Wir fahren die Skeleton-Coast hinauf und an diesem Morgen ist es etwas diesig und damit für einen Fahrtag eher besser. Die Skeleton Coast hat ihren Namen von den vielen Schiffswracks, die an diesem Küstenabschnitt gestrandet sind.
Schwierige Bedingungen auf See wie Strömungen und heftige Brandung haben dafür gesorgt, dass immer wieder Schiffe in Seenot geraten sind. Oft hat zudem Nebel dafür gesorgt, dass die Schiffe an Land geworfen wurden.
Vor einhundert Jahren war eine Strandung in Küstennähe keineswegs die Rettung. Man kam – sofern man es denn überhaupt bis an den rettenden Strand schaffte – vom Regen in die Traufe, nämlich in die Wüste. Hier fehlte es über hunderte Kilometer auf, ab und landeinwärts an Frischwasser und Nahrung. Nicht wenige Schiffbrüchige sind dann einfach verdurstet.
Das erste Wrack, das ich bereits von der Küstenstrasse aus sehen kann ist die „Zeila„. Das Schiff ist erst 2008 hier gestrandet und liegt in Strandnähe. Man hat fast den Eindruck, man könne zu Fuss hingehen.
Auf der Zeila haben sich Unmengen an Seevögeln heimisch gemacht. Wir können mit dem Auto direkt bis ans Wasser fahren.
Das macht dann auch eine Gruppe Motorradfahrer nebst Begleitfahrzeug. Bisher sind es vorrangig Leihmaschinen aus Südafrika.
Wie so häufig sitzt auch hier ein einheimisches Paar und versucht „Eintrittsgeld“ zu nehmen für den Besuch der Zeila. Da dies nicht so richtig klappt, bieten die beiden alternativ die üblichen Steine an, was ebenfalls für wenig Kaufimpulse sorgt.
Ich geben ihnen zwei Flaschen Wasser aus unserem Vorrat und etwas zu essen. Weit und breit ist nichts zu sehen, wo sie an Nahrungsmittel kommen könnten. Sie sind über unsere Gabe sichtbar erfreut.
Hinter Henties Bay fahren wir von der Skeleton Coast ab ins Landesinnere in Richtung Uis. Nach einigen Kilometern endet die Asphaltstrasse. Sie sind gerade dabei, den Teil bis Uis zu asphaltieren, aber der Abschnitt ist noch nicht freigegeben. Deshalb fahren wir auf einer Sandpiste neben dem neuen Verlauf entlang.
Irgendwo im Nirgendwo überholt uns ein einheimisches Fahrzeug mit recht hoher Geschwindigkeit. Ich schenke dem zunächst keine Beachtung, bis wir das Auto dann in der Ferne am Strassenrand stehen sehen. Zwei Männer stehen neben dem Fahrzeug und winken.
Ich halte brav an, fahre die Seitenscheibe ein Stück runter und frage nach. Sie sagen mir, ihre Batterie wäre leer und verlangen nach einem Überbrückungskabel zur Starthilfe. Irgendwie machen sie auf mich einen seltsamen Eindruck. Ich brauche 5 Sekunden und eine schnelle Risikoabschätzung für das Ergebnis, dass 99 technische Gründe gegen die absurde Story sprechen.
Ab Uis wird die Piste schlimmer und oben ist wieder heftiges Waschbrett. Ich reduziere den Luftdruck nun auf 1.9 bar vorne und 2.1 bar hinten und das ist schon viel besser.
Bis in die Nähe von Palmwag wollen wir heute fahren, aber ich muss in der nächsten Einöde wieder stoppen. Rechts am Strassenrand steht ein grosser Lastwagen in der Gegenrichtung. Wieder steht jemand neben dem Fahrzeug. Diesmal ist er alleine.
Ich schaue mich zunächst um. Auf meine Frage, ob er Hilfe braucht zeigt er nach hinten. Der Lkw ist ein Schwertransport, der normalerweise Kettenraupen oder anderes grobes Gerät transportiert. Ganz hinten sind zwei grosse Auffahrrampen, die man klappen kann. Eine davon liegt unten. Er hat sie wohl nicht richtig fixiert, sie hat sich während der Fahrt gelöst und ist auf die Piste gefallen. Eine Weiterfahrt ist so unmöglich. Das Teil ist so schwer, dass er sie alleine nicht wieder aufstellen kann, aber gemeinsam schaffen wir die Rampe wieder in die Senkrechte.
Die beiden Situationen mit den Fahrzeugen liegen vielleicht zwei Stunden auseinander, spiegeln aber gut wieder, wie es ist, abseits gewohnter Routen unterwegs zu sein, unabhängig davon ob ich mit dem Motorrad oder Auto unterwegs bin. Ich helfe gerne, aber ich versuche auch, mich von Problemen fernzuhalten. Mag sein, dass ich den beiden mit der leeren Batterie Unrecht getan habe. Mag aber auch sein, dass ich uns vor viel grösseren Schwierigkeiten bewahrt habe.
Situation Nummer zwei erschien mir wesentlich sicherer. Da habe ich gerne geholfen. Jeder mag da eine andere Einschätzung haben.
Am Nachmittag kommen wir Palmwag näher und haben uns kurzerhand für die „Mowani Campsite“ entschieden. Die soll gut sein und neben dem Camp für uns (ca. 45 Euro pro Nacht) auch eine Luxuslodge bereitstellen. Der Preis für die Lodge ist derart obszön, dass wir das Camp ausprobieren.
Die Mowani-Campsite ist ziemlich genau das, was unsere Idealversion eines Namibia-Camps darstellt. Die Menschen sind sehr freundlich, es gibt einen Pool mit einer herausragend ausgestatteten Bar und die Campsites liegen traumhaft am Rande eines felsigen Berges.
Es wird direkt für die zweite Nacht verlängert!
Die Campsites liegen alle eingebettet in riesige Felsbrocken, die am Fusse des Berges rumliegen.
Zwischen die Felsen haben die Betreiber Küche, Bad und WC gebaut. Alles ist unter freiem Himmel, aber so versteckt, dass die Privatspähre immer gewährleistet ist. Ich finde die Idee sehr kreativ und muss sogar unser WC fotografieren.
Der Abend beschert uns einen wundervollen Sonnenuntergang mit tollen Farben und einem traumhaften Blick in die Weite Namibias.
Heute ist Chillout-Tag und es wird nicht gefahren, weil der Pool ruft und die Bar bereits am Morgen öffnet. Am Pool treffen wir einen Deutschen, der einen Toyota Landcruiser mit Aufbau dabei hat. Den hat er in Südafrika von einem US-Amerikaner gekauft und tourt damit durch den Süden des Kontinents.
Wir unterhalten uns über die Reisemöglichkeiten und er hat aufgrund seiner Erfahrung recht viele Tipps.
Kurz später kommt ein weiteres deutsches Paar hinzu. Er ist Arzt und sie sind mit einem Hilux mit Dachzelt unterwegs. Sie wollen in Richtung Osten, zum Etosha-Nationalpark. Den haben wir auch auf unserer Route, aber erst später. Vorher wollen wir in den Norden zur angolanischen Grenze.
Die Stimmung ist so toll, dass ich mir gut vorstellen könnte, mit drei Fahrzeugen weiterzufahren. Leider sind alle unsere Planungen anders.
Was heute bleibt, ist ein wundervoller Tag unter dem Himmel Namibias. Das beginnt mit einem Gecko am Morgen…
… und endet am Abend mit der Herausforderung, irgendetwas aus den Kisten zu kramen, um es auf dem Gaskocher in ein Menü zu verwandeln.
Womit wir beim Aufbau unseren Landcruisers sind. Ich mache es kurz…
Linke Seite vorne: Küchenzeugs mit Bechern, Tassen, Tellern, Kaffeekocher und ein paar Teilen, deren Zweck ich nicht kenne.
Rechte Seite hinten: Kühlschrank Nummer 1, Campingstühle und Jerrycans (wichtig!)
Rechte Seite: Kühlschrank Nummer 2 (der bei uns Nummer 1 ist…) mit Road-Shower, also Dusche.
Innen. Jede Menge weiterer Stauraum. Links ein Powercube, der vom Solarpanel geladen wird. Darunter eine grosse Box, welche die Küche enthält (kommt gleich…). Hinten an der Stirnwand viele Fächer um Sachen zu verstauen, die man erst beim Ausräumen bei der Abgabe wiederfindet.
Rechts unter der Bank eine riesige Kiste mit einer komplett ausgestatteten Werkstatt. Ich vermute, irgendwo unten war noch eine mobile Hebebühne versteckt…
An den Seiten gibts dann noch viele Taschen um Kleinteile verschwinden zu lassen, die man später stundenlang sucht. Es ergibt Sinn, sich schon zu Beginn der Reise eine gewisse Ordnung zu überlegen.
Hinten, am Auszug dann der erwähnte Küchenauszug mit zweiflammigem Kocher.
Da unsere Kochkünste überschaubar sind (Ich darf das eigentlich nicht sagen!), nehme ich den Weg des geringsten Widerstands und öffne eine Dose Chili. Dazu gibt es Reis, weil es schwierig ist, den falsch zu kochen.
Man beachte das Etikett und den Hersteller! Und nein, ich habe die Dose nicht aus Deutschland mitgebracht.
Für uns sind die beiden Tage im Mowani-Camp traumhaft. Es ist anders als sonst. Ich habe den Eindruck, hier spielt sich das Leben ab. Also das wirkliche Leben, nicht ein jahrzehntelanger Trott in einem bescheuerten 9to5-Job in irgendeinem namenlosen Bürobunker in irgendeiner hektischen Stadt.
Gut, ich bin da schon länger raus und konnte mein Leben glücklicherweise sinnvoller gestalten. Ich hatte auch eine Menge Glück. Was ich aber meine ist das echte Leben, das einem hier, an diesem Ort, plötzlich bewusst wird. Ähnlich ergeht es mir sonst nur, wenn ich alleine auf dem Motorrad unterwegs bin.
Irgendwas läuft in unserem modernen Leben gehörig schief. Du arbeitest hart, wirst steuerlich bis auf die Knochen ausgepresst und kommst eigentlich nie zur Ruhe. Und immer dieselbe Art „Mensch“ will dir erklären, dass das völlig normal ist? Ist es nicht!
Sorry. Ich schaue gerade in den Sonnenuntergang und bin im Jetzt. Ich schweife ab.
Zurück zur Lage:
Am nächsten Morgen geht es weiter in Richtung Norden via Palmwag. Unser Tagesziel ist Epupa mit den gleichnamigen Wasserfällen. Mir wurde vorher gesagt, die Fälle wären zu dieser Jahreszeit wahrscheinlich nur ein dünner Rinnsal, aber ich will da trotzdem hin.
Irgendwo auf dem Weg nach Opuwo befindet sich die Grenze des Nationalparks. Wir werden von einem Mann im militärischen Tarnanzug kontrolliert. Er notiert unsere Personendaten und die Daten des Toyotas in seinem Buch. Ich frage nach einer Tankstelle, weil der Haupttank langsam zur Neige geht. Die „Tankstelle“ befindet sich ein paar Meter hinter dem Gate und ich hätte sie nicht als eine solche erkannt. In der wackeligen Holzhütte haben sie sogar ein Kreditkartenterminal.
Ein Stück weiter bekommt der Toyota an einer langen Steigung wieder das Hitzeproblem. Ich kann daran nichts ändern. Diesmal sind alle Sicherung in Ordnung und auch der Frontlüfter funktioniert. Wir stellen den Motor ab und warten, bis sich die Kühlmitteltemperatur wieder beruhigt hat.
Der nächste Punkt auf meiner Liste heisst „Ongongo Falls“. Das sollen schöne Wasserfälle sein. Zunächst ist es aber schwierig, die Fälle überhaupt zu finden.
Es geht auf zwei rudimentären Spuren durch eine Ebene, immerhin ohne Steigung… Dann, nach ein paar Kilometern auf einem Track, bei dem ich fast schon sicher war, die Orientierung völlig verloren zu haben, kommen wir an eine Senke. Hier müssen irgendwo die Ongogo Falls sein. Einen Campingplatz soll es auch geben, wobei dieser nicht die besten Referenzen hat.
Wir fahren einen halsbrecherischen Abhang hinunter und sehen dann auch den Platz und den Fluss. Die Stellplätze können wir erkennen und es gibt einige Holzhütten. Ich stelle das Auto ab und schaue mir die Gegend an. Es sieht etwas einsam und verlassen aus.
Ein Einheimischer kommt nach einer gefühlten Ewigkeit zu uns. Er ist völlig teilnahmslos und gelangweilt. Den Mund macht er nur auf, wenn er gefragt wird und seine Antworten sind so knapp, dass sie eine Frage gerade eben beantworten. Motivation sieht bei mir anders aus.
Da die „Wasserfälle“ eher ein müdes Rinnsal sind und die Gegend auch nicht wirklich einladend ist, entscheiden wir uns für die Weiterfahrt.
Es geht weiter in Richtung Norden. Auf dem Weg liegt das recht bekannte „Camp Aussicht“. Das sind etwa eineinhalb Stunden und ist heute noch zu schaffen. Die Beschreibung sagt, dass die Anfahrt zum Camp „abenteuerlich“ ist. Das ist untertrieben. Die etwa sechs Kilometer, die man fahren muss, um von der C43 zum Camp zu kommen, erfordern gescheites Material und solide Bandscheiben.
Wir erreichen das Camp und sind gespannt, ob sich die vielen Geschichten bewahrheiten.
Leider erfahren wir, dass der Errichter des Camps Aussicht „Marius“ im August verstorben ist. Marius war hier eine Legende. Er hat das Camp aus dem Nichts erschaffen und das Haupthaus komplett selbst gebaut. Marius war bei den Einheimischen hoch geschätzt und hat sich um viele Projekte in der Gegend gekümmert.
Wir treffen auf Jochen und Andrea, die hier immer wieder Urlaub gemacht haben, Marius sehr gut kannten und uns viel vom Camp und seiner Geschichte erzählen können. Zunächst erscheint es so, als ob sie nun das Camp führen, aber sie sind wieder als Gäste hier.
Dann kommt Svenja, ein recht junges Mädchen. Sie soll nun das Camp zusammen mit ihrem Freund führen. Sie ist ganz nett und gibt ihr Bestes, um den Empfang von Gästen zu managen. Das müsste gerade einfach sein, denn ausser Jochen, Andrea und uns ist im Umkreis von 20 Kilometern niemand zu sehen. Ich kann das recht sicher sagen, denn von der Anhöhe hier würde man andere Menschen frühzeitig erkennen.
Die Stellplätze befinden sich etwa 200 Meter weiter oben auf dem Hügel und sind – wie soll ich es ausdrücken – pragmatisch hergerichtet. Ich habe kein Problem mit einer einfachen Ausstattung, aber das hier ist eine neue Erfahrung.
Man kann nicht sagen, Marius hätte fehlendes Improvisationstalent gehabt. Mir erscheint es so, als wäre das Camp mit den Dingen gebaut, die sich in der Umgebung fanden. Was er nicht gefunden hat, wurde zurechtgedengelt. Aber ok.
Ich stelle den Toyota so gerade wie möglich um eine angenehme Schlafposition zu erhalten. Dann stapfen wir durchs Geröll um die Gegend zu erkunden.
„Camp Aussicht“ ist eine gute Namenswahl. Alle anderen Begriffe wie Camp Wasser, Camp Schatten, Camp Mobilfunk oder Camp Infrastruktur hätten nicht so gut gepasst. Im Marketing wäre die SWOT-Analyse knapp ausgefallen. Jeder der Ruhe mag, ist hier aber richtig.
Auf dem kurzen Weg zum Haupthaus gibt es eine Art Schrein mit einem Foto von Marius und einigen Erinnerungsstücken. Es ist sehr schade, dass wir ihn nicht persönlich kennenlernen konnten.
Später sitzen wir noch eine Zeit mit Jochen und Andrea am Haus und dürfen die Attraktion von Camp Aussicht erleben: Die Fütterung der Stachelschweine. Jeden Abend kommen die Tiere zum Sonnenuntergang aus ihren Verstecken gekrabbelt und erhalten eine Mahlzeit aus Brei. Darauf stehen die stacheligen Kerle total und lassen sich durch unsere Anwesenheit auch nicht stören. Es ist ein beeindruckendes und kurzweiliges Schauspiel.
Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns wieder auf den Weg. Eine weitere Nacht hier schliesse ich aus. Dafür ist es dann doch zu einsam. Ob Svenja und ihr Freund das Camp so weiterführen werden wie zuvor, möchte ich vorsichtig bezweifeln.
Wir rumpeln die 5,4 Kilometer offroad zurück zur C43 und sind dann froh über die Wellblechpiste. Es ist alles immer eine Frage der Perspektive. Und manchmal ist Wellblech immerhin besser als Hardcore-Offroad.
Die nächste grössere Stadt ist Opuwo, dort müssen wir tanken und einkaufen. Opuwo und Umgebung sind ziemlich arm. Es gibt sehr viele Bettler. Sobald man irgendwo steht, und sei es nur zum tanken, kommen sie von allen Seiten.
Während ich tanke, läuft eine Einheimische zur Beifahrerseite und verlangt „Milipap“. Das ist ein traditioneller Maisbrei, der in Namibia von den Einheimischen praktisch permanent gegessen wird. Milipap ist in Namibia das A und O. Da wir keine Fans dieses Grundnahrungsmittels sind, haben wir natürlich keinen Milipap dabei. Das ist aber unerheblich, denn dann sollen wir es eben kaufen, sagt sie. Die Aufforderung ist schon dreist.
Nachdem beide Tanks wieder voll sind, frage ich nach einem Supermarkt. Normalerweise haben wir Arbeitsteilung: Carola geht einkaufen, ich fahre tanken. Der Markt ist nur ein paar Meter weiter, neben der Shell-Tankstelle und ich fahre das Auto dorthin und parke vor dem Gebäude, was ein Fehler ist.
Selbstverständlich wird unser Toyota als Touristenfahrzeug identifiziert und ein Drittel der Ortsbewohner ist der Meinung, wir haben keine andere Existenzberechtigung als Einkaufswünsche anzunehmen. Das läuft wie folgt ab:
Die Kinder gehen mit Supermarktprospekten zu Carola und zeigen mit dem Finger auf die Dinge, die sie beim Einkauf mitzubringen hat. Sie haben alle ganz konkrete Wünsche und meinen wie selbstverständlich, dass diese Wünsche erfüllt werden. Die Aufforderung zum Einkauf erfolgt auch recht forsch.
Ich mache es kurz: Einkaufen in Opuwo macht nicht so viel Spass und wir sind heilfroh, als wir wieder raus sind aus dem Ort.
Über die bekannte Schotterpiste fahren wir ab Opuwo weiter nach Epupa, unserem heutigen Tagesziel und den nördlichsten Punkt unserer Namibia-Reise. Nur die letzten 30-40 Kilometer der Strecke sind einigermassen in Ordnung.
Die Epupa-Falls liegen direkt an der Grenze nach Angola und sind hoffentlich etwas schöner als die Ongongo-Fälle gestern. Wenn es gut läuft, gibt es auch einen gescheiten Campingplatz.
Vorab: Es läuft sehr gut!
Wir entscheiden uns für das „Omarongo Gondwana Camp Epupa„. Ich taxiere die Umgebung, das Camp, die Plätze und den Pool bereits bei der Fahrt auf das Gelände. Das Camp liegt direkt am Kunene-Fluss und macht einen hervorragenden Eindruck.
Der Checkin verläuft absolut freundlich und ich buche uns direkt für zwei Nächte ein, denn man fühlt sich hier wohl und es gibt sicherlich viel zu sehen.
Nachdem unser Camp aufgebaut ist, verbringen wir den restlichen Nachmittag am Pool. Vorher habe ich den Landcruiser direkt an den Fluss gestellt.
Der Platz ist super, weil es viel näher an die tosenden Wasserfälle eigentlich nicht geht.
Ich hoffe zunächst, es kommt kein Unwetter, denn wenn der Fluss einen halben Meter steigt, sind wir weg. Dabei gibt es noch ganz andere Risiken, die auf uns lauern.
Nach und nach trudeln weitere Overlander ein. Ein Spanier ist mit seinem Nissan auf eigener Achse über die Westafrika-Route hierher gefahren und steht ein paar Meter weiter. Ich habe erheblichen Respekt vor seiner Tour!
Dann kommt ein niederländisches Paar und später noch eines mit dem eigenen Land Rover Defender aus Südafrika. Die Niederländer stehen direkt neben uns wir sind sofort auf einer Wellenlänge. Sie sind gerade auf ihrer fünften Reise im Süden Afrikas. In Europa, Asien und Nordafrika habe ich in den letzten zehn Jahren 200.000 Kilometer auf dem Motorrad geschafft, aber im Süden Afrikas haben sie mir deutlich etwas voraus!
Es fällt mir schwer, die Stimmung zu beschreiben. Sie fühlt sich leicht an, ehrlich und unbeschwert. Trotzdem ist jeder voll bei der Sache und geniesst die Umgebung und die Freiheit. Ich schliesse jedenfalls aus, dass hier jemand an das nächste Meeting denkt… Ich dachte, dieses Gefühl stellt sich bei mir nur auf dem Motorrad ein.
Am Abend sparen wir uns das Kochen am eigenen Auto und essen ein tolles Menu in der Lodge. Währenddessen zieht ein Unwetter auf. Es weht ein heftiger Wind, der in den hohen Palmen wütet. Grosse Palmblätter fallen herab und dicke Nüsse. Alles flüchtet in das schützende Hauptgebäude. Würde man getroffen, wäre das lebensgefährlich. Das ganze Theater ist aber nach einer Stunde wieder vorbei.
Die Nacht verbringen wir danach direkt an den Wasserfällen. Es ist ein Traum.
Am Morgen wollen wir zeitig zu den Epupa Falls. Unsere direkten Nachbarn haben die gleiche Idee. Da es keinen Fussweg am Ufer gibt, müssen wir kurz raus und ein paar Meter um das Camp herum laufen.
Die paar Meter sind aber schnell erledigt und wir kraxeln zu viert bis direkt an die Fälle.
Im Vorfeld wurde mir gesagt, zu dieser Jahreszeit wären die Epupa-Falls wohl nur ein Rinnsal. Das kann ich nun wirklich nicht bestätigen.
Ich mache jede Menge Fotos und bin beeindruckt. Dieser Ort ist viel spektakulärer als ich erwartet hatte und ich bin froh, dass wir bis hier hoch gefahren sind. Die Epupa-Falls lohnen sich wirklich.
Während die einheimischen Frauen am Ufer ihre Wäsche waschen, diskutiere ich mit Jeroen die Pläne für den nächsten Tag. Angeblich gibt es eine Strecke entlang des Kunene-River und der angolanischen Grenze in Richtung Osten. Laut meiner Karte (Reise-Know-How Namibia) ist der Weg nur ausserhalb der Regenzeit – von November bis März – befahrbar. Wir sind aber gerade in der Regenzeit. Wir wollen uns nachher im Camp erkundigen. Das Blöde ist, dass wir alternativ etwa 200 Kilometer zurück fahren müssten, also die gleiche Strecke wie hinauf.
Der restliche Tag wird ein Pausentag. Ich beschäftige mich mit der Bewachung des Pools und unseres Stellplatzes am Kunene-River.
Ausserdem bewundere ich die zum Camp gehörige Honda und beobachte diverse Echsen bei der Jagd.
Heute Abend will ich mich nochmal an der Küche im Auto versuchen, weil um uns herum ebenfalls am Auto gekocht wird. Mir scheint, die gesamte Overlander Community ist gemeinsam am kochen. Vorteil: Wir können nochmal den Plan für den nächsten Morgen besprechen, da wir uns zwischenzeitlich für die Flussvariante entschieden haben.
Es ist ein extrem cooles Feeling, so mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Alle haben sich gedanklich von zuhause verabschiedet, egal mit wem man spricht.
Am späten Abend kommt noch Carsten mit seiner namibianischen Freundin hinzu. Er ist Zimmermann und die beiden wollen nach Sansibar ziehen. Carsten hat von Deutschland gehörig die Nase voll.
Wir diskutieren eine interessante Theorie. Es gibt die „Somewheres“ und die „Anywheres“. Die Kurzversion: Somewheres leben irgendwo und sind da „festgetackert“. Sie können nicht aus ihrer Haut (schauen ARD und ZDF) und ergeben sich ihrem Schicksal. Die Anywheres sind flexibel und bilden sich ihre eigene Meinung. Sie sind in der Lage, überall klarzukommen und verschwinden, wenn es ihnen irgendwo nicht mehr gefällt. Ich lasse das jetzt mal so stehen…
Uns gefällt es hier an den Wasserfällen. Trotzdem ist die Neugier auf die Strecke gross. Die Niederländer aus Südafrika wollen im Morgengrauen schon aufbrechen. Jeroen und Mireille wollen es gemeinsam mit uns versuchen. Wir starten früh, aber nicht vor dem Aufstehen.
Die Strecke von den Epupa-Falls über Swartbooisdrift bis nach Ruacana ist auf meiner Karte mit 90 plus 40 Kilometern angegeben. Das klingt nicht viel, bedeutet aber auf normalen Routen in Namibia bereits drei Stunden Fahrtzeit. Wenn es heute wirklich so schwierig wird wie angekündigt, bin ich schon froh, wenn wir am Abend in Ruacana ankommen.
Die Piste entlang des Kunene ist holperig, aber zum grossen Teil fahrbar. Es geht über Hügel und durch Senken. In Letzteren steht nach Regenfällen sichtbar das Wasser, heute aber nicht. Diese Senken dürften hier wohl die grösste Herausforderung darstellen.
Manchmal fahren wir direkt am Flussufer entlang, dann windet sich die Piste wieder durch Palmenwälder. Der Kunene ist aber immer in Sichtweite und mit ihm die andere Seite des Flusses, die schon in Angola liegt.
Ab und zu sehen wir abgeschnittene Palmen. Die Einheimischen haben irgendwann herausgefunden, dass sich der oberste Teil der Palmen gut zur Herstellung von Alkohol eignet, wenn man ihn einfach absägt. Die Angewohnheit hat zwei Folgen: Kaputte Bäume und betrunkene Menschen. Beides ist nicht so gut.
Die Herausforderung des Tages ist eine weite Senke mit Tiefsand. Hier fliesst manchmal ein breiter Fluss, heute aber nicht. Mit vermindertem Luftdruck und gesperrtem Mittendifferenzial kommen unsere beiden Fahrzeuge beim ersten Versuch durch.
Später testen wir nochmal die Verschränkung der beiden Achsen an einem sehr felsigen Stück, aber auch das stoppt keinen der beiden Landcruiser.
Ruacana erreichen wir am Nachmittag. Die Strecke entlang des Kunene war problemlos, kann unter anderen Umständen – insbesondere nach Regenfällen – jedoch eine Herausforderung werden. Wir sind trotzdem froh, dass es so gut geklappt hat. Auch landschaftlich lohnt sich der Versuch.
In Ruacana können wir Sprit nachfassen und uns langsam um einen Platz für die Nacht kümmern.
Der erste Campingplatz ist ausnahmsweise mal voll belegt, aber die „Okapika Tented Lodge“ unweit der C46 hat genug Kapazitäten für uns. Das Camp wird von einem Franzosen betrieben, der vor 20 Jahren hier hängengeblieben ist. Ich würde ihn als „Anywhere“ einordnen.
Wir verbringen den Abend wieder mit Mireille und Jeroen in der Mitte des Camps, während eine Gruppe einheimischer Jugendlicher fröhlich im Sand tanzt.
Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege, weil Mireille und Jeroen die Nordroute über Oshakati und Ondangwa fahren wollen. Wir haben zwar alle den Etosha Nationalpark als Ziel, aber sie wollen über das Namutoni Gate im Osten einfahren, wir über das Anderson Gate im Süden.
Der Etosha Nationalpark ist riesig und umfasst mehr als 20.000 Quadratkilomter Fläche. Berühmt ist der Park wegen seines Reichtums an Tieren. Selbstverständlich würden wir uns freuen, wenn wir einige davon in freier Wildbahn zu sehen bekommen. Bei mir stehen Elefanten und Nashörner weit oben auf der Liste und wenn es gut läuft vielleicht Löwen.
Zunächst einmal müssen wir aber dorthin. Aus dem Norden Namibias sind es 400 Kilometer Teerstrasse auf der C35, C40 und C38. Vorteil: Wir kommen trotz der langen Strecke gut voran. Nachteil: Die Route ist strunzlangweilig.
Am Abend erreichen wir die „Etosha Trading Post Campsite“. Die liegt nur etwa sechs Kilometer vor dem Anderson Gate und hat eine Tankstelle, einen Supermarkt und einen Pool. Ausserdem sind die Anlagen recht gut gepflegt, fast schon gartenartig und schön grün.
Für den Morgen planen wir die Einfahrt in den Etosha-Nationalpark am Anderson-Gate. Das klappt auch völlig problemlos. Ich besorge am Gate noch eine Karte vom Park, damit wir wissen, wo es langgeht. Es gab auch mal Tankstellen im Park, die mittlerweile aber alle geschlossen sind, was diverse Gründe hat.
Ich versuche die Emotionen wegzulassen und bringe die Fakten: Namibia orientierte sich traditionell immer nah an Südafrika und dessen Regierung. Von 1884 bis zum Ende des ersten Weltkriegs war Namibia eine deutsche Kolonie. 1990 wurde Namibia unabhängig. Seitdem regiert die SWAPO, eine ursprünglich marxistische Partei. Heute wird sie als „sozialdemokratisch“ und „nationalistisch“ bezeichnet. Ich nenne sowas „sozialistisch“. Mehr will ich dazu nicht sagen.
Die reale Lage vor Ort stellt sich etwas anders dar, als in den Tagträumen einiger Weltverbesserer. Die Nationalparks stehen nachvollziehbar unter staatlicher Regie, weil sie hohe Einnahmen generieren. Das Geld könnte man in deren Erhalt und Infrastruktur investieren. „Könnte“…
Am Gate endet die Asphaltstrasse und es geht bestenfalls auf Schotterpisten weiter. Die Piste in Richtung Osten ist eine reine Katastrophe und spiegelt 35 Jahre puren Sozialismus wieder. Es gibt im gesamten Park keinen Sprit mehr. Geld für die Instandhaltung fehlt, weil es in diversen privaten „Investitionen“ von Regierungsmitgliedern versickert. Währenddessen finanziert die deutsche KfW fleissig weiter, wegen Verantwortung uns so… (Weltweit Geld verteilen können wir prima!).
Zu Beginn fahren wir über viele Kilometer durch eine abgebrannte Steppe, weil hier kürzlich erst ein grosses Buschfeuer gewütet hat. Zum Löschen fehlte es an Menschen und Gerät.
Den Etosha Nationalpark gibt es seit 1907. Eingezäunt wurde er 1973, also deutlich vor der Unabhängigkeit. Die Regierung erwägt derweil, die Jagd im Park zuzulassen, um neue Einnahmen zu generieren. Da fällt einem nichts mehr ein. Kein weiterer Kommentar…
Du kannst dir jetzt eigene Gedanken dazu machen oder weiter träumen.
Lass uns zurückkommen zu den schönen Dingen. Wir sehen Zebras und Giraffen, Springböcke und Wildschweine.
In der Steppe stehen Wasserbüffel und kleine Erdhörnchen spielen am Rand der Piste.
Dort stehen auch immer wieder Steine mit Wegweisern, die schon seit einer gewissen Zeit den Weg nicht mehr weisen. Farbe für Beschriftung fehlt auch.
Immerhin plant die Regierung seit ein paar Jahren die Strasse in Ordnung zu bringen. Und ein Plan ist ja auch schon mal besser als gar nichts. Das passende Schild haben sie schon aufgestellt.
Für die 150 Kilometer bis zum Fort Namutoni brauchen wir bis zum Nachmittag und haben die ganz spektakulären Tierbegegnungen noch nicht erleben dürfen. Am Fort biege ich deshalb nochmal in Richtung Norden ab, weil es dort ein paar Wasserlöcher geben soll. Und wie alle Lebewesen brauchen auch die Tiere Wasser.
Auf dem Weg dorthin kommt uns ein wohlbekanntes Fahrzeug entgegen. Es sind Mireille und Jeroen mit ihrem 4×4. Wir stoppen und fahren gemeinsam nochmal hoch. Und als ob es eine Fügung des Schicksals gibt, läuft uns wenige Minuten später eine ganze Herde Elefanten direkt vor dem Auto über den Weg.
Ich bekomme die Tiere derart dicht vor die Linse der Kamera, dass der Respekt beim Anblick von Elefantenmutter und Kind deutlich steigt.
Wir sind begeistert und machen dann kehrt, um in Richtung Namutoni Gate zu fahren. Die Tiere sind aber noch nicht fertig mit uns. Es scheint als wollen sie uns heute einmal so richtig zeigen, was die Tierwelt Namibias zu bieten hat.
Wenig später kreuzt ein Nashorn unseren Weg. Es läuft direkt vor dem Auto und scheint sich auch nicht wirklich an uns zu stören.
Das Nächste steht etwas abseits und hat sich frisch mit Dreck eingesaut.
Ein Weiteres steht wiederum nur wenige Meter weiter im Busch und geniesst die Abendsonne.
Elefanten: Check. Nashorn: Check.
Da wir noch keinen Platz für die Nacht haben, geht es jetzt aber zum Gate. Dort soll es mehrere Camps geben und bestimmt hat irgendeines ein Plätzchen für uns frei.
Nach einer eingehenden Kontrolle unserer beiden Fahrzeuge verlassen wir den Park und sehen kurz später ein Schild zum „Onguma Tamboti Camp„. Das klingt schon mal gut.
Wir erhalten die letzten beiden Plätze im Busch. Die Plätze sind allerdings so gross, dass selbst drei oder auch vier Fahrzeuge auf einem Stellplatz unterkommen würden.
Das Onguma Tamboti Camp hat ein tolles Restaurant. Man sitzt auf einer Terrasse direkt vor einem Wasserloch. Das bedeutet, du kannst während des herausragenden Abendessens die Tiere am Wasser beobachten.
Das Onguma Tamboti Camp ist übrigend privat geführt und nicht staatlich. Nur mal so am Rande…
Es gefällt uns hier so gut, dass wir uns den Platz schnell für eine zweite Übernachtung sichern. Auch der Pool lockt für ein paar Stunden und für den Nachmittag buchen wir uns einen Guide, der uns mit seinem Jeep durch das riesige Camp fährt. Das Camp hat gefühlt die Grösse des Münsterlands. Deshalb ist es gut, wenn uns jemand die besten Stellen zeigt, zumal die Wege kreuz und quer durch den Busch führen.
Mireille und Jeroen wollen selber fahren und nochmal in den Nationalpark. Wir vertrauen der Empfehlung der Campbetreiber und sind gespannt, wer dann später etwas zu berichten hat.
Bevor es am Abend mit dem Jeep losgeht, bewundere ich die Zebramangusten, die direkt unter der Liege spielen und sich von unserer Anwesenheit nicht wirklich gestört fühlen.
Später treffen wir dann Derek, der uns jetzt für ein paar Stunden durch den Park fahren wird. Die Safari im Onguma Park wäre auch ohne Tiere toll, aber ich hoffe, es klappt heute noch mit weiteren Sichtungen…
Der Onguma Park ist wirklich gigantisch gross. Dass die Farmen in Namibia unglaubliche Ausmasse besitzen, habe ich mittlerweile verstanden. Diese hier sprengt aber ein weiteres Mal den Rahmen.
Einmal fahren wir über eine bemerkenswert ebene, breite und gerade Piste und in mir kommt eine gewisse Ahnung auf.
Beim Anblick des Hangars mit Windsack fühle ich mich dann bestätigt. Ich hätte gute Lust, den Flieger selbst mal über den Park zu fliegen, aber im Moment ist die Maschine unterwegs und holt Gäste vom internationalen Flughafen ab.
Dann geht es weiter durch die Büsche und vorbei an den vielen Termitenhügeln.
Als die Sonne langsam in Richtung Horizont sinkt, wechselt Derek die Richtung. Es geht zu einem Wasserloch, welches dafür bekannt ist, dass mit etwas Glück ein Löwenrudel vorbeischaut.
Wir haben heute offenbar „etwas“ von dem Glück.
Es ist unglaublich. Wir sitzen im offenen Jeep und können in weniger als fünfzehn Meter Entfernung eine Löwenfamilie beobachten, während am Horizont die Sonne untergeht. Dabei ist alles unfassbar ruhig und friedlich. Das sind Momente im Leben, die sind unbezahlbar.
Dabei spielt sich das alles auf dem privaten Gelände des Onguma Camps ab. Man könnte den Vergleich zum Etosha ziehen, aber das lasse ich jetzt…
Dann geht es zurück zum Camp, wo Mireille und Jeroen schon das Lagerfeuer gestartet haben. Wir sitzen im Schein der Flammen, reden über die Eindrücke, trinken Wein und haben einen unvergesslichen Abend.
Nun trennen sich unsere Wege zum zweiten und zum letzten Mal. Wir planen die Weiterfahrt nach Süden zum Waterberg-Plateau. Ich will dazu über Grootfontein fahren, weil es dort ein altes Deutsches Fort nebst Museum gibt. Das möchte ich mir gerne anschauen, weil man dort die Geschichte der Kolonialzeit erleben kann.
Das alte Gebäude erreichen wir nach einem kleinen Schlenker durch den Ort, weil man dort nur von Süden hinkommt.
Wir stellen den Toyota neben einer uralten Walze ab und sind die einzigen Besucher. Das Museum wird von einer Hand voll privater Enthusiasten am Leben erhalten. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Zeit als deutsche Kolonie in Namibia nicht weiter thematisiert werden soll. Später stelle ich fest, dass es dafür Gründe gibt, aber dazu später mehr…
Das Museum ist gut ausgestattet und hält viele Stücke aus der damaligen Jahrhundertwende bereit. Wie so häufig gibt es die Beschriftungen auf Deutsch und Englisch, manchmal sogar auf Afrikaans.
Für das Museum kannst du dir gerne eine Stunde Zeit nehmen, weil es recht viel zu sehen gibt. Wir verabschieden uns bei dem sehr freundlichen Herrn am Empfang und machen uns auf den Weg zum Waterberg.
Unterwegs begegnen uns diverse Tafeln. Diese weisen immer wieder auf zwei typische Probleme in Namibia hin. Zum Ersten das illegale Anzapfen der Stromversorgung, was eine nicht ganz ungefährliche Aktion darstellt.
Das zweite Problem ist der Diebstahl von Kupferleitungen. Wie überall auf der Welt ist Kupfer begehrt und wertvoll. Wenn irgendwo neue Leitungen gezogen werden, stellen die Kabeltrommeln eine begehrte Beute dar. Ich frage mich, wie man es schafft, eine Trommel Kupferkabel zu Geld zu machen. Irgendwer wird wohl ein paar Dollar dafür rausrücken…
Am Ortsrand von Grootfontein passieren wir eine Rinderauktion. Das muss ich mir anschauen und halte nochmal auf einem mit vielen Pickups belegten Parkplatz.
Die Rinderauktion ist ein grosses Spektakel und offenbar auch bei der örtlichen Bevölkerung eine Attraktion.
Alleine den Sprechern der Auktion zuzuhören, ist es den Stopp wert. Da wir gerade keinen Platz für einen potenten Stier haben, ziehen wir aber ohne ein Gebot weiter.
Das Waterberg-Plateau kann man schon aus der Ferne erkennen. Es zieht sich über 50 Kilometer durch die Ebene Zentral-Namibias und beherbergt eine Vielzahl an Tierarten.
Au der Südseite des Plateaus gibt es die „Waterberg NWR Campsite“. NWR steht für „Namibia Wildlife Resort“ und diese Camps sind immer staatlich geführt, was in mir eine gewisse Vorahnung aufkommen lässt.
Wir werden an der Rezeption recht freundlich empfangen, aber das Verhältnis von Preis und Leistung stimmt gar nicht. Für eine Nacht zahlen wir 1.210 Namibische Dollar, was etwa 60 Euro entspricht. Mangels Alternativen direkt am Rand des Plateaus beziehen wir auf einer grossen Fläche neben dem Bungalow einer Sanitäranlage unseren Platz für die Nacht.
Das NWR Camp ist sozialistisch abgewirtschaftet. Neben der Campsite gibt es noch 80 Häuser, von denen nur eines belegt ist. Die Häuser sind noch teurer. Das Gebäude mit den Sanitäranlagen ist in einem erbärmlichen Zustand. Von den acht Duschen ist die Hälfte verdreckt und/oder defekt.
Ich laufe am Nachmittag noch alleine durch den Busch am Rand der Klippen und versuche, irgendwo den positiven Aspekt des NWR Camps zu finden. Es gelingt mir nicht.
Etwas oberhalb der Rezeption gibt es ein Schwimmbad, wo sogar ein paar Menschen auftauchen. Beim Anblick des Wassers im Becken nehme ich von einer Erfrischung Abstand.
Als am Morgen die Sonne aufgeht, werden wir von lauten Geräuschen geweckt. Es hört sich an, als ob irgendwer mit einem Hammer Bleche bearbeitet, mal entfernt, dann wieder ganz nah. Als ich neugierig aus dem Dachzelt schaue, erkenne ich Affen, welche die Mülltonnen plündern. Das scheppert gewaltig und der Schlaf ist zu Ende. Es erübrigt sich zu sagen, dass wir hier keine zweite Nacht verbringen.
In der Nähe soll es einen alten deutschen Friedhof geben. Wenn ich den finde, würde ich mir diesen gerne anschauen. Nach ein paar Umwegen stelle ich den Landcruiser unter Bäumen ab. Hier endet der Teil des Weges, der mit dem Wagen befahrbar ist. Den Rest laufe ich zu Fuss.
Den Friedhof erkenne ich an einer umgebenden Steinmauer und er ist tatsächlich sehr alt.
Zunächst laufe ich nur die Gräber entlang, aber schnell registriere ich die Daten auf den Grabsteinen und werde stutzig. Die meisten Todestage liegen in einem engen Zeitraum im Frühjahr 1904, was kein Zufall ist.
Vielen ist die Herero-Geschichte bekannt und meistens wird sie in einem Atemzug mit dem Mord am Herero-Volk genannt. Die Grabsteine hier beginnen mit der Geschichte etwas früher.
Das Jahr 1904 liegt bekanntlich mitten in der Kolonialzeit. Die Deutschen hatten nach und nach Land von den Herero gekauft, wobei die Herero selbst erst im 17. Jahrhundert nach Namibia eingewandert sind. Dabei waren die Herero gegenüber der vorhandenen Bevölkerung in Namibia – sagen wir es mal so – nicht besonders freundlich.
Jedenfalls haben deutsche Siedler Land von den Herero erworben und die ehemals eher öden Flächen dann bewirtschaftet. Es entstanden grosse Farmen, während die Verkäufer es mit der Veräusserung des „Landbesitzes“ nicht immer so genau nahmen. Ob es irgendwo einen Kontrakt in Form eines Dokuments gab, war einigen der Verkäufer egal. Nach ihrer Auffassung gehörte das Land – trotz Kaufvertrag – weiter ihnen oder irgendwem oder niemandem. Den Kaufpreis haben sie aber gerne genommen.
Nachvollziehbar standen die Farmer diesem Geschäftsgebaren etwas irritiert gegenüber. Es kam wie es kommen musste, nämlich zu diversen Streitigkeiten, auch ausgelöst durch eine grassierende Rinderpest und Heuschreckenplage, die vor allem dem Viehbestand der Herero zusetzte. Die Herero organisierten sich und überfielen im Frühjahr 1904 dann die Farmen. Ganze Ortschaften wurden ausgeraubt und geplündert.
Die Deutschen holten unter Lothar von Trotha zum Gegenschlag aus, der angesichts dieser Vorgeschichte ebenfalls wenig zimperlich vorging.
Ich möchte das Geschehen nicht werten, aber an dieser Stelle wenigstens erwähnen, dass es zur Schlacht am Waterberg eine Vorgeschichte gibt.
Manche Menschen sind gut darin, die Geschichte für ihre Zwecke zu deuten und damit eine gewisse Anspruchsstellung zu begründen. Wie so häufig hat die Medaille zwei Seiten. Spätestens beim Studium des kleinen Besucherbuches das hier ausliegt, kann ich mir manche Dinge erklären. Wie immer hat eine bestimmte Gruppe Menschen aber Schaum vorm Mund, wenn man das geltende Narrativ infrage stellt oder versucht, hinter die Kulissen zu schauen.
Wir verlassen den geschichtsträchtigen Waterberg und sind wieder etwas schlauer. Auf dem Weg in Richtung Westen sehen wir endlich einmal einen „Grader„. Er wird zwar nicht bewegt, steht aber immerhin schon mal bereit.
Das hilft wenigstens der Schlange, die unseren Weg kreuzt und offenbar gerade vom Frühstück kommt…
Jetzt möchten wir nochmal in Richtung Westen fahren. Den Caprivi-Streifen haben wir ausgeplant. Mehr Neugier weckt bei uns die Erongo-Region und die Spitzkoppe.
Intuitiv ist das die richtige Wahl, aber das ist der nächste Teil!

























































































































































Klaus Lagemann 12/09/2026
Servus Elmar, lese Deinen Namibia Bericht an der Ost Küste von Corsica , neben mir Zelt und GSA. Das ist sehr beeindruckend und entschleunigend. Vielen Dank für Dein Engagement, das alles auf zuschreiben. Klaus