Unsere Reise über die Routes des Grandes Alpes und den ACT Pyrenäen hat viel Spass gemacht und vor allem der ACT hat es uns angetan. Deshalb waren Detlef und ich uns sicher, dass wir 2026 unseren nächsten ACT fahren wollen.
Aber schon im August ruft Detlef an und meint, ein Jahr warten, das wäre viel zu lange. Wieso fahren wir nicht schon dieses Jahr den ACT Italien? Er hätte über den Monatswechsel September-Oktober Zeit. So eine Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen und sage spontan zu.
Wir haben uns dann abgestimmt und vereinbart, dass wir uns am ACT-Startpunkt im italienischen Ort Bertinoro treffen. Detlef reist aus Deutschland an und transportiert sein Motorrad auf dem Anhänger bis Innsbruck. Ich werde aus Malaga starten, bis nach Barcelona fahren und dort die Fähre nach Civitavecchia nehmen.
Die Fähre buche ich rechtzeitig vorab und zahle für Mensch und Maschine in der Einzelkabine für Hin- und Rückfahrt komplett 198 Euro. Da kann man nicht meckern.
Nach den Erfahrungen auf dem ACT Pyrenäen möchte ich mein Gepäck reduzieren. Weil diese Tour etwas kürzer ist, packe ich nur das Nötigste ein. Das Gesamtgewicht ist ein absolut entscheidender Faktor.
Vorher habe ich noch technische Änderungen an der Tenere durchgeführt: Ein paar Handguards von Acerbis verstärken den Schutz der Hände am Lenker und klappbare Spiegel sorgen im Gelände für etwas weniger Bruchgefahr, im Falle eines Sturzes. Zudem habe ich mein vier Jahre altes Navigations-Smartphone erneuert. Für den ersten Test mit OSMand auf Android hatte ich ein 150-Euro-Gerät gekauft. Das funktioniert zwar, ist bei der Routenberechnung aber viel zu langsam.
Die Tenere kommt zudem frisch aus der Inspektion, mit neuen Bremsbelägen und einem neuen Satz Reifen. Diesmal sind es keine Conti TKC70, sondern Mitas Enduro Trail Plus in der etwas härteren Dakar-Version.
Um die Belastungen im Gelände auszugleichen, habe ich mir zudem verstärkte Schläuche von Heidenau besorgt. Ich hoffe, damit einen Plattfuss zu vermeiden.
Ende September stehe ich einsatzbereit in Andalusien.
Für die Fahrt von Malaga nach Barcelona plane ich zwei Tage ein. Durchs Hinterland sind das etwas mehr als 1.000 Kilometer. Es geht über Ubeda und Albacete nach Requena, dann weiter in Richtung Küste und nach Valencia.

In der Nähe von Valencia finde ich das „La Siesta Hostel“ in Almardá und übernachte dort, bevor ich morgen auf der N-340 die Küste entlang in Richtung Barcelona fahren will.

Die N-340 ist eine ziemlich berühmte Strasse und basiert auf der antiken, römischen Via Augusta. Sie beginnt bei Barcelona und führt dann über 1.000 Kilometer, immer an der Küste entlang bis in den Süden Spaniens, nach Cadiz. Ich kenne einen Teil davon in unserer Region und hätte durchaus Lust, die N-340 mal komplett zu fahren.
Die N-340 ist – ähnlich wie die historische N2 in Portugal – eine Strasse aus besseren Zeiten. Neben der Strecke sieht man immer wieder alte Hotels und Restaurants. Viele davon sind nun verlassen. Dadurch bekommt die Route einen ganz besonderen Charme. Ich mag das sehr.
Am Morgen geht es nördlich von Almardá durch die Ebene. Hier gibt es weite Seen, in denen Flamingos stehen und offenbar Fisch gezüchtet wird.
Immer wieder kann man am Rand des Weges Fischreusen erkennen. Die Umgebung sieht sehr schön aus und hier gibt es praktisch keinen Verkehr.
Bis Amposta bleibe ich auf der N-340, dann mache ich noch einen Schlenker in die Berge über die C-12 und N-420 nach Mora d’Ebre.
Zwischendurch taucht ein erstes Problem auf: Zuerst geht mein Garmin-Navi einfach aus, dann auf einmal das Smartphone mit OSMand. Ich grüble während der Fahrt und vermute einen Zusammenhang.
Wahrscheinlich liegen die beiden Navis auf dem gleichen Stromkreis. Ich suche mir eine ruhige Parkmöglichkeit und baue die Sitzbank ab. Darunter liegen die Sicherungen und daneben klemmen sogar ein paar davon als Ersatz. Bisher hatte ich noch keine benötigt. Ich finde tatsächlich eine defekte Sicherung und tausche sie aus.
Der Ebro ist hier bereits ziemlich gross und breit. Es gibt sogar eine kleine Fähre, mit der man den Fluss überqueren kann.
Ausserdem kann man hier wunderbar abseits des Asphalts unterwegs sein, als Einstimmung auf den ACT sozusagen.
Bei Calafell komme ich dann wieder an die Küste und fahre die letzten Kilometer bis zum Hafen von Barcelona.
Vorher halte ich noch an einem Mercadona-Supermarkt bei Cubelles und kaufe die Verpflegung für die Überfahrt ein.
Den Hafen erreiche ich am Abend, während eine dunkle Gewitterfront von Norden heranzieht. Ich hoffe, das Boarding beginnt, bevor sich die Wolken hier entladen und kann tatsächlich pünktlich um 19:30 Uhr auffahren. Die Fähre soll um 22:00 Uhr ablegen.
Meine kleine Innenkabine beziehe ich hier für die nächsten 20 Stunden. Sie sieht so aus, wie ich es bereits von den vielen vorhergehenden Überfahrten gewohnt bin. Es gibt zwei Betten, darüber zwei weitere zum Ausklappen, daneben ein kleines Bad mit eigener Dusche und WC. Für eine Fähre reicht mir das vollkommen.
Zwischenzeitlich hat sich das Gewitter entladen. Ich mache mich auf zum Oberdeck und bin auf der Suche nach der Bar. Die finde ich auch und erstehe eine 0,33 Liter Dose Bier für 5 Euro. Selbst Schuld denke ich, denn die Dose Bier hätte ich auch vorher im Supermarkt kaufen können.
Am Morgen gibt es einen kurzen Zwischenstopp im Hafen von Porto Torres auf Sardinien, dann geht es weiter nach Civitavecchia. Das ist der Fährhafen, etwa 50 Kilometer nordwestlich von Rom.
Während die Sonne langsam am Horizont verschwindet, müssen wir auf die Einfahrt in den Hafen warten. Die Fähre liegt etwa eine Stunde in Sichtweite vor dem Hafen, weil es dort nicht genügend Liegeplätze gibt.
Ich buche mir derweil ein Hotel im nahen Tarquinia, weil es bereits dunkel ist und ich ungern im Dunklen mit dem Motorrad unterwegs bin. Als ich im Hotel „Villa Tirreno“ ankomme, bestelle ich mir noch ein Bier an der Bar und zahle dafür 8,50 Euro. Auf meine Nachfrage, ob sie sich bei der Rechnungsstellung geirrt haben, erhalte ich eine Bestätigung des Preises. Bin ich irgendwie auf dem Holzweg oder sind viele Dinge nun einfach so teuer geworden?
Das Hotel ist trotzdem richtig gut und es gibt für italienische Verhältnisse ein vernünftiges Frühstück. Bereits früh am Morgen kurve ich durch die seichten Hügel Italiens und kann noch die letzten Nebelreste in den Tälern bewundern.
Dann geht es durch den Ort Pratovecchio, der mir bekannt vorkommt. 2008 haben wir hier in der Nähe unseren Sommerurlaub verbracht und mit zwei befreundeten Familien ein grosses Ferienhaus mit Pool gemietet.
Da ich keinen Zeitdruck habe, mache ich den kleinen Abstecher hoch in die Berge, in den kleinen Ort Lonnano.
Am Rand des Dorfes finde ich die „Villa Caterina“. Das ist ein seltsames Gefühl, wenn man nach so vielen Jahren nochmal hier lang kommt.
Am Passo della Calla überquere ich die Grenze von der Toskana in die Emilia-Romagna. Dann geht es weiter, grob in Richtung Forli. Dort in der Nähe, im Ort Bertinoro, beginnt dann der ACT Italien.
Bertinoro erreiche ich am Nachmittag. Am Himmel ziehen schon wieder dunkle Wolken auf und ich nehme an, es wird heute wieder regnen. Im Moment hält das Wetter aber noch.
Gerechnet habe ich mit schönem Spätsommerwetter, aber die Vorhersagen sind nicht gut. Weil ich aus Erfahrung weiss, dass das Wetter auf einem ACT eine entscheidende Rolle spielt, bin ich gerade skeptisch. Schon in den Pyrenäen hatten wir etwas Schwierigkeiten mit regennassen Abschnitten, die im Trockenen wahrscheinlich problemlos sind.
Zurück zu Bertinoro: Sehr viele Hotels gibt es hier nicht, aber auf Booking habe ich das „La cana dolce“ gefunden. Das ist eine kleine Pension mit guten Bewertungen. Das Haus liegt etwas unterhalb der Dorfstrasse in einem riesigen Garten.
Hier kann ich in Ruhe an dem Elektronikproblem arbeiten. Bereits gestern haben sich wieder beide Navigationssysteme verabschiedet. Ich versuche dem Schaden durch Fakten sammeln auf die Spur zu kommen:
Seit Kurzem besitze ich ein recht aktuelles Motorola Edge 50. Ich nutze das ausschliesslich für die Navigation. Das Smartphone besitzt eine Schnell-Ladefunktion mit 60 Watt. Mein altes Garmin benötigt 20 Watt, macht also 80 Watt in der Summe. Die Bordspannung liegt bekanntlich bei 12 Volt. Leistung errechnet sich aus P=U*I also liegt der Strom bei I=P/U. 80 geteilt durch 12 sind etwa 6,5. Der Strombedarf für meine beiden Navis liegt also irgendwo bei 6-7 Ampere bei Volllast. Die Sicherung für das Navi, die ich vorgestern erstmalig getauscht habe, hat 2 Ampere. Das kann offensichtlich nicht funktionieren.
Ich will aber auch nicht einfach eine grössere Sicherung einsetzen, jedenfalls nicht, ohne einen weiteren Versuch zu starten. Also kommt nochmal eine 2A-Sicherung rein.
In der Zwischenzeit hat sich Detlef gemeldet. Er ist irgendwo auf einem Autobahn-Rastplatz zwischen Bologna und Forli und sucht Schutz vor dem aufkommenden Gewitter. Sobald sich das verzogen hat, geht es weiter und er müsste dann in etwa einer Stunde in Bertinoro ankommen.
Es schüttet wie zu erwarten heftig, aber kurz. Ich nehme ihn dann oben an der Strasse in Empfang und wir beziehen unser kleines Nebenhaus im Garten der Pension.
Endlich können wir nun wieder gemeinsam fahren und freuen uns beide schon sehr auf unseren zweiten ACT.
Am Abend gehen wir hoch in den Ort und essen im Restaurant „Da Nonna Rina“. Das ist eine Empfehlung unserer Zimmerwirtin und wir sind restlos begeistert. Kochen können sie in Italien!
Zum Start am Sonntagmorgen hört der Regen auf. Das Frühstück nehmen wir mit einem deutschen Paar ein. Er fuhr letztes Jahr den ACT Italien mit seinem Vater, musste aber bereits am ersten Tag abbrechen. Erst fehlte ihnen der Sprit, dann streikte auf der schwierigen Route die Technik.
Bei meinen Recherchen zum ACT Italien habe ich fast nur schlimme Geschichten gehört, insbesondere zu den ersten beiden Tagen. Wenn ich jetzt an den vielen Regen denke, habe ich Respekt beim Gedanken an unser Vorhaben.
Wir sind einerseits neugierig und voller Freude, andererseits vorsichtig und respektvoll. Der offizielle Start des ACT ist der Platz vor dem Rathaus von Bertinoro.
Von oben hat man einen schönen Blick über die Ebene nach Osten.
Dann fahren wir ab und schnell verlassen wir zum ersten Mal den Asphalt und fahren auf tollen Nebenstrecken durch die Pampa.
Die erste richtige Offroad-Strecke beginnt schon wenige Kilometer hinter dem Startpunkt in Bertinoro. Das fängt ja gut an…
Und als ob sich die Geschichten der anderen Fahrer zu den ersten Tagen bewahrheiten müssten, steigert sich der Schwierigkeitsgrad mit jedem Stück Offroad, das wir unter die Räder nehmen.
Vier deutsche Motorradfahrer mit Kennzeichen aus Freising fahren an uns vorbei und auf der Landstrasse weiter, wo wir auf dem Track bleiben und abbiegen. Wer von uns ist gerade falsch?
Es geht einen kleinen Hügel hinauf, dann auf eine Wiese, wo der Weg einfach endet. Links steht eine Scheune. Wir rätseln, ob wir auf dem richtigen Weg sind, aber mein OSMand-Navi sagt: Ja, alles prima, fahrt weiter!
Detlef prüft sein Navi. Auch laut seinem Display sind wir korrekt und exakt auf der richtigen Route. Wir haben zu diesem Zeitpunkt beide den offiziellen ACT Track in der Version 21 geladen, die erst im September rausgekommen ist. Es ist September und es gibt keine neuere Version als die, die wir haben.
Es ist jetzt 12:06 Uhr. (Ich kann die Uhrzeiten später anhand der Fotos nachvollziehen)
Nochmal zur Lage: Wir stehen oben auf einem Hang, am Rande einer Wiese, neben der besagten Scheune. Es geht recht steil hinab ins Tal. Der Schotterweg endet hier und unsere Navis sagen, wir sollen jetzt diesen Abhang runterfahren.
Ich habe starke Bedenken, weil man nicht mal mehr eine Spur erkennen kann, aber wir wollen jetzt auch nicht am ersten Tag schon die Memmen spielen und uns der „Herausforderung“ stellen. Zur Sicherheit laufe ich zunächst den Hang zu Fuss hinunter und prüfe die Beschaffenheit des Untergrunds.
Das Gras auf der Wiese ist nass und rutschig, aber wir sind beide der Meinung, wir kriegen das schon hin. Etwas skeptisch komme ich zurück.
Dann fahre ich vor, komme aber keine 50 Meter weit. Die Kontrolle über das Motorrad versuche ich mit der Hinterradbremse zu behalten. Auf dem nassen Gras und dem sehr rutschigen Lehmboden darunter, habe ich aber wenig Chancen. Das Heck überholt mich, dann liege ich das erste Mal auf der Seite. Der zweite ACT, aber der erste Sturz, diesmal noch vor Detlef. So ein Mist. Ich muss grinsen, weil Detlef sich so freut und schnell ein Foto macht. Jetzt lachen wir noch.
Da der Sturz bei ziemlich geringer Geschwindigkeit passiert ist, noch dazu auf Gras, gibt es nicht mal Kratzer. Detlef bitte ich über das Intercom, er möge oben bleiben und noch nicht losfahren. Ich habe Sorge, dass er sonst in mich reinfährt. Zuerst will ich die Maschine wieder aufrichten, was auch nach einiger Mühe klappt.
Ich rutsche dann mehr ins Tal, als dass ich fahre, aber egal, ich bin unten. Hier ist nun der „Point of no return“ und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Detlef kommt nach und schafft es zunächst ohne Sturz. Wir stehen nun zwar unten im Tal, haben aber schon die nächste Herausforderung vor der Nase. Hier unten ist alles pitschnass und der Boden ist weich wie Butter. Im Profil unserer Reifen steckt schon nach wenigen Metern der Lehm fest.
In einer Senke absolvieren wir die erste Wasserdurchfahrt. Was mir sonst so viel Spass bereitet, ist diesmal durch den lehmigen Boden eine ziemliche Sauerei. Zudem können wir seit der Scheune oben keine Doppelspur mehr erkennen. Der „Track“ sieht nach einem einspurigen Trampelpfad aus. Und hier sollen wir richtig sein?
Detlef kommt nach und hat erhebliche Probleme, durch den Schlamm zu kommen, denn sein Sitz ist immer noch zu hoch. Er schleppt weiterhin das Problem aus den Pyrenäen mit sich rum, weil der bestellte Tieferlegungssatz für seine Husqvarna falsch geliefert wurde. Wenn du ohnehin schon in Schwierigkeiten steckst, brauchst du nicht auch noch ein zu hohes Motorrad.
Es geht nun wieder bergauf, auf eine Wiese. Jetzt gibt es gar keinen Track mehr, nicht mal mehr einen Trampelpfad. Ich bin mir recht sicher, dass hier irgendetwas grundsätzlich nicht stimmt.
Laut Navi sollen wir mitten durchs Gebüsch fahren, aber der ACT betont immer wieder einen respektvollen Umgang mit der Natur. Und das hier ist pure Natur, null Strasse oder Weg. Das kann niemals richtig sein.
Nur: Wir können nicht zurück! Nach der steilen Abfahrt hier runter, schaffen unsere Motorräder es niemals wieder auf dem nassen Gras und durch den Schlick nach oben. Das ist vollkommen unmöglich und ich fürchte, das würde hier nicht mal im Trockenen klappen.
Dass es hier weit und breit kein Dorf gibt, kein Haus, nicht einmal einen Feldweg, bereitet mir langsam Sorgen. Die letzte Ortschaft haben wir viele Kilometer vor der Scheune oben passiert. Ich laufe also wieder vor und versuche, mich zu Fuss durchs Gebüsch zu schlagen. Was für ein Mist!
Von der Wiese oben laufe ich wieder bergab . Wir müssen uns nun mit den Mopeds Meter für Meter dort durchkämpfen. Es gibt hier absolut keine anderen Wege und Möglichkeiten.
Ich kann das alles nicht glauben und checke nochmal die Route und will auch die Umgebung prüfen, aber das klappt nicht. Wir haben keinen Mobilfunkempfang. Kein Signal mehr, null, nichts.
Ok, lass es uns Stück für Stück machen. Zuerst der Kampf durchs Gebüsch, den wir irgendwann sogar gewinnen, wenn auch mit weiteren Niederlagen…
Das Problem durchs dichte Gebüsch ist gelöst, aber schon stehen wir vor dem Nächsten: Ein kleiner Fluss!
Den müssten wir nun durchqueren, aber selbst das klappt so nicht. Direkt vor dem Ufer verläuft ein Stacheldrahtzaun und es gibt keinen Durchgang. Nach dem Motto: Wenn ihr ein Problem lösen könnt, dann gibt es eben zwei auf einmal…
Also: Der ACT Italien soll hier quer durch das Dickicht verlaufen und dann durch einen Fluss, den man nicht durchfahren kann, weil davor ein Stacheldrahtzaun verläuft? Niemals.
Langsam wird mir bewusst: „Huston, wir haben ein Problem!“
Ich sehe wenig andere Chancen und krame meine Werkzeugrolle hervor. Da steckt ein Multitool drin und damit zerschneide ich notgedrungen den Stacheldrahtzaun. Ich fürchte, wer immer hier den Zaun gebaut hat, wird über diese Aktion wenig begeistert sein.
Ich zerschneide also den Zaun und wir durchqueren den Fluss. Aber bitte: Es reicht jetzt.
Es ist jetzt 14.10 Uhr und wir haben für 400 Meter zwei Stunden benötigt. Kein Scherz. Das darf hier nicht lange so weitergehen.
50 Meter weiter kommen wir an ein Schlammstück mit Bach. Ich kann nicht einschätzen wie weich der Boden ist und hoffe, ich kann die Tenere irgendwie da durchfahren. Vielleicht klappt es am Rand, denn mittig steht das Wasser und der Boden sieht gar nicht freundlich aus.
Nach wenigen Metern versinkt das Vorderrad im Morast und nichts geht mehr. Ohne weiteren Vortrieb kippt mir die Maschine zur Seite und ich kann nur noch tatenlos zusehen, wie alles im Matsch liegt.
Knietief im Schlamm baue ich die Seitenkoffer ab um die Maschine irgendwie leichter zu machen, denn wir kriegen den Bock nicht mal mehr zu zweit herausgezogen. Es ist zum heulen.
Erst als alles abgebaut ist, schaffen wir es gemeinsam mit sehr viel Kraft, die Tenere rückwärts aus dem Morast zu ziehen. Was für eine anstrengende Schweinerei.
Jetzt hilft nur noch Pionierarbeit in Form von Brückenbau. Da man nicht links (Abhang runter) oder rechts (Steilhang rauf) vorbeifahren kann, müssen wir den Morast irgendwie so tragfähig machen, dass wir die beiden Motorräder dort rüber bekommen. Wir suchen Äste und Steine im Wald und in der Umgebung und schleppen alles der Reihe nach von den Hügeln zum Bachbett.
Für den Bau der Tragschicht benötigen wir eine weitere Stunde.
Ich merke langsam, wie meine Kräfte schwinden. Detlef ist mit seinen bereits am Ende, aber wir müssen die Maschinen hier irgendwie durch bekommen. Ich schaffe es, die Tenere unfallfrei hinüber zu fahren. Danach nehme ich mir Detlefs Husqvarna vor und bekomme auch die Dicke auf die andere Seite.
Ab zur nächsten Herausforderung: Es geht aufwärts, allerdings wieder auf nassem Lehmboden. Bei Detlef ist schon nach wenigen Metern Schluss. Die Husqvarna liegt zum x-ten Mal im Dreck. Er ist jetzt komplett am Ende mit seinen Kräften und schafft keinen Meter mehr.
Ich habe die Tenere noch mit Schwung über die nächste Kuppe geschafft und dann abgestellt, weil es noch steiler wird. Ab dort komme ich nicht weiter und brauche wieder eine Pause. Was nun?
Detlef hat aufgegeben und kann keinen Meter mehr fahren. Ich habe noch eine kleine Kraftreserve und setze mich hin und denke nach:
Es ist jetzt Nachmittag, irgendwann wird es dunkel. Wir brauchen nun einen realistischen Plan. Ich überlege zum ersten Mal ernsthaft, einen Notruf abzusetzen, weil ich uns beide hier nicht mehr rausbekomme. Mehr als zehn Jahre reise ich nun auf dem Motorrad, von Norwegen bis in die Sahara, von Schottland bis Aserbaidschan. Aber so eine aussichtslose Situation hatte ich noch nie. Und sowas mitten in Europa!
Die Alternative „Notruf“ scheidet allein deshalb aus, weil es überhaupt keinen Empfang gibt. Eine weiterer „Ausbruchsversuch“ aus diesem abgelegenen Tal scheidet aber ebenfalls aus, denn die nächste Steigung schaffe ich rein technisch nicht. Es ist einfach zu steil und zu nass.
Ich versuche ruhig zu bleiben und strukturiert nachzudenken. Meine einzige Idee ist nun, Hilfe zu holen. Hier zu zweit sind wir am Ende unserer Möglichkeiten, auch wenn es mir schwer fällt, das zuzugeben.
Ich gehe runter zu Detlef und sage ihm, ich werde loslaufen und versuchen, den Berg hinauf zu kommen. Meine Kräfte werde ich einteilen. Und ich komme sicher noch heute zu ihm zurück, versprochen. Eine andere Chance sehe ich nicht. Detlef stimmt zu. Er ist froh, wenn er einfach nur unten bleiben kann.
Ich laufe wie besprochen los, den Berg hoch. Dabei überquere ich die nächste Wiese und sie ist genau so steil, wie die Wiese zu Beginn. Hier fährt heute niemand mit dem Motorrad, auch kein Rallye-Profi! Wieder ist das Gras pitschnass und ich weiss, dass wir da niemals mit den Motorrädern hoch kommen. Nach der Wiese beginnt ein weiterer Waldrand. Am Rand der Wiese biegt eine grobe Spur ab und läuft in einem grossen Bogen links von mir die Bäume hinauf. Ich versuche es direkt, laufe und klettere etwa eine Stunde lang, bis ich endlich aus dem Tal herauskomme.
Oben erreiche ich eine Scheune mit Kühen. Niemals hätte ich gedacht, dass eine einfache Scheune mich so erfreuen könnte. Was für ein toller Anblick! Rund um die Scheune ist nur Matsch und ich stapfe knietief durch weichen Morast und Kuhfladen. Leider ist weit und breit niemand zu sehen.
Es ist jetzt 16:33 Uhr
Hinter der Scheune beginnt ein Schotterweg. Der läuft am Bergkamm entlang durch den nächsten Wald. In der Entfernung kann ich endlich ein Haus erkennen. Es ist noch etwa einen Kilometer bis dorthin und die einzige Möglichkeit.
Wenn dort auch niemand ist, gehe ich zurück zu Detlef und schleppe ihn zu Fuss mit hier rauf. Wir verbringen dann die Nacht im Kuhstall und hätten wenigstens ein Dach über dem Kopf. Morgen würde ich dann weiter laufen und vielleicht Hilfe finden.
Jetzt aber komme ich dem Haus näher und sehe von Weitem jemanden dort sitzen. Es ist ein Bauer in Arbeitskleidung und Gummistiefeln. Ihm gehört die Scheune mit den Kühen und er macht grosse Augen, als ich völlig fertig in meiner Motorradkluft angelaufen komme.
Da ich kein Italienisch spreche, habe ich zunächst einige Schwierigkeiten ihm das Problem zu erklären. Ich versuche es auf Spanisch, das dem Italienischen ja recht nahe kommt. Das klappt einigermassen, aber er fragt immer wieder nach, wo mein Motorrad ist. Ich kann ihm einfach nicht klar machen, dass hier zwei Maschinen und ein weiterer Mensch irgendwo in der Region in einem Tal feststecken und dort nicht mehr heraus kommen. Schliesslich fällt mir mein iPhone ein, mit dem ich ja schon ein paar Fotos gemacht habe. Ich zeige ihm die Fotos und hoffe, er erkennt die Gegend wieder.
Das klappt auch, als der Bauer das Foto mit dem durchgeschnittenen Zaun am Fluss sieht. Das ist sein Zaun! Das ist sein Tal und seine Kühe. Das ist sein Bauernhof und ich habe seinen Zaun zerstört. Er findet das nicht lustig. In diesem Moment hätte ich verstanden, wenn er mich vom Hof gejagt hätte.
Immerhin weiss er nun, wo wir stecken, fragt allerdings mehrmals nach, wie zum Teufel wir da überhaupt hingekommen sind. Zwischenzeitlich kommt seine Frau hinzu und kann nicht glauben, was sie da gerade zu hören bekommt.
Zu meiner Überraschung erklären sich beide bereit, zu helfen. Er weist mir den Beifahrersitz seines uralten Fiat Diesel Kombis zu, der zunächst nicht anspringen will, dann aber unter lautem Protest und einer Russwolke den Motor startet. Wir fahren zurück zur Scheune mit den Kühen. Dort habe ich vorhin einen Traktor gesehen. Es ist einer dieser recht neuen, sehr grossen Traktoren und ich habe irgendwie die Hoffnung, dass dies unsere Rettung ist. Meine Hoffnung verflüchtigt sich als er mir erklärt, dass er mit diesem Traktor nicht den steilen Berg herunter kommt. Dazu wäre der zu gross und zu schwer. Und nun?
Ich soll hier an der Scheune warten und er verschwindet zu Fuss hinter dem Gebäude. Da ich absolut nicht erkennen kann, was er vor hat, lauf ich hinterher und bleibe etwas ratlos stehen, als er zu einer Art Raupe läuft.
Das Nächste was ich höre, ist ein sehr lautes Motorengeräusch, das ich irgendwo zwischen Bergepanzer und Kettenraupe einordne.
Bauer und Maschine erklimmen dann unter grossem Getöse den Berg und er hält nochmal an der Scheune, um dicke Seile aufzuladen. Dann bekomme ich den nicht vorhandenen Sitzplatz auf dem Blech über der linken Kette zugewiesen und wir klappern in Richtung Tal.
Es dauert eine Weile, weil die Raupe sehr langsam fährt. Dafür schafft sie den Wald, jede Steigung und jeden Abhang. Irgendwann hört uns Detlef und kann nicht glauben, dass tatsächlich Hilfe kommt. Er ist derart erleichtert, dass er sein Glück auf Video bannt, noch bevor er uns überhaupt sehen kann.
Der Bauer schüttelt beim Anblick unserer Reiseenduros nur noch den Kopf, dann beginnen wir mit der Bergung. Die einzige Möglichkeit besteht darin, beide Motorräder nacheinander aus dem Tal zu schleppen. Wir fangen mit meiner Tenere an.
An die Raupe binden wir das Seil. Das Ende des Seils kommt an meinen vorderen Sturzbügel. Wir lassen etwa fünf Meter Platz, dann setze ich mich auf das Motorrad und starte den Motor, wir brauchen jetzt jeden Vortrieb und ich nochmal meine gesamte Konzentration.
Er schmeisst seine Kettenraupe wieder an und zieht mich mit dem Seil über die Kuppen, die Wiesen und durch den Wald hinauf. Zwischendurch liegt die Maschine ein weiteres Mal. Dann schaffe ich sogar, das letzte Stück vom Wald bis zum Kuhstall selbst zu fahren. Nach einer Stunde ist die Tenere geborgen. Gutes Motorrad!!
Es ist jetzt 19:38 Uhr.
Dann geht es wieder hinunter und wir wollen die Husqvarna Norden bergen. Das klappt aber nicht wie geplant und es ist wie verhext. Sobald man die Kupplung kommen lässt, passiert rein gar nichts. Es gibt keinen Vortrieb. Ich ahne Böses. Diesmal muss es alleine mit der Kettenraupe klappen. Mit Mühe und zu Dritt schaffen wir es, das Motorrad bis zum Haus der Familie zu schleppen.
Es wird gerade dunkel, also müssen wir uns Gedanken über eine Unterkunft machen. Da Detlef nicht mehr fahren kann, starte ich meine Tenere und fahre in die nächste Ortschaft. In Sant‘ Agata Feltria finde ich ein privates B&B mit zwei Zimmern im ersten Stock. Es ist ein riesiges Appartement, von dem aus ich anrufe und erleichtert meinen Standort durchgebe. Zwischenzeitlich hatte ich damit gerechnet, die Nacht heute im Freien zu verbringen.
Detlef hat währenddessen das Angebot erhalten, im Bauernhaus zu übernachten. Was für eine Hilfsbereitschaft. Und das sogar, nachdem ich ihren Weidezaun zerschneiden musste.
Da wir nun eine Unterkunft haben, fährt der Bauer ihn sogar noch zu mir. Sein Motorrad kann derweil am Hof bleiben. Detlef, der Pannendienst oder wer auch immer, können es dann irgendwann abholen.
Mittlerweile ist es dunkel. Wir ziehen uns kurz um und laufen ein paar Meter in den Ort, wo es eine kleine Pizzeria geben soll. Unterwegs ist nicht nur Detlef erleichtert, weil vorhin, als er alleine im Tal zurück blieb, seine Hoffnung mit jeder Minute schwand.
Wir sprechen über die Lage. Detlef meint, wir hätten unglaubliches Glück gehabt. Ich bin etwas anderer Meinung: Ja, man kann das Glück nennen, aber du musst auch etwas dafür tun. Da unten wäre niemand gekommen. Ganz sicher nicht in den nächsten Tagen. Es gibt diesen Spruch: „Das Glück ist mit den Tüchtigen“. Ich glaube daran, denn Tatenlosigkeit hätte uns heute nicht weiter gebracht. Ich bin der festen Überzeugung: Man kann alles schaffen, aber du musst auch etwas dafür tun. Rumsitzen und darauf warten, dass dir irgendwer hilft, bringt gar nichts. Das gilt übrigens immer im Leben…
Wir philosophieren darüber bei Pizza und zwei Bier, die in diesem Moment den Himmel auf Erden bedeuten. Gott hat das gut geschmeckt. Dann laufen wir zurück zur Unterkunft, wo ich noch am selben Abend eine Email an den ACT schreibe. Was ist hier nur passiert? Was haben wir falsch gemacht?
Direkt danach falle ich ins Bett und habe in den letzten zehn Jahren wohl in keiner Nacht so tief und fest geschlafen wie heute.
Beim Frühstück besprechen wir unsere neue Lage. Detlef kann nicht mehr fahren, das ist soweit klar. Der Betreiber unserer Unterkunft bietet an, er könne ihn für ein paar Euro nach Cesena zum Bahnhof fahren. Dort gibt es die Möglichkeit, heute noch mit dem Zug via Verona nach Innsbruck zu kommen. Da dort sein Auto mit dem Anhänger steht, würde er morgen hierher zurückfahren und das kaputte Motorrad aufladen. Dann ginge es damit zurück nach Deutschland zur Werkstatt.
Ich hatte gestern noch nach Hause telefoniert und berichtet, mir würde es jetzt reichen. Wenn ein ACT solche Schwierigkeiten birgt, will ich keinesfalls alleine weiterfahren, oder? Oder??
Aber ich kann hier nicht mal eben zurück fahren nach Hause, nach Malaga. Ich bin angewiesen auf die Fähre nach Barcelona. Die ist gebucht und fährt nicht jeden Tag. Eine Umbuchung wird nicht funktionieren.
Heute früh überlege ich tatsächlich, alleine weiterzufahren. Ob das eine gute Idee ist? Vielleicht, wenn ich gaaanz vorsichtig bin? Wenn ich verspreche, mich alleine nicht in Schwierigkeiten zu bringen? Was ist, wenn ich irgendwo alleine stürze und mich verletze? Andererseits bestand diese Gefahr auch schon auf den vielen vergangenen Touren, auf denen ich alleine war…
Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu beschreiben. Wir hatten uns so auf diese Tour gefreut. Wir wollten den ACT Italien gemeinsam fahren und wurden bereits am ersten Tag gestoppt. Ist es jetzt unfair, dass ich alleine weiter fahre? Detlef hat volles Verständnis, zumal ich sowieso nicht einfach umkehren und nach Hause fahren kann. Trotzdem fühle ich mich unwohl, weil ich noch mobil bin, er aber nicht. Manchmal ist das Leben ungerecht.
Kurz vor der Abfahrt finde ich eine Email vom ACT in meinem Postfach. Ich soll beschreiben, wo genau wir in Schwierigkeiten waren. Ich versuche die Antwort so präzise wie möglich und bin ziemlich neugierig, wer von uns hier den Fehler gemacht hat. Zwischenzeitlich und nach vielen Grübeleien vermute ich, dass er nicht bei uns liegt. Auf der Webseite des ACT haben sie auch bereits eine Warnmeldung für den ACT Italien Tag 1 herausgegeben, immerhin.
Ich schaue in den Morgenhimmel und verabschiede mich nach nur einem Tag von meinem Reisepartner. Und dann packe ich meine treue Yamaha Tenere 700 und lade im Navi den Track: ACT Italien, Tag 2.
Bei der Abfahrt vibriert das Motorrad enorm. Der lehmige Dreck von gestern ist über Nacht getrocknet und sorgt für ständiges Wackeln am Vorderrad. So kann ich nicht fahren. Der Dreck muss erstmal runter.
An der ersten Tankstelle sehe ich eine Waschbox mit Hochdruckreiniger. Der Mann an der Tankstelle verweigert mir aber die Nutzung. Das wäre nur für Autos, nicht für Motorräder. Bei so viel Dummheit kann man nur mit dem Kopf schütteln. Als ob es dem Wasser nicht egal wäre, was damit gereinigt wird.
Im nächsten Ort gibt es die gleiche Waschbox mit Hochdruckreiniger. Ich wechsle einige Euro-Münzen in Chips und beginne mit der dringend nötigen Reinigung. (Diese Anlage hier ist bestimmt gemäss EU-Richtlinie für Motorräder zertifiziert…)
Dann brauche ich alle Münzen um den ganzen Lehmschlamm abzuwaschen. Der sitzt überall: In den Rädern, in der Hauptfeder, neben der Kette, im Unterfahrschutz.
Frisch geduscht und vibrationsfrei kann ich endlich wieder ordentlich Motorrad fahren. Ich bin schon gespannt auf die nächste Offroad-Passage und nehme mir vor, ab jetzt wirklich vorsichtig zu sein.
Als ich zum ersten Mal an diesem Tag die Strasse verlasse, ist das aber nicht wirklich offroad, vielmehr eine gute Schotterstrecke durch den Wald.
Es geht hinauf auf den Monte Catria. Oben gibt es sogar ein richtiges Skigebiet und am Hang starten ein paar Paraglider.
Hinter dem Gipfel geht es durch den Wald und über recht viele, enge Serpentinen wieder hinunter. Das ist alles gut fahrbar und so, wie ich den ACT in den Pyrenäen kennengelernt habe.
Während der Fahrt heute steigt meine Zuversicht. Erst jetzt merke ich, wie sehr der gestrige Tag dem Selbstvertrauen geschadet hat. Was war das für eine Schinderei dort unten in dem Tal, ohne Strasse, ohne Wege. Dagegen sind die Offroad-Passagen heute eine Kaffeefahrt, obwohl mir jeder Muskel schmerzt.
Wenn eine Situation mich handlungsunfähig macht, ist mir das zutiefst zuwider, aber manchmal hat man darauf keinen Einfluss.
Egal. Ich schaue nach vorne und mache das Beste aus der Situation. Das alleine Fahren bin ich gewöhnt, es sollte diesmal nur anders laufen. Dafür ist die Landschaft wunderschön, zum Niederknien.
Den ganzen Tag fahre ich durch die Hügel der Marken und Umbrien. Es geht über kleinste Strassen und durch malerische Dörfer. Genau so hatte ich mir das unbekannte Hinterland Italiens vorgestellt. Genau das ist es, was einen ACT ausmacht.
Tag 2 des ACT Italien endet am Nordufer des Trasimeno-Sees. Kurz vorher gibt es nochmal eine herausfordernde Bergab-Passage, die hart an der Grenze dessen liegt, was ich noch alleine fahren möchte. Oft erkennt man die Schwierigkeit eines Abschnitts aber erst, wenn es zu spät ist.
Dann mache ich einen kurzen Umweg über den Ort Magione, wo ich Ersatzsicherungen kaufen möchte.
Beide Navis haben sich heute wieder verabschiedet und ich nutze nur noch das Android-Phone mit OSMand, während ich es mit einer Powerbank am Leben halte. Diesmal will ich eine etwas stärkere Sicherung probieren. Ich werde aber nicht fündig und bekomme überall nur normale Pkw-Sicherungen. Die passen nicht in die Tenere. Ich nehme mir vor, es morgen früh nochmal in einer Motorradwerkstatt zu versuchen.
Dann fahre ich ans Seeufer in das wirklich gute Hotel „Il Gabbiano„. Hier gibt es ein gescheites Restaurant und ein sauberes Zimmer mit Frühstück.
Am nächsten Morgen starte ich in Tag 3 des ACT Italien. Gestern hat es solo gut geklappt, das würde ich heute gerne wiederholen. Der nächste Ort am See ist „Passignano sul Trasimeno“. Hier finde ich eine kleine Werkstatt für Motorroller. Der Mechaniker drückt mir grinsend ein halbes dutzend Sicherungen in die Hand und will dafür nicht mal Geld haben.
Das kann ich so nicht stehen lassen und gebe ihm eine grosszügige Spende für die Kaffeekasse. Ich muss mich wundern: Einmal möchte ich gegen Bezahlung mein Moped waschen und werde abgewiesen, ein anderes Mal benötige ich dringend Sicherungen und soll die kostenlos bekommen. Verrückt.
Auf dem nächstbesten Parkplatz erfolgt Sicherungstausch Nummer drei gegen eine mit 5 Ampere. Rein rechnerisch ist die immer noch zu klein, aber ich vermute, die beiden Geräte laufen nicht ständig unter Volllast. Diesmal klappt es. Beide Navigationsgeräte verrichten von nun an ihren Dienst. In den vergangenen Tagen hatte ich nur mit OSMand auf dem Android-Gerät geroutet, weil der ACT-Track dort abgelegt war. Auf mein BMW-Garmin-Navigator hatte ich den Track gar nicht erst geladen. Nun kann ich wieder beide nutzen und zusätzlich auf dem Garmin den Endpunkt des Tages eingeben.
(Nur falls du dich wunderst: Beide Navis haben ihre Vor- und Nachteile. Mit zweien klappt es prima. Ich möchte auf keines verzichten, würde im Zweifel nun aber bei OSMand bleiben)
In der Zwischenzeit ist per Email eine Antwort vom ACT eingetroffen: Der Track wurde im September überarbeitet. Das war die Version, die wir korrekterweise geladen haben. Dabei ist den Organisatoren aber ein Fehler passiert. Wir hätten gar nicht durch dieses Tal fahren sollen. Der fehlerhafte Abschnitt ist versehentlich im Track gelandet.
Der ACT entschuldigt sich bei uns in aller Form. Es war nicht unser Fehler und ich kann gut damit leben. Fehler passieren und diesmal hat es uns erwischt. Immerhin trifft uns keine Schuld, das ist schon mal gut. Alles andere lässt sich bestimmt reparieren.
Eine neue Version ist direkt online gegangen, sodass die nächsten Fahrer nicht das gleiche Schicksal ereilt wie uns.
Während ich durch die Hügel um den Trasimeno-See fahre, bin ich damit im Reinen.
Heute geht es weiter in Richtung Süden, durch wunderschöne Weinanbaugebiete.
Während einer Pause telefoniere ich mit Detlef. Er ist gestern Abend gut in Innsbruck angekommen und hat sich heute früh auf den Weg nach Italien gemacht um sein defektes Motorrad am Bauernhof abzuholen. Viel lieber würde ich diesen wundervollen Tag mit ihm gemeinsam fahren. Irgendwie sollte es nicht sein.
Hinter Montepulciano verlasse ich mal wieder die Strasse und die Strecke führt durch einen kleinen Wald. Danach geht es den Hügel hinab. Der Weg hier ist auch gar nicht schwierig.
Vielleicht ist es aber manchmal besser, wenn es schwierig ist, denn dann behält man seine Aufmerksamkeit und Konzentration. Ich bin gerade so glücklich mit dem sonnigen Wetter und der traumhaften Landschaft, dass ich auf dem kleinen Stück den Hügel hinab überall hinschaue, nur nicht auf den Weg vor mir.
Und du kennst den Spruch: Auf dem Motorrad fährst du dorthin, wo du hinschaust. Da ich gerade in den Graben neben dem Schotterweg schaue, fahre ich hinein. Ein wirklich saublöder Fehler!
Die Fahrt in den Graben passiert bei moderater Geschwindigkeit, praktisch mit Ansage. Der Graben ist auch nicht tief, sondern einfach nur direkt neben dem Weg, wundervoll bewachsen durch jede Menge Unkraut. Ich versenke die Tenere gekonnt darin und sie fällt nicht mal um, sondern bleibt perfekt aufrecht stehen.
Die Situation ist derart blöd, dass ich daneben stehe und lachen muss.
Ok, Elmar. So viel Dummheit muss bestraft werden. Irgendwie muss ich die Tenere nun also aus dem Graben herausbekommen. Da es mit weniger Ballast einfacher ist, montiere ich zunächst die Alukoffer ab und stelle sie an die Seite.
Und gerade als ich beide Boxen abgebaut habe, höre ich oben aus dem Wald Motorengeräusch. Ich vermute, es ist eine Gruppe Motorradfahrer auf dem ACT und denke, die kommen mir gerade recht. So erleichtere ich mir die etwas mühsame Bergung meines Motorrads aus dieser saublöden Situation.
Die Gruppe kommt wenige Sekunden später aus dem Wald hervor und es sind die Deutschen aus Freising. Ich habe nur etwas Schwierigkeiten ihnen zu erklären, wie ich es geschafft habe, mein Motorrad genau hier zu versenken.
Mit vereinten Kräften haben wie die Maschine aber innerhalb einer halben Minute wieder oben auf der Piste.
Wir unterhalten uns über den ersten Tag. Ich kann zunächst nicht verstehen, wieso wir geradewegs in das Tal gefahren sind, sie aber nicht. Kurz bevor wir vorgestern die nasse Wiese hinabgerutscht sind, sind sie auf der Strasse geblieben.
Die Antwort ist ebenso einfach wie pragmatisch: Sie haben keine Lust auf Anstrengung und wollen die schwierigen Passagen gar nicht fahren. Immer wenn es zu kompliziert ausschaut, suchen sie sich eine Alternativroute auf Asphalt. Nun ja, so kann man das natürlich auch machen…
Etwas erstaunt und irritiert, nehme ich die restliche Strecke unter die Räder.
In der Nähe von Castiglione d’Orcia fahre ich die Landstrasse über die schönen Hügel der Toskana entlang, als ich neben der Strasse eine traumhafte Allee mit Zypressen sehe. Am Ende der Allee steht eine wunderschöne Villa, die typischer für die Toskana nicht sein könnte.
Die Villa ist sehr bekannt. Es ist das Haus, das dem „Gladiator“ Maximus im geichnamigen Film gehört. Die ikonische Szene zu Beginn, in der er an sein Zuhause denkt, wurde hier gedreht.
Der Track folgt ab hier langen Offroad-Passagen, die überwiegend gut zu fahren sind. Es geht immer die Hügel hinauf und bergab, durch Wälder und vorbei an uralten Farmen und weiteren ikonischen Villen.
Das ist jetzt ein echter Genuss, hier auf den langen Schotterstrecken unterwegs zu sein. Die Pisten sind in einem wirklich guten Zustand und wahrscheinlich selbst bei Nässe noch einfach zu fahren. So macht das Spass!
Dann wechselt die Strecke auf die „Via Francigena“. Das ist ein recht bekannter Wanderweg, den ich mir mit vielen Menschen teilen muss, die hier zu Fuss unterwegs sind. Das ist kein Problem, solange alle etwas Rücksicht aufeinander nehmen.
Sobald ich Wanderer sehe, reduziere ich die Geschwindigkeit deutlich. Manchmal sieht man andere Motorradfahrer, die in schneller Fahrt an den Fussgängern vorbeirauschen und dabei eine lange Staubwolke hinter sich herziehen. Ich mag das Bild wenn ich alleine bin, aber ich muss andere Menschen nicht mit Gewalt in Dreck hüllen.
Also bitte: Wenn du auf einem ACT fährst, respektiere die Umgebung und andere Menschen. Egal ob die zu Fuss, auf dem Rad oder auf dem Pferd unterwegs sind. Auch sie wollen diese tollen Landschaften geniessen.
Heute endet der Tag in dem wundervollen Ort Orvieto. Hier bin ich schon auf der Hinfahrt von Civitavecchia nach Bertinoro durchgekommen. Die Altstadt von Orvieto thront oben auf einem steilen Felsen und ich hatte mir bei der Vorbeifahrt gedacht, diesen tollen Spot müsste ich eigentlich besuchen.
Der Endpunkt von Tag 3 des ACT Italien ist dann genau oben im Ort, auf der historischen Piazza, direkt vor dem Rathaus.
Durch die engen Gassen fahre ich von dort weiter zu meiner heutigen Unterkunft, dem „Hotel Villa Acquafredda“ am Ortsrand von Orvieto Scalo.
Das Haus liegt etwas einsam, aber es ist nur ein kurzer Fussweg bis zu den Restaurants in Orvieto Scalo.
Mein Motorrad steht im Hof unter einem Pavillon und darf ausruhen. Das ist auch nötig.

Durch die Belastungen der vergangenen Tage haben sich die Beschädigungen am Nummernschild verschlimmert. Begonnen hatte es bereits auf dem ACT in den Pyrenäen. Hier werden die Risse nun immer länger und ich fürchte, mein Versuch das Problem mit zwei Unterlegscheiben zu fixen, hält nicht mehr lange.
Der neue Tag beginnt in den Bergen am Lago di Corbara, einem Stausee.

Die Strecke führt durch Umbrien, Latium und dann weiter in die Abruzzen.
Das ist es, was einen ACT ausmacht: Ganz bewusst werden die Strecken durch die weniger bekannten Gegenden der jeweiligen Länder geführt. Ich finde das sehr angenehm, denn die wuseligen Touristenorte kennt jeder und seine Ruhe findet man dort nicht.
Ein ACT führt stattdessen durch die ursprünglichen und fast unberührten Gegenden. Man lernt Land und Leute in einer viel näheren Form kennen und sorgt gleichzeitig dafür, dass auch weniger touristische Regionen von Reisenden profitieren.
Dafür sind die Offroad-Stücke heute insgesamt wieder etwas anspruchsvoller.
Nur einmal werde ich heute gestoppt, weil die Strasse weggespült wurde. Es sieht so aus, als ob es hier mal eine Brücke gab. Jedenfalls ist die jetzt weg und stattdessen gibt es einen sehr tiefen Graben. Ich finde aber eine Alternative mit nur wenigen Kilometern Umweg.
Ein besonders toller Abschnitt befindet sich rund um den Monte Fionchi. Diese Piste abseits des Asphalts führt über den Berg durch den Wald. Dann kommt man in dem winzigen Bergdorf „La Costa“ raus.
Die Kirche dort mit dem kleinen Vorplatz und dem Brunnen ist wirklich schön. Ich mache eine Pause und bin scheinbar alleine auf der Welt. Vielleicht sind alle Bewohner im Urlaub?
Kurz danach geht es wieder in den Wald und hinab in ein Tal. Dort unten, zurück auf dem Asphalt, treffe ich zum dritten Mal die Freisinger Truppe. Sie sind wieder um den Berg herumgefahren um auf der Strasse zu bleiben und haben – wie ich meine – den besten Teil heute verpasst.
Bei Leonessa endet eigentlich Tag 4, aber dort gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten. Ich fahre deshalb in die nächste grössere Stadt, Rieti. Die Stadt liegt in einem Talkessel, etwa 60 Kilometer westlich von L’Aquila.
Ich komme von Norden in den Ort, vorbei am Flugplatz mit Graspiste und ein paar alten Flugzeugen, die am Strassenrand stehen. Schilder deuten auf ein Militärgelände hin. Eine alte F-104 (Starfighter) steht hier auch rum.
(Kleine Randbemerkung: Das Ding nannte man früher „Witwenmacher“. Die Starfighter sind reihenweise runter gekommen und waren eigentlich nur für den Sommerhimmel in Kalifonien gemacht. Ein gewisser Franz Josef Strauss wollte die aber unbedingt haben. Die ganze Story dazu ist recht unterhaltsam…)
Ich wundere mich, ob sowas überhaupt auf Gras starten konnte. Auch einen Helikopter-Landeplatz gibt es hier.
In Rieti nehme ich mir ein Privatzimmer im Ort. Das Zimmer im Erdgeschoss eines Hochhauses geht gerade noch in Ordnung, mehr aber auch nicht. Den Link spare ich mir.
Heute beginnt der letzte Tag des ACT Italien. Weil es Anfang Oktober ist, kann ich den einbrechenden Herbst am eigenen Leib spüren. Der Morgen ist bei 11 Grad richtig kalt und ich ziehe mir die Regenjacke über. Weniger als Schutz vor Nässe, aber die zusätzliche Lage wärmt etwas. Ich habe nur meine Sommerkombi dabei und besitze in Andalusien auch nichts anderes.
Vor L’Aquila mache ich noch einen Stopp an der historischen Ausgrabungsstätte von Amiternum. Das Amphitheater bei Pizzoli ist noch gut erhalten. Dann geht es weiter in die Provinzhauptstadt.
In L’Aquila fand im Jahr 2009 ein starkes Erdbeben statt. Mehr als 67.000 Menschen wurden obdachlos und es gab über 300 Tote. Als ich in die Region komme, sehe ich immer noch sehr viele beschädigte Gebäude. Teilweise werden die Mauern mit Stützen vor dem Einsturz bewahrt.
Direkt hinter L’Aquila geht es wieder hoch in die Berge auf eine wirklich herausfordernde Passage. Ich überlege kurz, das Stück diesmal auszulassen, fahre dann aber doch. Die ersten zwei Fotos geben das nicht ansatzweise wieder, aber dieser Abschnitt hinter Pescomaggiore über den Berg und durch den Wald war eine üble Schinderei für Mensch und Material.
Dies hier ist die passende Perspektive, welche die Anforderungen eines ACT besser wiedergibt. Aber selbst hier sieht man nicht, wie steil das wirklich ist.
Dann geht es hinauf auf die kurvenreichen Strassen um den Monte Carpesco, während die Temperatur deutlich weiter fällt.
Am östlichen Himmel ziehen Regenwolken auf und sehen gar nicht gut aus. Ich fahre noch durch den malerischen Ort „Santo Stefano di Sessanio“, wo Teile von „Der Name der Rose“ mit Sean Connery gedreht wurden. Mittlerweile sind es nur noch 7 Grad und ich bin froh über die Griffheizung.
Leider überkommt mich direkt danach das hereinziehende Unwetter. Ich werde pitschnass und fahre frierend in Richtung Küste. Erst südlich von Pescara hört der Dauerregen auf und der Himmel klart wieder auf. Trotzdem bleibt es sehr kalt und sehr windig.
Dann erreiche ich den offiziellen Endpunkt des ACT Italien, in dem kleinen Ort „San Vito Chietino“. Endlich ist der Dauerregen vorbei. Der Ort liegt etwas südlich von Ortona und die Küste hier nennt sich „Costa dei Trabocchi“. Der Name verweist auf die „Trabucco„. Das sind Pfahlbauten aus Holz, die früher zum Fischfang direkt an den Strand gebaut wurden.
Ich lasse die Yamaha oben am Parkplatz stehen und laufe die wenigen Schritte hinunter zum Trabucco, um mein „offizielles“ Abschlussfoto des ACT Italien zu machen. Bei heftigem Wind und starken Wellen bleibe ich aber nur kurz, bevor ich mir jetzt dringend eine Unterkunft suchen muss.
Meine Klamotten sind durchnässt, mir ist saukalt und ich brauche nun schnell ein Zimmer mit Heizung.
Es wird das wirklich tolle „B&B Borgo del Marchese“ im nahen Dorf „Villa San Leonardo“. Eigentlich will ich heute vor Kälte gar nicht mehr aus dem Zimmer, fahre am Abend aber doch noch vier Kilometer in die nächste Pizzeria. Im kleinen Dorf „Villa Lubatti“ ist das Restaurant La Berlocca, eine Empfehlung meines Zimmerwirts.
Das „La Berlocca“ ist fantastisch. Die paar Kilometer Fahrt durch die Dunkelheit haben sich gelohnt. Ich thematisiere normalerweise nicht das Essen und mache auch keine dieser „beliebten“ Fotos von meinem Teller, aber hier im La Berlocca erhalte ich eine Vorspeise, Pasta als Hauptgericht und Getränke für 18 Euro. Geht doch. Da lässt man dann gerne das Trinkgeld liegen.
Am Morgen muss ich quer durch den italienischen „Stiefel“ fahren, zurück zum Hafen nach Civitavecchia, wo am späten Abend meine Fähre ablegt. Als ich alles gepackt habe und wieder in Richtung Westen durch die Berge fahre, traue ich meinen Augen nicht: Auf den Gipfeln der Abruzzen liegt der erste Schnee, der in der Nacht gefallen ist.
Es ist immer noch richtig kalt. Mit Schnee hätte ich zu dieser Jahreszeit nicht gerechnet.
Dafür bleibt es heute trocken. Die etwa 340 Kilometer bis zum Fährhafen fahre ich über die Landstrassen, bleibe nun aber auf Asphalt. Zeit habe ich genug, denn die Fähre soll erst um 23 Uhr ablegen.
Meine Route führt nördlich an Rom vorbei und je weiter ich in Richtung Westen komme, umso wärmer wird es.
Ich komme am späten Nachmittag in Civitavecchia an und habe noch etwas Zeit, um mich an der Küste niederzulassen. In einem Cafe an der Strandpromenade sammle ich die Stichworte der letzten Tage, damit im Reisebericht nichts fehlt.
Dabei realisiere ich, dass ich den ACT Italien tatsächlich alleine geschafft habe, wenn man vom ersten Tag absieht. Ich wollte eben nicht aufgeben. Trotzdem würde ich davon abraten, einen ACT alleine zu fahren, weil das Risiko für Verletzungen oder andere Schwierigkeiten eigentlich zu hoch ist.
Nach Einbruch der Dunkelheit kann ich irgendwann meine Kabine beziehen, was auch dringend nötig ist. Ich bin müde.
Dann geht es wieder zurück, über Porto Torres nach Barcelona.
Eine weitere Bemerkung zur Fährüberfahrt mit Grimaldi-Lines kann ich mir nicht verkneifen: Es war wieder insgesamt und wie gewohnt ein Paradebeispiel für Unfreundlichkeit, Misswirtschaft und Kommunikationsverweigerung. Warum die Mittelmeerfähren so mies sind, kann ich mir nicht erklären. Details spare ich mir und vielleicht darf man für den Preis nicht mehr erwarten. Sehen wir es positiv: Immerhin bin ich zur geplanten Zeit um 22:00 Uhr in Barcelona angekommen.
Ich fahre noch ein paar wenige Kilometer bis Sitges und übernachte im feudalen „Grand Hotel Rey Don Jaime„. Das hört sich jetzt luxuriöser an als es ist. Die Wahl auf das Don Jaime fällt vor allem wegen der 24-Stunden Rezeption. Ich weiss vorher nicht, ob die Fähre pünktlich ist und will in der Nacht keinen Stress beim Check-In. Ausserdem gibt es im Don Jaime ein gescheites Frühstück, zusammen mit anderen Gästen, die einen so schön mitleidig ansehen, wenn man in Motorradsachen einen schicken Frühstücksraum betritt.
Am folgenden Sonntag geht es dann nach Hause. Es sind 930 Kilometer reine Autobahn bis Velez-Malaga. Das ist kein Spass, ich habe aber auch keine Alternative aufgrund folgender Termine am Montag. (Ich sollte wirklich bald aufhören zu arbeiten! Das passt nicht mehr in meinen Kalender)
Die Tenere parke ich am Abend, nach langen Autobahnkilometern in unserer Garage. Wahnsinn, was sie diesmal wieder aushalten musste.
Meine Ankunft gelingt rechtzeitig, um den Sonnenuntergang anzuschauen, der hier immer so schön ist. Ich fühle mich so unglaublich wohl in Andalusien, dass mir Deutschland (auch aus anderen Gründen) immer fremder wird.
Alles, was ich jetzt noch brauche, ist ein gutes Glas Wein und der Blick auf das Meer.
Fazit
Reisezeit: 12 Tage Ende September/Anfang Oktober 2025
Strecke: 3.895 Kilometer (ohne die Strecke auf der Fähre)
Der reine ACT Italien umfasst 1.160 km, fahrbar in 5 Tagesetappen.
Schäden: 3 Sicherungen, ein Nummernschild.
(Detlefs Motorrad hat einen kapitalen Kupplungsschaden davongetragen…)
Der ACT Italien wird als „leicht“ eingestuft. Ich möchte dem heftig widersprechen, unabhängig von unserer Sondersituation am ersten Tag. Wie immer ist das aber eine persönliche Einschätzung und alles hängt in erster Linie vom Wetter ab.
Den ACT Pyrenäen empfand ich eher als „leicht“, den ACT Italien würde ich als „mittel“ einstufen.
Dass man sich heutzutage in Mitteleuropa derart in Schwierigkeiten bringen kann, hätte ich bestritten. Ich muss mich korrigieren.
Unabhängig von unserem Pech diesmal, stehen die nächsten ACT aber auf unserer Liste. Das Gesamtkonzept ist einfach toll!




















































































































































































































Joe 17/01/2026
Wieder einmal ein super Reisebericht
Vielen Dank dafür