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Erfahrungsbericht: Enduropark Hechlingen

Kumpel Rolf ist schuld: Er meinte, ein Zwei-Tages-Endurotraining von BMW im bayerischen Hechlingen wäre sinnvoll! Was ich bei seiner Solo-Teilnahme 2015 belächelt hatte, musste ich daher – natürlich nur unter Zwang – selbst probieren. Ist das nun Spielkram oder ernsthaftes Training?

Rolf überredete mich Ende des letzten Jahres dazu und eine Entscheidung musste frühzeitig erfolgen, denn die Termine in der mittlerweile recht bekannten BMW-Arena für grosse Jungs (und Mädels) sind schon Monate im Voraus ausgebucht.

Wir quartierten uns für das Training am Dienstag und Mittwoch vor Ostern 2017 also im „Forellenhof“ in Hechlingen ein und reisen bereits am Montag die 600 Kilometer aus dem Norden an. Das Hotel liegt nahe dem alten Steinbruch, welcher seit 1993 für die Motorradtrainings zweckentfremdet wird und stellt aus diversen Gründen eine zweckmässige Wahl dar.

An dieser Stelle zunächst ein paar Fakten zum Enduropark: 27 Hektar, Schotterpisten jeglicher Körnung, von Staubpartikel bis Felsblock in Regentonnengrösse.

Dazu Waldstrecken, Steilrampen, Graswiesen, Wüstensand und Wasserdurchfahrt. Alles was man zum Üben benötigt, ist auch vorhanden.


Unser erster Tag begann mit einer fröhlichen Begrüssung, sowie der Einweisung und Übergabe der Trainingsmaschinen. Rolf und ich hatten jeweils eine R1200GS vorgebucht, denn wir wollten Maschinen fahren, die unserem realen Tagesbetrieb möglichst nah kommen. Die erhaltenen Motorräder waren dabei praktisch neuwertig, durchweg 2017er Modelle und hatten gerade 700km auf dem Tacho. Als Bereifung waren Metzeler Karoo 3 aufgezogen und der Luftdruck auf 1,8bar reduziert – ideal für die Trainingsumgebung, denn auf dem gesamten Gelände ist Asphalt ein Fremdwort!

Wir fuhren fast ausschliesslich im „Enduro-Mode“ und man braucht keine zu grosse Angst vor Blessuren an den Leihmotorrädern zu haben: Umfaller sind kein Problem, solange man nicht absichtlich versucht, seine Maschine in den Offroadhimmel zu befördern. Ich würde im Übrigen dringend von der Nutzung der eigenen Maschine abraten.

Ein Teilnehmer unserer Gruppe hatte eine F800GS gewählt, war dann aber gegen Ende des ersten Tages etwas unglücklich mit seiner Wahl. Er äusserte den Wunsch, Tag Zwei ebenfalls mit der 1200er zu absolvieren und sein „Upgrade“ stand dann am nächsten Morgen wie selbstverständlich bereit.

Für die Einstufung des eigenen Kenntnisstands kann man selbst zwischen Einsteiger, Mittel und Fortgeschrittenengruppe wählen. Wir hatten uns in eine Mittelgruppe einteilen lassen (was eventuell auch einer gewissen Bequemlichkeit geschuldet war…)

Der Fahrbetrieb begann dann mit wichtigen Grundübungen wie Balance, engen Kurven und diverser theoretischer Grundlagen. Diese waren über die gesamten zwei Tage immer exakt passend dosiert und es wurde nie langweilig. Unsere Gruppe bestand aus sieben Teilnehmern und das Training aus fünf Gruppen, die sich auf dem riesigen Areal nie in die Quere kamen.

Weiter ging es schon am ersten Vormittag mit Schotterhandling und Waldfahrten. Der Schwierigkeitsgrad wurde kontinuierlich gesteigert und orientierte sich immer am Wohlbefinden der Gruppe. Wir hatten einen Kanadier dabei, der am Vormittag etwas überfordert wirkte und einfach die falsche Gruppe gewählt hatte.

Er wechselte dann kurzerhand zu den Einsteigern, was genau so problemlos möglich war, wie ein Übergang zu den Profis. Wirklich klasse ist auch, vollkommen ohne Zwang zu fahren. Weder die Instruktoren noch die Teilnehmer setzen sich oder andere je unter Druck. Dies ist umso wichtiger, da das gesamte Training definitiv nichts für Angsthasen ist. Beim Anblick der Rampen und Waldstrecken wird einem recht schnell etwas mulmig, was die Fotos nicht annähernd realitätsgetreu wiedergeben können.

Anekdote am Rande: Am Vormittag des zweiten Tages musste unser Instruktor mit Schlüsselbeinbruch aussteigen. Dabei kommentierte er seinen Sturz nur lapidar mit dem Hinweis, seine Maschine nicht mehr alleine aufheben zu können und übergab uns an einen nicht minder versierten Kollegen…

Dabei kann man eine Übung jederzeit problemlos auslassen, wenn man sich dabei unwohl fühlen sollte. Diese Karte hatte bei uns aber niemand gezogen, dazu waren Spass, Neugier und Durchhaltewille bei allen einfach zu gross.

Mit den Übungen sind selbst zunächst unmöglich erscheinende Aufgaben machbar. Schon am Ende des ersten Tages waren wir alle völlig verblüfft, zu welchen Leistungen die vermeintlich viel zu schwere 1200er GS LC fähig ist: Unfassbar! Ich hätte noch vor wenigen Tagen hoch gewettet, dass einige Passagen mit diesem Modell unmöglich sind. Und wir reden jetzt nicht von Rallye-Profis, sondern von uns ganz normalen Fahren, die eine abgestimmte, fundierte Einweisungen erhalten haben.


Tag zwei brachte uns dann neue Schwierigkeitsgrade: Bergen am Steilhang, Steilhangauffahrt, Gras, Tiefsand, Wasserquerung.

Tiefsand ist übrigens eine echte Herausforderung und ziemlich anstrengend, wird aber viel leichter, wenn man weiss, worauf man achten muss.

Mit welchen Tricks man solchen Herausforderungen begegnet, lernt man in Hechlingen auf jeden Fall. Und auch, wie man sich aus scheinbar verzwickten Situationen befreit…

…wird sehr, sehr unterhaltsam und medienwirksam vermittelt:

Am Nachmittag des zweiten Tages haben wir dann noch eine willkommene Ausfahrt ausserhalb des Gelände unternommen. Unser Instruktor führte die Gruppe für etwa eine Stunde in die Umgebung. Mit einem sehr hohen Schotter- und Waldweganteil ging es durch die Umgebung von Hechlingen. Hier konnte man das Erlernte gleich in der Praxis anwenden.

Noch ein paar Worte zur Unterkunft, dem Forellenhof in Hechlingen: Die Zimmer gehen in Ordnung. Rolf hatte ein renoviertes im ersten Stock, ich selbst ein gerade noch akzeptables im Erdgeschoss. Das Mittagessen nimmt man gemeinsam mit allen Teilnehmern dort ein, wozu man in der Gruppe vom Trainingsgelände dorthin fährt. Wen es interessiert: WLAN gibt es nur im Eingangsbereich und der Mobilfunkempfang tendiert gegen Null.

Zur Infrastruktur im Enduropark: Auch dort sehr schlechter bis kein Handyempfang (Du sollst ja auch fahren und nicht telefonieren!). Getränke in Form von Kaffee und Wasser gibt es kostenlos und auf der Sonnenterrasse kann man jederzeit eine Pause einlegen. Die Einrichtungen in Form von Schliessfächern, Sanitäranlagen, Umkleiden und Aufenthaltsraum sind top!

Fazit: Wir hatten selten so viel Spass daran, Mensch, Motor und Maschine derart durch den Dreck zu befördern:

Der Lernfaktor ist enorm hoch und die zwei Tage haben sich wirklich gelohnt. Für die eigene Praxis und den Erfahrungswert allemal. Das Preis-Leistungsverhältnis geht voll in Ordnung, jeder Euro ist hier sehr gut investiert. Und was mir besonders schwerfällt: Rolf hatte Recht!

Empfehlung: Mitmachen!

 

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