Ich könnte nicht mal mit Sicherheit sagen wie wir auf das Reiseziel Schottland kamen, aber sicherlich war Erik Peters DVD „Highlands and Islands“ nicht ganz unschuldig. Als bekennender Fan von Scotch Single Malt hätte es aber nicht unbedingt seiner Videos bedurft um den hohen Norden der britischen Insel zu bereisen. Leider sind wir nur zu zweit, da Rolf gerade seinen Sommerurlaub verbringt, in diversen süddeutschen Kiesgruben rumtobt und wir terminlich nicht groß schieben konnten.

Tag 1, Münsterland – Ijmuiden (206 km)

Los geht es am Freitag, 28.08.2015. Die Fähre hatten wir ein paar Wochen vorher bereits gebucht und sie legt um 17:30 Uhr im niederländischen Ijmuiden bei Amsterdam ab. Daher planen wir unsere Abfahrt aus dem Münsterland für 13 Uhr. So haben wir noch genügend Reserven für Staus oder anderes Ungemach. Die Ausrüstung ist gepackt, die Motorräder reisefertig und das Wetter zeigt sich mit trockenen 25 Grad von seiner besten Seite.

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Kurz vor der Abfahrt

Die Anreise verläuft ohne erwähnenswerte Vorkommnisse und wir erreichen den Seehafen vor den Toren von Amsterdam rechtzeitig und ohne Probleme nach nur zwei Stunden Fahrtzeit. Mit uns warten bereits diverse andere Biker auf die Fähre.

Warten vor der Fähre

Warten vor der Fähre

Das Schiff von DFDS Seaways ist viel größer als ich zunächst dachte und es verschlingt Autos, Motorräder, Wohnmobile, LKW und Busse in so großen Mengen das man denken könnte die Wagen würden auf der anderen Seite direkt wieder ins Hafenbecken plumpsen.

DFDS Fähre und tolles Wetter

DFDS Fähre und tolles Wetter

Pünktlich um 17:30 legt das Schiff ab, wir beziehen kurz unsere sehr ordentliche Doppelkabine mit Bad und Dusche und begeben uns dann auf das oberste Deck an die Sky-Bar um die Reise mit einem (oder zwei) Bierchen zu beginnen. Diese Idee haben bei dem Wetter recht viele Gäste und die Stimmung könnte schlechter sein. Das Abendessen nehmen wir dann im „Seven Seas Restaurant“ ein: Teuer (irgendwas um 33 EUR pro Person) aber in Sachen Qualität hervorragend.

Tag 2, Newcastle – Oban (437 km)

Gegen 9 Uhr am Morgen britischer Zeit (minus 1 Stunde) kommt die Fähre in Newcastle an. So ist vorher noch genügend Zeit für das ebenso hervorragende Frühstück auf der Fähre. Newcastle empfängt uns zunächst trocken.

Passkontrolle in Newcastle

Passkontrolle in Newcastle

Wir haben diesen Tag als reinen Fahrtag geplant und es geht zunächst nur darum, den Weg nach Schottland möglichst schnell hinter uns zu bringen. Wir fahren vorbei an Carlisle und überqueren bei Gretna Green die Grenze zu Schottland. Die Autobahn führt uns in Richtung Norden nach Glasgow und weiter bis Dumbarton. Hier tanken wir zum ersten Mal und müssen wenig später bei Helensburgh die Regenkleidung anlegen. Schnell lernen wir allerdings, dass es in Schottland sicherlich dreihundertvierundzwanzig Arten von Regen gibt und nicht jede Art einen Bekleidungswechsel erfordert. Auch wenn manche Wolke bedrohlich aussieht, bedeutet dies nicht zwangsläufig das Regen fällt (oft aber doch…) oder das dieser dann länger anhält (kann aber sein…) oder nass macht (möglicherweise…) oder nur sanft betröpfelt (häufiger…)

Eine der vielen Steinbrücken

Eine der vielen Steinbrücken

Über Inveraray geht es nach Oban. Bereits unmittelbar hinter Glasgow wurde dann auch die Landschaft schön und sollte es für den Rest der Reise auch bleiben. Wir kurven noch etwas durch die westschottische Hafenstadt Oban auf der Suche nach einem geeigneten Bed & Breakfast (B&B) und werden schliesslich unmittelbar am Ufer fündig.

Blick über Oban

Blick über Oban

Als ich meine GSA abstellen will klappt der Seitenständer wieder ein, ohne das ich es bemerke. Die Maschine kippt zur Seite und wird erst durch einen daneben stehenden MX5 gestoppt. Ich hänge dazwischen und dämpfe den ungeplanten Kontakt ohne den Bruch des linken Spiegels verhindern zu können: Mazda-BMW 1:0! Na prima, am ersten Tag die erste Schadensmeldung. Die Recherche im Internet ergibt drei BMW-Motorradhändler in Edinburgh, Glasgow und Dundee und natürlich sind alle zu weit weg. Einziger Lichtblick: Linksverkehr! Das bedeutet, der rechte Spiegel ist hier wichtiger als der linke und ich versuche, das Missgeschick zu vergessen.

Tag 3, Oban-Mallaig (211 km)

Wir frühstücken (sehr, sehr seltsames Zeugs) und starten erfreulich trocken in den Tag. Ich bin wegen des kaputten Spiegels vom Vorabend vorsichtig und lasse mich von Detlef rückwärts vom unebenen Parkplatz vor dem Haus ziehen. Dazu muss er allerdings sein Motorrad abstellen, was er auf dem leicht abschüssigen Parkplatz auch macht. Während wir nun so rangieren hören wir von hinten ein Scheppern und schauen uns verwundert um. Seine Maschine liegt am Boden! Er hatte einfach vergessen, den ersten Gang einzulegen und die Maschine rutschte über den Steinständer nach vorne, dieser klappte ein und das nächste Desaster war perfekt. Asphalt-BMW 1:0! Diesmal erwischt es seinen Kupplungshebel. Und jetzt wissen wir auch, warum es an dem Hebel eine Sollbruchstelle gibt. Genau an der Stelle brach nämlich der Kupplungsgriff ab. Ich bin nun froh über das gute alte Gewebeband (welches zusammen mit ein paar Kabelbindern immer dazugehört) und „verbinde“ die scharfe Bruchkante. Gott sei dank hindert uns der Schaden nicht an der Weiterfahrt (und es sollte auch der Letzte bleiben). Mir bleibt das gute Gefühl, nicht alleine Fehler zu machen.

Am Fährhafen in Oban kaufe ich zwei Kombitickets für die Passage nach Craignure auf die Insel Mull und im Norden bei Tobermory wieder von der Insel herunter. Je Mann und Motorrad kostetet dies gute 40 Pfund, was umgerechnet etwa 60 Euro entspricht. Ein ziemlich stolzer Preis!

Wir warten mit zwei deutschen BMW-Besatzungen auf die Fähre und haben genug Zeit für einen Plausch. Die Bayern sind schon seit zwei Wochen unterwegs und haben auch schon die schottische Nordküste hinter sich. Dazu gesellt sich ein etwas älterer Schotte, der wegen unserer Mopeds ganz ausser sich ist, wohl am liebsten mitfahren würde und von den Zeiten mit seiner Honda Shadow schwärmt.

Warten auf die Fähre in Oban

Warten auf die Fähre in Oban

Fähre Oban-Mull

Fähre Oban-Mull

Auf Mull angekommen wählen wir die Route im Uhrzeigersinn um die Insel. Hier lernen wir auch zum ersten Mal die berühmten „Single-Track-Roads“ kennen. Der Charme dieser Strassen liegt vor allem darin, sich grundsätzlich den geologischen Gegebenheiten anzupassen und einfach jedes Hügelchen so zu asphaltieren wie es vorgefunden wird.

Single Track Road

Single Track Road

Wenn man dann noch hinter jede zweite Erhebung eines der fünfzigmillionen(!) Schafe stellt ist der Nervenkitzel perfekt, also immer schön aufpassen.

Zeimlich einsam auf Mull...

Zeimlich einsam auf Mull…

Irgendwo im Westen von Mull finden wir einen tollen Wasserfall und nehmen die Gelegenheit wahr, dort Fotos und Videos zu machen und diversen anderen Unsinn zu veranstalten.

Wasserfall auf Mull

Wasserfall auf Mull

Die Insel Mull ist fantastisch, grün, wild, einsam und einfach wunderschön. Immer wieder wechseln sich Berge, steile Küste, grüne Ebenen, Wald und Täler ab.

Steinufer

Steinufer

Auf dem Weg in den Norden nach Tobermory finden wir bei Calgary das landschaftliche Highlight in Form eines weiten, fast menschenleeren, weissen Sandstrands.

Sandstrand auf Mull

Sandstrand auf Mull

Etwas deplatziert wirkt hier die kleine Imbissbude, die ein Geheimtipp sein muss: Es gibt fangfrischen Hummer mit Chips(!!).

Imbiss mit fangfrischem Hummer

Imbiss mit fangfrischem Hummer

Tobermory empfängt uns mit herrlichem Sonnenschein. Die kleine Hafenstadt wurde wahrscheinlich dorthin gemalt und man könnte glauben, die bunten Häuser wären eher eine Filmkulisse aus Pappe als Wirklichkeit.

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Tobermory

An der Hafenmole liegen die Fischerboote während der Ebbe auf dem Trockenen während ein Fischer inmitten der Fangkörbe in der Sonne döst. Uns bleibt nichts anderes als die Szene zu geniessen während wir auf die Fähre zurück aufs Festland nach Kilchoan warten.

Ebbe

Ebbe

Fischerboote

Fischerboote

Mittagspause an der Hafenmole

Mittagspause an der Hafenmole

Wir verlassen Mull mit den Eindrücken einer wunderschönen Insel. Einen Besuch der Insel würden wir auf jeden Fall wärmstens empfehlen!

Die letzten Meilen geht es nach Norden bis Mallaig wo wir den Tag ausklingen lassen wollen. Zwischendurch fahren wir an vielen Seen entlang und einer ist schöner als der andere.

Eines der vielen Lochs

Eines der vielen Lochs

Schnell finden wir in Mallaig ein B&B mit angeschlossener Kneipe. Und wir machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer besonderen schottischen Spezies: Midges. Das sind kleine, fürchterlich nervige Mücken. Sie kommen immer zu dutzenden, landen und stechen sofort und sehr, sehr schnell. Besonders gerne auch durch die Haare auf den Kopf! Das wir Antibrumm oder Autan nicht dabei haben rächt sich nun und wir verziehen uns lieber schnell ins Innere des Hauses. Nachdem wir diverse Biersorten gekostet haben (und uns für das leckere Tennent`s entschieden), mache ich eine ziemlich dämliche Figur als ich an der Theke frage, ob ein guter Single Malt im Programm sei (Wo denn wohl, wenn nicht hier?!).

Tag 4, Mallaig-Applecross (358 km)

Am Morgen fahren wir hinab in den Hafen von Mallaig wo die Fähre zur Insel Skye auf uns wartet. Wir sind „just in time“ und das Boarding beginnt nur 5 Minuten nach dem Kauf der Tickets.

Abfahrt aus Mallaig in Richtung Armadale auf Skye

Abfahrt aus Mallaig in Richtung Armadale auf Skye

Angekommen auf Skye fahren wir zunächst die erste Tankstelle an um unsere GSA zu befüllen.

Tankstelle auf Skye

Tankstelle auf Skye

Meine Erwartungen an die Insel waren so wie an Mull, aber Skye ist völlig anders. Schon im Vorfeld hatte ich die beachtliche Liste der Insel-Highlights zusammengestellt. Und genau wegen den vielen Sehenswürdigkeiten ist Skye wohl auch so viel touristischer als Mull. Unser Weg führt vom Fährhafen Armadale in den Norden nach Sligachan wo wir die A863 nach Dunvegan bis zur gleichnamigen Burg fahren.

Fischerbucht Skye

Fischerbucht Skye

Weiter geht es im Uhrzeigersinn über Uig bis zum nördlichsten Punkt der Insel nach Duntulm und an der Ostseite wieder hinunter in Richtung Ashaig.

Duntulm Post-Office

Duntulm Post-Office

Wir passieren schon bald einen Parkplatz mit seltsam vielen Fahrzeugen bis ich realisiere, dass wir den berühmten „Kilt-Rock-Wasserfall“ verpasst haben. Also machen wir kehrt und schauen uns das eindrucksvolle Schauspiel an.

Kilt Rock Wasserfall

Kilt Rock Wasserfall

Etwas weiter südlich liegt der „Old Man of Storr“. Eine etwa 50 Meter hohe Felsnadel, die den nächsten, vielbereisten Insel-Hot-Spot darstellt. Bei unserem Besuch umwehen dichte Wolken und Nebelschwaden den Fels und verleihen der Szene etwas mystisches.

Der "Old Man of Storr"

Der „Old Man of Storr“

In Portree machen wir halt und Detlef kauft ein paar Lebensmittel nach, während ich Motoren und Gepäck bewache (was wohl nicht wirklich nötig ist). Schon nach kurzer Zeit spricht mich Ben an, der die beiden GSA bewundert. Als wir uns unterhalten erfahre ich das er Amerikaner und mit einer Schweizerin verheiratet ist. Sie arbeitet in Genf bei den Vereinten Nationen während er bereits „retired“ ist und mit seiner Familie hier Urlaub macht. Er besitzt eine Harley und erzählt voller Stolz von seiner einzigen Reise damit über die französische Mittelmeerküste und die Pyrenäen bis Barcelona. Man hört seine Begeisterung deutlich und er beneidet uns wegen der Schottland-Tour. Irgendwann kommt seine Familie dazu und drängelt, während er wohl am liebsten den ganzen Tag über Motorradreisen reden würde.

Das Wetter hat sich zwischenzeitlich sehr sonnig entwickelt und verspricht bis in den Abend zu halten.

Perfektes Motorradwetter

Perfektes Motorradwetter

So planen wir den Tag auszudehnen und hinter „Kyle of Lochalsh“ bei Dornie die meistfotografierte Burg Schottlands zu besuchen: „Eilean Donan Castle“. Wir haben Glück und erwischen das alte Gemäuer in der Abendsonne bei tollem Licht und wenigen Besuchern.

Eilean Donan Castle

Eilean Donan Castle

Die Burg in der Abendsonne

Die Burg in der Abendsonne

Alles läuft prima, es ist noch ein paar Stunden hell und wir nehmen noch unseren Geheimtipp wahr. Dies ist der „Bealach na Ba“, was soviel wie „Pass des Viehs“ bedeutet. Selbst einige Schotten konnten mit der Strasse in Richtung Applecross nichts anfangen, was unsere Neugier nur noch mehr steigerte.

Anfahrt zum Bealach na Ba

Anfahrt zum Bealach na Ba

Der Weg dorthin führt uns über Lochcarron und vorbei an Loch Kishorn und wir sind wegen der fortgeschrittenen Stunde mittlerweile praktisch alleine unterwegs. Am Beginn des Aufstiegs machen wir an einer unglaublich schönen Aussicht halt und fotografieren das fantastische Panorama.

Panorama vom Bealach na Ba

Panorama vom Bealach na Ba

Der Pass führt bis auf über 600 Meter und erinnert durch die 180-Grad Kehren mit 20 Prozent Steigung an Alpenstrassen. Oben am Scheitelpunkt weht dann ein eisiger Wind bei nur noch 9 Grad und wir machen uns wegen der bald einbrechenden Dämmerung auf den Weg hinab nach Applecross.

Passhöhe bei 9 Grad Celsius

Passhöhe bei 9 Grad Celsius

Der Ort besteht aus nicht mehr als 5 Häusern und wir steuern den gut ausgeschilderten Campingplatz an. Man darf in Schottland ausdrücklich wild campen, aber mit einer gescheiten Infrastruktur – vor allem in Form einer heissen Dusche – fühlt man sich einfach viel wohler. Und die 9 Pfund pro Nase gönnen wir uns einfach mal…

Campingplatz Applecross

Campingplatz Applecross

In der Abendsonne bauen wir unsere Zelte auf und leisten uns dadurch heute mal den Luxus von „Einzelzimmern“. Nach einem Abendessen in Form von Doseneintopf und diversen Bierchen beenden wir den Tag im Schlafsack.

2x Einzelzimmer

2x Einzelzimmer

Tag 5, Applecross-Pitlochry (370 km)

Der heutige Morgen ist zunächst trocken. Trotzdem sind die Zeltplanen vom Tau benetzt und wir müssen nass einpacken. Bevor wir abfahren realisieren wir, dass es am Campingplatz sogar Frühstück gibt. In einer Art Gewächshaus wird alles serviert was das Herz begehrt und wir nehmen zumindest den Kaffee mit.

Unsere geplante Route sollte eigentlich bis Ullapool führen, aber wir schaffen das ambitionierte Programm einfach nicht. Daher verkürzen wir die Route über Shieldaig und Kinlowewe in Richtung Inverness.

Schon nach wenigen Kilometern erwischt uns dann der Regen und es hört den ganzen Tag nicht mehr so richtig auf. Trotzdem bietet sich auch gerade an der Küste entlang eine fantastische Landschaft und wir halten immer wieder an um Fotos zu machen. An einer Stelle steht dann sogar eine Gruppe schottischer Hochlandrinder auf der Strasse und wir nutzen die Gelegenheit für einen Schnappschuss.

Diverse Verkehrsbehinderungen

Diverse Verkehrsbehinderungen

Sowohl Schafe, als auch Rinder stören sich in der Regel überhaupt nicht an den Motorrädern. Im Gegenteil scheinen sie derartige Motorengeräusche in ihrem Revier mit stoischer Ruhe hinzunehmen.

Regenwolken ziehen auf

Regenwolken ziehen auf

Etwas Regen trübt eine Schottland-Tour sicher nicht, aber gegen Mittag schüttet es wie aus Kübeln und wir können nach einem Tankstopp in Inverness nur die Zähne zusammenbeissen und uns auf den Weg in Richtung Speyside machen.

Irgendwo in der "Speyside"

Irgendwo in der „Speyside“

Es geht vorbei an Grantown-on-Spey und über die wirklich tolle A939. Weiter via Braemar und durch das schottische Skigebiet Glenshee. Bis Pitlochry begeistert uns dann noch die A950 und es hört sogar endlich auf zu regnen. In Pitlochry haben wir dann das einzige Mal etwas Probleme damit, ein passendes B&B zu finden, was auch daran liegt das in Schottland noch Ferien sind. Etwas ausserhalb von Pitlochry werden wir dann im Ortsteil Moulin fündig. Wir essen im Garten vor dem Haus zu Abend, trinken ein Bier auf den trockenen Ausklang des Tages und planen für den nächsten Morgen einen Besuch in der kleinsten Whisky-Destillerie Schottlands: Edradour.

B&B bei Pitlochry

B&B bei Pitlochry

Tag 6, Pitlochry-Roslin (304 km)

Die Destillerie Edradour liegt nur etwa 2 Kilometer von unser Herberge entfernt und öffnet um 10 Uhr ihre Pforten. Für mich ist es bereits die zweite Besichtigung von Edradour, was meine Begeisterung für diese Destille deutlich machen dürfte. Wir lauschen für zwei Stunden der Geschichte von Edradour und müssen, bedingt durch zwei wartende Boxermotoren, leider auf das Tasting der diversen Köstlichkeiten verzichten.

Edradour-Destillery

Edradour-Destillery

Lustigerweise nehmen wir gemeinsam mit zwei Damen an der Führung teil die schon auf der Fähre nach Skye dabei waren. Ich: „Hey, you have been with us on the Ferry to Skye…“. Sie: „Yes, indeed, where do you come from?“ Ich: „Germany!“. Sie: „Oh – dann können wir ja deutsch sprechen, wir kommen aus Österreich…“

Gemeinsam mit einem Pärchen aus Süddeutschland bilden wir dann eine kleine, rein deutschsprachige Gruppe, lauschen aber trotzdem den Ausführungen in englischer Sprache mit dem unverwechselbaren schottischen Dialekt.

Gegen Mittag satteln wir wieder unsere Motorräder und freuen uns auf den Rest des Tages. Denn meine Routenplanung soll uns Richtung Westen über die „Trossachs“ und dann wieder südöstlich bis Roslin führen – eine vielversprechende Route. Und ich kann es vorweg nehmen: Die nun folgenden Strassen bis Aberfoyle gehören zu den schönsten Kilometern Asphalt die wir je gefahren sind. Wenn es eine Liste von Traumstrassen gibt gehört diese sicher in die Top-Ten:

Pitlochry in Richtung Norden verlassen und auf die B8019 zur Nordseite von Loch Tummel. An der Tummel-Bridge die B846 südlich zu Loch Tay bis Morenish. An den „Falls of Dochart“ kreuzt die A827 den River Dochart und es geht über die A85 südlich vorbei an Lochearnhead, bis kurz vor Callander der Abzweig rechts in Richtung Aberfoyle auf die A821 führt. Nach Loch Venachar bei Loch Achray beginnt dann der „Dukes Pass“ bis Aberfoyle.

Diese ganze Route ist eine Offenbarung!

Zwischendurch machen wir Pause am „Castle Menzies“, einer wirklich sehenswerten, gut erhaltenen Burg.

Castle Menzies

Castle Menzies

Als wir später die Brücke am River Dochart passieren weiss ich nicht wo ich zuerst hinschauen soll: Rechts erblicke ich die spektakulären Wasserfälle direkt an der Strasse, während ich links aus dem Augenwinkel diverse Ferrari, Jaguar, Porsche und weiteres, edles Altmetall im Hof eins Gasthauses erspähe.

Falls of Dochart

Falls of Dochart

Falls of Dochart (2)

Falls of Dochart (2)

Wir stellen also die Motorräder ein weiteres Mal ab und fotografieren erst den hinabstürzenden Fluss und dann die Autos auf dem Parkplatz.

Altmetall im Hofparkplatz

Altmetall im Hofparkplatz

Während ich den Parkplatz verlasse vernehme ich direkt neben mir eine helle, ältere Stimme mit einem Telefon am Ohr. Als ich zur Seite blicke traue ich meinen Augen kaum, denn neben mir steht Jackie Stewart. Ich informiere schnell Detlef, der mich fragt: „Wer ist nochmal Jackie Stewart?“. Fassungslos bei so viel Ignoranz erkläre ich ihm, das er neben einer Legende in Form eines dreifachen Formel1-Weltmeisters steht…

Sir Jackie Stewart

Sir Jackie Stewart

Danach passieren wir Loachearnhard und biegen ab in Richtung LochVenachar um hinter Loch Achray den wunderbaren „Dukes Pass“ zu fahren. Wir haben kaum Verkehr und sehen nur ab und zu einen der Vintage Renner von den Dochart Falls. Der Pass ist nicht der höchste aber die Folge und die Radien der Kurven passen einfach so unglaublich gut zu unseren Motorrädern das der Spassfaktor unermesslich ist. Am liebsten würde ich am Ende umdrehen und den Dukes gleich nochmal fahren. Und nochmal…

Weiter geht es nun über Stirling nach Edinburgh. Ich mag die grossen Städte eigentlich nicht und hatte die schottische Hauptstadt auch wegen der kurzen Zeit nicht auf dem Programm, aber Detlef wollte in die Stadt fahren wenn wir schonmal hier sind. Mittlerweile ist der späte Nachmittag eingebrochen und wir fahren so direkt in den Feierabendverkehr. Deshalb erhalten wir leider nur einen flüchtigen Eindruck der Metropole und beschliessen relativ schnell das wir die Stadt in Richtung Süden wieder verlassen.

Auf einer vielbefahrenen Ausfallstrasse halte ich auf einmal neben einem Rollerfahrer mit grosser montierter Pizza-Hut-Box am Heck. An der Ampel fahre ich dann vorsichtig meine linke Hand in Richtung Pizzabox aus, was er allerdings bemerkt. Sein Kopf schiesst nach rechts zu mir und mit seiner rechten Hand haut er mir grinsend auf die Finger. Dieses Spielchen wiederholt sich dann sehr zur Freude der anderen Autofahrer an den folgenden Ampeln. Ich unterhalte mich dann immer wieder kurz mit ihm und wir erkennen, das jeder jeweils die Pizza oder das Motorrad des anderen haben will: Eine sehr kurzweilige Begegnung mit herrlichem Spass.

Der kleine Ort Roslin vor den Toren südlich von Edinburgh ist unser letztes Ziel. Hier steht am Ortsrand die zur Berühmtheit gelangte und sagenumwobene „Rosslyn Chapel“, nicht zuletzt durch den Film und das Buch „Sakrileg“ von Dan Brown.

Wir übernachten in einem kleinen, alten Gasthof an der Kreuzung vor der Kirche.

Tag 7, Roslin-Newcastle (198 km)

Unser letzter Tag in Schottland war wiederum als reiner Reisetag geplant. Nur am Morgen besuchen wir noch „Rosslyn Chapel“.

Rosslyn Chapel

Rosslyn Chapel

Wir müssen nur noch die Strecke bis zur Fähre nach Newcastle meistern und haben nicht mehr wirklich mit schönen Strassen gerechnet. Da kommt uns die Feststellung sehr entgegen, das die Landstrasse in Richtung Süden viel motorradfreundlicher ist als die Autobahnroute über Carlisle auf der Hinfahrt:

Von Roslin auf der A703 über Peebles, Selkirk, Hawick und die A6088 bis hinunter nach Newcastle. Südöstlich von Hawick halten wir kurz an einem Rastplatz auf der A68 und machen noch das obligatorische Foto am Grenzstein zwischen Schottland und England.

Grenze Schottland-England

Grenze Schottland-England

Da das Boarding auf die Fähre bereits um 14:45 Uhr beginnen soll sind wir froh, pünktlich und ohne Stau oder Panne in Newcastle anzukommen. Kurz vor dem Terminal haben wir sogar noch Zeit für das Outlet-Center und den Kauf von ein paar Mitbringseln für die Lieben daheim.

Wir verzurren unsere BMW im Bauch der Fähre und lassen den Tag in der Skybar ausklingen.

Fähre in Newcastle

Fähre in Newcastle

Tag 8, Ijmuiden-Heimat (206 km)

Da ein Tief über der Nordsee am Vorabend heftigsten Wellengänge bewirkt, rät der segelerfahrene Kollege Detlef dazu, zwei Reisetabletten einzuwerfen. Ich befolge den Rat und finde mich dadurch bereits um 9 Uhr todmüde in der Koje wieder um am Morgen fast das Frühstück zu verschlafen. Die in Newcastle erstandenen Reisetabletten bestehen wohl ebenfalls zum grossen Teil aus Schlafmitteln…

Gerade noch rechtzeitig wachen wir auf und brauchen auch noch ein paar Minuten, um die aktuelle Zeitzone und den Zeitpunkt des Anlegens in Ijmuiden zu realisieren.

Beim Abfahren von der Fähre dürfen wir mitten in einem heftigen Regenguss am Zoll warten. Es ist wie überall in der Welt: Ein kleiner Mann erhält eine Mütze und etwas Lametta und darf somit seine Kindheitsprobleme an beliebigen Reisenden austoben. Einer dieser Deppen lässt mich erst alle verfügbaren Papiere herauskramen und verlangt dann auch, dass ich den Helm abnehme. (Nein, ich will Holland nicht überfallen – das lohnt nicht…) Ich habe aber auch gerade keine Lust mit ihm über die EU-Innengrenzen oder kooperierende Staaten im Schengen-Raum zu diskutieren, wahrscheinlich reicht sein Horizont dafür sowieso nicht…

Die letzten knapp zweihundert Kilometer fahren wir dann bei fortwährender, deutlicher Wetterbesserung zurück in Richtung Heimat wo wir am frühen Nachmittag nach einer unglaublich tollen Reise ankommen.

Unsere gefahrene Route:

Schottland Route 2015

Fazit

Gesamtdistanz 2.290 Kilometer (exkl. Fähre)

Reisedauer: 8 Tage inkl. An- und Abfahrt (inkl. Fähre)

Schäden: 1 Spiegel, 1 Kupplungshebel

Routenplanung: nahezu perfekt!

Tatsächliche Route: ziemlich perfekt!

Schottland ist ein fantastisches Land und steht vollkommen zu recht auf der Liste der Ziele, die man mit dem Motorrad bereist haben sollte! Sicherlich findet man in den Alpen ähnlich tolle Strecken, aber nicht mit so wenig Verkehr und mit so einsamen, wunderbaren Strassen. Unsere Route kann man ohne Bedenken weitergeben und nachfahren. Ich würde daran nichts mehr ändern, es sei denn, wir hätten mehr als 8 Tage Zeit (dann ggf. plus Ullapool). Im August sollte man für ein durchschnittliches Doppelzimmer im B&B inkl. Frühstück etwa 80-90 Pfund einplanen, was etwa 120-135 Euro entspricht. Ein Liter Benzin (95 Oktan) kostete im Schnitt etwa 1,10 GBP.

Die Planung habe ich über etwa zwei Wochen durchgeführt, meist mit Google Maps und dem „Motoplaner„. Die Strategie war, eher mehr Ziele zu stecken und ggf. zu streichen. Das ist nämlich einfacher als irgendwo zu stehen und mehr Zeit als Strecke übrig zu haben. (Gestrichen haben wir deshalb auch Ullapool).

Was uns sonst noch aufgefallen ist:

  • Das die Umgewöhnung auf Linksverkehr überhaupt kein Problem ist
  • Das schottische Mücken (Midges) echt fies sind!
  • Das der Whisky vor Ort nicht preiswerter ist
  • Das es vor Ort aber mehr Sorten Whisky gibt…
  • Die unglaublich vielen, netten Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichsten Ländern
  • Das es Ende August wegen der schottischen Ferien in den B&B  recht teuer ist
  • Das die Eintrittsgelder generell recht teuer sind
  • Der unglaublich häufige, schnelle Wechsel von Sonne auf Regen (auch, wenn es nach Dauerregen aussieht)
  • Die in jeder Hinsicht tadellosen Fähren von DFDS Seaways