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Rumänien 2017

„Schatz, ich fahr noch mal eben nach Rumänien!“ – direkt nach dieser Ansage ducke ich mich weg, sehe aber kein Küchengeschirr auf mich zufliegen. Prima, kein Widerstand!

Drei Dinge sprechen dafür, den etwas spontanen Trip ins 1.500 Kilometer entfernte Südosteuropa zu starten: Ein Zwei-Wochen-Slot im August ist noch frei, die GS steht bereit und der Transfagarasan rangiert weit oben auf meiner Wunschliste.

Ausserdem ist mir das Wetter des 2017er Sommers im Nordwesten der Republik zu wenig konstant für eine ausgedehnte Deutschlandrunde. So packe ich an einem Dienstag im August spontan meine Sachen und starte schon am darauffolgenden Mittwochmorgen in Richtung Rumänien. Allein, denn in der Kürze der Zeit finde ich keinen Verrückten, der mit mir aufbricht. Aber nach der positiven Solo-Initialerfahrung in Albanien wenige Wochen zuvor sollte dies kein Hindernis mehr darstellen.

Die Anreise muss ich unter dem Motto „Augen zu und durch“ verbuchen. Denn den ersten Tag verbringe ich auf den Autobahnen von Deutschland und Tschechien: Nicht gerade spannend, aber unumgänglich, hat doch die ÖBB keinen freien Platz im Autozug von Düsseldorf nach Wien und so muss ich den Transit auf eigener Achse durchziehen.

Den ersten Abend verbringe ich nach satten 820 Kilometern in dem kleinen Dorf Zeliv, südlich von Prag. Wenigstens ist hier Sommerwetter und das Feierabendbier schmeckt dadurch gleich doppelt so gut wie im münsterländischen Landregen.

Am nächsten Morgen geht es dann bei noch angenehmen Temperaturen auf die zweite Häfte der Etappe. Da es sich bei Brünn kräftig staut, fahre ich von der Autobahn ab und treffe auf ein Hinweisschild der bekannten Motorrad-Rennstrecke. Soviel Zeit muss sein und ich fahre hoch bis direkt an die Start-Ziel-Gerade, da das Tor offen steht und sich niemand dort um einen verlorenen, einzelnen Motorradreisenden schert.

Genau in dem Moment als ich die Maschine dort abstelle, ertönt ein infernalischer Lärm. Etwa zwanzig Rennmaschinen fahren gerade zum Training auf die Strecke und lassen den angrenzenden Wald erzittern. Was für ein Glück man doch manchmal hat. In diesem Moment denke ich, dass wir wahrscheinlich die letzte Generation sind, die noch richtige Verbrennungsmotoren erleben und fahren darf. Schnüff.

Nach kurzem Passieren des slowakischen Westens bei Bratislava erreiche ich Ungarn, wo die Route über Györ und Budapest nach Szeged führt. Ungarn ist als einziges Land meiner Anreiseroute mautpflichtig für Motorräder und ich habe dies am Tag vor meiner Abreise ganz einfach über Tolltickets im Internet erledigt.

Ich könnte dies jetzt so stehen lassen, muss mich aber noch darüber auslassen, dass es mir Ungarn echt schwer macht, das Land zu mögen. Es ist mit weit über 35 Grad kochend heiss, die Sonne brennt mir auf den Helm und die Landschaft ist so spannend wie die bundesdeutsche Steuergesetzgebung. Und auch an diversen Autobahnraststätten schaffe ich es nicht, mir etwas Abwechslung einzureden.

In Erinnerung bleibt mir das stundenlange Daumendrücken für meine jüngste Tochter. Sie sitzt an diesem Nachmittag im Auswahltest für ein Medizinstudium in den Niderlanden und schwitzt bestimmt aus anderen Gründen. (Schliesslich schafft sie die Prüfung und ergattert einen Platz für ihr Traumstudium, aber das erfahre ich erst nach meiner Rückkehr)

Kurz hinter Szeged leitet mich das Navi dann am Nachmittag endlich auf die Landstrasse und in Richtung rumänischer Grenze.

Die Kontrolle dort geht recht zügig, trotz zweimaliger, sehr genauer Prüfung von Ausweis und vor allem Fahrzeugschein. Ich bin ganz froh über die schnelle Abfertigung, denn die Temperaturen steigen immer weiter und ich sehne nach einem weiteren langen Autobahntag mein erstes rumänisches Hotel in Timisoara herbei. Wie immer hilft mir Booking bei der Auswahl der Unterkunft vor Ort.

In dem kleinen Örtchen Tschanad fahre ich an einer noch kleineren Wechselstube vorbei. Hier tausche ich hundert Euro in rumänische Lei und das klappt auch zu einem wirklich fairen Kurs. Beim Losfahren winken mir ein paar Kinder freundlich zu und ich habe sofort einen positiven Eindruck von diesem Land, welches bei vielen Menschen vor allem mit Kriminalität, Diebesbanden und Unsicherheit in Verbindung gebracht wird. Soviel zu den Vorurteilen, denen ich mich zumindest partiell auch nicht verschliessen konnte.

Im Stadtverkehr von Timisoara erwische ich die Rushhour und langsam wird es ungemütlich: 41,5 Grad stehen auf dem Display der GS und es fehlt nur noch ein halbes Grad bis zur Einstellung meines persönlichen Temperatur-Highscore aus Südalbanien ein paar Wochen zuvor. Es geht nur Stop-and-Go voran und ist wirklich brutal heiss.

Mein erster Rumänien-Checkin erfolgt im Hotel Ambassador. Bei Preisen von umgerechnet 40 Euro pro Übernachtung inklusive Frühstück muss ich nicht geizig sein und nehme mir vor, in Rumänien die eher gehobene Häuser zu wählen. Schauen wir mal was am Ende der Reise dabei herauskommt…

Das Zimmer ist feudal und vor allem klimatisiert und das Motorrad parkt im abgeschlossenen Innenhof.

Ich freue mich über eine kühle Dusche und begebe mich dann direkt in den Hof auf ein verdientes Bier. In Rumänien gilt übrigens die Null-Promille-Grenze und man ist noch aus anderen Gründen gut beraten, im Strassenverkehr stets bei der Sache zu sein, aber dazu später mehr.

Meine Route in Rumänien soll mich erst hinunter an die Donau und dann gegen den Uhrzeigersinn immer am Karpatenbogen entlang führen, um dann zum Schluss im Nordwesten des Landes zu enden.

Drei Dinge sind dabei gesetzt: Das Eiserne Tor, die Transalpina und vor allem der Transfagarasan. Speziell Letzterer steht schon seit ein paar Jahren ganz weit oben auf meiner persönlichen Liste der zu befahrenden Traumstrecken und ich bin sehr gespannt, ob meine Erwartungen erfüllt werden.

Ausgehend von Timisoara fahre ich am frühen Morgen bei noch angenehmen 25 Grad südlich über Bocsa nach Resita.

Zunächst ist die Landschaft wenig spektakulär, flach und am Ortsrand geprägt von Industrieruinen. Später sehe ich dann weite Felder mit Sonnenblumen, erst nach einer Stunde erspähe ich die Ausläufer der Südwestkarpaten und ab Bocsa wird es dann auch schön. Die Strassen sind hier einigermassen in Ordnung und der Verkehr hält sich in Grenzen. Ich komme ganz gut voran.

In Resita fahre ich mitten im Ort an einer Art Freilichtmuseum mit alten Dampflokomotiven vorbei und nutze die Gelegenheit gleich mal für ein paar Fotos vor den schweren Zugmaschinen. Mitten in der Stadt stehen bestimmt zwanzig Stück von den schönen alten Loks herum.

Rumänien war mal ein echtes Eisenbahnland und aus Marketinggesichtspunkten würde ich auf Basis einer SWOT-Analyse die Reaktivierung der Schienen-Infrastruktur (Strength) unter Berücksichtigung touristischer Chancen (Opportunities) empfehlen, aber auf mich hört ja keiner…

An einer Tankstelle in Resita mache ich kurz Halt und decke mich mit dem Tagesbedarf ein. Viel Wasser (min. 3 Liter), eine Cola für den Geschmack und eine Packung Kekse für alle Fälle packe ich mir für unterwegs ein. So habe ich erst mal eine Grundausstattung und fahre unabhängig.

Die Tankstellen sind in Rumänien übrigens breit gestreut und ähnlich gut sortiert wie bei uns. Meist gleichen die wirklich gut ausgestatteten Shops einem Supermarkt und es gibt alles was man braucht, inklusive jedweder Sorte Motoröl, Getränken und Nahrungsmittel für jeden Geschmack. Selbst mein geliebtes Magnum Mandel liegt in fast jeder Kühlbox!

Weiter geht es durch die alte Bergbaustadt Anina und die ersten Karpatentäler.

Hier muss ich mich entscheiden, entweder südwestlich über die 57 und Oravita die Donau entlang zu fahren oder südöstlich über die 57B durch die Berge bis nach Orsova mit einem sehr kurzen Stückchen Donau. Ich entscheide mich für erstere Variante, da ich auf diese Weise dann auch das „Eiserne Tor“ passiere.

Die Strecke Resita-Oravita ist übrigens richtig toll und es macht Spass, durch die Wälder und Kurven zu rauschen. Ich komme dabei ganz im Südwesten von Rumänien an und fahre an einem der Grenzübergänge nach Serbien vorbei. Kurz überlege ich diesen zu passieren, aber der Aufwand ist es mir dann doch nicht wert und verfolge weiter meine geplante Route.

Bei Pojejana gelange ich an die Donau und ab hier führt die Strasse dann auch immer direkt am Ufer des zweitlängsten europäischen Flusses entlang, inklusive richtig schöner Aussichten entlang der dahinfliessenden Donau.

Bis zum Eisernen Tor sind es von Pojejana aus etwa 100 Kilometer und jeder davon ist landschaftlich schön. Die Strasse ist einwandfrei und es gibt kaum nennenswerten Verkehr.

Auf der gegenüberliegenden Seite liegt Serbien und ab und zu erblickt man auch eine alte Festung, die seinerzeit für die Kontrolle dieses enorm wichtigen Schiffahrtsweges erbaut wurde.

Zudem gibt es hier und da recht schnuckelige Häuser am Ufer, da haben sich die Rumänen schon ganz nette Anwesen gezimmert: Und immer mit gediegener Aussicht und eigenem Bootsanleger.

Den Eingang zum Eisernen Tor kann man kaum übersehen, denn hier wird der Fluss durch die hohen Felsen links und rechts deutlich eingeengt. Zudem markiert die berühmte orthodoxe Kirche am Nordufer der Donau den Eingang.

Wenige Meter später überfahre ich eine Brücke, auf der ein buntes Treiben herrscht. Zudem stehen hier einige Souveniershops und ich stelle das Motorrad ab, um mich wieder mit meiner Kamera zu bewaffnen.

Von der Brücke sehe ich die grosse Statue des Decebalus in den Fels gehauen, die übrigens noch gar nicht so alt ist wie man zunächst denkt und erst um die letzte Jahrtausendwende in den Stein gemeisselt wurde.

Was ich von hier aus aber noch nicht sehen kann, ist die berühmte Tabula Traiana. Dazu muss ich noch etwas weiter fahren und die Augen offen halten. Die Steintafel erkenne ich dann erst später und nach intensiver Suche auf der serbischen Seite der Donau an einer Stelle, an der die Donau schon wieder breiter wird.

Beim Bau des Donaukraftwerks Derdap drohte die Tafel unter der Wasserlinie zu verschwinden und so hatte man sie damals versetzt. Ich denke mir nun, dass man das auch geschickter hätte machen können. So muss ich glatt mit meinem Teleobjektiv arbeiten um überhaupt etwas von der alten Platte vom rumänischen Ufer aus zu erkennen. Da hätten sich die Serben ruhig etwas mehr Mühe mit der Platzwahl geben können…

In Orsova muss ich tanken und hier komme ich mit einem netten Rumänen ins Gespräch der sich freut, dass ich sein Land bereise und mir noch Tipps für den Abend in Targu Jiu gibt.

Tanken in Rumänien macht übrigens richtig Freude: Genau einen Euro zahle ich umgerechnet während meiner Tour für den Liter Superbenzin! Da macht das Verbrennen fossiler Energieträger mal wieder richtig Spass… (Den letzten Satz bei der Beitragskorrektur streichen, sonst gibts wieder böse Kommentare von den grünen Teetrinkern)

Von Orsova aus fahre ich dann in die Berge durch Baile Herculane (Ehemals „Herkulesbad“) und eine wirklich schöne Schlucht, die von einem wilden Wasserlauf geprägt ist. Dies ist die 67D und die sehr schöne Strasse führt mich durch dichte Laubwälder nach Targu Jiu, mein heutiges Tagesziel am südlichen Ausläufer der Südwestkarpaten.

Alles hier ist deutlich weniger umgebaut als bei uns in Mitteleuropa. Manachmal denke ich mir, das der sozialistische und kommunistische Geldmangel auch Vorteile hatte. Einige der alten Landschaften konnten so wenigstens ihren natürlichen Charakter bewahren und nicht auch noch ruiniert werden.

Hier wird ausserdem fleissig gecampt und die Luft ist erfüllt von reichlich Grillduft, was mir langsam aber sicher ein Hungergefühl beschert. Frisches Rinderfilet finde ich auch unmittelbar am Strassenrand. Solche Begegnungen sind in Rumänien völlig normal und an der Tagesordnung.

Über Baia de Arama erreiche in dann die Stadt Targu Jiu. Dort quartiere ich mich im B&B „Pensiunea Antique“ ein. Das empfehlenswerte Haus liegt sehr zentral und direkt am innerstädtischen Park.

Ich laufe zunächst ein bischen durch die Stadt und dann durch den Park vor meiner Pension. Alles ist so entspannt und das könnte auch eine Stadt in irgendeinem anderen mitteleuropäischen Land sein. Wieso auch eigentlich nicht?!

Dann lockt mich aber doch die Terrasse des Hauses mit toller italienischer Küche und einem kühlen Bier, welches ich mir heute wohl verdient habe.

Ich lasse mich nieder, schaue auf den Park und chille durch den Abend. Das häusliche WLAN bietet mir stabile Kommunikation mit der Heimat, sowohl geschäftlich als auch privat und ich kann die ersten rumänischen Eindrücke elektronisch konservieren. So kann man es aushalten.

Der neue Tag beginnt dann verspätet, da die Bedienung keine Lust hat, einfach nicht zum Dienst erscheint und Chefin selbst ran muss. Ich sitze derweil auf heissen Kohlen denn heute ruft die Transalpina und da will ich nicht erst zum Abendessen eintreffen! Sie bekommen das Frühstück aber schliesslich doch noch aufgetischt und es werden immer wieder vollgepackte Teller hingestellt, die ich gar nicht brauche. Ich will ja nur frühstücken und nicht drei Mahlzeiten auf einmal einnehmen. Egal – mir hätte an diesem Morgen auch ein Kaffee und ein Toast mit Marmelade gereicht.

Targu Jiu verlasse ich in östlicher Richtung über Bengesti und Novaci, wo nun die Transalpina (Strassennummer 67C) beginnt.

Die Transalpina ist super und sehr flüssig zu fahren, was auch andere Motorradfahrer zu schätzen wissen. Ab und zu brettert eine Rennmaschine an mir vorbei und ich bekomme den Eindruck, die trainieren für die MotoGP.

Los geht es für mich aber noch ganz entspannt mit einem leichten Aufstieg zum warm werden.

Später führt die Strasse dann ziemlich weit nach oben mit fantastischen Aussichten über das Gebirge der „Muntii Parang“.

Wir haben Hochsommer, aber der Verkehr ist mit dem in den Alpen nicht vergleichbar. Während man rund um den Gardasee gerade vor lauter Fahrzeugen den Asphalt nicht mehr sieht, ist hier oben nur wenig los.

Manchmal hat die Strasse über den Winter etwas gelitten, aber das macht nichts. Wenn die Reparaturen noch nicht komplett fertig sind, wird sie eben einfach etwas enger gemacht. Da braucht es auch keine Ampel oder ähnliches elektronisches Gedöns.

Der Verkehr und die daran teilnehmenden Fahrzeuglenker kommen überall gut miteinander aus. Wenn ich mir dagegen die teils völlig irrationalen Verhaltensweisen zuhause vorstelle… da geht es in Rumänien irgendwie zügiger und unkonventioneller voran.

Ich könnte die Maschine jetztz auch einfach laufen lassen. Fahrbahn und Verkehr gäben es her. Aber stattdessen geniesse ich jeden Meter in Ruhe und lasse das Panorama auf mich wirken. Soloreisen können richtig entschleunigend sein und man bekommt wieder ein Gefühl für sich selbst und die Welt.

Einige der Motorradbesatzungen fahren allerdings als gäbe es kein Morgen, während ich eher Berge und Täler geniessen will und viel zu viel Angst habe, mich in einem Land zu verletzen in dem ich lieber gesund bleibe.

Daher suche ich mir abseits der Strasse alternative Wege und entgehe dem Treiben auf dem Asphalt.

Immerhin gut 2.100 Meter überwindet die Transalpina an ihrem höchstem Punkt und die Aussichten sind echt spektakulär, zumal das Wetter auch noch traumhaft ist!

Wer möchte, kann immer wieder weg von der Strasse. Gelegenheiten gibts reichlich und niemanden stört es, wenn man auf einen Feldweg wechselt.

Und vor allem kommt man auch immer wieder zurück auf den Asphalt, was ja auch nicht ganz unwesentlich ist.

Alle paar Meter muss ich anhalten und fotografieren, was meinen Kilometerschnitt heute deutlich nach unten drückt. Und selbst hier oben steht Getier jeglicher Art im Weg herum…

…teilweise sehr zur Freude und Unterhaltung des motorisierten Verkehrs.

Ranca ist auf dem Weg ein offenbar aufstrebender Wintersportort mit akzeptabler Infrastruktur. Hier geht in der Skisaison bestimmt die Post ab.

An einer langgezogenen Bergabkurve mache ich später nochmal Halt und bewundere das rumänische Improvisationstalent beim Bau von Küchen und Sanitäranlagen.

Auf jeden Fall wird hier frisch und vor allem klassisch gekocht.

Und die Touristen haben allerhand Spass, sich mit Schaffellen zu verkleiden und dann fotografieren zu lassen. So leicht kann man Menschen eine Freude bereiten. Fast jeder Ankommende wirft sich eines der Felle über, während ein Familienmitglied fotografiert. Ich spare mir das und schaue mir das Treiben einfach nur an.

Weiter nördlich erreiche ich dann „Obarsia Lotrului“, was auf der Karte wie eine Ortschaft erscheint, meiner Ansicht nach aber nur aus zwei, drei Holzhütten besteht. Die ganze Szenerie wirkt auf mich eher wie bei Mad Max. Überall Feuer und Rauch, seltsames Volk und eine Art Endzeitstimmung. Vor allem stehen hier jede Menge Zelte und Planwagen mit dunklen, finsteren Gestalten herum. Auch Fotos mache ich lieber keine, denn irgendwie mache ich mir zum ersten Mal in Rumänien etwas Sorgen um mein Equipment.

Ich stelle meine Maschine ein Stückchen weiter am Strassenrand ab und bin mir nicht sicher ob ich die Sache nun fasziniert begutachten soll oder doch besser schnell das Weite suche.

Um mich herum registriere ich seltsam musternde Blicke und während ich mich etwas besorgt umsehe und schon wieder abfahren will, bemerke ich direkt neben mir einen ziemlich skurrilen Typen mit seinem zusammengeflickten Moped.

Mann und Gefährt sind derart schräg, dass ich meine Bedenken ignoriere und mit dem komischen Kauz ins Gespräch komme.

Er ist mit seinem haarsträubend bepackten Zweirad im ganzen Land unterwegs und entwickelt reichlich Kreativität in Sachen Gepäckplatzierung. Schmunzeln muss ich auch über das BMW-Logo an seiner Front und die notdürftig zusammengeflickten Anbauteile.

Nach eingehender Fotosession und etwas holpriger aber unterhaltsamer Konversation erhalte ich noch seinen Ratschlag, die Gesellschaft nebenan in meiner Konfiguration besser zu meiden. Ich bin darüber etwas irritiert, beschliesse aber doch, meine Reise fortzusetzen ohne mich unter das lokale Volk zu mischen.

Zurück zur Transalpina: Von Süden aus gesehen durchquert die Strecke im ersten Teil eine schöne alpine Berwelt. In der zweiten Hälfte wird sie dann geprägt durch endlose Waldkurven, Transsilvanien halt.

Irgendwo bei Sebes entlässt mich die Strasse dann aber aus dem Wald und ich fahre östlich in Richtung Sibiu (ehemals Hermannstadt). Die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich heute schwierig. Offenbar sind auch in Rumänien Ferien und Sibiu ist eine der begehrteren Städte. Etwa 30 Kilometer vor Sibiu finde ich aber doch das letzte Zimmer in einem gescheiten Hotel, zwar im Nirgendwo der Hügel, dafür aber relativ neu und sauber.

Da es noch nicht zu spät ist, fahre ich nach Sibiu hinein und schaue mir die sehenswerte Innenstadt an.

Meistens finde ich Städte in ihrem ursprünglichen Stil schöner als den häufigen Mix aus perfekter Restauration und moderner, keimfreier Architektur.

Hier im Zentrum sind wirklich schon sehr viele Gebäude wieder hergerichtet und alles hat seinen originalen Stil behalten. Das gefällt mir gut.

Und zwischendurch scheint immer wieder die alte deutschstämmige Vergangenheit durch.

Natürlich darf auch ein Besuch der Lügenbrücke nicht fehlen. Das ist eine Gusseisenbrücke aus dem Jahr 1859, die der Sage nach einstürzen soll, sobald man sie lügend überschreitet. Ich bin zwei Mal in beiden Richtungen rüber und kann versichern, dass das Ding danach noch stand. Falls sie zwischenzeitlich danieder liegt, war es jedenfalls jemand anderes, ich schwöre!

Zurück im Hotel falle ich zeitig ins Bett denn am Morgen will ich früh raus. Das klappt auch sehr gut und ich erlebe einen schönen Sonnaufgang bei gescheitem Wetter.

Heute steht mein persönliches Rumänien-Highlight auf dem Programm: Der Transfagarasan, auch bekannt als berühmte Strasse Nummer 7C. Der irre Diktator Ceausescu selbst hat den Bau Anfang der 1970er Jahre durchführen lassen. Angeblich aus touristischen Gründen, vorrangig aber auch für schnelle Truppenbewegungen, da er den Sowjets damals wohl nicht so richtig getraut hat.

Da ich aus Richtung Sibiu komme, fahre ich die Strasse von Norden nach Süden und zu Beginn sieht auch alles noch relativ harmlos aus.

Durch den dichten Wald schlängelt sich der Ashpalt mit seichten Kurven nach oben.

Hier am Nordhang der transsilvanischen Alpen hängen so früh noch jede Menge Wolken am Himmel und nur zwischendurch kann man kleine Löcher erahnen.

Da heute Sonntag ist, sind schon viele Menschen auf der Strasse und auch hier wird fleissig und gerne direkt neben der Strasse gecampt. Das ist so eine Eigenart der Rumänen. Unsereins würde ja in den Wald verschwinden, aber die lieben es, ihr Zelt direkt am Strassenrand aufzubauen.

Nun führt die Strasse weiter nach oben und je höher ich komme, umso steiler scheint sie zu werden.

Die Kurven werden dabei immer enger und die Bergwelt spektakulärer.

Nahe der 2000-Meter-Marke (mein Navi zeigt die Höhenmeter) halte ich dann immer wieder an und mache Fotos von dieser unglaublich tollen Achterbahn.

Einmal kommen sogar zwei ältere Paare auf mich zu und fragen höflich um Erlaubnis, sich mit meiner GS fotografieren zu lassen – von mir aus. Gerade als die vier mit ihren Fotos fertig sind und ich schon wieder abfahren will bemerke ich ein kleines Mädchen, welches mit grossen Augen auf das Motorrad schaut. Ich signalisiere ihrem Vater das er die Kleine ruhig draufsetzen darf, was er dann auch prompt macht. Sie erscheint jedenfalls hocherfreut und nun bin ich derjenige, der wieder lachend fotografiert.

Das war dann mein heutiger Beitrag zur Nachwuchsförderung und ich hoffe, sie kommt in zwanzig Jahren noch in den Genuss, ein klassisches Motorrad fahren zu dürfen.

Ich schraube mich dann weiter nach oben und immer wieder ziehen Nebel über die Hänge.

Genau deshalb wird der Transfagarasan auch als „Strasse in den Wolken“ bezeichnet. Es ist, als wolle er seinem Namen heute alle Ehre machen, während ich mich wirklich über die Kulisse und die Bilder freue.

Irgendwann komme ich oben an der Scheitelhöhe auf gut 2.000 Meter an. Hier geht es aber zu wie auf dem Jahrmarkt. Überall Menschen, Motoren und Buden mit Touristenschrott. Der Verkehr ist abartig und wirkt wie kurz vor dem Kollaps. Ich schiesse daher nur schnell ein Beweisfoto „aus der Hüfte“ und durchfahre dort oben dann den knapp 900 Meter langen Balea-Tunnel zur Südseite des Transfagarasan.

Gerade aus dem Tunnel heraus traue ich dann meinen Augen kaum. Während die Nordseite noch in den Wolken hängt, blendet mich nur einen Steinwurf weiter die Sommersonne auf der Südseite.

Es ist dermassen schön, dass ich gleich wieder abstelle und jede Menge Fotos machen muss. Die folgenden Bilder trennen wirklich nur zwei Minuten vom Nebelfoto vorher.

Dabei bemerke ich eine erhebliche Anzahl alter Peugeot 205 von denen schon einige auf der Nordseite unterwegs waren und es sind sicher hundert und mehr Fahrzeuge die mir immer wieder entgegenkommen.

Diese französische Rallye findet in jedem Jahr statt und meinen Weg kreuzt sie gerade jetzt hier oben. Cool!

Wenige Meter neben meiner GS steht einer der alten Peugeot mit auffälligem Blümchenschmuck. Dieser Wagen wird von zwei Mädels gelenkt die die Rallye mitfahren und ich habe echt Respekt vor ihrer Abenteurlust.

Während meiner Abfahrt erspähe ich auch noch die echte Dracula-Burg oben an einem der Bergkämme. Im Gegensatz zur Burg im nicht weit entferten Ort Bram hat Vlad Draculea hier wohl tatsächlich gewohnt.

Noch weiter südlich führt die Strasse dann am Stausee Vidraru vorbei, aber vorher stecke ich inmitten einer Blechlawine fest.

Es steht bergab und bergauf und auch nach mehr als zehn Minuten komme ich keinen Meter mehr voran. Da ich Schlange stehen auf den Tod nicht ausstehen kann, nutze ich die Vorteile meines zweirädrigen Fahrzeugs aus und quetsche mich an den PKW vorbei. Nach etwa einem Kilometer geht dann gar nichts mehr und ich erspähe das Problem in Form eines riesigen polnischen Reisebusses, der an einer Kurve festhängt.

Zwischenzeitlich versucht sogar schon ein Polizist irgendwie Ordnung in das Chaos zu bekommen, aber ein Erfolg ist nicht annähernd zu erkennen. Im Gegenteil, der junge Kerl scheint mit der Situation total überfordert zu sein. Statt klare Anweisungen zu geben, lässt er sich auf Diskussionen mit der Menschenmenge ein, während der bescheuerte Busfahrer unkontrolliert vor- und zurücksetzt.

Was treibt eigentlich entwickelte Lebewesen bei der Idee, mit einem 13 Meter langen, vollbesetzten Ungetüm einen Pass zu befahren, noch dazu den Transfagarasan? In diesen Momenten zweifle ich ernsthaft am Verstand des Homo Sapiens. Nun gut, sollen sie gemeinsam die folgende Nacht auf Kehre 84 der Transfagarasan-Südrampe verbringen. Ich spiele da nicht mit, habe noch ein Tagesprogramm und mogle mich an diesem Irrsinn vorbei.

Bis hinunter nach Rotunda steht die Autoschlange und ich habe sogar Mitleid mit den armen Teufeln die bei mehr als 30 Grad in ihren Blechdosen kochen.

Ich bin nur froh, bei Curtea de Arges auf die 73C in Richtung Campulung und weiter nach Brasov abzubiegen. Unterwegs fahre ich an der Planwagenkolonne einer Zigeunergruppe vorbei, die ich eigentlich gerne fotografiert hätte, mich aber dann doch nicht so richtig traue. Und ich halte noch kurz an einem Denkmal des ersten Weltkriegs wo auch reichlich Touristen halt machen.

Nachdem ich die Kamera wieder eingepackt habe und zurück zum Motorrad laufe muss ich nur aufpassen, dass dieses Päärchen nicht die Maschinen verwechselt…

Etwas weiter, hinter der Ortschaft Rucar führt die 73 dann noch über den schönen Giuvala-Pass. Meine Freude währt aber nur bis Bran, wo sich die touristische Draculaburg befindet und der Verkehr abermals im Chaos versinkt. Die Burg ist ja ganz nett anzusehen, hat aber geschichtlich nicht wirklich viel mit dem bösen Onkel Vlad zu tun.

Das tut dem Tourismusgeschäft jedoch keinen Abbruch – die Anziehungskraft scheint enorm. Habe ich auf den Kilometern bis hin zur Burg noch den Eindruck, der Verkehr wäre nur ein temporäres Problem, wird mir bei der Abfahrt von Bran in Richtung Brasov erst das ganze Ausmass der Katastrophe bewusst. Die Autoschlangen stehen schon wieder in beiden Richtungen über Kilometer, es bewegt sich kaum etwas und selbst mit dem Motorrad habe ich nur wenig Vorteile.

Irgendwann stehe ich so im Stau und vernehme knapp hinter mir laute Musik von einer lustigen Truppe Rumänen in einer silbernen Limousine deutscher Herkunft. Die machen das Beste aus der Situation und feiern fröhlich ihre Auto-Privatparty, was mich dazu verleitet, auf meinem Motorrad mitzuschunkeln.

Die rumänische Partytruppe wiederum honoriert das mit kräftigem Jubel und Gehupe und wir haben gemeinsam einen Heidenspass. Würden wir hier nicht mitten auf der Landstrasse stehen, ich würde wohl hoffnungslos mit denen versacken. Ich hüpfe jedenfalls fleissig auf meinem Motorrad auf und ab, fahre dann aber doch irgendwann ein paar Meter weiter, bevor sie beginnen, mich mit ihrem rumänischen Bier und Hochprozentigem abzufüllen.

Schliesslich geht es nach einigen Kilometern voran und ich erreiche die schöne alte Stadt Brasov (ex Kronstadt in Siebenbürgen, ehemals vom deutschen Orden gegründet).

Heute Abend will ich in Targu Secuiesc übernachten und erhalte telefonisch den dringenden Rat, Brasov anzuschauen. Die Stadt lohnt sich in der Tat, aber ich werde von einem Gewitterschauer überrascht und flüchte mich für eine halbe Stunde unter einen Regenschutz.

Die Zeit nutze ich, um mal nach Hause zu telefonieren und bekannt zu geben, dass mich noch keine Wölfe, Bären oder Vampire verspeist haben.

Als das Unwetter vorbeigezogen ist, befasse ich mich mit der klassischen Architektur in Brasov.

Eins ist offensichtlich: Schöne alte Häuser wieder herrichten, können sie auch in Rumänien!

Sechzig Kilometer weiter nordöstlich, in Targu Secuiesc wohnt Bekanntschaft aus meiner Heimtstadt. Esther ist in den Neunzigern dorthin gezogen, mittlerweile mit einem Ungar-Rumänen verheiratet und die beiden haben sich dort eine ansehliche Existenz in Form einer schönen, gehobenen Pension mit Restaurant aufgebaut.

Ich erhalte ein ganzes Appartement und könnte eigentlich auch direkt einziehen. Jedenfalls entsprechen Ausstattung und Optik absolut meinem Geschmack.

Falls du mal in die Verlegenheit kommst, eine Übernachtungsmöglichkeit im südöstlichen Karpatenbogen Rumäniens zu suchen, bist du hier in der Villa Westfalia jedenfalls bestens aufgehoben.

Ich erwische mit viel Glück und reichlich Vitamin B das letzte Bett in dem schönen Haus und bekomme sogar noch einen Teller der fantastischen Gulaschsuppe einer im Restaurant feiernden Partygesellschaft mit.

Später am Abend fahren wir gemeinsam zu einem wunderschön restaurierten Bauernhof in den Hügeln von Targu Secuiesc, wo Livemusik spielt und gute Stimmung herrscht. Die ganze Truppe feiert und es herrscht kein Mangel an Getränken.

Hier spricht übrigens niemand Rumänisch, vielmehr Ungarisch und Deutsch und ich erfahre noch allerhand weitere Hintergrundinformationen über das Land, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die Lebenssituation und verschiedene gesellschaftliche und soziale Eigenheiten.

Dabei lerne ich so viele Leute kennen, dass ich mir die Namen später gar nicht mehr merken kann. Eventuell hängt das aber auch mit der fortschreitenden Stunde und dem zweiten Bierchen zusammen?!

Esther und Arpad als Eigentümer der Villa Westfalia geht es offenbar ganz gut, aber sie haben auch lange und hart dafür gearbeitet. Einfach ist das Leben jedenfalls auch in Rumänien nicht, wie ich zu später Stunde bei einem letzten Bierchen unter den Bäumen im Garten erfahre. Vor allem der recht lange rumänische Winter ist wohl nicht so angenehm.

Dafür haben wir eine gute Zeit und ich fühle mich ziemlich wohl, noch dazu unter so vielen Menschen die meine Sprache sprechen. Nicht das ich darauf so grossen Wert legen würde, aber lange Unterhaltungen bis in den späten Abend auf Deutsch sind hier scheinbar normal und das finde ich doch bemerkenswert.

Beim Frühstück am nächsten Morgen erhalte ich von Arpad noch den Tipp, über Turia nach Bixad zu fahren und mir dabei den schönen See „Lacu St. Ana“ anzusehen.

Die landschaftlich wirklich schöne Strasse führt durch Täler und Wald, ist aber auch ein sehr gutes Beispiel für die abwechslungsreichen Strassenbeläge. Die folgenden Bilder sind von ein und derselben Strasse auf unterschiedlichen Abschnitten von nur etwa 10 Kilometern.

Den See selbst finde ich so früh am Morgen noch bei bedeckter Witterung vor. Überhaupt bleibt der ganze Tag heute vergleichsweise frisch, immerhin aber auch trocken.

Weiter geht es dann in Richtung Norden wo ich bei Miercurea Ciuc tanken muss. Während ich 25 Liter Superbenzin einlaufen lasse, registriere ich keine zehn Meter neben mir einen etwas seltsam ausschauenden, älteren Typen im Blaumann und mit zotteliger Pudelmütze, der mich, das Motorrad und vor allem meinen rechten Seitenkoffer mit den Länderaufklebern ganz genau mustert.

Nachdem ich vom Bezahlen aus der Tankstelle herauskomme, fasst er sich dann ein Herz und fragt mich in feinstem Englisch, ob ich tatsächlich alle dieser Länder bereist habe. Wir quatschen dann eine Zeit lang und der komische Kerl entpuppt sich als überaus gebildeter, freundlicher und herzlicher Mensch. Was den Armen an diese Tankstelle verschlagen hat, wage ich dann aber trotz aller Neugier nicht zu fragen. Ich bin wieder einmal sehr überrascht, welche Menschen sich manchmal hinter oberflächlich einfacher Fassade verstecken.

Mein heutiges Tagesziel ist die Bicaz-Klamm, eine spektakuläre Schlucht in den Ostkarpaten, nahe der gleichnamigen Stadt.

Vorher geht es durch die Berge der Region Moldau und jede Menge schöne, kurvige Strassen mit tollen Ausblicken.

Ich erreiche die Gegend am Mittag nach dem Passieren der Stadt Gheorgheni und halte zunächst am Lacul Rosu, dem „Roten See“, der zwar – soweit ich das beurteilen kann – nicht rot ist, aber durch die aus dem Wasser herausragenden Baumstümpfe überregionale Bekanntheit erlangt hat.

Entstanden ist der See im Jahr 1837 durch einen Erdrutsch und die alten Baumstümpfe ragen noch heute aus dem Wasser wie Grabsteine auf einem Friedhof.

Nur wenige Kilometer weiter geht es dann in die eigentliche Schlucht (Bicaz-Klamm), deren 300 Meter hohen Felswände bedrohlich nahe bis an die Fahrzeuge heranreichen.

So schön die Strasse durch die Schlucht auch ist, so touristisch geht es hier auch wieder zu und jeden Menge Fress- und Souvenierbuden machen sich gegenseitig Konkurrenz.

Wenn dann schon wieder der nächste Reisebus vor meiner Nase auftaucht, habe ich die Nase voll und eine Steigerung wäre nur noch ein Kreuzfahrtschiff. Glücklicherweise liegt die Schlucht dafür aber doch zu weit vom Meer entfernt!

Trotzdem: Hier kann man sich nicht sattsehen an den rauhen Felsen und den steilen Bergen.

Hinter Bicaz biege ich in Richtung Norden ab, immer an der Ostseite des riesigen Stausees entlang. Bicaz ist übrigens geprägt von der Rohstoffförderung und die deutsche Gruppe „Heidelberger Zement“ betreibt hier offenbar den grössten Teil der örtlichen Werke.

Es gibt hier aber auch noch viele alte Industrieruinen aus der Zeit des Kommunismus unter Ceausescu.

Die Strasse am See entlang bietet weiterhin schöne Aussichten, aber durch die vielen Kurven und das Auf und Ab am Steilufer braucht es sehr viel Zeit um bis ans Nordende des Sees zu gelangen.

Über Targu Neamt und Falticeni will ich heute noch bis nach Suceava in die Region Moldau mit den berühmten Klöstern die ich am nächsten Tag besuchen will.

Irgendwann bewege ich mich dann in einer sehr langsamen Schlange von Fahrzeugen und mache das Verkehrshindernis in Form eines uralten Traktors mit Anhänger aus, der im Schneckentempo eine riesige Ladung Brennholz durch die Gegend tuckert. Überholen ist auf Grund von Gegenverkehr schwierig, aber irgendwann bin ich Nummer eins hinter dem alten Schlepper. Wir kommen dann in der Ortschaft Humulesti so an eine Kreuzung und der Traktor biegt zu meinem Leid links ab, die Richtung, die auch ich fahren muss. Mitten auf der Kreuzung durchfährt er dann mit dem rechten Rad seines Anhängers ein riesiges Schlagloch. Das ganze Gespann erzittert unter grossem Radau und er verliert dabei gefühlt das obere Drittel seiner Holzladung, die sich sodann direkt vor meiner GS auf die Strasse verteilt. So stehe ich plötzlich mitten auf der Kreuzung umgeben von einem Stapel Brennholz und kann nur mühsam versuchen, mich mit beiden Füssen rückwärts aus dem Chaos herauszumanövrieren. Dabei bin ich nur froh, dass ich nicht noch näher aufgefahren bin. Sonst hätte mich die Ladung wohl erwischt und ich fürchte, der Helm hätte nur teilweise geholfen.

Kurz vor Falticeni erlebe ich die nächste kurzweilige Verkehrsbehinderung in Form einer Schafherde die über die Brücke getrieben wird.

Überhaupt sehe ich in der Folge eine Ansammlung von Skurrilitäten, die ich gar nicht alle fotografieren kann. Vor allem sind es immer wieder die seltsamsten Menschen, die mir heute nicht nur in Targu Neamt über den Weg laufen.

Im dem Ort selbst erlebe ich dann einen Schreckmoment: Im Unterbewusstsein registriere ich am rechten Strassenrand einen Fussgänger der mir entgegenkommt. Kurz vor meinem Fahrweg torkelt der Kerl plötzlich direkt vor mir auf die Strasse und ich kann bei Gegenverkehr mit einer Vollbremsung die Kollision verhindern. Der Typ ist sternhagelvoll und kann sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Ein Unfall mit Personenschaden hätte mir hier gerade noch gefehlt…

Eigentlich wäre das der Moment in dem ich denke, es würde mir nun reichen, aber weit gefehlt:

Schon im nächsten Dorf kommt mir dann einer dieser typischen rumänischen Pferdewagen entgegen, jedoch ohne Kutscher! Das Pferd trottelt mutterseelenallein mit dem grossen Leiterwagen die Strasse entlang. Aber bereits hinter der nächsten Ortskurve rennt ein zerzauster Rumäne über die Strasse, der verdächtig nach dem Menschen aussieht, dem soeben sein hölzerner Wagen abhanden gekommen ist. Es ist so unwirklich, dass ich nur noch den Kopf schütteln kann und mich unter meinem Helm kaputtlache.

Leider wird nun auch dass Wetter schlechter und ein steifer Wind aus Richtung Westen will mich immer wieder von der Strasse fegen. Den ganzen Tag lang steigen die Temperaturen nicht über 21 Grad und jetzt ist es sogar ziemlich frisch geworden. In Verbindung mit tiefhängenden Wolken und dem fiesen Wind ist das ganz schön unangenehm. Ich habe langsam keine Lust mehr und bin froh über das Erreichen des Hotels an diesem Nachmittag in Suceava. Das Haus heisst „Sonnenhof“ (Ja, genau so auf Deutsch) ist flammneu, ordentlich, sauber und bietet jeglichen Komfort. Ich geniesse ein herausragendes Abendessen im häuslichen Restaurant und mache es mir dann auf dem Zimmer bequem.

Der Sonnenhof beschert mir dann auch das beste Frühstück Rumäniens. Der neue Tag startet jedenfalls so, wie man es in jedem deutschen Vier-Sterne-Haus auch erleben würde. Die Auswahl ist fast schon dekadent gut und ich geniesse es ausgiebig.

Auf dem Hotelparkplatz widme ich mich am Morgen zunächst mal der Technik und checke alle für mich überschaubaren Details des Motorrads, vor allem aber Reifen, Räder, Gabel, Federn, Dämpfer. Auch 0,3 Liter Motoröl sind zwischenzeitlich fällig, denn immerhin stehen schon wieder knapp 3.000 Kilometer mehr auf der Uhr als bei meiner Abfahrt im Münsterland.

Von Suceava fahre ich über Radauti (Schöne Stadt!) nach Sucevita zum ersten Moldaukloster. Ich bin nun wirklich kein Kirchenfan und kulturell eher ein Ignorant, aber wenn ein Unesco-Kulturerbe schon mal auf dem Weg liegt kann man ja mal stoppen…

Das Kloster Sucevita ist toll! Schon von ausserhalb der Klostermauern bin ich beeindruckt und leiste mir dann sogar den Eintrittspreis um dieses fast 500 Jahre alte Gemäuer genauer anzusehen.

Die Kirche im Innern der Mauern ist aufwändig bemalt und – soweit ich das richtig gelesen habe – ist bis heute nicht ganz geklärt, wie die Künstler damals die Farbe zusammengestellt haben, die sich bis heute erfolgreich jeglichen Witterungseinflüssen wiedersetzt.

Aber was Wind und Wetter nicht schaffen kann immer noch der Mensch verwüsten. Wenn ich sehe, wie irgendwelche Vandalen solche Kunstwerke bearbeiten, werde ich richtig wütend.

Auch innen ist die Kirche wirklich sehenswert, aber es herrscht Fotografieverbot, was ich selbstverständlich respektiere. Spätestens hier begegnet man auch der tiefen Religiösität der rumänischen Bevölkerung. Überhaupt sind alle Kirchen und Friedhöfe auf meiner Reise tadellos gepflegt und ich sehe kein verwahrlostes Grab oder verfallenes Gotteshaus. Im Gegenteil liegen fast überall frische Blumen und alles kirchliche ist tiptop in Ordnung.

Vatra Moldovitei liegt nur etwa 30 Kilometer südwestlich von Sucevita und hier befindet sich auch schon das nächste Moldaukloster. Den Ort erreiche ich nach Überquerung des schönen Ciumarna-Passes.

Auch hier auf den Nebenstrassen finde ich übrigens wieder tadellose Strassen vor. Ich kann jedenfalls beruhigt vermelden, dass der grösste Teil des rumänischen Strassennetzes in wesentlich besserem Zustand ist als man es vorher erzählt bekommt!

Und über weite Strecken gibt es kaum Verkehr. Sein Motorrad kann man hier jedenfalls wunderbar laufen lassen. Das macht alles wirklich sehr viel Spass!

Oben an der Passhöhe gibt es ein Denkmal zu Ehren der Strassenbauer die den Weg Ende der 1960er Jahre durch die Berge getrieben haben.

Aber auch hier dürfen die obligatorischen Stände mit Snacks und Krimskrams nicht fehlen, allerdings wesentlich weniger touristisch und weniger aufdringlich als an den Hotspots.

Überhaupt scheint es hier oben in der „Bukowina“ deutlich gemütlicher zuzugehen.

Einige beginnen erst am späten Vormittag mit dem Anheizen ihrer Grills.

Nicht das ich zum Mönch werde, aber die nächste Kirche in Vatra Moldovitei besuche ich dann auch noch.

Über Fortbestand und Erhalt der alten Klöster muss ich mir gottseidank keine Sorgen machen, wird hier doch das seltene und begehrte „heilige Wasser“ gefördert…

…und diese geistliche Kostbarkeit dann unter grösster Sorgfalt zapffrisch aufbewahrt. Und wer weiss, vielleicht kann man das bald schon bei Amazon-Prime kaufen?!

Von Vatra Moldovitei fahre ich jetzt südöstlich bis nach Frasin, da ich unbedingt mal eine Route fahren will, die abseits der bekannten Routen liegt.

Ich habe mir dazu die 177A von Frasin über Ostra nach Holda ausgesucht und absolut keinen Schimmer was mich dort erwartet.

Hinter Frasin geht es noch ganz gesittet zu und ich werde nur von einer Panzerplattenstrasse durchgeschüttelt.

Einmal komme ich dann an einem sehr breiten Flussbett vorbei, welches von einer beeindruckend langen Holzbrücke überspannt wird.

Die Konstruktion muss ich gleich ausprobieren und das Ding schwingt und wackelt wirklich haarsträubend.

Der Strassenbelag wechselt dann immer wieder zwischen Betonplatten, Schotter und Asphaltresten.

Südlich von Ostra finde ich mich dann plötzlich in einer ehemaligen Industriebrache wieder. Der Ort wirkt bedrohlich und ruhig zugleich. Wenn ich die spärlichen Informationen richtig zusammengetragen habe, befand sich hier einst eine Schwefelhütte und die Umgebung muss bestialisch gestunken haben, während die Umwelt unter den katastrophalen Abbaubedingungen gelitten hat.

Heute sind die Gebäude grösstenteils abgerissen und inmitten der Schuttreste steht nur noch einen mahnender Turm, während links und rechts der Strasse vereinzelte Betonreste und Fundamente der alten Hüttengebäude zu erkennen sind.

Fotografisch gesehen kann man hier auf jeden Fall reichlich rumspielen.

Aber auch fahrerisch bieten sich ausreichend Gelegenheiten, abseits der Hauptstrasse in die Berge abzufahren und einer Geländemaschine mal etwas Gelände zu gönnen.

Dabei fühle ich mich angesichts der Unwägbarkeiten auf der Hauptstrasse im Gelände mitunter sicherer als auf dem „Asphalt“. Hier nehmen die Schlaglöcher nämlich teilweise bedrohliche Ausmasse an.

Und wenn Tiefe und/oder Breite der Löcher einen Meter zu erreichen drohen, stellt der Rumäne zur Markierung einen Tannenbaum oder Busch hinein! Mangels Strassenbeleuchtung würde ich dringend davon abraten, die Strecke in der Nacht zu befahren.

Damit man die Grösse erahnen kann, habe ich mal meinen Handschuh daneben gelegt. Ich denke, wenn ich da mit meinem Vorderrad eintauche, ist die Reise hier zu Ende!

Die kaputte Waldstrasse führt dann bis hinunter nach Holda und ich fahre weite Teile im Stehen und im ESA-Bergmodus. Das klappt wieder richtig gut und ich freue mich über meine Conti TKC70.

Das sind Momente, in denen ich wirklich froh bin, das elektronische Fahrwerk zu haben. Jedenfalls funktioniert es tadellos und zeigt wieder eindrucksvoll, dass die GS kein definierter Spezialist in einer besonderen Kategorie ist, aber ein überaus guter Allrounder für jede Lebenslage und in der breiten Anwendung alle Karten gekonnt ausspielt. Die Summe macht das Motorrad saugut und in Verbindung mit dem 32-Liter-Tank der Adventure-Variante ist es einfach mein Motorrad! Das muss auch nicht für jeden gelten, aber mein Reiseprofil wird mit dieser Maschine hervorragend bedient und ich komme damit auf Asphalt wie auch abseits einer Verkehrsinfrastruktur immer klar, Gewicht hin oder her.

Ab Holda geht es dann wieder auf einen Untergrund, der die Bezeichnung „Strasse“ verdient.

Via Crucea fahre ich nach Vatra Dornei (Wintersportort wie Winterberg, nur ohne Niederländer) und dann über den Tihuta-Pass (eher Rennstrecke als Pass und den kann man sich getrost schenken) nach Bistrita (Bistritz).

Das alles passiert aber nicht ohne weitere, lohenswerte Fotomotive. Und ehrlich, die folgenden sind wirklich nur eine sehr kleine, repräsentative Auswahl:

Später passiere ich immer wieder richtig schöne Orte und Täler mit den typischen rumänischen Holzhäusern.

Ab Mursenii Bargaului reiht sich dann Ortschaft an Ortschaft und es ist nicht mehr wirklich spannend. Über Booking hatte ich mir in Bistrita zwei Hotels ausgesucht: Das Motel Sheriff oder das Hotel Diana, aber noch nicht online gebucht, denn irgendwie war ich mir unsicher. Und wie das manchmal so ist, hat man ein seltsames Gefühl und das bewahrt einen vor Kummer. Als ich mir beide Häuser am späten Nachmittag live vor Ort ansehe, kommt mir vor allem eins in den Sinn: Nur schnell das Weite suchen!

Die Häuser sind so finster, dass ich einfach weiter durch den Ort fahre, in der Hoffnung, etwas passabeles zu finden. Und getreu dem Motto „Wer suchet der findet“, liegt nur zwei Kilometer weiter das Hotel Ozana. Ein richtig solides, sauberes Haus mit fairem Preis (40,- Euro inkl. Frühstück) und einem leckeren Restaurant. Hier treffe ich auf eine ebenso freundliche wie attraktive Empfangsdame, checke prompt ein und bin froh über ein sauberes, klimatisiertes Zimmer und eine erfrischende Dusche. Danach setze ich mich unter freiem Sommerhimmel auf die Restaurantterrasse und geniesse den Abend bei einem guten Essen und einem Glas Wein.

Mittlerweile bin ich zum Frühaufsteher geworden, was vor allem auch daran liegt, dass die Temperaturen im Tagesverlauf immer weit über die 30-Grad-Marke klettern. So nutze ich die frühen Stunden um bei noch angenehmen Bedingungen aufs Motorrad zu steigen.

Heute geht es ganz in den Nordwesten Rumäniens über Nasaud und die wunderbare 17C bis Moisei. Die 17C führt durch Täler, immer an einem Fluss entlang und bietet genug Möglichkeiten für Spielereien abseits des Asphalts.

Und ausserdem geht nichts über eine zünftige Flussdurchquerung am frühen Morgen!

Via Borsa versuche ich über den Priklop-Pass zu kommen aber dieses Vorhaben scheitert gleich an mehreren Faktoren: Zunächst mal ist die Strasse in einem Zustand der nur noch als ein einziges Desaster beschrieben werden kann. In Verbindung mit dem ziemlich hohen Verkehrsaufkommen und den vielen Baustellen (immerhin arbeiten sie an der besch… Situation) staut es aber alle hundert Meter.

Ganz schlimm ist es in Borsa selbst und ich brauche schon eine halbe Stunde um überhaupt durch den Ort zu kommen. Östlich von Borsa finde ich mich dann immer wieder in riesigen Staubwolken wieder, die von LKW, Planierraupen und vorausfahrenden PKW aufgewirbelt werden.

Die Strasse gleicht nur noch einer kasachischen Schotterpiste und wäre mit der GS zwar fahrbar, aber ich habe einfach keine Lust mehr und verplempere viel zu viel Zeit ohne Aussicht darauf, dass der Priklop-Pass die Mühen lohnen würde. Ausserdem sehe ich mittlerweile aus wie die Sau und bin durch den Staub komplett gepudert.

Daher beschliesse ich nun umzukehren und mich mit dem kleineren Übel der wiederholten Ortsdurchfahrt von Borsa abzuquälen. In einem der Staus will mir ein Rumäne dann seine handgearbeiteten Holzkreationen verkaufen und ich überlege angesichts seines mässigen Erfolgs einen Vortrag über Marketing und die Geschäftsmodellentwicklung unter Verwendung von Osterwalders Business-Model-Canvas, aber ich fürchte gleichzeitig, er ist noch nicht bereit dafür…

Naja, schliesslich erreiche ich Viseu de Sus und mache einen Abstecher zur „Mocanita“, dem Eisenbahnmuseum und Startpunkt der sehenswerten Wassertalbahn, die auch schon in diversen TV-Reportagen dokumentiert wurde.

Leider fährt heute kein Zug und ich mache nur ein paar Fotos, erhalte aber immerhin einen Eindruck welche Sicht die Lokomotivführer dieser alten Damprösser seinerzeit hatten.

Vielleicht ist der alte, historische Zug auch wieder mal entgleist, was ja durchaus öfter vorkommen soll…

Über Sighetu Marmatiei fahre ich dann entlang der ukrainischen Grenze nach Sapanta zum „fröhlichen Friedhof„.

Das ist zwar auch einer der typischen Touristen-Hotspots aber es bedeutet für mich nur einen 20-minütigen Umweg und so nehme ich diesen bemerkenswerten Ort heute auch noch mit.

Sehenswert ist er in jedem Fall, da die einzelnen Grabkreuze mit typischen Szenen aus dem Leben der Verstorbenen oder sogar der Todesursache verziert sind. Einerseits makaber, andererseits habe ich durchaus sympathien dafür. Ich wüsste jedenfalls was ich mir für mein Kreuz wünschen würde, hoffe aber gleichzeitig, ich habe noch etwas Zeit…

Von Sapanta aus geht es die wenigen Kilometer wieder zurück bis nach Sighetu Marmatiei und dort auf die Strasse Nr. 18 nach Baia Sprie. Ich hatte die Passage nicht als wesentlichen Part auf dem Schirm aber sie führt über den Gutai-Pass (verbindet Sighetu-Marmatiei mit Baia Sprie) und der ist ein richtiger Kracher!

Über unzählige Kurven, die gerade eben frisch asphaltiert wurden, fahre ich südlich. Dabei legt man eine 18 Kilometer lange Achterbahn zurück, die das Gutai-Gebirge auf knapp 1.000 Metern überwindet und jedem Kurvenräuber die Freudentränen in die Augenwinkel treibt. Ich bin so überrascht, dass ich nicht mal Fotos mache und irgendwann fassungslos und voller Freude unten stehe und mich frage, warum ich über diesen Pass vorher nichts gelesen habe.

Immerhin gibt es unterwegs wieder jede Menge bemerkenswerte Begegnungen und Fotomotive, da lässt sich Rumänien nicht lumpen!

Letzer Punkt auf meiner heutigen ToDo-Liste ist die Holzkirche in Surdesti. 70 Meter soll das 300 Jahre alte Gebäude aus Eichenholz hoch sein und etwas so grosses werde ich schon aus der Ferne sehen können, oder? Nur, wo ist die olle Kirche? Ich fahre zwei Mal durch den Ort, schaue links und rechts und finde nichts, was auch nur entfernt einer Holzkirche ähnelt. Mein letzter Versuch führt mich von der T-Kreuzung südlich aus Surdesti hinaus und dann steht auch endlich ein Hinweisschild am Strassenrand.

Tatsächlich liegt die Kirche etwas schwer zu finden südlich an der 182C nach Plopis. Als ich das Motorrad auf dem kleinen Parkplatz davor abstelle, regen sich in mir deutliche Zweifel an der Höhenangabe.

Die 70 Meter möchte ich ausschliessen und selbst bei den alternativ genannten 50 Metern würde ich keine Wette eingehen. Vielleicht wären die Höhenangaben ja ein Fall für die Lügenbrücke in Sibiu?! Einen Versuch wäre es wert…

Trotzdem geht das Teil als Sehenswürdigkeit in Ordnung und vor allem das Innere (diesmal darf ich fotografieren) ist hübsch rustikal.

Ein lustiges Detail am Rand ist noch die Infotafel, bei der sie sich etwas mit dem deutschen Text, bzw. der Flaggenzuordnung vertan haben…

Während sich am Himmel über der Ukraine mittlerweile Ungemach zusammenbraut…

…flüchte ich an diesem späten Nachmittag in Richtung Baia Mare (da muss man nicht hin) und weiter über die ziemlich langweilige Landstrasse nach Satu Mare in mein letztes Hotel „Poesis“ im Zentrum der Stadt.

Das Poesis ist ein wirklich sehr schönes altes Haus, stilvoll eingerichtet mit einem mindestens ebenso schönen Gartenrestaurant.

Am Abend besuche ich noch den nahen Park und bewundere den Rathausturm aus der Zeit Ceausescus, von dem ich nicht weiss ob ich ihn so hässlich oder so markant finde. (In meiner Heimatstadt haben wir ein Rathaus, das ist ähnlich furchtbar…)

Egal – 2.200 Kilometer bin ich nun durch Rumänien gefahren und habe ein absolut faszinierendes Land gesehen, mit unglaublich vielen freundlichen, lustigen, netten, skurrilen und verrückten Typen.

Nur einmal, in der Mad-Max-Arena oben an der Transalpina, hatte ich das Gefühl, ich sollte besser weiterfahren, aber der Eindruck mag auch falsch gewesen sein.

In vielen Gesprächen wurde mir jedoch nahegelegt, mich von den Zigeunern fernzuhalten und den Rat habe ich einfach mal befolgt. Da kann mir unser sauberer Justizminister gerne eine (übrigens verfassungswidrige) Löschung auferlegen oder irgendein verblendeter linker Traumtänzer politische Inkorrektheit vorwerfen – mir egal. Es waren Empfehlungen von einheimischen Rumänen und ich bin ohne Schaden zurück, also waren die Tipps wohl ok.

Von den (nativen) Rumänen selbst habe ich nur Freundlichkeit, Neugier, Offenheit und nette Worte erfahren. Ich würde da sofort wieder hin und habe zum Schluss nicht mal mehr meine Sachen am Motorrad abgeschlossen. In Satu Mare stand die Maschine mit Koffern und Tankrucksack die Nacht über an der Strasse vor dem Hotel, da fehlte am Morgen gar nichts!

Natürlich waren keine echten Wertsachen am Moped, aber die würde ich zuhause ja auch nicht einfach rumliegen lassen. Wahrscheinlich ist es in den bundesdeutschen No-Go-Areas gefährlicher als hier in den Karpaten.

Ein Rumäne fragte mich einmal, warum wir in Deutschland Menschen durchziehen, die unsere Regeln und unsere Gesellschaft ablehnen und deren Lebensinhalt darin besteht, unsere Sozialkassen zu plündern. Ich konnte ihm die Frage nicht beantworten, wundere mich zuhause aber über gar nichts mehr. Mit Logik und Verstand ist das sowieso nicht erklärbar.

Für meine Rückreise tanke ich direkt am Grenzübergang Petea nochmal voll (Erinnerung: 1 Euro pro Liter Superbenzin!!) und stehe dann in einer langen Schlange vor den ungarischen Grenzbeamten. Das ist zwar eine innereuropäische Grenze, aber schliesslich sind nicht alle so naiv wie wir in Germany. Gerade die Ungarn verstehen bei unkontrollierter Einreise überhaupt keinen Spass und untersuchen jedes einzelne Fahrzeug ausgiebig. Mich winken sie dann durch als ich meinen Ausweis zeige und ich muss nicht mal den Helm abnehmen.

Dann geht es durch Ungarn und ich kann zum Autobahntransit durch die weitläufige Pusta nur eins sagen: Laaaaangweilig!

Die einzige Abwechslung ist ein ordentlicher 10-Kilometer-Stau kurz vor Budapest, den ich mit der GS geschickt durchfahren kann. Am Abend schaffe ich es wieder bis kurz vor die Tore von Prag und finde in dem winzigen Ort Kunice ein Zimmer im Hotel Berchtold, einem alten Schloss mit Zimmern für schmale 30 Euro, bevor es am nächsten Tag auf die letzte Etappe bis nach Hause geht.

Schlussanekdote am Rande:

Bei Dresden halte ich an einer Autobahntankstelle und fülle ein paar Vorräte auf. Als ich aus dem Shop komme, stehen drei Männer zwischen etwa zwanzig und Mitte dreissig Jahren an meinem Motorrad und diskutieren über die Länderaufkleber, wobei mich der Älteste dann fragt, ob ich tatsächlich in Albanien war. Geschickt ermittelt er meine Route die ich ihm natürlich detailliert erläutern kann.

Damit sind die Jungs zufrieden und ich erfahre, dass sie Anfang der Neunziger aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen sind und nun in Hamburg leben. Naja, sie bedienen dabei jedes Klischee inklusive der hochmotorisierten AMG-Mercedes-Limousine. Auf meine Frage nach ihrer Tätigkeit in Hamburg weichen sie dann geschickt aus.

Als ich im Gespräch die kolportierten serbischen Ansprüche zum Kosovo anspreche, wird die Diskussion emotional und wir scherzen über die wirkliche Bedeutung der bemerkenswerten Autobahn E851 von Albanien nach Prizren (Insiderwitz). Jedenfalls sind sie jetzt überzeugt, dass ich wirklich dort war und am Ende erhalte ich die Aufforderung, bei meinem nächsten Besuch in Hamburg unbedingt bei ihnen vorbeizuschauen. Ach ja – und falls ich da jemals Ärger hätte… (Ich denke aber, ich buche mir doch lieber wieder ein normales Hotel)

Trotzdem, die vielen Begegnungen und Gespräche haben richtig viel Freude bereitet und sind mir wertvoller, als alle Fremdberichte aus irgendwelchen Hochglanz-Reiseführern. Das reale Leben bietet immer noch die besten Geschichten.

Wochen später realisiere ich, dass dies wieder eine dieser unvergesslichen Reisen war!

 

Fazit:

Würde ich wieder nach Rumänien wollen? Jaaa!

Würde ich Rumänien als Reiseziel empfehlen? Oh ja!

Ist Rumänien sicher? Auf jeden Fall!

Reisezeit: August 2017

Höchsttemperatur: 41,5 Grad in Timisoara

Tiefste Temperatur: 14 Grad bei Bixad

Gefahrene Kilometer: 6.230 (Gesamt inkl. An/Abreisestrecke)

Schäden/Verluste: keine

Getroffene deutsche Motorradfahrer: 2 (In Worten: Zwei!)

Gesamtkosten inkl. Hotels, Essen, Sprit, Eintritt, etc.: 845,- Euro (!)

 

Was mir sonst noch aufgefallen ist:

Alle (Wirklich: Alle!) Brückengeländer sind gelb-schwarz gestrichen. Da muss es eine besondere rumänische Vorschrift oder ein Gesetz geben.

1 Liter Superbenzin kostet umgerechnet exakt 1,00 Euro: Tolles Land!

Die Rumänen fahren „sportlich“ (eine echte Untertreibung, hört sich aber besser an). Nur wieso halten die alle brav an jedem Bahnübergang, auch wenn der letzte Zug dort 1949 durchkam?

Die erlaubte Höchstgeschwindgkeit innerhalb von Ortschaften liegt bei 50km/h, aber praktisch gilt man mit 80 als Verkehrshindernis! 90 Prozent fahren dort auch 90!

Es ist unmöglich, von Laserpistolen erwischt zu werden. Jeder entgegenkommende Rumäne warnt vor Polizeikontrollen ausgiebig per Lichthupe!

Insgesamt ist der rumänische Verkehr viel besser als erwartet, die Strassenqualität aber auch! Klar gibts ganz miese Teilstücke, aber viel weniger als befürchtet. (Von Nachtfahrten ohne ganz genaue Ortskenntnisse würde ich jedoch dringend abraten!)

Die Rumänen fahren eher situationsbedingt als nach Temposchildern. Am entspanntesten ist es, einfach mitzumachen. Ausserdem kommt man so ganz gut voran.

Pferdekarren gibts überall, die sind immer noch vollkommen normal. Genau wie Esel, Kühe, Schweine und Ziegen auf der Strasse.

Nervig sind die endlosen Strassendörfer, aber dort stehen oft schöne alte, verzierte Häuser.

Zahlen kann man in jedem Hotel mit Kreditkarte, egal ob Mastercard oder Visa. Auch in jeder Tankstelle, in denen es ausserdem alles Nötige zu kaufen gibt.

WLAN/WiFi ist ebenfalls in jedem Hotel, B&B und an fast jeder Tankstelle verfügbar.

Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten mit dem 3G-Roaming (Heimatprovider O2) und habe keine Ahnung woran das lag. In Ungarn und Tschechien war alles wieder tiptop.

Fahre die Transalpina und den Transfagarasan möglichst nicht am Wochenende. Die Rumänen selbst finden die nämlich auch toll und dann ist da oben die Hölle los!

 

Meine Route durch Rumänien (Klick für grösser):

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