Wer kam eigentlich auf die verrückte Idee, direkt im Anschluss an zwei tolle und warme, mediterrane Inseltouren (Korsika und Sardinien) in den hohen Norden Europas zu reisen? Ich denke, die Schuld kann ich Rolf zuschieben, der (aus mir zunächst nicht nachvollziehbaren Gründen) Norwegen als Reiseziel ausgewählt hat. Na gut!

Wir haben zwei Wochen Zeit und für die Überfahrt stehen Kiel-Oslo mit Colorline oder Hirtshals-Kristiansand mit Fjordline zu Auswahl. Unsere Wahl fällt auf Fjordline, da die Schnellfähre die Strecke in zweieinhalb Stunden schafft und deutlich preiswerter ist. Wir haben rechtzeitig vorgebucht und zahlen 149 Euro pro Mann und Motorrad für den Hin- und Rückweg.

An einem Freitagmorgen geht es los und wir haben satte drei Tage Zeit, bevor wir im dänischen Hirtshals die Fähre erreichen müssen. Zudem erhalten wir in Hamburg noch für ein paar Tage Verstärkung von Heiko mit seiner nagelneuen R1200 GSA LC. Das sind also drei eher entspannte Fahrtage auf Landstrassen und für den Ersten habe ich uns auf dem Weg nach Hamburg den alten U-Boot-Bunker „Valentin“ in Bremen-Farge auf die Tagesordnung gepackt.

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Das Bauwerk steht dabei noch annähernd so an der Weser wie es 1945, kurz vor der Fertigstellung, verlassen wurde. Abertausende Zwangsarbeiter mussten unter den widrigsten Bedingungen schuften um die gigantische Fabrik für die Zusammensetzung von U-Booten in Beton zu giessen.

An einer Stelle ist in der Decke noch der Einschlagskrater einer Fliegerbombe zu sehen. Und im Inneren der Anlage kann man nur staunen, in welchem Dimensionen seinerzeit gedacht wurde. Der Bunker dürfte schon alleine wegen seiner unglaublichen Ausmasse noch Jahrhunderte dort stehen.

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Während unserer Besichtigung fängt es dann an zu regnen und es hört so richtig den ganzen Tag nicht mehr auf. Meine Motivation wäre schon dahin, hätte ich gewusst, das es auch in den kommenden Tagen so weitergeht. Am Abend checken wir im Hamburger Vorort Hittfeld im Gasthaus „Zur Linde“ ein und treffen uns mit Heiko, der ab morgen dazustösst.

Von Hittfeld aus erwischen wir am nächsten Morgen die „Zollenspieker Elbfähre„. Heiko als Einheimischer führt uns über eine erstklassige kleine Landstrasse bis vor die Tore Hamburgs und durch die norddeutsche Grossstadt hindurch. 2344

Es geht über Pinneberg, Quickborn, Bad Bramstedt und Neumünster vorbei an Eckernförde nach Kappeln wo wir am ausnahmsweise sonnigen Hafen Mittags einen Snack einnehmen und dann weiter über Flensburg und die Autobahn bis ins dänische Aarhus fahren. Dort checken wir im Zleephotel ein, einem ebenso zweckmässigen, wie guten und preiswerten Hotel.

Der Abend in Aarhus beschert uns einen Aufenthalt auf der Flaniermeile „Aboulevarden“, direkt neben einem Tisch mit acht feiernden Briten, die wirklich jedes Klischee bedienen das es auf diesem Planeten für die Jungs gibt. Jedenfalls zollen wir der Truppe erheblichen Respekt beim Anblick der konsumierten Alkoholmengen und der Tatsache, dass einige von ihnen es trotzdem noch bis zur Toilette schaffen.

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Der nächste Tag beschert uns überschaubare 185 Kilometer bis nach Hirtshals wo wir um 17 Uhr die Abendfähre nehmen werden. Heiko empfiehlt die „Margeritenroute„, eine Ferienroute die kreuz und quer durchs Land führt und die schönen Seiten Dänemarks zeigen soll. Statt über die langweilige Autobahn fahren wir daher über Silkeborg, Viborg, Skive und Thisted. Um es kurz zu machen: Dänemark ist landschaftlich nicht gerade der Kracher, da erzeugt auch die kreative Benennung von Transitstrassen keine übertriebene Hormonschübe. Die Kurzversion: Es regnet, schüttet, nieselt und windet bis wir irgendwann mit diversen Kaffeestopps am ebenso unspannenden Hafen in Hirtshals aufschlagen und auf die Fähre warten.

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Wir fahren unsere Motorräder in die grosse Katamaranfähre von Fjordline um gegen 20 Uhr in Kristiansand norwegischen Boden zu betreten. Rolf hat etwas westlich, in der Nähe von Sogne, den „Campingplatz Aros“ auserkoren. Die Zelte im Regen auf- oder wieder abzubauen macht keinen Spass und so machen wir Bekanntschaft mit einer für Norwegen typischen Unterkunft: „Hyttas“. Das ist die naheliegende Bezeichnung für kleine Holzhütten, die in Norwegen an jeder Ecke und an fast jeden Campingplatz zu mieten sind.

Ich zahle 1000 NOK (Norwegische Kronen) für eine Nacht (was etwa 107 Euro entspricht) an einer recht ansprechend besetzten Rezeption. An dieser Stelle gleich vorweg: Norwegen ist teuer! Die Hotelpreise sind teuer, das Essen ist teuer und Alkohol ist noch teurer. Da ist eine „Hytta“ eine willkommende und relativ preiswerte Alternative (und wir müssen das Zelt nicht nass abbauen!).

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Camping Aros ist jedenfalls auch landschaftlich ganz nett und macht auf uns einen ziemlich relaxten Eindruck. Heiko enthüllt am Abend noch sein Kochtalent, sehr zu unserer Freude und wir vernichten eine der beiden mitgebrachten Flaschen Wein.

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Heute beginnt unser erster kompletter Tag in Norwegen und wir wollen bis in die Nähe von Bergen. Wir nehmen zunächst ein Teilstück der E39 in westlicher Richtung bevor wir auf kleineren Strassen über Mandal, Lyndal dann Flekkefjord erreichen.

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Die Landschaft ist bereits hier im Süden wirklich schön und wäre glatt noch besser, wenn nur Regen und Wolken mehr davon zeigen würden. Die schönen, kleinen Orte ziehen teils im Nebel an uns vorbei: Helleland, Vikesa, Byrkjedal, Oltedal, Forsand. Wir biegen kurz vor Jørpeland rechts ab um zum Preikestolen hochzufahren.

2416Ab hier muss man Auto oder Motorrad stehen lassen und zu Fuss weitergehen. Die bekannte Plattform als Ziel einer solchen Wanderung ist etwa zwei Stunden entfernt und wir schenken uns die Erfahrung, da es – ich erwähnte es vielleicht – regnet!

Da sich der Tag dem Ende zuneigt, suchen wir uns lieber eine „Hytta“. Wir fahren den schönen „Preikestolvegen“ daher einfach zurück und sehen unten an der E13 auch gleich das typische Hinweisschild „Hytta“, diesmal nicht an einem Campingplatz sondern als einzelne Holzhütte auf einem Privatgrundstück. Die Besitzer sind nicht zuhause, aber an einem Briefkasten hängen Beschreibung, Schlüssel und Umschlag für die Bezahlung. Das ist eine für uns ebenso erstaunliche, wie pragmatische Vorgehensweise!

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Wir beziehen unser Domizil und erfreuen uns an der einfachen, aber kompletten Ausstattung…

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…ebenso wie an der fantastischen Aussicht mit Sonnenuntergang:

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Während Rolf endlich seinen Camingkocher ausprobiert, kontrolliere ich fachgerecht dessen Aufbau, Einsatz und Wirkungsgrad inklusive foto-optischer Beweissicherung und sachdienlicher Tipps für die korrekte Nutzung.

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Neuer Tag, neuer Plan: Heiko verlässt uns heute und muss beruflich bedingt den Heimweg antreten. Wir fahren zu zweit weiter mit dem Grobziel Stavanger. Keine Überraschung in Sachen Wetter: Es regnet.

Von der nächsten Ortschaft Jørpeland geht es über Årdal nach Sand. Dort wollen wir die Fähre nach Ropeid nehmen, aber die ist „Out of service“. So ratlos wie wir stehen dort noch zwei weitere deutsche Motorradfahrer und wir beraten gemeinsam einen Lösungsweg. Google behauptet, es gäbe hier eine Brücke aber die hat wohl jemand wieder abgebaut. Also gehts „wayback“ über die 13, 517 und 520 nach Sauda und weiter bis nach Hellandsbygda, unserem ersten „Skigebiet“. Das es hier oben mit feuchten 11 Grad saukalt ist und tatsächlich Schnee liegt empfinde ich zunächst als bedenklich, aber wenigstens regnet (oder schneit!) es nicht…

2458Immerhin ist der Pass toll und wir fahren eine wirklich schöne Route über Hara, Odda, Aenes, Mundheim, Osøyro bis kurz vor Bergen. Dort finden wir an der Landstrasse 580 den Bratland Campingplatz mit einer sehr geräumigen Hytta. Das Wetter hat uns in den vergangenen Tagen etwas zugesetzt und ich muss erstmal duschen. Dabei nehme ich die Gelegenheit wahr, meine Sportshirts (mit Duschgel) zu waschen. Leider hilft das feuchte Wetter in der Nacht nicht bei der Trocknung und das ganze Zeug ist noch genau so nass wie am Abend vorher.

Am Morgen steht die Route nach Geiranger – sicherlich einem der bekanntesten Orte Norwegens – auf dem Programm. Irgendwann am späten Vormittag hört es nach fünf Tagen tatsächlich auf zu regnen und ich bekomme sogar die Gelegenheit meine nassen Sachen oben auf der Packtasche im Fahrtwind zu trocknen.

Wir fahren die E39 Richtung Norden und weichen zwischendurch auf alte Nebenstrecken aus. Es empfiehlt sich eine konzentrierte Fahrweise, zumal es hier und da auch mal einen Erdrutsch geben kann.

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Und wenn nicht gerade ein abgerutschter Berg im Weg rumliegt, dann gerne auch mal ein Steinchen. Da ist man glatt froh, einen Helm zu tragen:

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Über Knarvik und Vikanes gehts weiter bis nach Ytre Oppedal und wir nehmen dort die (Elektro-)Fähre nach Larvik. Zwischendurch müssen wir tanken und machen dabei Bekanntschaft mit (im Gegensatz zu Italien) funktionierenden Kreditkartenterminals an unbemannten Zapfsäulen.

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Heute stehen insgesamt drei Fährpassagen auf dem Programm, aber nie müssen wir längere Zeit auf das Boarding warten. Alles klappt wie am Schnürchen.

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Bei Førde erreichen wir eine Aussentemperatur von unfassbaren 21 Grad Celsius, die Sonne scheint und am Himmel hängen die Paraglider. Wir fahren weiter die E39 und treffen kurz vor Utvik auf einen schönen Aussichtspunkt mit tollem Panorama, an dem auch ein Reisebus mit deutschen Rentnern anhält. Einer der älteren Herren erläutert seiner Gattin dabei eindrucksvoll die Bedeutung der einzelnen Aufkleber auf meinen Alukoffern, darunter auch Korsika und Sardinien, während sie antwortet, das wäre ihr „viel zu anstrengend“. Rolf und ich diskutieren währenddessen, ob wir später auch mit unseren Frauen in so einem Bus sitzen werden, aber ich kann mir das im Moment nicht vorstellen…

Bei Olden liegt dann das erste Kreuzfahrtschiff im Fjord und die Szene wirkt auf mich etwas unwirklich. Der Riesendampfer liegt dabei direkt an der Strasse, unmittelbar vor den Häusern und ich verstehe nicht wie so ein Brocken da reinkommt ohne beim rangieren das gesamte Dorf zu ruinieren. Dabei schauen wir hoch auf die Balkone der Aussenkabinen und irgendwie erinnert mich das an einen Zoobesuch, nur ohne das Beobachten der Fütterung – sehr schade!

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Bei Stryn geht es über Hjelle die E15 hoch in Richtung Geiranger. Oberhalb von Hjelle beginnt es mit ein paar schönen Serpentinen bevor man durch zwei Tunnel muss, wobei der längere über vier Kilometer misst. Mitten im Tunnel hält dann auch noch ein Wohnmobilfahrer an, weil ihm die ganze Sache nicht geheuer ist, sehr zum Unmut aller anderen Verkehrsteilnehmer. Ich denke mir in diesem Moment er wäre in dem Reisebus vielleicht doch besser aufgehoben?!

Oben im Fjell biegen wir dann auf die 63 in Richtung Geiranger und während Nebelschwaden über die Landschaft ziehen, ist es auch schon wieder ziemlich kalt. Bei „Flydalsjuvet“ haben wir dann die beste Aussicht über Geiranger, inklusive dem nicht ganz ungefährlichen Fotomotiv „Mann auf Felsklippe über Fjord“. Ich würde eigentlich auch gerne mein Moped mit aufs Bild nehmen, verwerfe aber die Idee…

2522Wir schauen uns den sehr, sehr touristischen Ort Geiranger an und fahren dann wieder ein paar Kilometer zurück den Berg hoch, da wir bei der Abfahrt bereits ein paar „Hytta“-Schilder gesehen haben.

Bei „Fossen Camping“ stehe ich dann an der Anmeldung in der Schlange mit mehreren Pärchen. Dessen Herren diskutieren mit dem Mann am Fenster über die einzelnen Ausstattungsmerkmale, während deren Damen eher ungeduldig und affektiert über den Fjord schauen. Ich kombiniere fix: Touristen + Hotspot + Tageszeit + Zimmerbedarf = Hüttenmangel!

Als die Herren dann zur Begutachtung der Hütten abzotteln, grinst mich der Typ an der Anmeldung bereits über das ganze Gesicht an und ich hole von ihm mit 1200 NOK unseren teuersten Hüttenpreis ein, aber was will man machen, direkt oberhalb von Geiranger. Also buche ich die Nummer ohne zu zögern und zücke meine Kreditkarte zur eiligen Zahlung. Ich stelle mir in solchen Momenten immer vor, wer die Kerle mit den Damen wohl sind und wie sie heissen. Der erste war bestimmt „Hansgerd“! Er kommt jedenfalls gerade wieder herein und erläutert, er hätte sich nun die Hütte angesehen, für gut befunden und wolle einziehen. Tja, blöd gelaufen – ich habe bereits eingecheckt und bezahlt. Letzte Hütte weg = Theater!

Über die sich jetzt abspielenden Szenen, als den Damen die Situation gebeichtet wird, bereiten wir den Mantel des Schweigens! Und ich weiss nur: Bei denen wird heute Nacht nicht gekuschelt!

Wir beziehen sodann unsere feudale Einheit und blicken uns derweil leicht erstaunt um. Direkt von der grossen Terrasse schaut man auf den Geiranger-Fjord…

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…während sich unmittelbar nebenan ein Bach in einen Wasserfall stürzt:

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Die 1200 NOK waren zwar eher teuer, aber dafür hat die Hütte in Sachen Ausstattung und Komfort wirklich jede Krone verdient. Alles ist tiptop in Ordnung, nagelneu und gepflegt. Es gibt zwei Schlafzimmer, WLAN, Flat-TV und sogar eine Ledercouch.

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Zudem ist das Bad gross, sauber und komplett:

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In unserer Luxus-Hytta fühlen wir uns jedenfalls pudewohl und den Abend geniessen wir auf der Terrasse bei einem Schluck Johnnie Walker (mitgebracht aus D!) mit Blick über den Geiranger-Fjord im Abendlicht. Hansgerd hätte hier sicher Spass gehabt…

Für den nächsten Tag steht eigentlich der „Trollstigen“ auf dem Plan, aber eine geschlossene Wolkendecke auf 700 Metern macht uns einen Strich durch die Rechnung. Als Backup wählen wir das, was sich jeder echte Mann schon seit Kindheitstagen wünscht: Dreck! Aber vorher fahren wir nochmal herunter nach Geiranger und frühstücken auf einer Holzbank vor einer kleinen Bäckerei mit Sandwich und Kaffee aus dem Pappbecher, während wir die etwas orientierungslos umherirrenden Touristen der diversen Kreuzfahrtschiffe beobachten. Entertainment pur!

Aber Schluss mit chillen – es ruft der „Gamle Strynefjellsveg„, auf den wir nach einem bitterkalten Aufstieg über die 63 und dem Durchfahren der beiden Tunnel auf der 15 nach einem Linksschwenk einkehren.

2546Hier endet nach wenigen Metern die asphaltierte Strasse und ich prüfe zur Sicherheit die Route (Strasse Nummer 258), bevor mir noch bei 7 Grad die Scheibe zufriert…

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Nach einigen Kilometern klart es aber auch hier oben auf und Wolken und Nebel geben die Sicht frei auf diese legendäre Schotterpiste.

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Wir schiessen zwischendurch noch diverse Handyfotos um den Daheimgebliebenen angesichts dieses unwiderstehlichen Matsches den blanken Neid ins Gesicht zu treiben! (Gell, Udo?!) Der Dreck spritzt links und rechts und die Maschinen sehen schon bald aus wie nach einem Schlammbad – es ist herrlich!

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Wenige Kilometer weiter klart der Himmel auf und beginnt das wunderbare Panorama Norwegens freizugeben.

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Wir erreichen wieder die E15 und fahren Richtung Osten, bis wir kurz vor Bismo an einer Brücke „Dønfoss Camping“ erreichen.

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Wäre jetzt Abend, wir würden sofort hier einchecken. An der Brücke stürzt sich das Wasser über die Stromschnellen und die Kajaks in dieselben. Der beeindruckende Platz glänzt mit jeglichem Komfort und die Landschaft ist weit, wild und rauh. So hatte ich mir Norwegen vorgestellt.

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Wenige Kilometer weiter erreichen wir die Ortschaft Lom mit der sehenswerten Stabkirche.

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Das Bauwerk ist über 800 Jahre alt und die Holzbauweise hat sicherlich schon so einige harte norwegische Winter überstanden.

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Weiter geht es durch Täler und über hohe Fjells weiter auf der 55 südlich über das „Sognefjellet„.

2643Kurz vor Fortun wechseln wir auf den klitzekleinen „Tindevegen“, der nicht einmal eine Nummer hat und als 32 Kilometer lange Mautstrasse ausgewiesen ist. Die Mautstation befindet sich hoch oben und nach Einschub der Kreditkarte gibt mir die Schranke den weiteren Weg frei. Jetzt ist Rolf an der Reihe, muss aber nach der Durchfahrt erst seine sieben Sachen verstauen. Diese Gelegenheit nehmen unverzüglich zwei Schafe wahr, die offenbar Geschmack an seinem Motorradanzug gefunden haben.

2654Der Tindevegen ist noch gar nicht lange geöffnet und neben der Strasse türmen sich immer noch die Schneewände auf. Dabei wird der Weg hier in nicht allzu langer Zeit wieder unpassierbar sein, sobald sich schon in unserem Herbst die nächsten Schneefälle über den Pass hermachen.

2663Wir erreichen den Ort Øvre Årdal dann nach einigen spektakulären Serpentinen und fahren die 53 weiter an Årdalstangen vorbei. Bei Lærdalsøyri lassen wir den Tunnel aus und fahren lieber die alte Passstrasse in Form der tollen Fv243 die das Herz eines jeden Motorradfahrers höher schlagen lässt.

An dessen Ende findet sich der „Stegastein„, ein etwa 30 Meter langer Holzweg, der die Aussicht auf den Aurlandsfjord freigibt.

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Wir erreichen diesen Punkt bei Sonnenschein am späten Nachmittag und sind mittlerweile ziemlich platt. Da kommt uns etwa hundert Meter über Aurlandsvangen ein Campingplatz mit Hytta gerade recht und wir nehmen diesmal das Kontrastprogramm zur Luxusherberge vom Vorabend. Unsere heutige „Winjum Hytta“ bietet einen einzelnen Raum mit zwei Betten und einer Lampe an der Decke, einer Tür und zwei Plastikstühlen davor.

347Duschen gibt es in einem Sanitärgebäude welches den Namen nicht wirklich verdient und nur nach Einwurf eines 10-Kronen-Stücks. Ohne Münzeinwurf gibt das Loch in der Decke allerdings nichtmal kaltes Wasser frei! Dazu gestaltet sich der Wechsel eines Geldscheins in Kronenmünzen etwas schwierig, da der rotnasige Typ an der Anmeldung mittlerweile verschwunden ist und sich wohl lieber wieder seiner Flasche zugewendet hat. Ich war schon bei der Anmeldung etwas irritiert, denn er hatte sich redlich bemüht, irgendetwas auf ein Stück Papier zu schreiben, was ich als Quittung gedeutet habe. Das Gekritzel war jedenfalls nicht mehr als Schrift oder Ziffernfolge zu identifizieren, aber der Wille zählt ja manchmal auch…

Zurück zu den Fakten: 450 Kronen hat uns die Nacht gekostet, was angesichts der gebotenen Leistung eher „angemessen“ erscheint. Dabei sei zu berücksichtigen, dass es immerhin auch noch den Blick auf den Fjord dazu gab!

Der Morgen beginnt und ich sehe klaren Himmel. Das macht Hoffnung, denn laut Wetterbericht naht auch schon das nächste Tief mit literweise Regen. Wir frühstücken unten im Ort am Supermarkt und ich erstehe noch die obligatorische Postkarte für Linda. (Linda ist eine gute Bekannte und hat sich mal klassische Postkarten gewünscht. Seitdem schicke ich ihr eine von jeder Reise…)

Es geht die E16 und E13 über Flam, Gudvangen, Vossevangen, Granvin und die „Hardangerbrua“ (Brücke) nach Kinsarvik und weiter vorbei an Odda auf die E134, bevor wir bei Haukeli auf die fantastische E6 bis kurz vor Rysstad abbiegen.

2693Tolle Wasserfälle lenken immer wieder den Blick von der Strasse und man muss sich manchmal schon zwingen, mit der nötigen Konzentration bei der Sache zu bleiben.

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Dabei stürzen sich die Wassermassen zuweilen unmittelbar neben der Strasse den Berg herunter und die Gischt schlägt einem bis vor das Visier.

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An einem der besonders sehenswerten Fälle steht ein kleines Holzgebäude mit öffentlichen Toiletten. Man kann den Norwegern jedenfalls nicht nachsagen, sie würden ihre Natur nicht schätzen, denn welch grandiose Idee sich der Innenarchitekt hat einfallen lassen, kann man am Besten fotografisch festhalten. Das ist ja mal ein „Ausblick“:

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Kurz vor Rysstad schwenken wir auf die kleine aber sehr feine Fv987 bis Sulkeskard um dort am Campingplatz die Nacht zu verbringen und am nächsten Morgen die bekannte Serpentinenstrasse hinunter nach Lysebotn zu fahren.

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Vorher haben wir aber nochmal alles unter den Rädern was Norwegen an Landschaft und Strasse zu bieten hat.

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Und hier ist so wenig los, dass selbst die Tierwelt ebenso neugierig wie blöd aus der Wäsche schaut, wenn sich der germanische Touri über deren Territorium hermacht.

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Weit und breit scheint es weder Autos, Wohnmobile, Häuser oder Menschen zu geben. Es ist ein Traum!

2732Wir finden auch eine weitere Schotterpiste und ich probiere noch diverse Kameraperspektiven und die Fernauslösung mittels iPhone. Schliesslich möchte man sich ja weiterentwickeln.

2550Achja – Lysebotn: Das ist da, wo der Norweger nach acht Monaten Winter und Dunkelheit seine nächtlichen Suizidfantasien realisiert! Der eine stürzt sich im Fledermauskostüm von einer 500 Meter Klippe, der nächste springt aus einem Helikopter, andere fahren mit dem Motorrad die 26 Kehren herunter um im 1000 Meter Tunnel einen Single-Track mit 340-Grad-Kehre zu fahren, während man betet, dass einem gerade kein Reisebus oder Wohnmobil entgegen kommt.

Wir fahren diese Höllenstrecke nach einem Zehn-Stunden-Fahrtag gezwungenermassen: Oben am Fjell wollten wir eigentlich in der Nähe von Suleskard nächtigen, aber wir finden dort den einzigen Campingplatz Norwegens, der kein Kreditkartenterminal betreibt und die 600 NOK für die Hytta in bar haben will. Dazu muss man wissen, dass die Norweger alles mit Kreditkarte bezahlen: Fähren, Tanken, Kaffee, Camping! Nur der Typ dort oben will Bargeld und sprengt damit unsere letzten Reserven. Einen Geldautomaten sucht man hier vergebens, also wieder ab aufs Motorrad und runter nach Lysebotn. Den Campingplatz unten am Wasser erreichen wir deshalb erst mit Einbruch der Dämmerung und beziehen für die Nacht eine kleine Einraum-Hütte.

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Nun beginnt schon unser letzter Tag in Norwegen. Die Fähre haben wir angesichts weiterer drohender Wetterkapriolen telefonisch umgebucht. An dieser Stelle ein ausdrückliches Lob an die deutsche Servicenummer von Fjordline (+49 3821 709 72 10). Die Dame am anderen Ende der Strippe war unkompliziert, freundlich und hilfsbereit. So macht das Reisen Freude!

Lysebotn bietet uns kein Frühstück. Deshalb müssen wir coffeinfrei wieder die halsbrecherischen Serpentinen hoch. Oben fahren wir dann die 468 südlich über Øvre Sirdal und biegen hinter Tonstad auf die 42 und dann 43, unterbrochen von schnuckeligen kleinen Dörfern in denen es nie nach grosser Hektik aussieht.

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Zwischendurch nehmen wir an einer Bäckerei das zweite Frühstück ein und ich entdecke Vanille-Puddingkuchen vom Vortag für 14 Kronen, der jedoch ganz himmlisch schmeckt. Irgendwie beschleicht mich aber langsam das Gefühl zu übertreiben, denn so schlimm sind weder Norwegens Preise, noch meine finanziellen Rücklagen. Zur Sicherheit hat sich wohl einfach das Sparbrötchen in mir entwickelt.

Unser Zwischenziel auf dem Weg zur Fähre nach Kristiansand lautet „Südkapp“:

2748Ja – neben dem hohen Norden besitzt der Norweger sogar noch einen südlichen Landesteil mit dem passenden Südkapp in Form des beliebten „Lindesnes Fyr„.

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Das ist der südlichste Festlandspunkt Norwegens mit Leuchtturm, Museum und allem was dazugehört. Gut, dass uns Norwegen hier wenigstens noch mit anständigem Wetter verabschiedet.

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Wir sind ziemlich rechtzeitig (also viel zu früh) in Kristiansand. Und ich schaue mir noch den Museumshafen an. Ob die in Trachten gehüllte, singende Gesellschaft auf dem Boot norwegisches Liedgut erhält oder für die Touristen unterwegs ist kann ich nicht feststellen. Aber die Klangkulisse ist schon recht speziell!

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So mache ich noch die letzten Fotos und begebe mich dann langsam zu Rolf in Richtung Hafenterminal von Fjordline um mich dort in die wartenden Fahrzeuge einzureihen. Irgendwann beginnt sich die Schlange der Fahrzeuge langsam in Bewegung zu setzen, bis sie plötzlich zum Stillstand kommt. Eine zeitlang nehme ich das gelassen hin, aber nach etwa einer halben Stunde kommt mir die Sache spanisch vor. Ich ermittle die Ursache in Form einer vierköpfigen Familie mit Bautzener Kennzeichen. Diese steht mit ihrem Passat-Kombi am Checkin und diskutiert mit dem armen Mädel von Fjordline. Der Kombi hat nämlich einen Dachgepäckträger montiert, auf dem wiederum die Familienfahrräder aufgebockt sind.

Ich überschlage die Faktenlage, Passat 150cm plus Dachgepäckträger 20cm plus Fahrräder 150cm gleich 320cm und kombiniere: Familie bucht Fähre für PKW, aber der aktuelle Aufbau passt nicht in die Fähre! Und Sachsen-Papi versucht nun das Problem wegzudiskutieren. Während Miss Fjordline ruhig und sachlich vorgeht, hat Sachsen-Papi mit logischen Schlussfolgerungen so seine Probleme. Drei Meter Auto passen einfach nicht in eine zwei Meter hohe Garage, aber er will es nicht wahrhaben. Anstatt einfach die blöden Fahrräder abzubauen (wo waren die eigentlich auf der Hinfahrt??) hält der Volltrottel seit einer halben Stunde den ganzen Verkehr auf. Kurz bevor ich seine beknackten Räder in den Skagerrak schmeisse, entschliesst er sich unter Androhung von Gewalt der weiteren wartenden Reisenden endlich rechts ranzufahren und abzubauen, nicht ohne gleich wieder zum Chekin zu laufen und Miss Fjordline zuzutexten. Ich glaube langsam, entweder habe ich ein Fährenproblem oder treffe nur immer wieder auf den Deppen des Tages…

Da tröstet uns dann, dass es bei der Umbuchung nur noch die „Comfort-Plätze“ gab und sich die Überfahrt auf diese Weise sehr bequem gestaltet.

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Und der Blick vom Oberdeck der schnellen Fähre in den norwegischen Sonnenuntergang hat ja auch was für sich:

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Wir kommen schliesslich mit erheblicher Verspätung in Hirtshals an und müssen noch weiter bis zum Hotel nach Hjorring, wo wir erst gegen 0:30 Uhr aufschlagen. Was solls – das Bett ist bezogen und ich finde sogar noch den Lichtschalter im Bad, schliesse die Augen, stoppe kurz später den Wecker und sitze plötzlich am Frühstückstisch um die Heimreise mit einer 800-Kilometer-Gewaltetappe zu begehen. Das war eine kurze Nacht.

Es ist Sonntag, Reisezeit, viel Verkehr und geht trotzdem ziemlich gesittet voran. Dänemark verabschiedet uns mit ergiebigstem Dauerregen, aber irgendwo vor Hamburg kommt dann die Sonne zum Vorschein. Mein Motorrad fängt langsam an zu möppeln, da ich in den letzten vier Wochen genau 8.154 Kilometer gefahren bin und es im Display nun um Service fleht. Unsere münsterländische Heimat erreichen wir ziemlich erschöpft aber happy dann schliesslich am Abend.

 

Fazit:

Norwegen ist ein unfassbar schönes Land! Leider war das Wetter meistens ziemlich åtzend! Alle 300 Meter gibts einen Wasserfall, der bei uns um Umkreis von 300 Kilometern bekannt wåre. Wasserkraft beschert denen da oben deshalb auch regenerative Energien bis zum abwinken und seinen Tesla Model S lådt man überall „für nøppes“. Davon fahren in Norwegen übrigens so viele rum wie bei uns VW Golf!

Leider kostet alles in Norwegen doppelt so viel wie bei uns, aber die „Hyttas“ sind eine echte Alternative. Jeder Norweger spricht Englisch, auch die Älteren (selbst unter Alkoholeinfluss..), was ich als sehr angenehm empfand (das Englisch – nicht den Alkohol…), da mein Norwegisch nicht so gut ist.

Tanken kann man überall, häufig aber nur an Automaten mit Kreditkarte und PIN. Dafür funktionieren die Tankautomaten (im Gegensatz zu denen in Italien).

Der Verkehr läuft wegen der vielen Fjorde oft über Fähren, auf die wir nie lange warten mussten. Das haben die da echt im Griff! Die Strassen sind prima, oben in den Bergen und Fjells aber sehr anspruchsvoll und teils extrem eng. Warum jedoch selbst dort oben Opi mit seinem Wohnmobil die Grenzen von Fahrphysik und Wendekreis erproben muss verstehe ich nicht.

Die Norweger sind ein offenes und freundliches Volk und wir haben uns immer wohl gefühlt.

Reisezeit: Juli 2016, 10 Tage inkl. An- u. Abreise

Strecke: 3.980 Strassenkilometer

Kosten pro Person: 1.153 Euro inkl. Fähren, Übernachtung, Sprit, Verpflegung, etc. bei sehr sparsamem Reiseverhalten und unter Verzicht auf norwegische Hotels und Restaurants. (Oh – war ja gar nicht so schlimm…)

Spritpreise für 1 Liter Superbenzin zum Reisezeitpunkt: Deutschland 1,33 EUR, Dänemark 1,45 EUR, Norwegen 1,39 EUR

Schäden: Keine

Route Norwegen:

RouteNorwegen