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Türkei 2019

Zwei kurze Sätze vorweg:

Dies ist der erste Teil einer längeren Tour auf eigener Achse in den Kaukasus, über die Türkei nach Georgien und Armenien, bis ans Kaspische Meer nach Baku in Azerbaijan und zurück über Russland und die Ukraine. Wenn du mehr über die Hintergründe der Tour und die Planung wissen möchtest, klicke hier.

Andernfalls lege ich direkt los:

Kurz vor Acht am Morgen wache ich auf, trotzdem mir noch die Müdigkeit vom Nachtflug aus Malaga zu schaffen macht. Gerade erst kommen wir von unserer Portugal-Tour zurück und zeitlich sind leider keine Ruhetage möglich. Aber: Es gibt schlimmeres!

Ich habe mir für den Vormittag eine lange Aufgabenliste zurechtgelegt und die will ich möglichst komplett abarbeiten: Diverse Aufgaben im Job, Rechnungen schreiben (die Reise muss bezahlt werden…), Packen, finaler Motorradcheck.

Gegen 15 Uhr setze ich mich dann auf die GS und verabschiede mich von meiner Frau, diesmal anders als sonst, wenn ich alleine wegfahre, denn heute ist es für längere Zeit. Ich starte auf eine Tour, die grob einen Monat dauern wird.

Der Plan ist über Tschechien, Slowakei, Ungarn, Serbien und Bulgarien in die Türkei zu reisen. Dann nach Georgien und Armenien, weiter bis nach Baku in Azerbaijan ans Kaspische Meer und zurück über Russland, die Ukraine und Polen. Deutlich über 10.000 Kilometer.

Es ist warm in Deutschland, im Moment sogar wärmer als wir es in den vergangenen Tagen in Spanien und Portugal hatten, aber die Terminplanung lässt auch keine Alternativen zu. Wenn ich mich morgen früh südlich von Dresden mit Jörn treffen will, und es dann auch noch bis Brünn gehen soll, muss ich heute noch bis Thüringen kommen.

Das klappt dann auch und in dem kleinen Nest „Breitenworbis“ übernachte ich in einer netten, familiär geführten Pension und bin am nächsten Morgen dann früh auf den Beinen um unseren Treffpunkt, einen Parkplatz an der A17 bei Dresden, zu erreichen.

Jörn ist bereits vor Ort und wir sehen uns erstmals persönlich. Vorher haben wir immer nur telefoniert. Alles läuft ganz entspannt ab, wir unterhalten uns ein paar Minuten und begutachten jeweils das Motorrad des anderen. Er ist von seiner 800er GS überzeugt („Das beste Motorrad überhaupt“) und lästert über meinen „Panzer“. Ich sehe das ziemlich locker und weiss, was ich in den vergangenen Jahren schon alles mit dem zugegeben schweren Brocken völlig problemlos bereist habe. Wir fahren dann einfach weiter auf die Autobahn, südlich in Richtung Tschechien.

Vor Brünn haben wir dann den ersten grossen Stau und mit unseren breiten Alukoffern an den Seiten, stecken wir mehr als ein Mal fest. Dazu brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Unsere einzige Unterhaltung sind jetzt alle möglichen und unmöglichen Fahrzeuge, sowie Reisende, mit denen wir diese unangenehme Situation teilen. Jörn hat kein Intercom und ich konnte ihn bei unseren Telefonaten auch nicht von den Vorteilen einer Helm-zu-Helm Kommunikationslösung überzeugen. So beschränken sich unsere Unterhaltungen auf Gespräche im Stau und während der Fahrpausen.

Am Abend erreichen wir Brünn und die Pension, die ich ausnahmsweise schon mal vorgebucht habe. Nur etwa 20 Minuten Fussweg sind es bis zum Olympia-Center, einer riesigen Einkaufsmeile mit Shops und Restaurants, ähnlich dem CentrO in Oberhausen. Da wir nicht sicher sind, was uns in den kommenden Wochen kulinarisch erwarten wird, entscheiden wir uns für den sicheren Klassiker: Pizza!

Ein weiterer unangenehmer Teil der Anreise in den Süden Europas ist die Fahrt durch Ungarn und der schon obligatorische, heftigste Stau bei Budapest.

Bei einer unserer Pausen im Süden Ungarns will ich zum Toilettenhäuschen. Das ganz normale Parkplatz-WC in einem kleinen extra Gebäude, etwa 50 Meter von der Tankstelle entfernt, ist belagert von Menschen. Wie meistens haben es die Damen schwerer als wir Männer, denn ihre Schlange ist länger. Eine geschäftstüchtige alte Frau verlangt einen Euro für den Toilettengang (Es ist nicht ihr Haus, es ist ein normales öffentliches WC!), was sie mit einem improvisierten, selbstgemalten Schild am Eingang kund tut. Mein Glück ist, dass sie gerade mit einer rumänischen Familie um ihren „Lohn“ streitet, was ich ausnutze, um ihr wortlos ein 10-Cent-Stück in die Hand zu geben. Täuschung gegen Betrug sozusagen… Ich finde, wir sind quitt.

Wir fahren weiter und erreichen die Grenzregion nach Serbien. Irgendwo in der Nähe von Szeged signalisiert mir Jörn technische Probleme und wir fahren an der nächsten Ausfahrt von der Autobahn ab. In seinem Display erscheint eine Motor-Fehlermeldung. Ich frage, ob bei ihm denn irgendwelche spürbaren Motorprobleme auftraten, was er verneint. An einer Tankstelle checke ich dann seinen Motor, zumindest soweit ich das von aussen kann. Kein Ölverlust, keine Beschädigungen, keine losen Schläuche, keine losen Kabel oder Anschlüsse, nichts. Auch nicht bei penibler Kontrolle.

Ich schlage vor, dass wir eine Viertelstunde warten, dann nochmal starten und beobachten was passiert. Gesagt, getan. Die Maschine startet und fährt dann, als wäre nie etwas gewesen. Je mehr Sensoren und Elektronik in Kraftfahrzeuge Einzug nehmen, desto öfter sind die Hersteller damit überfordert. Ich sehe das immer mehr, auch bei meinem Firmenwagen und da macht BMW heute auch keinen besseren Job mehr als die Anderen. Ich finde zum Beispiel, Reifendrucksensoren sind die Pest dieses Jahrhunderts!

Der Übergang nach Serbien ist unsere erste Europa-Aussengrenze auf dieser Reise und es geht relativ fix. Überall am Strassenrand liegen aber Autowracks, es sieht alles irgendwie rummelig aus und die vielen Zigeuner auf dem Gelände fallen auf. Sie stehen mit Fensterwischern herum und warten auf Reiseopfer die zur Toilette wollen. In der Zwischenzeit putzen sie dann ungefragt die Windschutzscheiben und verlangen dann Geld für ihre „Dienste“. Als wir mit den Motorrädern ankommen, schauen sie etwas unschlüssig. Ich erwidere die Blicke in der Form „Denkt nicht mal dran!“ und das wirkt dann auch.

Wir bringen einen weiteren, sehr langen Autobahntag hinter uns und erreichen am Abend Belgrad. Unweit der Donau quartieren wir uns in einem nagelneuen B&B ein. Es ist das Garni Hotel D10 und ein Volltreffer. Tolle Lage am Rande der Stadt und der Donau, super Personal, feine Zimmer, Restaurant, Bar. Perfekt!

Heute Abend sind wir zu viert, da wir uns am Hotel mit noch zwei weiteren Motorradfahrern treffen, die aus Süddeutschland dazustossen und bis Istanbul mit uns die gleiche Route fahren werden.

Wir gehen zum Abendessen an die Donau und geniessen den sehr warmen Sommerabend, machen es uns danach auf der Terrasse des Hotels gemütlich und lassen den Tag bei ein paar kühlen Bier ausklingen. So macht das Leben Freude.

Belgrad hat als Stadt irgendwie einen ganz eigenen Charme. Ich hatte negative Assoziationen mit Serbien, noch aus der ganzen Lage damals in den Balkankriegen. Allerdings war ich vorher noch nie in dem Land. Hier, heute und live kann ich aber nichts Schlechtes sagen, im Gegenteil: Alle sind freundlich, es geht sehr gepflegt zu und wir fühlen uns pudelwohl.

Die postsozialistische Architektur in der Hauptstadt ist jetzt nicht gerade romantisch, aber trotzdem: Belgrad hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Das ganze Land erscheint mir definitiv auf dem Weg nach oben, während ich von meiner bundesdeutschen Heimat das Gegenteil behaupten würde, je mehr ich im Ausland bin und dort (noch richtige, unabhängige) Nachrichten lese…

Unsere Weiterreise zu Viert begleiten unzählige deutsche Kennzeichen. Es erscheint mir wie eine riesige Karawane türkischer Mitbürger, die auf ihrer tagelangen Reise in die Heimat die Autobahnen bevölkern. Es ist wirklich bemerkenswert, wie viele Fahrzeuge aus Deutschland auf dem langen Weg in den Süden sind.

Wir überqueren die nächste Grenze, fahren nach Bulgarien und dies ist auch mein erster Besuch in dem Land, das ja schon seit 2007 zur EU gehört: Bulgarien. In der EU. Im Ernst jetzt?

Von der Grenze im Norden bei „Dimitrovgrad“ bis hinunter nach „Kapitan Andreewo“ sieht es aus, als ob hier vor kurzem noch Krieg war. Okay, Pferdewagen in Sofia haben schon etwas nostalgisches, aber die sehe ich auch woanders und in Rumänien haben sie einen eher authentischen Charme.

Wahrscheinlich ist das jetzt nicht fair, denn ich lese viele Berichte über schöne Landschaften und tolle Motorradstrecken, speziell im Westen von Bulgarien. Leider sind wir nur auf der Transitroute unterwegs und erfahren Bulgarien von seiner nicht so schönen Seite.

Hier, in Bulgarien reden Jörn und ich zum ersten Mal über „Kommunisten-Kevin“ der uns in Deutschland mit seinen bescheuerten Ideen unterhält. Er kann sich hier unten ja mal umsehen. Ich sage immer: Die SPD ist gar keine schlechte Partei, sie hat einfach nur Pech mit dem Personal…

Unterhalten werden wir bei einer Rast auf einem Autobahnparkplatz. Einer Reisegruppe scheint die Fahrt langweilig zu sein und sie entscheiden sich spontan zu einem Gruppen-Volkstanz, während aus dem Busradio dazu die passende Musik erklingt. Ich finde es gleichermassen skurril wie symphatisch!

Die nächste Chance hat Bulgarien dann in Chaskowo, wo wir im „Retro Hotel“ übernachten. Das Retro Hotel ist definitiv eines der besseren Häuser im Ort und am Abend wollen wir ganz bewusst mal durch die Stadt laufen, Essen gehen und einen Eindruck bekommen. Daher jetzt zum Positiven:

Wir finden in Chaskowo ein nettes Restaurant inmitten eines schönen Ambientes, in einem von aussen unscheinbaren Hinterhof und auf dem Rückweg einen Park mit schöner Freitreppe, hinauf zu einer Statue von irgendwem, auf einem Hügel mit einem Namen, den ich vergessen habe. Aber: Immerhin, ich habe mich bemüht, ok?

Bulgarien hake ich ab. Vielleicht versuche ich es irgendwann noch einmal abseits der Transitstrecke in den Bergen.

Am nächsten Tag haben wir es dann fast geschafft und die Autobahnrödelei hat bald ein Ende. Es geht bis an die Grenze zur Türkei, die sich weit vorher durch endlose LKW-Warteschlangen ankündigt, bis auch wir mit den Motorrädern im Stau stecken.

Alles steht voller Blech und ich befürchte Schlimmes, bis sich das Rätsel nach einer halben Stunde Full-Stop auflöst: Ein kaputter LKW (von denen wir später noch sehr, sehr viele sehen werden) hat die Weiterfahrt auch für PKW und unsere Motorräder beendet, da er erst die falsche Spur (unsere) gewählt, und dann sein Motorleben ebenda ausgehaucht hat.

Wir stehen am Rande der Piste und vertreiben uns die Zeit. Mangels Alternativen bleibt uns aber auch gar nichts anderes übrig.

Bis ihn einer seiner Kollegen auf die passende Spur zieht (auf welcher er dann den Unmut der anderen LKW auf sich zieht) dauert das eben…

Dann geht es an den eigentlichen Übergang und wir bekommen unsere Pässe gestempelt. Alles im Prinzip ziemlich unspektakulär.

Und schwupps, sind wir auch schon in der Türkei und lassen die Europäische Union für die kommenden Wochen hinter uns.

Ich ziehe mir an einem Geldautomaten dann türkische Lira und wir fahren in Richtung Istanbul. Sagte ich schon mal, dass ich Städtetrips hasse? Na, aber wenn man schon mal da ist…

Es stimmt schon: Eine Stadt wie Istanbul darf man nicht auslassen. (Aber man sollte es in Erwägung ziehen!)

Wir fahren die Autobahn über Edirne in die Hauptstadt der Türkei und benötigen dafür etwa zwei Stunden. Aber nur bis zum Stadtrand, denn ab dort beginnt das, was man wohl Verkehrschaos nennt. Weit vor einer grossen Ampelkreuzung schaue ich auf die Uhr und das Navi: Es sind nur noch 3800 Meter bis zum Hotel, aber hier geht nichts voran und die Sonne brennt bei 32 Grad im Schatten vom Himmel, nur ohne ebendiesen (Schatten, nicht Himmel…)

Unsere Kühlerlüfter arbeiten im Akkord und nichts geht mehr. Es ist einfach nur pervers und während ich fürchte, den Verstand zu verlieren, steigt in meinem Display die Anzeige für die Wassertemperatur in ungeahnte Höhen. Ich bin irgendwann so fertig, dass ich mitten in Istanbul an den Strassenrand fahre und den Motor abstelle.

Der Verkehr hier ist echt die Hölle und die Infrastruktur konnte mit dem Wachstum dieser riesigen Stadt wohl auch nicht mithalten. Wir brauchen für die vorgenannten 3,8 Kilometer geschlagene zwei Stunden, erreichen dann aber irgendwann am Nachmittag das Hotel. Bei der Buchung hatte ich um Abstellplätze für unsere Bikes gebeten und das Personal hilft uns auch sofort mit dem Gepäck und beim Parken direkt vor dem Eingang.

Das Hotel (Sunlight Hotel Istanbul) ist echt nettes Haus, inklusive einer Dachterrasse, mit Kellner! (Sorry: „Rooftop-Bar“ heisst das ja heute…)

Rückblick:

Es ist schon ein paar Jahre her, da haben meine drei Frauen (1x Ehefrau, 2x Tochter) GNTM (Insider-Abkürzung) geschaut. Ich sass teilnahmslos mit meinem iPad daneben, suchte nach Motorrad-Reisezielen und registriere irgendwann, wie eine dieser saublöden Gören (also die im TV, nicht die auf der Couch) mit einer Kontrahentin vor einem Hotel steht, auf dessen Dachterrasse eine Party steigt. Beim abendlichen Blick nach oben, kreischt sie dann wie von Sinnen: „Ohhch, isch bin dodal geflasht dass wir aufm Roofdopp feiern!“

Ich hatte damals einen Lachanfall wegen dem Satz und fortan war das bei uns so ein Running-Gag. (Heute vertreiben sich verwöhnte Gören an Freitagen ihre Langeweile mit Klima-Demos…)

Naja, so haben wir heute Abend auch die Gelegenheit, auf ein „Rooftop“, nur ohne Party und unterbelichtete Heidi-Chicks. (Immerhin nähere ich mich dem passenden Sprachgebrauch!)

Der Nachmittag gehört dann der Stadt und dem unvermeidlichen Sightseeing mit allen relevanten Moscheen (Deren Namen ich schon wieder vergessen habe. War eine davon nicht blau?!), dem grossen Basar, den Brücken am Bosporus und allem was man sonst noch zu sehen bekommt und sehen müssen muss.

Hier sollte jetzt natürlich eine Lobeshymne auf Istanbul stehen, aber erstens habe ich eine Allergie gegen Städte und zweitens haben wir nicht genug Zeit, um die Stadt gebührend zu erleben, daher muss uns der Schnelldurchlauf reichen. Das tut mir jetzt auch total Leid für Istanbul, aber ich schaffe es einfach nicht, mir Metropolen schön zu reden.

Eine Schau und wirkliches Entertainment sind jedoch die Eiswagen. Kein Eis geht ohne Blödeleien mit den Kunden über die Theke und bis man die begehrte Nascherei in den Händen hält, vollführen die stilecht gekleideten Verkäufer allerhand Kunststücke.

Danach begeben wir uns zum alten Bazar, mitten im historischen Zentrum. Das gesamte Gelände ist überdacht und innen gibt es bestimmt jeden nur erdenklichen Schnickschnack.

Wenn man sich einige der Schaufenster so ansieht, wundere ich mich über die Massen an Goldschmuck, die hier ziemlich ungeschützt präsentiert werden. Alles ist garantiert echt und bestimmt sind die gut versichert?!

Ansonsten kann man im grossen Basar sicherlich einen ganzen Tag verbringen. Die Herausforderung dabei ist, in den vielen langen Gängen nicht die Orientierung zu verlieren und auch wieder nach Hause zu finden.

Wir gehen dann noch runter an den Bosporus und schauen uns die Meerenge und Grenze zwischen Europa und Asien an. Es werden hier auch Bootsfahrten angeboten und wir überlegen kurz eine Rundtour, aber uns knurrt der Magen und wir suchen lieber etwas zu Essen.

Oben auf den Brücken stehen jede Menge Angler. Sie verdienen sich tatsächlich ihr Geld mit dem Angeln von Fisch unter den Brücken und es sind so viele, dass ich mich wundere, ob hier überhaupt noch ein Fisch im Wasser rumschwimmt.

Wir essen dann in einem der sehr vielen (sehr touristischen) Restaurants, trotzdem wir versuchen, uns zu Fuss von den Hotspots zu entfernen, was in dieser Stadt jedoch nahezu unmöglich ist.

Ich könnte hier jetzt alles Wichtige in Istanbul Downtown rezitieren, aber dafür gibt es ganz bestimmt bessere Städte-Reiseblogs und auch Menschen, die Metropolen enthusiastischer würdigen als ich.

Als es bereits Dunkel geworden ist, machen wir uns auf den Weg zurück ins Hotel und ich brauche tatsächlich Google-Maps um es wiederzufinden. Normalerweise ist meine Orientierung eigentlich ziemlich verlässlich, aber der alte Basar hat mir heute den Rest gegeben. Unsere Herberge liegt im Schuhmacherviertel und ich wundere mich, wieviele Menschen in unfassbar kleinen Hinterhofwerkstätten Schuhe fabrizieren, die sie dann mit Seidenpapier in erstaunlich hochwertig aussehende Kartons stecken. Ich wette, Heidis „Rooftop-Göre“ wäre hier nochmals „geflasht“.

Am nächsten Morgen versuchen wir auf der Dachterrasse (sic!) zu frühstücken. Neben den eher orientalischen Cerealien (Auch so ein geiles Wort!) wäre mir ein Kaffee recht, aber da habe ich die Rechnung ohne das Personal gemacht. Es gibt keinen Kaffee, so wie ich ihn beschreiben würde. Es gibt nur heisses Wasser (für Tee) und – auf Nachfrage – eine alte Glasdose von 2008 mit steinharten Resten Instant-Kaffeepulver. Waren die Türken nicht berühmt für ihren Kaffee? Haben die den Kaffee nicht bis nach Wien gebracht, wo er heute noch in vollkommen überteuerten Häusern mit bescheuerten Namen an Touristen verkauft wird? Ich habe hier und heute leider kein Glück und muss verzichten. Ein Morgen ohne Kaffee: Desaströs!

Das soll jetzt aber nicht falsch klingen: Das Sunlight-Hotel ist ein tolles Haus und ich kann das empfehlen. Die Leute dort waren alle freundlich. An diesem Morgen war es wohl einfach nur unglücklich. Ganz bestimmt gibt’s da auch richtigen Kaffee! Wenn man mehr Glück hat…

Wir trennen uns am Morgen dann von unseren beiden Mitreisenden aus Belgrad, während wir vor dem Hotel noch Jörns Kette begutachten: Die Glieder stehen in Dreiecken und wir raten ihm zur Kettenpflege, aber er verbittet sich jeglichen Kommentar. Na gut, muss er selbst wissen…

Dann fahren wir in Richtung Osten und versuchen Istanbul zu entfliehen. Aber da haben wir die Rechnung ohne diese Fünfzehn-Millionen-Metropole gemacht. Nach über einer Stunde Fahrt sind wir immer noch in Istanbul. Wir haben uns nicht verfahren, nein, Istanbul ist einfach nur unglaublich gross! Es scheint, als wolle uns die Stadt nicht ziehen lassen.

Wir hatten eigentlich den Plan, nach Göreme zu fahren, aber ich war mir von Beginn an unsicher. Kappadokien ist eigentlich so ein „Must see“, aber genau deshalb diskutiere ich mit Jörn an einer Tankstelle mal vorsichtig über die Route des heutigen Tages.

So schön die Tuffsteinlandschaft dort auch sein mag, gefühlt jeder Touristenbus fährt da hin. Es fehlt eigentlich nur noch das Foto mit den aufsteigenden Heissluftballonen. (Ahhhhh… Ohhhh…) Mir ist das jetzt etwas zu abgedroschen, aber wenn Jörn möchte, fahren wir da natürlich hin. Jörn sagt mir dann jedoch, dass ihn das gar nicht interessiert und wir sind uns jetzt nicht mal mehr sicher, wieso das auf unserer Reiseroute stand? Naja, Individualreisen – zumal mit dem Motorrad – haben einen entscheidenden Vorteil: Du kannst spontan umplanen wenn du willst! Das ist genial und wir nutzen unsere Chance sofort.

Eigentlich sind wir gerade auf dem Weg nach Ankara, biegen dann aber, nachdem wir uns anders entschieden haben, bei Mudurnu in Richtung Bolu ab, wo wir später die D100 erreichen werden.

Vorher sieht es in den Bergen aus wie in Deutschland oder fast schon wie im Schwarzwald. Jedenfalls hätte ich die Gegend auf Fotos niemals der Türkei zugeordnet.

Es ist viel grüner als ich dachte und es gibt Wald, richtigen Wald mit Nadel- und Laubbäumen. Zumindest schon mal in dieser Ecke der Türkei. Ausserdem steht überall Rindvieh herum und vielleicht machen sie bald dem Allgäu Konkurrenz?!

An einem 1500-Meter-Pass (Höhe, nicht Länge) mit toller Aussicht machen wir Halt und Jörn bestellt ein „Köfte“. Ich will eigentlich noch gar nichts essen, aber der nette Herr am Grill gibt uns direkt zwei von den riesigen Dingern. Irgendwie müssen wir hungrig ausgesehen haben, oder er ist einfach nur ein guter Geschäftsmann, oder beides. Die Kurzversion: Köfte ist ziemlich gut!

Kurz vor Bolu fährt Jörn wieder rechts ran und bedeutet mir Probleme. Ich habe schon Sorge, dass wieder seine Motorlampe leuchtet, aber diesmal ist es ein mir wohl bekannter Hinweis in seinem Display: „LAMPF“.

Ich erkläre ihm das bedeutet seine Frontlichtbirne sei kaputt, was ihm viel mehr Sorge bereitet als ich verstehen kann. Verzweifelt fragt er, was wir denn nun machen sollen. Na „wechseln“ sage ich, worauf er erstaunt fragt ob ich denn Ersatz habe? Was für eine Frage…

Ich habe schon so viele H7-Lampen gewechselt, dass ich immer eine Ersatzlampe dabei habe und mich eher wundere, dass ihm noch nie eine kaputt gegangen ist. Wir fahren dann auf einen Parkplatz, ich zerlege seinen Frontscheinwerfer (Was bei seiner 800er viel einfacher ist als bei meiner 1200er!) und tausche das Ding aus. In Sachen Problemchen steht es jetzt aber schon 2:0 für ihn und seine hochgelobte 800er. (Und später auf dieser Reise geht sein Zähler noch weiter hoch, das wollte ich nur schon mal bemerken…)

Wir fahren dann ein Stück der D100. Die Schnellstrasse führt von Istanbul durch den nördlichen Teil der Türkei bis nach Erzurum und ist für mich das Geheimnis der Nordtürkei! Nicht, weil sie die landschaftlich schönste Route ist (Obwohl, sie ist das sogar über weite Teile…) , sondern weil sie schnell in Richtung Osten führt und gleichzeitig immer abseits der Strasse die tollsten Gegenden, die schönsten Strassen, Berge, Seen und Dörfer bereithält.

Willst du Kilometer machen, fährst du auf der D100 und kommst sehr gut voran. Willst du Landschaft, Land und Leute kennenlernen, fährst du einfach ab auf kleine Nebenstrassen und die D100 begleitet dich parallel. Du findest jederzeit schnell und einfach zu ihr zurück.

So biegen wir in den kommenden Tagen auf unserer Reise in Richtung Osten immer wieder ab und fahren hoch in die Berge, wo gleichzeitig die angenehmeren Temperaturen herrschen. Mal sind es wundervolle, kurvige kleine Landstrassen, dann wieder kilometerlanger Schotter und Staub. Herrlich! (Je nachdem ob man Erster ist oder als Zweiter den Dreck vom Vordermann abkriegt…)

Unser nächstes Ziel ist der Ort Karabük, weil ich ihn auf meiner Landkarte (Yes Sir: Papier!) als grössere Stadt erkenne. Hier wollen wir uns dann ein Hotel für die Übernachtung suchen. Wer Karabük kennt, dürfte sich jetzt vor Lachen biegen, aber wir fahren natürlich völlig unbedarft dahin.

Wir kommen nach vielen Schotterpisten einige Kilometer südlich von Karabük auf die D755 und dann südlich in die Stadt rein. Am Ortseingang kann ich meinen Augen kaum glauben: Was eben noch eine nette Bergstrasse war, wird jetzt zum üblen Einfallstor in eine vollkommen verdreckte Industrieregion. Neben der Strasse rauchen die Schlote und blasen einen Dreck in die Luft, als hätte es Abgasreinigung noch nie gegeben. Dazu passen die pechschwarzen Fabrikgebäude, der Lärm und Gestank. Man fühlt sich in ein Inferno aus dem vergangenen Jahrhundert versetzt und wir identifizieren unter der ganzen Glocke Smog ein riesiges Stahlwerk. (Ich bin mir recht sicher, hier haben sie 1982 „Blade Runner“ gedreht!)

Was würde wohl Greta dazu sagen, frage ich mich? Hier stehen wir nun staunend und sind uns einig, dass wir eine neue Einheit für den Verschmutzungsgrad der Umgebung brauchen: Gretas!

Null Greta ist sauber, bei einem Greta beginnt der Dreck und zehn Gretas sind verseucht, also komplett kontaminiert, wie in Chernobyl.

Wir meinen, dazu benötigen wir noch eine weitere Einheit für den Zustand kaputter Infrastruktur und aus unseren Erkenntnissen in Bulgarien finden wir die passende Metrik: Kühnert!

Bei null Kühnert ist noch alles ok, bei einem Kühnert beginnen Auflösungserscheinungen, fünf Kühnert sind nur noch schwer zu reparieren und wirklich bedenklich (Beispiel Deutsche Bundesbahn), zehn Kühnert bedeuten Zerstörung apokalyptischen Ausmasses. Ja, die Einheit „Kühnert“ erscheint uns passend, denn wenn solche Pfeifen ihre Ideologien durchsetzen, ist wirklich bald Feierabend mit der bundesdeutschen Substanz.

Wir finden, für Karabük dürften es gut und gerne acht Gretas und fünf Kühnert sein. Da muss man wirklich nicht hin und es wird dann auch inmitten dieser 100.000-Einwohner-Stadt nicht besser. Wir wundern uns noch über das Fehlen einer „Fridays-for-Future“-Demo, aber hier würden sie nervende Schulkinder eher auslachen, als medial glorifizieren.

Hinzu kommt stattdessen ein wirkliches, reales Problem der existenzbedrohenden Sorte: Ich kann mit Booking.com kein Hotel finden und versuche immer wieder die Suchkriterien herunterzuschrauben. (Spätestens hier haben einige jetzt Schaum vorm Mund, nicht wahr?!)

Also was zum Teufel mache ich nur falsch? Es gibt laut Booking-App im weiten Umkreis kein einziges freies Hotel. Ich versuche es mehrmals mit verschiedenen Suchkriterien, dem Neustart der App und schliesslich dem Reset meines Smartphones. Frustriert versuche ich es dann mit Google-Maps und zoome mal in die Stadt hinein.

Das bringt zwei Erkenntnisse: Erstens findet Google natürlich Hotels, nur zwei davon in Karabük, dafür aber viele nebenan in Safranbolu, gleich hinter Karabük und nur etwa 15 Kilometer entfernt. Zweitens liegt es nicht an mir, sondern an Booking.com in der Türkei. Dort gibt es einen Streit (Na, was da wohl der wahre Hintergrund ist?) und die Regierung hat kurzerhand die Nutzung von Booking in der Türkei komplett unterbunden. Das bedeutet, du kannst zwar aus dem Ausland ein Hotel in Istanbul (sogar in Karabük!) buchen, nicht jedoch ein türkisches Hotel innerhalb der Türkei. Verrückt.

Ich nehme daher den Umweg über Google Maps und entscheide mich heute ganz dekadent für das Hilton Hotel in Safranbolu. Wir fahren am Abend vor, checken in erstklassige Zimmer ein und geniessen ein Bierchen an der Bar auf der Poolterrasse. Später laufen wir dann noch in den Ort und finden ein schönes Gartenlokal fürs Abendessen.

Hätte man sich vorher über die Stadt erkundigt, hätte man gewusst, dass Safranbolu Unesco-Weltkulturerbe ist und diese Ehre durch die alten Fachwerkhäuser erhalten hat, die wir erst am nächsten Morgen bei der Abfahrt entdecken.

Aber ok, manchmal rennt man eben einfach in eine Situation hinein und hat nicht schon alles vorher im Internet gelesen. Überraschungen dieser Kategorie sind mir ganz recht.

Der alte, historische Stadtteil ist wirklich hübsch anzusehen, auch wenn die griechisch-türkische Keilerei zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine traurige Geschichte des Ortes bedeutet.

Die türkische Sicht der Dinge wirkt bis heute nach und so gibt es am Ortsausgang noch allerhand altes Militärgerät zu sehen.

Wir schauen uns dann noch die Freilichtausstellung an und machen Fotos der erkennbar patriotischen Präsentation.

Dann geht es wieder ab in Richtung Osten und wir fahren wieder ins Gebirge. Hier, im bergigen Norden der Türkei, finde ich das, was mir an einem schönen Motorradmorgen den grössten Spass bereitet: Wasserdurchfahrten!

Es geht doch nichts über eine gescheite Flussquerung in der Morgensonne um den ganzen ölverschmierten Dreck abzuwaschen. (Ok, der Scherz war jetzt vielleicht etwas übertrieben…)

Spielereien am Fluss sind aber wohl so ein Männerding, oder? Während ich mich freue wie ein Kind, nutzt Jörn die Gelegenheit eher für Gezeter, weil ihm die Steine im Wasser zu gross sind. Wie war das noch gleich mit dem Gewichtsvorteil seiner 800er? Aber gut, ich gebe nach, nicht ohne die Erkenntnis, dass in meinem Leben gerade Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag fallen.

Über Kastamonu, Tosya, Merzifon und Ladik geht es dann weiter durchs anatolische Hinterland. Navigatorisch ist das im Übrigen keine grosse Herausforderung: Du fährst einfach immer in Richtung Osten, was soll da schon passieren?!

Wir fühlen uns einerseits verloren im Nordosten dieses riesigen Landes, andererseits fasziniert von den oft menschenleeren Gegenden. Sogar verlassene Tankstellen finden wir und nutzen die Chancen für Fotos und dringende nötige Trinkpausen.

Irgendwo fahren wir wieder auf die D100 und kommen an einer Polizeikontrolle vorbei. Vorher haben wir schon sehr viele davon passiert und ich hatte erst kürzlich gegenüber Jörn bemerkt, ich wolle auch mal kontrolliert werden. Die Uniformierten stehen hier zu fünft an der Strasse und prompt sind wir an der Reihe: Absteigen, Papiere und Auskunft zum Zweck der Reise, woher und wohin sind ausserdem gefragt. Ich überlege kurz ein paar freundliche Worte zu ihrem bemerkenswerten Präsidenten, verkneife mir das dann aber lieber.

Stattdessen beantworte ich brav alle Fragen (auf Englisch), deren Sinn sich mir nicht wirklich erschliessen (Vom Zweck her, die Übersetzung kriege ich hin…). Was erwartet die Staatsmacht denn bitte hier, inmitten der Türkei, von zwei deutschen Motorradtouristen auf deutschen Motorrädern? Aber gut, ich denke ihnen ist langweilig…

Sie checken ausgiebig Pässe, Motorradpapiere und Kennzeichen, lassen uns dann aber irgendwann weiterfahren. Kurze Zeit später überholen wir nur mit Mühe zwei Teenies auf einem alten Motorrad, welches unter Maximaldrehzahl und 100 Kilometer pro Stunde ebenfalls in unsere Richtung fährt. Die beiden tragen selbstverständlich keinen Helm und fahren barfuss und nur mit T-Shirt. Ob die auch mal von der Polizei angehalten werden?

Heute Mittag machen wir Pause in irgendeinem Nest, dessen Name mir schon 100 Meter hinter dem Ortseingang wieder entfallen ist. Immerhin gibt es im Zentrum einen kleinen Park mit einer Art Imbissbude. Während Jörn gar nicht schnell genug im Schatten sitzen kann, nutze ich die Gelegenheit für das ordentliche Platzieren von Parkplatzmarkierungen an seiner Maschine.

Heute wollen wir noch bis nach Niksat und der Nachmittag beschert uns abermals ein unglaublich schönes Land. Zunächst mache ich mir noch Sorgen, da Jörn alle Nase lang stoppen muss, damit ich fotografieren kann. Aber je länger unsere Reise dauert, umso entspannter werde ich, da er jede Gelegenheit für eine willkommene Rauchpause nutzt.

So sind wir beide zufrieden: Ich fotografiere, er inhaliert. Wenn man sich die Zeit gönnt und umschaut, ist die Türkei ein wirklich beeindruckendes Land in einer Grösse, bei der ich durchaus neidisch werde.

Ausserdem gibt es so viele schöne Schotterpisten und kleine Strassen abseits der Hauptrouten. Und es gibt immer Möglichkeiten, einsam durch die Prärie zu dreschen. Das vermisse ich im dicht besiedelten Deutschland, da steht immer irgendwo was rum: Häuser, Höfe, Windräder, Radarfallen. Hier ist das anders und die endlose Weite kann einem den Atem rauben.

In Niksar beziehen wir – abermals nur mit Hilfe durch Tante Google –  das Hotel Ayvaz, ein eher durchschnittliches Haus, für unsere Zwecke und eine Übernachtung aber völlig ok. Wir sind erst relativ spät im Hotel, aber das spielt keine grosse Rolle, denn Niksat hat auch nicht sonderlich viel an abendlicher Unterhaltung zu bieten. Daher setzen wir uns vor dem Hotel an einen einfachen Holztisch, schauen auf den trostlosen Parkplatz und eine Betonmauer. Während wir dann zwei Dosen Bier öffnen, die wir in einem Supermarkt erstanden haben, kommt ein Mitarbeiter der Rezeption und bittet uns, kein Bier in der „Öffentlichkeit“ zu trinken, das wäre nicht gerne gesehen.

Uns sieht hier zwar niemand und ich denke kurz an die Rücksicht seiner Landsleute bei Hochzeitsfeiern auf deutschen Autobahnen, aber wir folgen der Aufforderung und setzen uns in einen kaputten Holzpavillion (fünf Kühnert) in einem noch versteckteren Garten hinter dem Hotel. Sonst fühlt sich am Ende noch jemand durch uns belästigt oder beleidigt oder benachteiligt oder beschämt oder diskriminiert oder ausgenutzt oder wasauchimmer… Irgendwer wird schon irgendwas finden, da mache ich mir gar keine Sorgen.

In Ostanatolien sind die Menschen manchmal etwas seltsam, aber die Landschaft ist der Hammer.

Am nächsten Morgen folgen wir einer wirklich tollen Nebenstrecke ab Niksar. Es geht wieder durch die Berge und ich weiss trotz Karte und Navi nicht mal mehr, wo wir genau sind. Es ist der Moment, wo ich auf dieser Reise mental abtauche. Wir sind jetzt schon so lange und so weit unterwegs und ich habe gedanklich vieles hinter mir gelassen: Job, Projekte, Kunden oder vermeintlich wichtige Aufgaben.

Plötzlich realisiere ich, dass wir fahren. Wir fahren seit vielen Tagen immer nur in Richtung Osten, sehen wundervolle Gegenden und Landschaften, in denen wir nie vorher waren, dabei sind wir vom östlichsten Punkt unserer Reise immer noch sehr weit entfernt. Für mich fühlt es sich anders an: Unwirklicher und irgendwie sehr viel entspannter als sonst. Ich könnte so weiterfahren, sehr, sehr viel weiter noch. Ich glaube, hier habe ich zum ersten Mal den überaus präsenten Wunsch, noch weiter zu fahren. Im diesem Moment denke ich, dies hier wird gar nicht meine längste Reise werden… Ich muss noch weiter, sehr viel weiter…

Sorry, ich schweife wieder ab!

Das ist aber auch vollkommen egal, die Richtung kann man schon anhand der Sonne als korrekt bestimmen und wir haben reichlich Spass in den Kurven durchs anatolische Gestein.

Rein landschaftlich ist die Nordosttürkei wirklich toll und zum Motorrad fahren, Motorrad reisen und Geniessen bist du hier goldrichtig.

Am Strassenrand stehen immer wieder Attrappen von Polizeiwagen um die Verkehrsteilnehmer zu defensiver Fahrweise zu animieren, aber für uns sind sie eher eine Herausforderung um Unfug zu treiben. Vielleicht ist sowas ja auch eine Art Zeichen für die eingekehrte Entspannung?

Wenn uns die D100 mal wieder zu wenig spektakulär erscheint, fahren wir ab in die Berge. Hier findest du Schotterpisten genau so schnell wie Ebenen mit Wiesen und Anhöhen mit tollen Aussichten:

Es erscheint wie die grenzenlose Freiheit. Du fährst und fährst und hinter jeder Kurve wirst du wieder überrascht.

Das Bild wechselt manchmal so schnell, dass ich mit dem Fotografieren gar nicht hinterherkomme.

Einmal fahren wir an einen Stausee und sehen seltsam abgestorbene Baumstämme im Wasser stehen. Beim Näherkommen entdecken wir die vielen Nester in den Ästen. Irgendwie ist es interessant: Wenn die Natur von uns Menschen verändert wird, reagiert sie. Und hier einfach mal mit fotogenen Behausungen.

Wir diskutieren dann kurz, um welche Tiere es sich handelt und ich muss zugeben, dass Biologie nie mein Steckenpferd war. Ich entscheide mich für: Vögel! Das muss reichen.

So geht es weiter Richtung Kaukasus und die Landschaft wechselt wie zum Spass immer wieder ihre Farben.

Irgendwann müssen wir mal wieder tanken und das ist in der Türkei ja auch so eine Sache: Zunächst mal habe ich mich schon von Beginn an über die Preise gewundert. Ich kenne Geschichten von zwei Euro pro Liter Superbenzin, aber der Spritpreis ist eher günstig und liegt während unserer Reise bei nur etwas mehr als einem Euro. Das ist zunächst mal gut!

Dafür muss man vor jeder Betankung erst sein Kennzeichen angeben, dieses wird dann in einem elektronischen System registriert und gemeldet. Das ist befremdlich! Dafür weiss Onkel Recep aber immer wo wir sind und kann uns notfalls Hilfe schicken (oder so ähnlich…). Und das ist dann ja auch wieder irgendwie gut, oder?

Jedenfalls wollen die Türken nie, dass ich selbst tanke und befüllen das Spritfass vor mir immer durch einen Angestellten. Ich finde das generell blöd, denn in der ganzen Türkei finde ich keinen einzigen Tankwart, der das ohne Kleckern schafft. Mit der Menge Superbenzin, die mir in der Türkei über den Tank geschüttet wurde, komme ich zuhause durchs komplette Sauerland.

Dafür beginnen sie ab 20 Liter Nachfüllmenge dann zu zweifeln und schauen auf den Boden unter dem Motorrad in der Vermutung, da wäre irgendwo ein Loch. Einmal mache ich mir einen Spass und zeige ungläubig auf die Tankuhr, die angeblich 27,8 Liter zugefüllt hat. (War ne blöde Idee, denn der Tankwart hatte keinen Humor…) Das der Tank meiner Adventure 32 Liter fassen kann, können sie nicht fassen. (Entschuldigung, ein wirklich flaches Wortspiel!)

Bei Sebinkarahisar gibt es eine malerische Burganlage und wir fahren über Siran nach Kelkit.

Mir scheint es, als wäre der Tag heute einer von der heisseren Sorte. Es gibt Temperaturen, da wird das Motorradfahren irgendwann unkomfortabel und jetzt, bei mehr als 36 Grad, fängt dieses Gefühl an.

Dann sind es nur noch etwa 90 Kilometer bis nach Bayburt, unserem heutigen Tagesziel. Wenn alles klappt, könnte das jetzt unsere letzte Übernachtung in der Türkei werden. Im Wesentlichen hängt das von der Bergetappe von Bayburt nach Rize ab. Ich habe keine Ahnung was uns dort erwartet, aber von den reinen Eckdaten her, wird das morgen eine Herausforderung, zumal ich uns eine der ganz spektakulären Passagen bis zur Region Trabzon ausgesucht habe.

Bayburt ist eine Universitätsstadt und es gibt hier sehr viel Polizei und Militär.

Wie in den anderen Orten auch, überwachen die Türken in der Regel alle städtischen Ein- und Ausfallstrassen entweder mittels Polizeiposten, mindestens aber mit Videoüberwachung oberhalb der Fahrbahn. Das ist schon unangenehm aufgefallen. Ok, die haben ja auch keine DSGVO!

Zudem fällt mir auf, dass es besonders in Ostanatolien wirklich sehr viele Bauprojekte gibt. Als ich recherchiere erfahre ich, dass Erdogan gerade hier gerne investiert, denn er kann sich damit dem Wohlwollen der Wählerschaft sicher sein. In Istanbul, mit eher aufgeklärten Staatsbürgern, ist das tendenziell schwerer, was die Nachwahlen zum Stadtparlament während unserer Reise dann auch deutlich gezeigt haben. Das, was er an Brücken, Strassen, Staudämmen, Kraftwerken und Stromtrassen hier aus dem Boden stampfen lässt, geht wohl weitestgehend auf Pump, was sich am Wert der türkischen Lira ja auch widerspiegelt.

Aber gut, das ist nicht mein Problem, oder: Ich kann mich nicht um alles kümmern! (Einer meiner Lieblingssprüche…) 

Zurück zur Reisewelt: Wir sehen fantastische Landschaften und die Türkei erscheint mir in einem ganz anderen Licht. Ich liebe es, endlose Strassen in Richtung Horizont zu fahren und hier sind die Strassen endlos, der Horizont sowieso.

Die Bilder sind von selbst so gut, dass ich sie nicht einmal bearbeiten muss. Kein Photoshop, keine Farbkorrekturen. Auslöser drücken und fertig, den Rest erledigt die Realität. Wunderbar!

Nie kommst du näher an Land und Leute als auf dem Motorrad, ohne umgebenden Blechpanzer, direkt vor Ort, in der Wirklichkeit, auf der Erde, im Dreck. Es ist einfach traumhaft und ich geniesse jeden Kilometer in vollen Zügen.

Wo sind wir eigentlich? Ach ja, Bayburt! Wie passend, denn Bayburt ist eine wirklich schöne Stadt. Es gibt einen Fluss unten in „Downtown“, eine wirklich tolle Promenade mit sehr vielen, gut besuchten Restaurants und eine fantastische Burganlage, die oberhalb der Stadt auf einem Felsen thront und am Abend wunderbar angestrahlt ist. Wir beziehen heute unsere Zimmer im zentral gelegenen „Bayburt Otel“ (Nee, da fehlt kein „H“, das heisst so!) und schauen uns dann alles in Ruhe an.

Unsere Mopdes parken direkt vor dem Haupteingang an der Strasse und wir schauen auf die grosse Burg auf dem Hügel über der Stadt.

Je weiter die Zeit heute voranschreitet, umso schöner erleuchtet die Abendsonne das Panorama.

Morgen soll es idealerweise noch bis zur Grenze nach Georgien gehen und wir checken unsere Bargeldreserven. Selbst wenn ich das Hotel bar bezahle und noch kurz vor der Grenze tanke, habe ich wohl zu viele türkische Lira übrig.

Also schlendern wir durch die Strassen und halten Ausschau nach Möglichkeiten, die Lira loszuwerden, schaffen das aber weder mit Alkohol, noch mit Eiscreme, noch mit Dinner am Fluss. Ich erstehe in einem kleinen Strassengeschäft immerhin noch zwei Sportshirts, die ich auch dringend brauche, denn meine Waschkünste mit Duschgel haben aus den vier mitgeführten weissen Tennisshirts zwischenzeitlich mausgraue Stofffetzen mit Staubrand gemacht.

Neben der Oberbekleidung ist heute auch für den Rest Waschtag und so muss das Badezimmer im Hotel mal wieder herhalten.

Ich fürchte aber, wenn ich mein Waschtalent nicht bald optimiere, hält die Oberbekleidung die Tour nicht durch. (Später fällt mir zudem ein, dass eigentlich jedes Hotel einen Wäscheservice bietet…)

Wir lassen den Abend bei einem Glas Wein auf der Dachterrassse (Rooftop!) ausklingen und stören heute auch ganz sicher niemanden, denn ausser uns ist kein Mensch hier oben.

Der Morgen in Bayburt ist ziemlich frisch. So frisch, dass ich erstmalig die Unterjacke hinzunehme, um nicht zu frieren. Vor allem, weil es heute Morgen noch deutlich höher hinaus geht und wir in die Berge fahren.

Ich weiss, dass es jetzt noch ganz Dicke kommt, denn ich habe noch eine einhundert Jahre alte Militärstrasse der Route hinzugemogelt.

Von Bayburt führt die D915 in Richtung Norden über Caycara ans schwarze Meer. Normalerweise fährt man da eine wirklich schöne Gebirgsstrasse und erfreut sich an der Aussicht. Diese neuere Strasse ist aber nicht die ursprüngliche, denn früher verlief die Route über eine von russischen Soldaten in den Fels gehauene Serpentinenroute, die dem Durchschnittseuropäer den Angstschweiss auf die Stirn treibt.

Klar, dass ich die alte Route fahren will und Jörn die ganze Konsequenz diese Vorhabens verschwiegen habe, denn ich fürchte, wenn er wüsste, auf was er sich einlässt, haben wir Diskussionen.

Der Trick ist, von Süden kommend nicht nach Sekersu zu fahren, sondern ein paar Kilometer vorher, nach einer ebenfalls spektakulären Bergauffahrt mit unglaublichen Aussichten an der richtigen Stelle die Gabelung links statt rechts zu fahren.

Wir brauchen jedenfalls eine ganze Zeit lang um überhaupt mal oben das Gebirge zwischen den Provinzen Bayburt und Trabzon zu erreichen. Kurz vor dem Gipfel machen wir mehrmals halt, ich fotografiere die Aussicht und diskutiere mit Jörn ob es nicht vielleicht noch kälter geht, während der Nebel und die Wolken uns umschweben.

Da es hier oben keine Strassenschilder gibt, fahren wir an einer weiteren Gabelung zunächst in die falsche Richtung bevor ich den Fehler bemerke und wir müssen dann nochmal umkehren. Dabei hat uns die letzte Ansammlung von Hütten schon vor längerer Zeit verabschiedet.

Das, was uns hier oben als „Strasse“ präsentiert wird, ist jetzt nicht mehr als ein steiniger Feldweg mit groben Rinnen, Wasserlöchern, Felsblöcken und Grasflächen.

Ich wusste, dass es hier abenteuerlich werden sollte, aber so krass habe ich das nicht erwartet. Wir sind lange im nebligen Nichts unterwegs und ich gebe zu, dass es mitunter etwas mulmig ist.

Nach weiteren Kilometern kommen wir dann an einen steilen Abhang, bei dem wir wegen der immer noch tief hängenden Wolken und dem Nebel nur kurzzeitig mal das Tal erkennen.

Ja, jetzt bin ich mir sicher: Das muss der Einstieg in eine der Strassen sein, die auf „dangerousroads.org“ in den Top Ten geführt werden.

In Indonesien habe ich mal ein Päärchen kennengelernt. Die beiden waren ein paar Jahre älter als ich und sie hat mir dann ihre Perspektive aus Sicht einer Frau erklärt: „Männer werden sieben Jahre alt, danach wachsen sie nur noch…“

Irgendwie muss ich jetzt, angesichts dieser halsbrecherischen Strecke daran denken und zugeben, dass sie nicht so ganz Unrecht hatte. (Aber das bleibt unter uns, ok?)

Falls du da mal hinwillst und da diese Route in der zerklüfteten Bergwelt der Türkei wirklich schwer zu finden ist, könnte dir das Folgende helfen: Ich habe den korrekten Einstiegspunkt aus Richtung Süden kommend mal hier in Google Maps markiert. Solltest du aus Richtung Norden kommen, wäre dies hier richtig.

Das Navi kündigt die Serpentinenpiste jedenfalls schon an und ich habe auch nicht den Eindruck, als könnten wir auf dem schmalen Schotter nochmal umkehren. Meinem Reisepartner habe ich also schon mal jede Fluchtmöglichkeit genommen.

Das ist hier wirklich nichts für Warmduscher: Es gibt keinen Asphalt, keine Leitplanken, keine Befestigung, keinen Platz. Hier kommst du mit dir und deiner Maschine klar oder du rasselst schnurstracks in Probleme. Wie immer sieht es aber auf den Bildern nicht so extrem aus, wie im wirklichen Leben.

Eine Herausforderung ist die Route vor allem immer dort, wo sich Schlamm und Geröll vermischen, bevorzugt genau in den Spitzkehren.

Kleinere Felsen können wir umfahren, grösseres Gestein räume ich selbst aus dem Weg (oder so…).

Gut ist, dass Jörn jetzt nicht mehr türmen kann, denn an Umkehr ist auf dieser steilen Geröllhalde nicht ernsthaft zu denken. Während es bei dem Menschen neben mir dann ungewöhnlich ruhig wird, versuche ich mich auf die Piste zu konzentrieren, denn – und das ist jetzt kein Gerede – wenn du hier oben einen Fehler machst, dann kann das dein Letzter sein!

Wasser und Wind waren dem Zustand der Abfahrt nicht zuträglich. Was ich sehe, sind 180-Grad-Kehren, entweder im Nebel oder halbwegs sichtbar, wobei ich unsicher bin, was jetzt besser ist.

So kommt es dann irgendwann, wie es kommen muss: Ich höre ein Scheppern und Jörn liegt mitsamt seiner 800er in der Horizontalen. Gott sei Dank mitten auf der Piste. Er nimmt es mit Humor und ruft nur: „Mach ein Footooh…“ noch bevor ich mich erkundigen kann, ob bei ihm alles ok ist.

Jetzt hat auch er die ersten Kratzer an seinem Motorrad. Das wurde aber auch Zeit!

Für den Rest der Abfahrt ist der Konzentrationslevel dann wieder ganz oben. Meiner Meinung nach ist der Schwierigkeitsgrad durchaus mit Theth in Albanien vergleichbar, Theth ist aber deutlich länger.

Landschaftlich ist das hier aber mit Theth und den „Peaks of the Balkans“ vergleichbar. Das ist GS-Land und genau hierfür wurden unsere Motorräder gebaut.

Um den Ausbau der Strasse hat sich in den letzten einhundert Jahren niemand gekümmert und so finden wir eine der letzten Abenteuerpisten vor, so ganz nach unserem (meinem?) Geschmack.

Jedenfalls kommen wir dann ohne Knochen- oder Rahmenbrüche unten an, wobei mit „unten“ nur „unten am Pass“ gemeint ist, denn von dort bis zur nächsten Ansammlung von Häusern, die gerade eben noch als Dorf durchgehen, sind es weitere zehn Kilometer.

Irgendwann kommen wir dann wieder auf die D915 und damit auf zivilisierte Verkehrswege. In der Nähe von Caycara sehen wir am Strassenrand eine recht einladende Holzhütte. Wir legen einen Stop ein und lassen uns einen Chai aufgiessen.

Der sehr, sehr alte Herr identifiziert uns als Deutsche und erzählt stolz mit ein paar restlichen Brocken unserer Sprache, dass er mal für drei Jahre in der Nähe von Heilbronn bei der Bahn gearbeitet hat. Ich versuche herauszufinden wann das war und erhalte als Antwort etwas, was ich als „so vor 40 oder 50 Jahren“ verstehe, also wirklich schon ganz schön lange her.

Der Kerl ist wirklich supernett, freut sich sichtlich über unseren Besuch und zeigt uns alles, was er im Angebot hat. Gleichzeitig ist er sehr an unseren Motorrädern interessiert und begutachtet alles akribisch.

Er lobt dann noch seinen selbstgepflückten Tee in den höchsten Tönen und preist ihn dabei immer wieder mit „Organic“ an, was bei uns ja soviel wie „bio“ bedeutet. Und alles was „bio“ ist, ist grün. Und grün ist ja gut. Naja und „links“ und „grün“ sind mittlerweile heilig, da verbieten sich jegliche Kritik oder Zweifel von selbst, eh klar.

Daher kaufe ich einen Beutel und freue mich über ein authentisches Mitbringsel für zuhause. (Was ich später dann bei jeder Grenzkontrolle bereue, denn es sieht verdächtig nach etwas aus, dass man nicht über Grenzen bringen sollte!)

Wir haben dann noch reichlich Spass mit dem kauzigen Kerl und dürfen zum Abschluss sein eigenes Motorrad bewundern, bevor die Zeit drängt und unser restliches Tagesprogramm ruft.

Am Ende der tollen D915 empfängt uns das Schwarze Meer. Hier ist die Navigation einfach, denn wir müssen nur noch an der Küstenstrasse in Richtung Osten fahren. Bei Rize vertanken wir unsere restlichen türkischen Lira und fahren die letzten 100 Kilometer bis an die Grenze nach Georgien.

Die Formalitäten bei der Ausreise nehmen heute unvorhergesehene Dimensionen an. Erwartet hätte ich einen Stempel und ein „Güle Güle“, aber da habe ich die Rechnung mal wieder ohne die Bürokratie gemacht. Die türkischen Grenzer schmoren uns bei Affenhitze mitten in der Sonne in einer langen Schlange. Wir lassen die Maschinen irgendwann einfach zwischen den Autos stehen und suchen Schutz in der Nähe eines Grenzgebäudes, wo es direkt an der Wand etwas Schatten gibt. Die gleiche Idee haben zwei spanische Päärchen und ich freue mich, meine spanischen Spachkenntnisse nutzen zu können.

Das eine Päärchen hat fünf Monate Zeit und will in Ruhe bis nach Kirgisistan, was ich ausgesprochen neidisch bewundere! Das zweite Päärchen ist auf einer nagelneuen 1290er KTM unterwegs und hat erstaunlich wenig Gepäck dabei. Sie wollen sich ebenfalls den Kaukasus anschauen, konzentrieren sich aber auf Georgien. Er erklärt mir dann eindringlich, warum wir auf gar keinen Fall zuerst nach Armenien und danach nach Azerbaijan reisen dürfen: Das gäbe nur ein Riesentheater! Bereist habe er die Länder zwar noch nicht aber… Naja, ich nicke freundlich.

So vertreiben wir uns mit Reiseunterhaltung zwischen Gleichgesinnten die Zeit, bis uns die Türkei entlässt und Georgien empfängt.

Bin ich glücklich? Ja, ich bin glücklich! Denn nun fängt der eigentliche Hauptteil der Reise an. Und dabei war die „Anreise“ schon wunderbar. Was für ein Privileg es ist, dies alles gesehen zu haben. Was jetzt wohl kommen mag? Wie sind Georgien, Armenien und Azerbaijan? Ich bin hellwach, gespannt und sehr, sehr neugierig.

Fazit:

Was soll ich nun sagen? Die Türkei hat mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt. Und das durchaus positiv, vor allem landschaftlich. Die Schönheit des Nordens hätte ich so nicht erwartet und bin ziemlich begeistert. Berge und Strassen, Schotterpisten und Flüsse, kleine Wälder und Felsformationen, ja sogar Skipisten haben wir gesehen und fanden das toll. Mindestens die Nordtürkei ist zum Motorradfahren klasse!

Eine überschwängliche Freundlichkeit kann ich allerdings nicht bezeugen, jedenfalls nicht mehr als in anderen Ländern auch. Das soll nicht heissen, dass die Türken unfreundlich waren, ganz im Gegenteil. Aber besonders nett war es immer abseits, wenn man es gerade nicht erwartet hat: Mitten in den Bergen oder bei den zufälligen Begegnungen auf der Strasse.

Das sind Situationen in denen das Reisen unendlich viel Spass macht und die ich so liebe. Dafür könnte ich bis ans Ende der Welt fahren.

Gerade in Hotels oder Restaurants war es dagegen eher „angemessen“, oder mehr freundlich reserviert als besonders umsorgt, wobei man es dort als zahlender Gast erwartet hätte.

Egal, für mich war das alles ok, vielleicht hatten die Vorschusslorbeeren eine gewisse Erwartungshaltung geweckt.

Bedenken hatte ich wegen der schlechten Nachrichten in der kürzeren Vergangenheit. Dazu gehört das teils seltsam anmutende Verhalten eines staatstragenden Herrn aus Istanbul, zahlreiche Festnahmen unter Willkür und auch die diskussionswürdige Auslegung von Presse- und Meinungsfreiheit. Aber gerade deshalb wollte ich mir die Türkei irgendwann auch mal selbst ansehen.

Gestutzt habe ich wegen der mittlerweile allgegenwärtigen informationstechnischen Kontrolle, beim Tanken, bei der Hotelbuchung, bei jeder Ortseinfahrt mittels Videoüberwachung, durch viele Polizeikontrollen. Wahrscheinlich bin ich diesbezüglich aber auch durch meinen Beruf sensibilisiert. Der Rest geht völlig in Ordnung und wir hatten bis dahin sehr viel Spass. Der Süden des Landes könnte hierzu durchaus andere Eindrücke vermitteln, aber das ist jetzt Spekulation. Als Durchreiseland… Ach nein, das wäre jetzt unfair…

Mit der Türkei begann für mich der eigentliche Kernteil der Reise. Sie war nicht nur Durchreiseland und es wäre vermessen, das jetzt so darzustellen. Hauptgrund dieser Reise war jedoch der Kaukasus. Und jetzt und hier, an der Grenze zu Georgien, beginnt der nächste spannende Teil…

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10 Kommentare

  1. rd07 08/12/2019

    Dieser Reisebericht bietet alles, von Info über Spaß, Freude am Motorradfahren und tollen Bildern.

  2. ebee 06/12/2019 — Autor der Seiten

    Danke für das Lob! Der nächste Teil folgt zum Weihnachtswochenende.

    An anderer Stelle hat mich jedoch jemand auf einen blöden Fehler hingewiesen: Ich habe die Hauptstadt der Türkei an den Bosporus verlegt. Gaaanz blöd und mir sehr, sehr peinlich! Ich lasse das jetzt aber so stehen, als Mahnung an mich selbst, mehr Sorgfalt walten zu lassen. Meine Entschuldigung geht direkt an Onkel Reccep.

  3. Norbert 30/11/2019

    Lieber Elmar,

    Deine Reiseberichte sauge ich stets auf wie ein Wunderschwamm. So auch diesen.

    Vielen Dank für die vielen Stunden investierter Arbeit. Auf die weiteren Teile bin ich sehr gespannt.

    Gruß
    Norbert

  4. Franz 28/11/2019

    Kann mir nicht vorstellen, das dich bitterböse Post, auch nur im Ansatz interessiert!
    Wozu auch?
    Muss eine geniale Reise gewesen sein.
    Wie immer gut erzählt und bebildert.
    Freue mich schon auf die Fortsetzung.
    Freundliche Grüße, von einem der auch nur gewachsen ist!!

    Fraunz

  5. ebee 27/11/2019 — Autor der Seiten

    Hmm, ich brauche niemanden der immer meiner Meinung ist, im Gegenteil. Es braucht Menschen, mit denen man noch neutral, nüchtern und sachlich diskutieren kann, das erscheint mir immer schwieriger zu werden. Auf beiden bzw. allen Seiten! Es fällt mir wirklich schwer, meine Ansichten und Meinungen aus den Berichten herauszuhalten, aber du glaubst nicht, wie viele Abschnitte ich immer kurz vor der Veröffentlichung lösche, weil mir das zu heftige Reaktionen hervorrufen würde. Ich erhalte auch so schon bitterböse Emails.

    Zurück zum Thema: Georgien (mit Armenien) ist zwischenzeitlich fertig und ziemlich lang geworden. Aber ich das gibts dann erst zu Weihnachten, zum Lesen unter dem Tannenbaum 🙂 Und ich verspreche, das Warten lohnt sich!!!

  6. Maxmoto 27/11/2019

    Jetzt wird es persönlich.
    Dass Deine Reiseberichte faszinieren – ok, tun andere auch.
    Was mich beeindruckt: Dass Du zu einigen Dingen einfach eine Meinung hast (wie immer die entstanden ist) und die nicht nur kund tust, sondern auch zu ihr stehst.
    Klingt vielleicht doof (oder einfältig) aber ich find’s großartig (obwohl wir sicher nicht immer einer Meinung sind).
    Da ist einfach kein wischiwaschi dabei.
    Das und die weiteren Berichte atemberaubender Landschaften lassen mich die Fortsetzungen herbeisehnen.
    Maxmoto

  7. Anonymous 25/11/2019

    Super, freue mich auf die folgenden Teile

  8. wbuster 24/11/2019

    Hallo,
    klasse Bericht.
    bitte schnell weiter berichten.

  9. Olaf Görlach 24/11/2019

    Hallo,
    super Reisebericht, der mich schon sehr neugierig auf die Fortsetzung macht.

    Viele Grüße

    Opa Olaf

  10. NF 22/11/2019

    Moin,

    über den link im GS_forum hierher gefunden 😉

    Dankeschön fürs mitnehmen und Chapeau…freue mich auf die Fortsetzung dieser wohl wirklich einmaligen Reise.

    VG

    NF

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