marokko präsentieren.

Häufig habe ich Hemmungen zu fotografieren, manchmal aber passt es einfach. Wie zur Hölle bekommt man zum Beispiel einen Betonmischer zwischen dieses Haus und den Baum???

Ich sehe lieber zu, dass ich auf die Hauptstrasse komme. Insgesamt zweihundert Kilometer Schotter und Schlaglöcher reichen jetzt erstmal.

Natürlich erreiche ich dann die N8 und freue mich, allerdings nur so lange bis ich feststelle, dass die nächsten 70 Kilometern bis Khenifra ebenfalls Baustelle sind: Steine, Schotter, Schlaglöcher! Arme GS, das hat sie nach den letzten Tagen nicht verdient…

Irgendwann muss ich dann aber wieder eine Bleibe suchen und werde mit einem kleinen B&B belohnt. Das Haus ist völlig in Ordnung, aber ich vermisse einen kühlen Weisswein oder ein Bierchen am Abend.

Heute geht es hoch nach Fes. In Azrou kreuze ich meine Strecke vom Hinweg, und die Stadt Ifrane beeindruckt mit viel Wald und sehr seltsamen, europäischen Bauten. Wenn man es nicht besser wüsste, das könnte von der Architektur her auch eine Stadt im Spessart sein.

Alle Häuser sind von der gleichen Bauart mit den uns wohl bekannten Satteldächern und Ziegeln. Hier ist es sehr europäisch und die junge Stadt für die marokkanische Mittelschicht hat als Garnisonsstadt auch noch eine anerkannte Universität. Selbst der König von Marokko besitzt hier einen repräsentativen Wohnsitz. Mir erscheint die Stadt aber etwas sonderlich und ich bevorzuge dann wieder die marokkanische Landschaft.

Irgendwo auf dem Weg nach Fes muss ich mal wieder tanken und während ich den guten Sprit nachfülle, bemerke ich sowohl die kreative Namensgebung der Tankstellenkette, als auch das mir durchaus bekannte TÜV-Rheinland-Logo. Offenbar hat mein Zertifizierer diesen Laden ebenfalls abgeprüft, in was auch immer…

Mein nächstes B&B vor den Toren von Fes ist etwas schwer zu finden, denn irgendwie verirre ich mich erst im Gewirr der Vororte von Fes, danach in den verwinkelten Wegen der hohen Getreidefelder. Blöd, wenn man keine Strassennavigation nutzen kann.

Immer wieder stehe ich heute Abend am Ende eines Feldweges inmitten von Schilf, Büschen oder Ziegen. Normalerweise wäre ich jetzt genervt und gestresst, aber hier muss ich eher schmunzeln über die Verwirrung, die ich mir selbst stifte.

Entschädigend ist das Haus dann später aber mit allem ausgestattet, was einen Motorradfahrer nach einem langen Tag erfreut: Dusche, Terrasse, Schatten, kühle Getränke. Und während ich am Abend das Erlebte in Stichpunkten notiere, bekomme ich von der Dame des Hauses sogar eine leckere Pizza aufgetischt.

Das Orientierungsproblem habe ich dann nochmal am nächsten Morgen, denn ich fahre gefühlt zehn Mal wieder einen Schotterweg zurück, da der jeweils von mir Gewählte im Nichts irgendeiner Plantage oder eines Feldes endet.

Am Stadtrand von Fes erwische ich dann eine recht grosse Tangente und fahre einfach dort entlang. Sie ist weder schön, noch besonders schnell, dafür aber zielführend. Und ich habe auch wieder den Eindruck zu wissen was ich mache.

Am ausgedehnten Stausee „Barrage Sidi Chahed“ in den Hügeln geht es dann vorbei und wieder auf die N13, hoch nach Ouezzane, bis ich bei Derdara dann in Richtung Norden nach Tetouan will. Das ich zwischendurch immer mal wieder anhalte, ist ja nichts Neues.

Aber einmal halte ich dann auch aus purer Neugier an. Es geht diesmal um die, naja wie soll ich es ausdrücken, lokale „Keramik-Distribution“. Im Vorbeifahren sehe ich jedenfalls Unmengen an Kochtöpfen und anderen Schnickschnack aus Ton. Ich will das Zeug bestimmt nicht kaufen, aber die Art der Präsentation ist so schräg, dass ich einfach anhalten und das fotografieren muss.

Nun wäre es allerdings wohl unhöflich, den Plunder einfach nur zu abzulichten. Ich gehe daher zum Haus, auf dessen Holzveranda der Chef des Ganzen sitzt und mich fröhlich anschaut. Er macht ausnahmsweise mal keine Anstalten, mir aufdringlich den Kauf von gebrannten Tontöpfen einzureden und grinst mich einfach nur freundlich an.

Als ich ihn dann höflich frage, ob ich sein Angebot fotografieren dürfe, bedeutet er mit einer Handbewegung, ich könne alles ablichten, kein Problem.

Als ich mich nach getaner Arbeit brav mit zwanzig Dirham bedanke, bemerke ich seine beiden Söhne, die er gerade unterrichtet. Ich habe noch ein paar Lanyards im Tankrucksack und denke mir, vielleicht könnte ich den Beiden damit einen kleine Freude machen?!

Die Idee kommt jedenfalls grossartig an und die Kurzen haben Spass. Wir reden dann noch eine Zeit lang mit einem Kauderwelsch aus Französisch, Englisch, Deutsch und Arabisch und ich zeige ihm auf dem Display meiner Kamera die gemachten Fotos.

Davon ist er so begeistert, dass er mir seine Adresse auf Arabisch aufschreibt und bittet, ihm die Fotos zu schicken. Klar, das mache ich gerne und hoffe, ich bekomme den Brief dann irgendwie aus Deutschland nach Marokko.

Kurz bevor ich gehe sehe ich dann noch seine Tochter im abgedunkelten hinteren Teil des Hauses sitzen. Sie traut sich offenbar nicht nach vorne und wird wohl auch nicht vom Vater unterrichtet. Mensch nochmal, muss sowas denn sein?!

Über El Aaiun, besser bekannt unter dem Namen „Chefchaouan“, geht es dann wieder hoch nach Tetouan.

Die Stadt kannte ich ja bereits vom Hinweg und sie erscheint mir jetzt nochmal grösser und schöner. Tetouans Medina (Altstadt) mit Gerberviertel ist übrigens ein Unesco-Weltkulturerbe und sehenswert.

Die Stadt ist sowieso irgendwie anders. Sie wirkt sehr modern, sehr sauber und alles irgendwie gepflegt und nicht so hektisch. Vor allem wenn man gerade angekommen ist und die Grenze passiert hat, findet man in Tetouan ordentliche Infrastruktur inklusive Geldautomaten und Tankstellen.

Nach meiner schlechten Erfahrung vom Hinweg mache ich diesmal aber einen Plan für den Grenzübertritt. Ich halte daher hinter Tetouan an und sichere zunächst die komplette Ausrüstung, bevor es dann zum Übergang vor Ceuta geht. Meine Papiere werden sortiert und bereitgelegt. Vor allem das so wichtige grüne Formular für das Fahrzeug vom Hinweg.

Die Technik verstaue ich in den Alukoffern und verschliesse diese dann auch. Smartphone und Brieftasche kommen in die Jacke, hinter verschlossene Reisverschlüsse. Dann geht es nach Fnideq, den Ort kurz vor der Grenze zu Ceuta, wo natürlich wieder das gleiche Chaos herrscht, vielleicht sogar noch extremer, denn diese Reiserichtung ist für viele der hier aufgeschlagenen Menschen sicherlich die Begehrtere. Vor allem für diejenigen, die es von südlich der Sahara bis hierher geschafft haben und denen Europa jetzt zum Greifen nah erscheint. Im Moment meiner Ankunft sind es Medienberichten zu Folge um die 50.000!

Na gut, ich bin ja jetzt leidvoll erfahrener Marokko-Ceuta-Passant und alle „Helfer“ werden von mir gekonnt ignoriert. Aus der Ferne habe ich bereits meinen Fahrweg ausgewählt und entscheide mich für die Gasse rechts der ersten Schlange von links. Das mir die wartenden Autofahrer nicht grün sind, mag wohl sein, aber diese Rücksicht leiste ich mir heute nicht und fahre an ihnen vorbei, bewusst möglichst ohne Halt bis nach vorne zu den Marokko-Grenzern.

Diese machen auch gar keine Probleme und winken mich mit dem Motorrad gleich weiter zum ersten Häuschen für den Papierkram, während sie versuchen, die immer wieder ankommenden Fussgänger, Radfahrer und Nervensägen zu vertreiben. Der Übergang für Fussgänger ist eigentlich ein paar Meter weiter an der Meerseite. Am ersten Grenzhäuschen gibt es zunächst das Ausreiseformular und ich stelle das Motorrad an der Seite ab, um das Papier auszufüllen. Das ist überhaupt kein Problem (Weder das Abstellen, noch das Formular).

Auf dem Formular muss man seinen Beruf angeben und ich schreibe: „IT-Consultant“, da mir nichts besseres einfällt. Vielleicht war gerade das aber schon dumm, denn der hier zuständige Grenzer fragt mich dann „What is IT-Consultant?“

Oh Mann, wie soll ich ihm das jetzt erklären? Ich versuche es mit „Computer“ bzw. „Ordinateur“, und das reicht ihm dann auch schon. Später mache ich mir noch Gedanken, was wohl der Zweck der Frage ist? (Vielleicht hätte ich antworten sollen: „Irgendwas mit Medien…“?)

Egal, jetzt kommen die Mopedpapiere mit dem grünen Formular. Im Prinzip ist das einfach, weil dies ja schon bei der Einreise ausgefüllt wurde. Du musst nur höllisch aufpassen, dieses Formular in Marokko nicht zu verlieren, sonst HAST DU EIN PROBLEM! Der nächste Beamte fragt mich dann jedenfalls nur „Where is vehicle?“ und ich zeige stumm hinter mich, wo meine GS in vermeintlicher Sicherheit direkt hinter einem der Postenhäuschen in Fluchtposition wartet.

Dann geht es weiter zur „Endkontrolle“ des Königreichs Marokko, wo alles nochmal geprüft wird. (Bestimmt nehmen Rang und Dienstalter der Grenzer nach hinten zu!)

Dann kommt der schwierigste Teil: Die Einreise in die EU, jedenfalls für die, die keinen EU-Pass besitzen. In solchen Momenten merkt man erst mal, was es für ein Privileg ist, mit deutschem Reisepass und Fahrzeug unterwegs zu sein.

Letztendlich bin ich froh, diesen EU-Aussengrenze überstanden zu haben. Das Gesamtchaos, die vielen Menschen und das nahe Flüchtlingslager beunruhigen mich. Und in der Tat hatte ich Glück, um wenige Stunden früh genug zu sein.

Direkt nach meinem Grenzübertritt stürmen 600 Schwarzafrikaner mit Molotowcocktails die Grenze und überrennen die spanischen Beamten. Es gibt über 100 Verletzte auf beiden Seiten. Europäische Aussengrenzen können in diesen Tagen zur Hölle werden! Ich habe einfach unverschämtes Glück, kurz vorher schadlos rübergekommen zu sein.

Für mich geht es nun schnurstracks zum Hafen von Ceuta. Ich möchte noch heute wieder nach Europa und es ist so nah. Das Ticket erstehe ich wieder direkt an der Hafeneinfahrt am Kassenhäuschen und fahre diesmal mit Balearia.

Als ich gerade anfahren will, steht neben mir eine alte Frau und bietet selbst gemachten Schmuck an. Eigentlich will ich das Zeug nicht, aber erstens habe ich noch etwas marokkanisches Geld übrig und zweitens will sie nur 10 Dirham (etwa 1 Euro) pro Kette. Was solls denke ich, sie braucht mein Restgeld sicherlich dringender und ich will ihr meinen letzten 100-Dirham Schein für zwei einfache Halskettchen geben. Das hat aber ein anderer Kerl mitbekommen, der ihr den Schein aus den Fingern reisst und an sich nimmt. Daraufhin beschimpfen und schlagen sich die Beiden lautstark neben meinem Motorrad, während ich versuche, die Maschine einfach nur in der Senkrechten zu halten und nicht dazwischen zu gelangen. Ich will jetzt nur noch aufs Schiff.

An der Schlange der wartenden Fahrzeuge werde ich dann von der Hafenpolizei vorgewunken. Sie haben Mitleid, angesichts der Hitze und gönnen mir in der Motorradkleidung die vier Meter Schatten unter der Brücke, ganz am Anfang der Schlange. Danke!

So geht es dann auf die Fähre, das Motorrad wird auf dem Fahrzeugdeck verzurrt und ich verlasse den afrikanischen Kontinent wieder in Richtung Europa.

Nach einer guten Stunde Überfahrt fühlt es sich im spanischen Algeciras dann irgendwie auch gut an, den Boden des europäischen Kontinents erreicht zu haben.

Heute bin ich froh, schon in zwei Stunden wieder zu Hause zu sein und Marokko am Horizont aus einer anderen Perspektive, nämlich von unserer Terrasse zu sehen.

 

Fazit:

Marokko hat wirklich fantastische Gegenden und mir hat ganz besonders das Atlasgebirge gefallen. Zudem gibt es sehr nette und zuvorkommende Menschen, vor allem unter Berücksichtigung ihrer Lebensumstände.

Aber ich kann auch die teils bittere Armut nicht ausblenden und habe Dinge gesehen, von denen ich selbst in Nordafrika 2018 nicht erwartet hätte, das es sie noch gibt. Und die Rolle der Frau im Islam zu beschreiben, erübrigt sich an dieser Stelle wohl auch.

Seid mir nicht böse, aber in das so verbreitete, bedingungslose Loblied auf Marokko kann ich nicht kritiklos einstimmen. Für mich ist es nicht gänzlich ehrlich, nicht vollständig. Es gibt zu viele Dinge zu sehen, die nachdenklich stimmen, ohne Zweifel aber auch sehr viele wunderschöne Landschaften!

Die wuseligen Königsstädte habe ich auf dieser ersten Marokkotour vermieden, denn ich wollte zunächst andere Dinge sehen und bin vor allem im mittleren Atlas fündig geworden, der ist ganz unglaublich!

Ich würde jetzt, mit mehr Erfahrung gerne nochmal dorthin und hätte bestimmt noch mehr Ziele und Wünsche als vorher. Beim nächsten mal würde ich aber nicht alleine hinfahren und mir einen passenden Reisepartner suchen.

Es ist mir auch wichtig, meine Eindrücke so wiederzugeben, wie sie waren oder wenigstens wie ich sie gesehen habe. Ja, das mag subjektiv sein und eine (meine) Momentaufnahme, aber auch das gehört irgendwie dazu. Das tausendste Foto der Dadesschlucht-Serpentinen oder aus Marrakech musst du woanders suchen, du wirst es sicherlich finden…

Reise-FAQ

Reisezeit: Juli/August 2018

Gefahrene Strecke in Marokko: 2.105 Kilometer

Tiefste Temperatur: 18 Grad am Morgen auf 2.300 Metern im Atlas

Höchste Temperatur: 39 Grad nördlich von Azrou

Getroffene Motorradreisende: 0 (Null!)

Getroffene Esel auf der Route: 13.445

Schafhirten auf der Route: 14.977

Männer die am Strassenrand Steine beaufsichtigen: 33.913 (oder so…)

Bewaffnete Zivilisten: 1

Spritpreis: 1 Liter Super kostet ca. 1 Euro (In Ceuta übrigens auch…)

Polizeikontrollen: 158 (oder so…) Bin aber nie selbst kontrolliert worden

Polizeikontrollen mit Lasermessung: 29 (oder so…) Ich war aber immer brav!

Schönste Gegend: Mittleres Atlasgebirge

Schlimmste Ecke: Grenzübergang Ceuta

Will ich da nochmal hin?: Kann ich jetzt ehrlich gar nicht beantworten… (Edit – mit ein paar Monaten Abstand: Doch, ja, ich glaub schon!)

Schäden/Verluste: Keine (Und diesmal fällt es mir schwer, das zu schreiben, angesichts der Ereignisse nach meiner Ausreise)

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

5 Kommentare

  1. ebee 21/01/2019 — Autor der Seiten

    Danke sehr. Es geht mir ja auch um realistische Berichte und nicht nur das geschönte heile Bild. Das Positive hat auch überwogen, aber wäre es anders gewesen, hätte ich auch das geschrieben!

  2. Benny 21/01/2019

    Danke für den interessanten und sehr persönlichen Bericht! Mir gefällt es gut, dass Du auch Themen ansprichst, die weniger schön sind, und trotzdem das Positive überwiegen lässt!

  3. ebee 16/01/2019 — Autor der Seiten

    Danke dir. Du hast aber auch schon ein paar feine Touren gemacht! Ich gebe den Link zu deiner Seite deshalb gerne weiter:

    https://dikki1163.jimdo.com/

  4. Dirk 16/01/2019

    Sehr schön geschriebener Bericht!
    Danke für’s Mitnehmen.

  5. Michael Brand 26/12/2018

    Danke für den netten Bericht, erinnert mich an meine Reise vor 3 Jahren, und ich musste doch an manchen Stellen schmunzeln da ich ganz ähnliche Erlebnisse hatte.

    Schöne Feiertage und alles beste im neuen Jahr.
    Micha ,aus der Südpfalz.

Antworten

© 2019 OnTrip Motorrad Reiseblog

Thema von Anders Norén