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Prolog Kaukasus 2019

Für die jetzt (im Winter 2019/2020) folgenden Reiseberichte möchte ich ein paar Gedanken vorziehen: Also, wo soll ich anfangen? Nach einigen Touren quer durch Europa trieb mich das Reisefieber irgendwann weiter hinaus. Ich kann nicht sicher sagen, wann mir der Gedanke kam, in den Kaukasus zu fahren, aber das ist auch irgendwie egal, oder?!

Schon im Herbst 2018 habe ich begonnen, mich mit der Tourenplanung 2019 zu beschäftigen. Als ich nachschaute, welche Länder ich in den vergangenen Jahren bereist habe, waren die weissen Flecken nur noch in Südosteuropa zu finden, West- und Mitteleuropa waren eigentlich durch.

In der Türkei war ich überhaupt noch nie, der Kaukasus klingt sehr verlockend, der Westteil Russlands ist mir noch unbekannt und zur Ukraine habe ich einen Bezug aus familiär-historischen Gründen, da mein Grossvater 1944 in der Nähe von Charkow gefallen ist. Kein Mitglied meiner Familie war jemals vor Ort und hat ein Grab besucht und das wollte ich auf jeden Fall ändern. Das alles führte dann zu folgender groben Routenplanung:

Waren die Motorradreisen der vergangenen Jahre noch im Rahmen einer „normalen“ Reisedauer von 2-3 Wochen machbar, würde dies mit dieser Tour jedoch nicht möglich sein. Soviel war mir schon bei der Grobplanung klar. Ausserdem sind ein paar Dinge zu beachten, für welche die Jahreszeit eine Rolle spielt. Dazu zählen vor allem die spektakulären Pässe in Georgien (Abano-Pass, Ushguli-Lentekhi, Georgian Military Highway), aber auch die alte russische Militärstrasse an der D915 in der Nordosttürkei. Diese Routen liegen im Bereich bis zu 3000 Höhenmetern und sind nur im Sommer befahrbar.

Daher fiel die Wahl auf die Monate Juni/Juli und ich wusste, es würde sehr warm werden, mir ist Hitze aber lieber als Kälte. Ein weiteres Kriterium addierte sich ganz ohne mein Zutun: Meine Frau wollte auf keinen Fall, dass ich alleine so weit weg fahre, also musste ich mir mindestens einen Reisepartner suchen. Über das Forum der Motorradkarawane bin ich dann zum Jahresende 2018 fündig geworden und habe mit Jörn einen Motorradfahrer kennengelernt, der ebenfalls in den Kaukasus wollte. Wir haben dann im Vorfeld viel telefoniert, aber getroffen haben wir uns tatsächlich erst am zweiten Tag der Reise südlich von Dresden. Das lag vor allem an der Distanz: Jörn wohnt an der Ostsee, ich im Münsterland, 600 Kilometer voneinander entfernt.

Mit der Beschaffung der Visa habe ich Anfang Mai 2019 begonnen. Nötig sind Visa für Azerbaijan und Russland und das Russland-Visum habe ich über eine professionelle Visaagentur (Spomer) beantragen lassen und gute Erfahrungen gemacht. Um Azerbaijan habe ich mich selbst gekümmert, da man das online auf englisch erledigen kann.

Für die restlichen Länder kann man die Formalitäten direkt an der jeweiligen Grenze erledigen, jedenfalls was den einreisenden Menschen betrifft. Eine Fahrzeugeinfuhr ist dagegen immer wieder spannend. Die Fahrzeugversicherung für Georgien sollte man ruhig schon von Deutschland aus erledigen. Das geht schnell, einfach und preiswert über das Internet. Hier findest du alles online. (Und ganz oben rechts auf der Seite kannst du das auch auf englisch erledigen)

Dann habe ich mir einen (bzw. sogar zwei) internationale Führerscheine besorgt. Im Nachhinein ist das eingetreten, was ich mir schon gedacht hatte: Keine Sau will die sehen. Bei keiner der etwa fünfundzwanzig Kontrollen an Grenzen, auf der Strasse oder in entlegensten Bergregionen hat sich jemand für diese prähistorischen Pappen interessiert. Und ich habe manchmal echt versucht, den Beamten die Dinger aufzudrängeln. Jedes Mal habe ich nur Kopfschütteln geerntet und das deutliche Verlangen der Kontrolleure, gefälligst den richtigen Führerschein (Alle forderten immer: „Plastic!“) rauszurücken. Ich würde die Dinger nicht wieder beantragen, das ist rausgeschmissenes Geld, zumal die auch nach einem bzw. zwei Jahren wieder ablaufen. Maximal nehme ich in Zukunft noch die abgelaufenen Exemplare mit.

Wie du vielleicht weisst, bin ich ein absoluter Fan der guten alten Papier-Strassenkarten. Natürlich fahre ich mit Navi und OSM-Kartenbasis, aber um zu planen, die Übersicht zu behalten oder mit dem Militär in Inguschetien die erlaubte Exit-Route auszuhandeln (Nein, kein Scherz…) sind Papierkarten ein Muss. Ich habe mir vorher die notwendigen Blätter aus dem Reise-Know-How-Verlag bestellt. Die sind aus Spezialpapier und halten auch im Regen durch.

Bei der Buchung von Hotels, Pensionen und B&B verlasse ich mich auf Booking. Das klappt gut und ist – mal abgesehen von der Türkei im Jahr 2019 – auch zuverlässig. Für die Sperrung in Receps Reich kann aber Booking.com nichts und dort bin ich auf das alte Google-Maps ausgewichen.

Noch ein Wort zum Finanzbedarf: Geld ist kein Hinderungsgrund für eine Reise, schon gar nicht in den Kaukasus und auch nicht für einen Westeuropäer im Jahr 2019. Es gibt auf der gesamten Reise keine teuren Länder und wenn man es richtig krachen lassen will, muss man sich schon sehr anstrengen. Ans Campen habe ich daher nicht einmal im Traum gedacht und deshalb auch gar nicht erst mein Zelt mitgenommen (ja, ich besitze eines!) 

Ich hatte 800 Euro Bargeld dabei, verteilt auf verschiedene Taschen und habe davon nur etwa die Hälfte gebraucht, denn die lokale Währung kostenfrei am jeweiligen Bankautomaten zu ziehen, ermöglicht mir meine Kreditkarte der DKB. Genau dafür habe ich mir vor ein paar Jahren mal das Konto dort eingerichtet. Das funktioniert für mich sehr gut und heute ist es nun schon mein privates Hauptkonto. Fast alle Übernachtungen konnte ich mit der Visa-Karte bezahlen und das Tanken überall. Wie gesagt: Vor Ort in Landeswährung Bargeld aus dem Automaten zu ziehen ist mit dieser Karte weltweit kostenfrei!

Das grösste Hindernis für meine Reise – und das gebe ich ganz offen zu – war meine Frau. Und das liegt nicht daran, dass sie mich nicht fahren lässt (da habe ich sehr viel Glück…), sondern daran, dass ich lieber mit ihr unterwegs bin. Wir waren in den vergangenen Jahren nie mehr als zwei Wochen getrennt und mir war auch nicht wohl bei dem Gedanken, sie so lange im Sommer alleine zu lassen. Wir haben fast jeden Abend telefoniert und sind noch ein Paar, insofern ist also auch nach der Reise noch alles in Ordnung 🙂

Bezüglich der Ausstattung verliess ich mich auf die Dinge, die ich selbst erprobt habe und die mir in den letzten Jahren schon gute Dienste geleistet haben. Das waren zum Beispiel die Conti TKC70 Reifen, von denen ich kurz vor dem Start einen frischen Satz aufziehen liess. Das sind immer noch meine liebsten Allround-Reifen und du kommst damit auf der Autobahn genau so gut klar wie auf Schotter. Im Matsch ist irgendwann Schluss, aber immer noch später als mit reinen Strassenmodellen. Ich wusste, dass die Reifen mehr als 10.000 Kilometer halten müssen und bei sowas verlasse ich mich gerne auf eigene Erfahrungen.

Einzig die Heidenau K60 Scout wären für mich noch eine Alternative gewesen, aber die fahre ich bisher nur auf meiner klassischen XRV750 Africa Twin.

Dann gehört ein Glocalme-U3-Hotspot zu den Dingen, ohne die ich nicht fahre, denn ich arbeite sehr viel online und kann am Abend wenigstens noch die wichtigsten Dinge erledigen. Zusammen mit meinem ziemlich leichten 12″-Macbook ist diese Ausrüstung für mich essenziell.

Ich habe das wunderbare Privileg einen Job auszuüben, bei dem ich flexibel und ortsunabhängig arbeiten kann. Heute ist es ja schon Mode, über das „digitale Nomadentum“ zu philosophieren, ich arbeite schon seit etwa 2012 unterwegs. Das geht aber auch nur, weil mein Beruf das erlaubt und ich im IT-Sicherheitsbereich unterwegs bin. Bei mir spielt der Ort keine Rolle, ich brauche nur eine Internetverbindung, sowie Notebook oder Tablet, wobei ich mich da auf die eher teure, dafür aber hochwertige Hardware von Apple verlasse. Das Zeug funktioniert einfach.

Nicht verzichten möchte ich ausserdem auf die sehr verlässlichen Dinge von Enduristan (Packtaschen, Tankrucksack) und Sony (Digitalkameras, Objektive). Das soll jetzt keine Werbung sein (ich bekomme das nicht von den Herstellern vergütet!) sondern die Sachen sind einfach gut.

Je näher dann der Termin der Abreise kam, um so spannender wurde es für mich. Georgien oder Azerbaijan sind eben keine typischen Urlaubsländer mehr, das ist etwas anderes als nach Malle oder zum Campingurlaub nach Kroatien. (Nein, ich habe nichts gegen Mallorca oder Kroatien, im Gegenteil!)

Mit Russland hatte ich bereits ein paar bemerkenswerte Erfahrungen gemacht und die Ukraine wurde mir im Vorfeld praktisch als „Mutter allen Ärgers“ beschrieben, was sich im Nachhinein als kompletter Unfug entpuppt hat. Die Ukraine war eine meiner positivsten Erfahrungen auf der Reise.

Auch interessant: Komme ich über Wochen mit einem fremden Menschen klar? Zumal ich in den letzten Jahren so viel alleine gereist bin und – soweit es nach mir geht – auch keinen Babysitter brauche. Fakt ist aber auch, dass man sich am Abend mal austauschen oder im Falle eines Falles helfen kann. Das ist ein durchaus beruhigendes Gefühl, vor allem wenn man weiter weg ist. Selbst jetzt, mit etwas Abstand möchte ich mich gar nicht für eine der beiden Varianten entscheiden, beide haben Vor- und Nachteile.

Spoiler: Ab Russland bin ich dann alleine gefahren.

So, jetzt aber genug der Vorgeschichte. Teil 1 (von 4) beginnt in Kürze hier.

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4 Kommentare

  1. ebee 19/11/2019 — Autor der Seiten

    Teil 1 von 4 geht am kommenden Wochenende online. Das war eine bemerkenswerte Tour 🙂

  2. Andreas 19/11/2019

    Bin gespannt wie es weitergeht. Ein vielversprechendes Ziel.
    Gruss

  3. ebee 03/11/2019 — Autor der Seiten

    Ohne Leser und Rückmeldungen wie jetzt von dir wäre der Blog sinnlos. Insofern habe ich zu danken!

  4. Michael 03/11/2019

    Hallo Elmar,
    vielen Dank für wirklich tollen Reiseberichte. Ich hab bisher alle gelesen und absolut gesuchtet. Toller Schreibstil, schöne Bilder.

    DANKE!

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